Autor: Harald R. Preyer

  • Ach, die Helden sind gefallen – Trauer, die verbindet

    Impuls zur Lesung

    Ein geliebter Mensch stirbt, ist nicht mehr da. Der Verlust verändert plötzlich das ganze Leben. Mit dem Tod eines lieben Menschen umzugehen, fordert heraus, fällt meist schwer.

    Auch David, in vielen Situationen so souverän und vertrauend, geht das nicht anders. Beachtenswert ist jedoch der Umgang mit seiner Trauer, seiner Angst und seinem Schmerz: Er versteckt sie nicht, sondern teilt sie. Er teilt sein „Weh“ (das, was ihm wehtut) mit den Anwesenden. Zum einen zeigt er enorme Empathie mit dem nun toten Saul, trotz der Nachstellungen und Mordpläne, mit denen er zu Lebzeiten Sauls konfrontiert war. Saul bleibt für ihn – in und trotz allem – der „Gesalbte des Herrn“, sodass auch nach dessen Tod Bitterkeit und Vergeltung keinen Raum bekommen, sondern allein die guten Taten Sauls. Und er besingt die Kraft der Freundschaft (zu Jonatan), die für ihn über den Tod hinaus tragende Bedeutung hat.

    In der Trauer: geteilte Vergebung, Liebe und Verbundenheit über den Tod hinaus.

    Quelle: Magnificat – das Stundenbuch, 24.1.2026

    Lesung aus dem zweiten Buch Samuel

    2 Sam 1, 1–4.11–12.17.19.23–27

    Als David nach dem Tod Sauls von seinem Sieg über die Amalekiter zurückgekehrt war und sich zwei Tage lang in Ziklag aufgehalten hatte, kam am dritten Tag ein Mann aus dem Lager Sauls, mit zerrissenen Kleidern und Staub auf dem Haupt. Als er bei David angelangt war, warf er sich auf den Boden nieder und huldigte ihm. David fragte ihn: Woher kommst du? Er antwortete ihm: Ich habe mich aus dem Lager Israels gerettet. David sagte zu ihm: Wie stehen die Dinge? Berichte mir! Er erwiderte: Das Volk ist aus dem Kampf geflohen, viele von den Männern sind gefallen und umgekommen; auch Saul und sein Sohn Jonatan sind tot.

    Da fasste David sein Gewand und zerriss es und mit ihm alle Männer um ihn. Sie klagten, weinten und fasteten bis zum Abend wegen Saul, seines Sohnes Jonatan, des Volkes des HERRN und des Hauses Israel, die unter dem Schwert gefallen waren.

    Und David sang die folgende Totenklage auf Saul und seinen Sohn Jonatan:
    Israel, dein Stolz liegt erschlagen auf deinen Höhen.
    Ach, die Helden sind gefallen!

    Saul und Jonatan, die Geliebten und Teuren,
    im Leben und Tod sind sie nicht getrennt.
    Sie waren schneller als Adler,
    waren stärker als Löwen.

    Ihr Töchter Israels, weint um Saul;
    er hat euch in köstlichen Purpur gekleidet,
    hat goldenen Schmuck auf eure Gewänder geheftet.

    Ach, die Helden sind gefallen mitten im Kampf.
    Jonatan liegt erschlagen auf deinen Höhen.
    Weh ist mir um dich, mein Bruder Jonatan.
    Du warst mir sehr lieb.
    Wunderbarer war deine Liebe für mich
    als die Liebe der Frauen.
    Ach, die Helden sind gefallen,
    die Waffen des Kampfes verloren.


  • Polarlichter

    Dieser Artikel mit seinen beeindruckenden Fotos hat bei mir Gedanken ausgelöst, wovon beeinflusst ist, was wir wahrnehmen.

    Wetten, dass manche im ersten Moment dachten: Eine Drohnen-Armada ? Ein Großbrand? Armageddon?
    So schnell füllen wir ein ungewohntes Bild mit unseren Deutungen, Ängsten oder Hoffnungen.

