Autor: Harald R. Preyer

  • Lebensquell

    Manchmal find ich einen Lebensquell.
    Ich kann aus einem Brunnen schöpfen
    kann mich erfrischen und kann trinken
    vom Wasser, das die Sehnsucht stillt.

    Manchmal find ich einen Sonnenstrahl,
    kann durch die dunklen Wolken sehen,
    ich kann ins warme Licht mich stellen,
    ins Licht, das einen Weg mir zeigt.

    Manchmal find ich festes Fundament.
    Da kann ich stehen, kann drauf gehen,
    da kann mein Lebenshaus ich bauen,
    ein Haus, drin ich geborgen bin.

    Manchmal find ich meinen Herzensgrund.
    Da kann ich still sein, kann ich schweigen,
    da kann ich ruhen, kann ich bleiben,
    da find ich mich und finde Gott.

    Helmut Schlegel, © Dehm Verlag, Limburg

  • Frucht bringen und weiterleben


    Wir hören nicht auf, inständig für euch zu beten, dass ihr in aller Weisheit und Einsicht, die der Geist schenkt, den Willen des Herrn ganz erkennt. Denn ihr sollt ein Leben führen, das des Herrn würdig ist und in allem sein Gefallen findet. Ihr sollt Frucht bringen in jeder Art von guten Werken und wachsen in der Erkenntnis Gottes. Er gebe euch in der Macht seiner Herrlichkeit viel Kraft, damit ihr in allem Geduld und Ausdauer habt.

    Kol 1, 9b–11


    Kommentar
    Dieser Text spricht Trauernden nicht von schnellen Antworten, sondern von innerer Kraft. Er verheißt keine Abkürzung aus dem Schmerz, sondern Geduld und Ausdauer – Tugenden für einen Weg, der Zeit braucht. „Frucht bringen“ meint hier nicht Leistung, sondern das leise Weiterleben trotz Verlust: ein Atemzug nach dem anderen, ein Schritt nach dem anderen.

    In der Trauer wächst Erkenntnis oft nicht durch Erklärungen, sondern durch das Getragen-Sein. Der Segen liegt darin, dass Kraft geschenkt wird – gerade dann, wenn die eigenen Kräfte fehlen.

  • Gott ist Liebe

    Lesung aus dem ersten Johannesbrief
    1 Joh 4, 11–18

    Geliebte, wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben. Niemand hat Gott je geschaut; wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns und seine Liebe ist in uns vollendet.
    Daran erkennen wir, dass wir in ihm bleiben und er in uns bleibt: Er hat uns von seinem Geist gegeben. Wir haben geschaut und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als Retter der Welt.
    Wer bekennt, dass Jesus der Sohn Gottes ist, in dem bleibt Gott und er bleibt in Gott. Wir haben die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und gläubig angenommen. Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.
    Darin ist unter uns die Liebe vollendet, dass wir am Tag des Gerichts Zuversicht haben. Denn wie er, so sind auch wir in dieser Welt. Furcht gibt es in der Liebe nicht, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht. Denn die Furcht rechnet mit Strafe, wer sich aber fürchtet, ist nicht vollendet in der Liebe.


    Was sagt uns dieser Text am offenen Grab eines geliebten Menschen?

    Dass wir uns wiedersehen werden – in Gottes Zeit.
    Dass wir bis dahin in der Liebe Gottes geborgen sein dürfen.
    Dass der geliebte Mensch nicht nur in unseren Herzen, sondern in Gottes Liebe bleiben wird – alle Zeit.

  • Bitten am frühen Morgen

    A: Erfülle uns mit dem Glanz deines Lichtes.

    Lass uns Wege finden, den Tag nicht im Druck, sondern in deiner Nähe zu beginnen,
    – damit unser Tun aus Beziehung wächst.

    Lass uns innehalten, wenn der Morgen leise ist,
    – damit wir die Kraft der erwachenden Schöpfung in uns aufnehmen.

    Lass uns in frohen Tagen mit den Lachenden lachen
    – und in schweren Zeiten mit den Trauernden trauern.

    A: Erfülle uns mit dem Glanz deines Lichtes.

  • Achtsamkeit

    Achtsamkeit wird heute oft dem Buddhismus zugeschrieben. Dort wurde sie sorgfältig beschrieben, geübt und benannt – aber sie ist älter als jede einzelne Tradition. Achtsamkeit gehört zum Menschsein selbst. Sie beginnt dort, wo wir nicht nur funktionieren, sondern wahrnehmen.

    Für mich ist Achtsamkeit die Schwester der Dankbarkeit. Wer wirklich achtsam ist, bleibt nicht neutral. Aus dem genauen Hinsehen wächst leise ein Staunen – und daraus Dank. Dank für das, was da ist. Für einen Augenblick, der sich nicht wiederholen lässt. Für einen Menschen, der uns berührt. Für ein Leben, das sich im Kleinen zeigt.

    In der Trauer wird das besonders spürbar. Achtsamkeit heißt dann nicht, den Schmerz wegzuatmen. Sie heißt, ihm Raum zu geben, ohne sich von ihm verschlingen zu lassen. Und gerade darin entsteht Dankbarkeit: nicht für den Verlust, sondern für die gemeinsam gelebte Zeit, die sich jetzt verdichtet und trägt.

    Achtsamkeit ist kein Technikprogramm. Sie ist eine Haltung. Eine stille Entscheidung, im Augenblick zu verweilen – und ihn nicht zu übergehen. Wer so lebt, merkt: Dankbarkeit ist keine Zugabe am Ende. Sie wächst mitten im Leben.

