Autor: Harald R. Preyer

  • DRAUSSEN ODER DRINNEN?

    Gottes Barmherzigkeit ist größer als unser Versagen.

    Im dritten Jahrhundert stand die junge Kirche vor einer schmerzhaften Frage:
    Soll man Christen, die in Zeiten der Verfolgung aus Angst ihren Glauben verleugnet hatten, wieder aufnehmen?

    Papst Kornelius (200 – 253) sagte Ja.

    Er vertraute auf Gottes unendliche Gnade und setzte sich dafür ein, dass gefallene Brüder und Schwestern nach Reue und Buße wieder Teil der Gemeinschaft werden durften. Sein Gegenspieler Novatian meinte Nein – er wollte eine Kirche der Starken und Reinen. Doch Kornelius setzte sich durch. Zusammen mit dem Bischof Cyprian von Karthago (200 – 258) verteidigte er die Haltung: Die Kirche ist kein exklusiver Club der Perfekten, sondern eine Heimat auch für die Gebrochenen.

    Und heute?

    Die Antwort der Kirche ist dieselbe geblieben. Wer gesündigt hat, darf heimkehren. Der Weg zurück führt über Reue, über das ehrliche Eingeständnis der eigenen Schuld – und über das Sakrament der Versöhnung. In jedem Beichtstuhl liegt dieselbe Verheißung wie damals:
    Gottes Barmherzigkeit ist größer als unser Versagen.

    Papst Franziskus sagte dazu: „Die Kirche ist kein Museum für Heilige, sondern ein Feldlazarett für Verwundete.“

    Ein Gedanke zum Mitnehmen

    Manchmal fühlen wir uns, als hätten wir Gott enttäuscht oder uns selbst verloren. Dann hilft es, an Kornelius zu denken: Es gibt keinen Weg, der uns endgültig von Gott trennt. Wer umkehrt, darf sicher sein, dass die Tür offensteht.

    So bleibt die Kirche, trotz aller Schwächen ihrer Glieder, ein Haus der Barmherzigkeit. Und wir dürfen darin wohnen – nicht weil wir vollkommen wären, sondern weil wir geliebt sind.

    „Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war. Ich sage euch: Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren.“
    (Lukas 15,6–7)


    Yuliya Preyer mit einem Lamm in Betlehem, 3. März 2020


    Heiliger Kornelius und heiliger Cyprian – 16. September

  • Heute schon auf die Giftschlange geschaut?

    Gestern habe ich als Vorbereitung für das heutige Fest der Kreuzerhöhung die beiden Lesungen und den Text des Evangeliums auf der Seite von Radio Vatikan studiert. Dort finden sich auch zu jedem Tag Aussagen der Päpste zu Bibelstellen des Tages.

    „Brüder und Schwestern, das ist der Weg, der einzige Weg unserer Erlösung, unserer Wiedergeburt und Auferstehung: auf den gekreuzigten Jesus zu schauen. Von jener Höhe aus können wir unser Leben und die Geschichte unserer Völker auf eine neue Weise sehen. Denn vom Kreuz Christi lernen wir Liebe, nicht Hass; lernen wir Mitgefühl, nicht Gleichgültigkeit; lernen wir Vergebung, nicht Rache. Die ausgebreiteten Arme Jesu sind die zärtliche Umarmung, mit der Gott unser Leben annehmen will.“ (Papst Franziskus, Predigt in Nur-Sultan, 14. September 2022)

    Heute habe ich am frühen Morgen die Predigt von Pastoralamtsleiter Markus Beranek nachgelesen. Er hat dann im Hochamt im Stephansdom unseren Blick auf das Lettnerkreuz im Mittelgang gerichtet und meinte: „Das Lettnerkreuz hier in der Mitte des Domes aktualisiert diesen Weg Jesu: aus den Trümmern des Dombrandes wurde das Haupt Christi geborgen, der Körper wurde nachgeschnitzt und das Kreuz hat wieder seinen erhöhten Platz an seiner ursprünglichen Stelle gefunden. Für mich ist das ein Ausdruck der Hoffnung, dass auch in unseren unruhigen Zeiten, wo wir jeden Tag von Krieg und Gewalt hören, menschliches Leid, Gewalt und Tod nicht das letzte Wort haben. Die weit ausgebreiteten Arme Jesu sind Ausdruck dafür, dass Jesus die Dynamik der Gewalt durchbrochen hat. Statt neuer Anfeindung und weiterer Kriegserklärungen zieht er alle an sich.“

    Nach der Orgelmesse um 12:00 bin ich dann noch einmal in den Altarraum gegangen und habe das Kreuz neben dem Altar von hinten fotografiert. Es war heute besonders schön mit Rosen geschmückt. Und würden wir durch die Rosette dieses Kreuz hindurchsehen, dann würde unser Blick genau auf das Lettnerkreuz fallen.