    Dabei zeigt das Polarlicht etwas Schlichtes und zugleich Tiefes:
    Nicht alles, was hell aufleuchtet, ist von Menschen gemacht. Nicht alles, was mächtig wirkt, ist Bedrohung.

    Was wir sehen, hängt nicht nur vom Himmel ab, sondern auch von unserem Inneren.
    Staunen oder Misstrauen, Dankbarkeit oder Alarm – beides liegt oft näher beieinander, als uns lieb ist.

    Vielleicht ist dieses Licht weniger Warnsignal als Einladung:
    für einen Moment still zu werden, kleiner zu werden –
    und sich erinnern zu lassen, dass es eine Ordnung gibt, die größer ist als unsere Pläne.

    Und wer weiß:
    Vielleicht ist es am Ende auch ein Hauch von Gnade, die entscheidet,
    ob wir im Leuchten Angst sehen – oder Geschenk.


    https://www.zeit.de/wissen/2026-01/polarlichter-deutschland-wetterdienst-sonnensturm

  • Bischof

    Aufrührer zurechtweisen.
    Mutlose trösten.
    Schwache auffangen.
    Widersacher widerlegen.
    Hinterhältige meiden.
    Unerfahrene lehren.
    Träge motivieren.
    Widerspenstige bändigen.
    Hochmütige bremsen.
    Verzweifelnde aufrichten.
    Streitende befrieden.
    Mittellose unterstützen.
    Bedrängte befreien.
    Gute bestärken.
    Schlechte ertragen.
    Alle lieben.

    Aurelius Augustinus (Bischof von Hippo, Kirchenlehrer, 354–430), sermo 340, 3 in „die ordinationis suae“, am Tag seiner Bischofsweihe

  • Fürbitten

    Am Gedenktag des seligen Heinrich Seuse danken wir Gott für alle Menschen, die ihre eigenen Wege zu Gott gehen, sich nicht einengen und eingrenzen lassen und so Vorbilder für andere waren und sind:

    V: Lebendiger Gott,   A: höre unser Rufen.
    – Wir bitten für die Menschen in unserer Gegenwart, die auf ihre persönliche Weise Wege zu Gott suchen und dabei Widerstände erfahren, dass sie sich nicht entmutigen lassen.
    – Wir bitten für die Lehrenden an Hochschulen und Universitäten, dass sie dem Geist Raum geben und zur Freiheit des Geistes beitragen.
    – Wir bitten für alle, die im Dienst der Verkündigung stehen, dass sie neue und glaubwürdige Worte für Gottes Gegenwart finden.
    – Wir bitten für alle, die zu Unrecht verfolgt und angeklagt werden, dass sie nicht im Dunkel des Vergessens und Verschweigens verschwinden.

    V: Lebendiger Gott,   A: höre unser Rufen.

    Quelle: Magnificat – das Stundenbuch, Abendgebet vom 23.1.2026

  • O Deus aeterne

    Ewiger, gütiger Gott,
    du Schöpfer und Herr aller Dinge:
    Innig umfaßt dich mein Geist
    und die ganze Kraft meiner Seele,
    du meine Liebe, mein Lob,
    du Zierde und Licht meines Herzens.

    Du hast den Leib mir erbaut,
    schufst mir Augen zum Schauen der Schöpfung,
    schenkst mir zum Hören das Ohr,
    zum Werken die wendigen Hände.

    Was die Erde auch birgt,
    was Meer und Himmel umschließen,
    und was immer sich regt,
    was atmet, begehrt und empfindet,
    all dies schuf deine Hand
    und trägt und erhält es im Dasein,
    gibt ihm Leben und Kraft
    und lenkt es mit Allmacht und Weisheit.

    Lass mich, gütiger Herr,
    mit ganzem Herzen dir dienen,
    dich verkünden im Wort,
    dich tiefer erfassen im Glauben
    und in freudigem Dank
    zu dir die Hände erheben.