  • Der schönste Arbeitsplatz

    Also ich verstehe Harry gut. Er sagt immer, dass er den schönsten Arbeitsplatz von Wien hat. Heute durfte ich mit, weil wir nur im Kaffeehaus und in der Wiese davor waren.

    Wir haben ein ganz liebes junges Paar getroffen. Zwei Geschwister. Von denen ist die Mama gestorben – in Harrys Alter. Sie war schwer krank. Dann haben wir lange überlegt, wie wir feiern können, dass sie jetzt im Himmel ist, statt dass sie tot ist.

    Und am Ende waren die beiden Kinder ganz glücklich und gelöst und froh. Ich spüre das, aber man hat es auch gesehen. Die haben uns dann sogar auf das Frühstück und mein Wasser eingeladen.

    Dann sind wir auf die Wiese vor dem Kaffeehaus gegangen und haben uns dort in die Sonne gelegt. Und Harry hat gebetet. Er hat wahrscheinlich DANKE gesagt, dass er so einen schönen Beruf hat und ich auch, dass ich heute mit dabei sein durfte.

  • Nicht die Zeit, die vergeht – sondern die Zeit, die sich erfüllt

    Ein paulinischer Gedanke zum Jahresende über Reife, Sinn und Dankbarkeit

    „Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn.“
    (Galaterbrief 4,4)

    Am Übergang eines Jahres zählen wir gern das, was verrinnt:
    Sekunden, Minuten, Kalenderblätter.

    Paulus schlägt eine andere Zählweise vor.
    Nicht die Zeit, die vergeht, ist entscheidend, sondern die Zeit, die sich erfüllt.

    Wir neigen dazu, Verluste zu zählen, Brüche, das, was nicht gelungen ist.
    Gott aber zählt das, was gereift ist – auch dann, wenn es durch Umwege, Scheitern und lange Durststrecken hindurch wachsen musste.

    Diese Perspektive verändert den Blick auf das eigene Leben.
    Sinn entsteht selten im Moment selbst. Er zeigt sich im Rückblick.
    Manches, was sich wie Scheitern anfühlt, erweist sich später als notwendiger Durchgang.
    Und manches, was lange schwer war, trägt irgendwann Frucht – leise, unspektakulär, aber tragfähig.

    Ein neues Jahr ist daher kein leeres Blatt.
    Es ist eine Einladung, die innere Uhr neu zu stellen:
    nicht nach der Zeit, die rennt, sondern nach der Zeit, die reift.

    Dankbarkeit wächst dort, wo wir erkennen, dass unsere Zeit – trotz allem – erfüllt ist.

  • Jahreswechsel

    Luzernarfeier in Göttweig

    Stille.
    Die Kirche im Dunkel.
    Nur das ewige Licht.

    Die Mönche ziehen ein.
    Kerze für Kerze
    wandert das Licht.
    Die Kirche wird hell.

    Das Vergangene
    lege ich in Gottes Hände.
    Das Kommende
    nehme ich aus dem Licht.

    Dann Glocken.
    Liebe – Wünsche – Segen.
    Und wieder Ruhe.

    Ein neues Jahr.
    Der Heilige Berg im Schweigen.
    Erste Spuren im Schnee.

    HRP, 31.12.2025, Stift Göttweig

  • Morgen

    Ein neuer Tag.

    Freude der Geburt.

    Alles, was wir brauchen, ist der Morgen.

    Solange es einen Sonnenaufgang gibt, gibt es die Möglichkeit, dass wir uns allen Widrigkeiten stellen, alle unsere Segnungen schätzen und alle unsere Ziele als Menschen verfolgen können.

    Garten der Stille, Stift Göttweig, 29.12.2025, 07:15 Uhr

    Spiritualität ist etwas, das in diesen schwierigen Zeiten notwendig geworden ist. Und dennoch ist sie inhärent überflüssig. Wir brauchen sie, um uns zu erinnern, uns Mut zu machen, uns zu sammeln, uns zu erfüllen.

    Wenn wir das Geheimnis der Nacht und den Ruhm des Morgens einfach anerkennen könnten, würden wir weder Zivilisation noch Spiritualität benötigen.

    Man könnte vereinfacht sagen, dass das Leben mit der Morgendämmerung beginnt. Allein das ist schon Segen genug. Glück genug. Alles andere wird zu unermesslicher Fülle. Gehe in der Morgendämmerung auf die Knie und bedanke dich für dieses wunderbare Ereignis.

    Wir denken vielleicht, dass der Morgen so selbstverständlich ist, dass wir ihn nicht ehren müssen, aber weißt du, dass es an den meisten Orten im Weltall keinen Morgen gibt? Dieses tägliche Ereignis ist unser besonderes Privileg.

    Begrüße die Morgendämmerung. Sie ist ein Wunder, dem du beiwohnst. Sie ist die ultimative Schönheit. Sie ist Heiligkeit. Sie ist ein Geschenk des Himmels an dich. Sie ist dein Omen, deine Prophezeiung. Sie ist das Wissen, dass das Leben nicht umsonst ist. Sie ist Erleuchtung. Sie ist dein Lebenssinn. Sie ist dein Ziel. Sie ist dein Trost. Sie ist die feierliche Pflicht. Sie ist Inspiration für Mitgefühl. Sie ist das absolute Licht.

    Konventmesse in Stift Göttweig am 30.12.2025, 07:15

    Wer hätte gedacht, dass die Gedanken einer morgendlichen taoistischen Meditation so gut zu den Bildern aus den Schweige- und Einzelexerzitien in der Benediktinerabtei Göttweig hoch über der alten Kulturlandschaft der Wachau in Niederösterreich passen?

    Text-Quelle: Deng, Ming-Dao. 365 Tao: Meditationen für jeden Tag des Jahres (pp. 745-746). (Function). Kindle Edition.