    Am Abend habe ich dann die Predigt von P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB nachgehört und transkribiert.

    Er meinte sinngemäß: „Vor genau 1700 Jahren, im Jahr 325, ließ Kaiserin Helena der Tradition gemäß in Jerusalem den Ort der Kreuzigung Jesu auffinden. Ihr Sohn Konstantin baute darüber die Grabeskirche, deren Kirchweih am 13. September gefeiert wird. Am Tag darauf, dem 14. September, wurde das Kreuz erhoben – daher das Fest der Kreuzerhöhung.

    Das Kreuz ist ein Zeichen des Heils. Schon in der Wüste heilte Gott die Israeliten durch den Blick auf die erhöhte Giftschlange. Heilung geschieht, wenn man demütig Hilfe und Erbarmen annimmt.

    Wie Mose die Schlange erhöhte, so wird der Menschensohn erhöht: Das Kreuz, eigentlich ein Zeichen des Zornes, wird zum Zeichen des Heils.

    So zeigt sich Gottes Bundestreue:

    • Liebe, wenn der Mensch treu bleibt.
    • Erbarmen/Gnade, wenn der Mensch gesündigt hat.

    Das Kreuz ist für uns das sichtbare Zeichen dieser Liebe und dieses Erbarmens.“

    Evangelium und Predigt von P. Johannes Paul im Originalton:

    Bei dieser Predigt kam mir die Idee zum Titel „Heute schon auf die Giftschlange geschaut.“ Klar oder?

  • Im Schatten des Todes

    „Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe,
    um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes, und unsre Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens.“
    (Lk 1,78–79)

    Das Benedictus – ein Gebet der aufgehenden Sonne

    Jeden Morgen betet die Kirche das sogenannte Benedictus, den Lobgesang des Zacharias (Lk 1, 68–79). Es ist eines der drei großen Tagesgebete der Kirche – neben dem Magnificat am Abend und dem Nunc dimittis zur Nacht. Seit Jahrhunderten begleitet dieses Morgengebet Mönche, Priester und Laien durch den Beginn des Tages.

    Das Licht fällt in die obere Sakristei im Wiener Stephansdom

    Das Licht fällt in die obere Sakristei im Wiener Stephansdom

    Der alte Zacharias, der Vater Johannes des Täufers, stimmt dieses Lied an, als sein Sohn geboren wird. Er erkennt darin, dass Gott sein Volk nicht verlässt, sondern mit „aufstrahlendem Licht“ aus der Höhe kommt – eine frühe Ankündigung von Jesus, dem kommenden Retter. Die zitierten Zeilen beenden das Benedictus.

    Ein Licht im Schatten des Todes

    Gerade in Zeiten der Trauer klingt dieser Text wie ein Versprechen: Auch wenn wir im „Schatten des Todes“ sitzen, bricht das Licht Gottes durch. Das Bild erinnert an einen Sonnenaufgang: Zuerst ist es noch dunkel, doch langsam legt sich ein Schimmer über die Erde, bis der Tag leuchtet.

    Für Trauernde kann dieser Gedanke ein Trost sein. Denn das Benedictus sagt: Die Finsternis bleibt nicht das Letzte. Der Tod ist nicht Endstation. Das Licht kommt uns entgegen, und es will unsere Schritte auf den Weg des Friedens lenken – auch dann, wenn wir uns verloren fühlen.

    Impuls

    Für mich ist das Benedictus nicht nur Teil meines Morgengebetes, sondern vor allem beim Schreiben sehr persönlicher Trauerreden ein inspirierender Begleiter geworden. Wenn wir einen geliebten Menschen verabschieden, sind wir oft sprachlos. Was soll man sagen, wenn ein Leben zu Ende geht? Das Benedictus schenkt uns eine Sprache: Wir dürfen hoffen, dass das Licht Gottes uns und den Verstorbenen umfängt.

    Vielleicht können wir uns das so vorstellen: Die Schritte, die jetzt schwerfallen, weil ein Mensch fehlt, werden doch getragen. Das Licht aus der Höhe führt uns – nicht zurück ins alte Leben, sondern weiter, auf einen Weg, der Frieden verheißt.