    Du bist mein Weg, meine Kraft,
    der sprudelnde Quell meines Lebens,
    du meiner Mühsal Lohn,
    mein Schöpfer und gütiger Lehrer.

    Sieh meine Armut und Not
    und verzeih mir Torheit und Sünde;
    gib, dass ich Gutes nur will
    und mit deiner Kraft es vollbringe.
    Dann lass mich, deinen Knecht,
    beseligt dein Angesicht schauen
    und, von Wonne durchströmt,
    an dir mich ewig erfreuen.

    Quelle:
    Nach: O Deus aeterne (Ad Deum Oratio), Hrabanus Maurus († 856)


    Ein frühmittelalterlicher Hymnus von Hrabanus Maurus verbindet Schöpfung, Dank und menschliche Verantwortung zu einem zeitlosen Morgengebet. Ein Text, der Arbeit, Glaube und Leben als Einheit denkt.

  • Fürbitten

    Auch in unserer Zeit erleben wir, dass David den Goliat besiegt. So lasst uns Gott bitten:

    A: Stärke unsere Hoffnung.

    – Dass wir trotz unserer begrenzten Möglichkeiten beitragen können, Frieden und Gerechtigkeit voranzubringen
    – Dass Menschen, die einen Neuanfang wagen, im Leben wieder Fuß fassen können.
    – Dass auch kleine Unternehmen Chancen haben, in der Wirtschaftswelt zu bestehen.
    – Dass die Lebensfreude und die Solidarität der Armen unsere konsumorientierte Gesellschaft verwandeln helfen.
    – Dass niemand vergessen bleibt, der einsam und elend gestorben ist.

    A: Stärke unsere Hoffnung.

    Quelle: Magnificat – das Stundengebt 2026/01

  • Der Mond ist aufgegangen

    Der Mond ist aufgegangen,
    die goldnen Sternlein prangen
    am Himmel hell und klar;
    der Wald steht schwarz und schweiget
    und aus den Wiesen steiget
    der weiße Nebel wunderbar.

    Wie ist die Welt so stille
    und in der Dämmrung Hülle
    so traulich und so hold!
    Als eine stille Kammer,
    wo ihr des Tages Jammer
    verschlafen und vergessen sollt.

    Seht ihr den Mond dort stehen?
    Er ist nur halb zu sehen
    und ist doch rund und schön.
    So sind wohl manche Sachen,
    die wir getrost belachen,
    weil unsre Augen sie nicht sehn.

    Wir stolzen Menschenkinder
    sind eitel arme Sünder
    und wissen gar nicht viel.
    Wir spinnen Luftgespinste
    und suchen viele Künste
    und kommen weiter von dem Ziel.

    Gott, lass dein Heil uns schauen,
    auf nichts Vergänglichs trauen,
    nicht Eitelkeit uns freun;
    lass uns einfältig werden
    und vor dir hier auf Erden
    wie Kinder fromm und fröhlich sein.

    Wollst endlich sonder Grämen
    aus dieser Welt uns nehmen
    durch einen sanften Tod;
    und wenn du uns genommen,
    lass uns in’ Himmel kommen,
    du unser Herr und unser Gott.

    So legt euch denn, ihr Brüder,
    in Gottes Namen nieder;
    kalt ist der Abendhauch.
    Verschon uns, Gott, mit Strafen
    und lass uns ruhig schlafen
    und unsern kranken Nachbarn auch.

    Matthias Claudius, Der Mond ist aufgegangen (1779)


    Quelle:
    Evangelisches Gesangbuch EG 482, Gotteslob GL 93


    Zum Autor

    Matthias Claudius (1740–1815) gehört zu jenen Dichtern der Aufklärung, die Einfachheit nicht als Naivität verstanden, sondern als geistige Reife.
    Seine Sprache ist bewusst schlicht, seine Bilder elementar – Nacht, Mond, Stille, Kindsein. Gerade darin liegt ihre Tiefe.