    So bleibt die Zusage: Gottes Barmherzigkeit wird uns besuchen. Nicht irgendwann, sondern schon jetzt – mitten in der Dunkelheit.

  • Kondolieren

    „Das Geheimnis, tausend Hände am Tag schütteln zu können, besteht darin, selbst zu schütteln, nicht schütteln zu lassen.“

    Anna Eleanor Roosevelt (amerikanische Menschenrechtsaktivistin und Diplomatin sowie Ehefrau des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, 1884–1962)


    Oft tun mir die Witwen und Witwer leid, die nach einer hoffnungsfrohen schönen Abschiedsfeier die vielen Beileidsbekundigungen am offenen Grab ertragen müssen. Das monotone „Mein Beileid“ führt eher zu mehr Leid.

    Kondolieren (lat., condolar = Mit-Leiden) ist alte Sitte und gut gemeint. Wie viel hilfreicher ist ein Anruf, ein Besuch in den ersten Tagen des Alleinsein – und wenn es nur eine stille Umarmung ist, die von Herzen kommt.

    Jeder Mensch ist anders. Deshalb bespreche ich mit den engen Hinterbliebenen im Vorgespräch, welche Form des Kondolierens ihnen gut tut.

  • Gelassenheitsgebet

    Gott, gib uns die Gnade, mit Gelassenheit hinzunehmen,
    was nicht geändert werden kann,

    den Mut, zu ändern, was geändert werden soll,

    und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

    Reinhold Niebuhr (1892–1971)


    Englisches Original (Reinhold Niebuhr, 1943):

    God, give us grace to accept with serenity the things that cannot be changed,

    Courage to change the things which should be changed,

    and the Wisdom to distinguish the one from the other.

    Autor:

    Reinhold Niebuhr (1892–1971), US-amerikanischer protestantischer Theologe.

    Erstmals verwendet in einem Gottesdienst in Heath, Massachusetts (1943).

    Quellen:

    • Elisabeth Sifton: The Serenity Prayer. Faith and Politics in Times of Peace and War. Norton, New York 2003.
    • Fred R. Shapiro: Who Wrote the Serenity Prayer?, Yale Alumni Magazine, Juli/August 2008.
    • de.wikipedia.org/wiki/Gelassenheitsgebet
  • Stoppelfeld und Scheune

    Wir stehen heute vor einem Stoppelfeld.
    Das Leben, das uns so vertraut war, ist geerntet.
    Wir sehen die Leere, die uns bleibt – und wir spüren den Schmerz der Vergänglichkeit.

    Nicht nur das leere Feld zählt, sondern auch die vollen Scheunen und die stehen gebliebenen Pflanzen.
    Alles, was gelebt wurde, alles Gute, jede Spur der Liebe – es ist nicht verloren. Es ist eingebracht in die Scheunen der Vergangenheit, und in Gottes Erinnerung ist es für immer aufgehoben.

    Jesus selbst sagt:
    „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ (Joh 12,24)
    So dürfen wir glauben: Der Tod ist nicht Ende, sondern Vollendung.

    Das Stoppelfeld zeigt uns die Vergänglichkeit –
    die vollen Scheunen zeigen uns die Ewigkeit.

    Und darin liegt unser Trost:
    Die Liebe bleibt.
    Die Seele lebt.
    Das Wiedersehen kommt.
    In Gottes Zeit.

  • Mamas Geburtstag

    Ich bin dankbar, dass wir in Österreich im Frieden leben – so lange ich mich erinnern kann. Für meine Eltern war das nicht selbstverständlich. Sie haben mir erzählt, dass sie manchmal mitten in der Nacht in die Luftschutzbunker laufen mussten, wenn die Sirenen heulten. Sie haben noch Krieg erlebt, Zerstörung und den mühsamen Wiederaufbau. Für mich dagegen ist Frieden wie die Luft, die ich atme. Oft nehme ich sie kaum wahr.

    Wenn ich die Worte des Propheten Michaja lese, merke ich: Schon vor fast 3000 Jahren haben Menschen genau das ersehnt, was wir so leicht vergessen – Sicherheit, Gerechtigkeit, ein Leben ohne Angst. Michaja schaut in eine dunkle Zeit voller Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Korruption. Und er sagt: „Eine Frau wird gebären. Und das Kind, das zur Welt kommt, wird der Friede sein.“

    Die Kirche feiert am 8. September Mariä Geburt. In ihr sieht sie jene Frau, die Gott erwählt hat, um seinen Sohn in die Welt zu bringen. Maria erinnert uns: Frieden kommt nicht durch Macht oder Gewalt, sondern ganz klein – in der Zerbrechlichkeit eines Kindes.

    Brauchen wir heute einen neuen Michaja? Vielleicht. Aber vielleicht reicht es auch, dass wir selbst ein Stück Michaja werden – indem wir nicht vergessen, wie kostbar Frieden ist, und indem wir ihn im Kleinen weitergeben: in unseren Familien, in unseren Worten, in unserem Verhalten.


    So spricht der HERR: Du, Betlehem-Efrata, bist zwar klein unter den Sippen Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll. Seine Ursprünge liegen in ferner Vorzeit, in längst vergangenen Tagen.
    Darum gibt der HERR sie preis, bis zu der Zeit, da die Gebärende geboren hat. Dann wird der Rest seiner Brüder zurückkehren zu den Söhnen Israels. Er wird auftreten und ihr Hirt sein in der Kraft des HERRN, in der Hoheit des Namens des HERRN, seines Gottes.
    Sie werden in Sicherheit wohnen; denn nun wird er groß sein bis an die Grenzen der Erde. Und er wird der Friede sein.


    Gedanken aus Magnificat – das Stundenbuch

    Mariä Geburt – das Fest

    Die römische Liturgie kennt drei Geburtsfeste: die Geburt Jesu, die Geburt seines Vorläufers Johannes und die Geburt Marias. Der Ursprung des Festes Mariä Geburt liegt wahrscheinlich in der Weihe der Kirche St. Anna, der Mutter Marias, in der Nähe des Betesdateiches in Jerusalem. Man nahm an, hier habe das Geburtshaus Marias gestanden.

    Die Ostkirche kannte schon im sechsten Jahrhundert dieses Fest, im Westen wurde es durch Papst Sergius I. (687–701) eingeführt. Er nennt es unter den vier Marienfesten, die in Rom gefeiert werden: „Begegnung“ (Mariä Lichtmess, heute: „Darstellung des Herrn“), „Verkündigung“, „Mariä Himmelfahrt“ und „Mariä Geburt“. Im 10./11. Jahrhundert breitete sich das Fest in der gesamten katholischen Kirche aus.

    Der 8. September als Geburtstag Mariens bezeichnet kein historisches Datum. Er steht im Zusammenhang mit dem Datum ihrer Empfängnis, das entsprechend neun Monate vorher für den 8. Dezember festgesetzt wurde. Am Geburtstag Marias betet die Kirche: „Die Geburt des Erlösers aus Maria war für uns der Anfang des Heils; das Geburtsfest seiner allzeit jungfräulichen Mutter festige und mehre den Frieden auf Erden.“

    Impuls zur Lesung

    Der Prophet Micha ist ein jüngerer Zeitgenosse der Propheten Amos und Hosea und des Jesaja. Wie sie tritt er gegen die Entsolidarisierung der Gesellschaft an, die sich im ausgehenden 8. Jahrhundert v. Chr. in der Verarmung breiter Kreise der Bevölkerung zeigt. Kleinbauern und Handwerker werden rücksichtslos zu staatlichen Frondienstleistungen herangezogen und durch Steuerpolitik und die damit verbundenen Kreditgeschäfte gezielt ruiniert, der Beamtenapparat ist zunehmend korrupt, reiche Grundbesitzer halten Wirtschaftskriminalität für ein Kavaliersdelikt. Micha war wohl selbst Großbauer, der in der Funktion eines Bürgermeisters öfter in die Hauptstadt kam. Durch den Luxus der Reichen und Regierenden ließ er sich nicht blenden, sondern behielt einen klaren Blick. Sein Name ist Programm. Unverkürzt lautet er „Mi-cha-ja“: „Wer ist wie Ja(hwe)?“. Im Matthäus-Evangelium wird die Geburt des Messias von Micha 5, 1–4a her gedeutet: Ein Hirt Israels in der Kraft des Herrn und im hohen Namen des Herrn wird auftreten, machtvoll, und doch kein Machthaber und kein Machtmensch. Er wird „der Friede sein“!