    Das Gedicht ist kein romantisches Naturbild, sondern ein Abendgebet:
    eine stille Kritik am menschlichen Hochmut, eine Erinnerung an Begrenztheit –
    und ein sanftes Vertrauen darauf, dass Geborgenheit nicht aus Wissen, sondern aus Hingabe wächst.

  • Die weisse Rose

    Beim Tor 9 des Zentralfriedhofs gibt es ein kleines Blumengeschäft, bei dem ich meistens eine weiße Rose kaufe, wenn ich in der Halle 3 Verstorbene einsegne.

    Die weiße Rose ist ein schönes Symbol für das Vorausgehen der reinen Seele zu Gott nach dem Kyrie. Ein Ritual, das religiös und weltlich gut anschlußfähig ist und auf das mich immer wieder die Trauer-Gäste ansprechen.

    Heute habe ich die weiße Rose auf den vereisten Boden unter dem Baum zur Urne gelegt. Sie wird dort zum Symbol für Ruhe in Frieden.

  • Logos

    Was das Universum zusammenhält.

    Seit mehr als 2500 Jahren fragen Menschen nach dem Urprinzip der Welt.
    Die frühen griechischen Philosophen nannten es Logos: Vernunft, Sinn, ordnendes Wort hinter allem Geschehen.

    Gegen Ende des 1. Jahrhunderts greift Johannes diesen Gedanken auf – und radikalisiert ihn.
    Er beginnt sein Evangelium:

    „Im Anfang war das Wort,
    und das Wort war bei Gott,
    und das Wort war Gott.“

    Der Logos ist nicht nur Prinzip.
    Er ist Beziehung.
    Und er spricht.

  • Heil heute – bereit sein

    Die Texte dieses Sonntags sprechen überraschend deutlich in unsere Gegenwart. Sie treffen eine Welt, die zwischen Selbstoptimierung und Resignation schwankt: zwischen dem Druck, immer besser werden zu müssen, und der Versuchung, innerlich aufzugeben.

    Die Bibel setzt dem kein Programm und keine Moral entgegen, sondern ein Versprechen: Heil ist möglich.

    Heil meint mehr als Fehlerlosigkeit oder religiöse Korrektheit. Es ist das Gegenbild zu Schuld und innerer Absonderung. Schuld zieht nach unten, lässt Menschen glauben, sie müssten sich fernhalten – von Gott, von anderen, von sich selbst.

    Heil dagegen sagt: Du darfst kommen. Du bist gemeint. Du musst dich nicht verstecken.

    Darum weitet Gott im Buch Jesaja den Blick: Es ist ihm „zu wenig“, dass sein Heil nur einem Volk gilt. Es soll Licht für alle sein, bis an die Enden der Erde. Und Paulus greift diesen Gedanken auf: Zugehörigkeit zu Christus entsteht nicht durch Herkunft oder Leistung, sondern durch Beziehung und Vertrauen.

    Im Evangelium verdichtet sich alles im Ruf Johannes des Täufers:
    „Seht, das Lamm Gottes.“

    Jesus wird nicht als Sieger oder Machthaber gezeigt, sondern als der, der Schuld trägt, und ohne Gewalt antwortet. Das Lamm steht für eine Liebe, die sich nicht durchsetzt, sondern hingibt. Eine Liebe, die das Böse nicht überbietet, sondern aushält – und gerade so verwandelt.

    Für heute heißt das:
    Heil geschieht nicht durch Leistung, sondern durch Vertrauen.
    Nicht durch Abgrenzung, sondern durch Öffnung.
    Nicht durch Macht, sondern durch Liebe.

    „Seht, das Lamm Gottes“ – dieser Ruf gilt auch heute.
    Er lädt ein, hinzusehen.
    Und bereit zu sein.