    Quelle: Magnificat – Das Stundenbuch, September 2025

  • Unsere Berufung bleibt die Liebe

    In seiner Predigt am 23. Sonntag im Jahreskreis C betont P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB , dass das heutige Evangelium (Lk 14,25–33) nicht wörtlich verstanden werden darf. Jesus fordert nicht, Eltern, Kinder oder Ehepartner „gering zu achten“. Vielmehr spricht Lukas von der Situation, dass Jesus nach Jerusalem geht, um verurteilt und getötet zu werden.

    „Nachfolge“ in diesem Sinn heißt: Wer ihm bis dorthin folgen will, muss bereit sein, das Vergängliche loszulassen und sogar den Tod anzunehmen.

    Allgemeine Nachfolge meint Gott und alle seine Geschöpfe zu lieben. Radikale Nachfolge geht bis zum Martyrium.

    Die allgemeine christliche Berufung bleibt die Liebe – zum Vater, zur Schöpfung und zu den Mitmenschen. Nur im besonderen Fall von Verfolgung und Martyrium geht es um diese radikale Nachfolge.
    Die Botschaft: Alles Vergängliche ist dem Unvergänglichen nachgeordnet. Aber unsere erste Aufgabe bleibt die Liebe.

    Evangelium und Predigt im Originalton


    07.09.2025 · Kardinal Christoph Schönborn · Gedanken zum Evangelium

    „ERFOLGSREZEPT“ CHRISTENTUM

    Jesus verlangt nicht, dass wir unsere Familie verachten. Er fordert uns heraus, alles Vergängliche dem Unvergänglichen unterzuordnen. Nachfolge heißt: bereit sein, Besitz, Sicherheit und sogar das eigene Leben hintanzustellen, wenn es um Christus geht.

    Schon damals war das kein „Werbeprogramm“, sondern radikal. Und doch zog es Menschen an – weil es Befreiung von Zwängen bedeutete und Orientierung gab. Christenverfolgungen machten deutlich: Nachfolge kostet etwas, aber sie schenkt inneren Frieden und Hoffnung.

    Christsein bleibt anspruchsvoll – aber gerade darin liegt seine Kraft.

    zum Originaltext

  • Zartes Hoffen

    Abschied naht
    Tod kommt
    Trauer wandelt
    Hoffnung keimt
    Freude blüht
    Liebe bleibt

  • Herausgerufene

    Wer ist herausgerufen? – Wohin?

    Das Wort ekklesia ((griech. ἐκκλησία; lat. ecclesia) bedeutet „die Herausgerufenen“. Damit ist gemeint: Gott ruft Menschen aus etwas heraus – und zugleich in etwas Neues hinein.

    • Aus der Finsternis – hin zum Licht Gottes (vgl. 1 Petr 2,9).
    • Aus der Vereinzelung – hin zur Gemeinschaft. Kirche ist nie nur „ich und Gott“, sondern immer auch „wir miteinander“.
    • Aus der Vergänglichkeit – hin zur Vollendung. Gott ruft nicht nur die Lebenden, sondern auch die Verstorbenen und die Kommenden in seine Liebe.

    So ist Kirche ein einziger großer Strom von Menschen, die in Liebe herausgerufen und in Christus miteinander verbunden sind.


    Raffaels „Disputà del Sacramento“

    Raffaels Fresko Disputà del Sacramento (1509–1510, Vatikanische Museen) gilt als eine der eindrucksvollsten bildlichen Darstellungen des Kirchenverständnisses. Der Titel ist irreführend – es geht nicht um Streit, sondern um die Darstellung der einen, in Christus geeinten Kirche.

    Raffael Sanzio da UrbinoDisputà del Sacramento, Fresko, 1509–1510, Vatikanische Museen.

    Der obere Teil – die himmlische Kirche

    Im Zentrum thront die Dreifaltigkeit.

    • Gott Vater im Scheitel des Bildbogens, als würdevoller alter Mann mit langem Bart.
    • Christus, sein Sohn, als Richter und Erlöser, mit den Wundmalen und einem aufgeschlagenen Evangelienbuch zu seinen Füßen.
    • Der Heilige Geist in Gestalt einer Taube, die Christus und den Vater verbindet.

    Um dieses Zentrum gruppieren sich Maria, Johannes der Täufer, Apostel, Propheten und Heilige. Sie repräsentieren die vollendete Kirche, die schon jetzt in der Schau Gottes lebt.

    Der untere Teil – die irdische Kirche

    Auf Erden versammelt sich eine Schar von Kirchenvätern, Theologen und Gläubigen. Sie stehen um einen Altar, auf dem eine Monstranz mit der konsekrierten Hostie steht.

    • Links sind unter anderem die Kirchenväter Hieronymus und Gregor der Große zu erkennen.
    • Rechts zeigen sich Gestalten wie Augustinus und Ambrosius.
    • Hinter ihnen sind spätere Theologen und Vertreter der Kirche dargestellt, die den Glauben im Lauf der Jahrhunderte ausgelegt haben.

    Die Szene macht sichtbar: Die irdische Kirche lebt aus dem Sakrament der Eucharistie, in dem Christus selbst gegenwärtig ist. Durch dieses Sakrament ist sie untrennbar mit der himmlischen Kirche verbunden.

    Die Einheit von Himmel und Erde

    Raffael spannt so einen großen Bogen: Himmel und Erde sind nicht getrennt, sondern gehören zusammen. Die himmlische Gemeinschaft der Vollendeten und die pilgernde Kirche auf Erden bilden zusammen die eine ekklesia – die in Liebe Herausgerufenen.


    Herausgerufene – wir alle?

    Kirche – das sind nicht nur Institutionen, Gebäude oder Traditionen. Kirche – das sind alle Menschen, die auf die Liebe Gottes vertrauen und darum das Unrecht verabscheuen.


    ekklesía (griech. ἐκκλησία; lat. ecclesia)

    • Grundbedeutung: „Herausgerufene“, „Versammlung“, „Gemeinde“.
    • Wortstamm: von griech. ek-kalein = herausrufen, zusammenrufen.
    • Antike Verwendung: Volksversammlung in den griechischen Stadtstaaten.
    • Neutestamentlich: Bezeichnung für die Gemeinschaft der an Christus Glaubenden; Kirche.
    • Theologisch: ekklesía meint die von Gott in Christus berufene Gemeinschaft – die pilgernde Kirche auf Erden, die vollendete im Himmel und die in Hoffnung noch kommenden.

    Quellen

    • Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 946–962 (Communio sanctorum).
    • Raffael Sanzio da UrbinoDisputà del Sacramento, Fresko, 1509–1510, Vatikanische Museen.
    • Johannes Bernhard Uphus, Beitrag in Magnificat – Das Stundenbuch, Ausgabe 09/2025.
    • Heinz Detlef Stäps, Beitrag in Magnificat – Das Stundenbuch, Ausgabe 09/2025. Als Originaltext (s.u.) übernommen mit freundlicher Zustimmung des von mir sehr geschätzten Autors.

    Die himmlische und die irdische Kirche

    Originaltext von Domkapitular Dr. Heinz Detlef Stäps

    Der Titel unseres Umschlagbildes ist irreführend: „Disputà del Sacramento“ (Streitgespräch um das Sakrament). Auch wenn viele der Dargestellten wild gestikulieren und sich einander zum Teil mit heftigen Bewegungen zuwenden, geht es hier nicht um eine inhaltliche Auseinandersetzung. Die Bewegungen sind als Stilmittel Raffaels zu werten, der auf diese Weise seiner Darstellung so vieler Personen Dynamik und innere Spannung verleiht.
    Um das Bild zu verstehen, muss man es von oben nach unten lesen.

    Das Zentrum: die Dreifaltigkeit

    In einen gewaltigen gemalten Bogen, der sich in die Architektur des Raumes einfügt, ist das Fresko hineinkomponiert. Direkt unter dem Scheitelpunkt des Bogens ist als oberste Person auf der Mittelachse Gott-Vater zu sehen. Es ist ein alter Mann mit langem, weißem Bart. Eine blaue, runde Sphaera in der Hand, einen quadratischen, goldenen Heiligenschein auf dem Haupt, segnet er die Betrachter. Die Himmelskugel und das Viereck (vier Himmelsrichtungen) stehen für Himmel und Erde als allumfassendes Herrschaftsgebiet Gottes.

    Im ersten Jahrtausend wurde Gott-Vater nicht dargestellt. Oft wurde er mit der Gestalt Christi verbunden, denn diesen konnte man als einen Menschen darstellen. Ab dem 12. Jahrhundert beginnt die christliche Kunst, beide klar voneinander zu trennen, und findet für Gott-Vater diese Darstellungsweise, wobei man sich auf Dan 7, 9 bezogen haben mag: „… da wurden Throne aufgestellt und ein Hochbetagter nahm Platz. Sein Gewand war weiß wie Schnee, sein Haar wie reine Wolle.“

    Zur selben Zeit, als Raffael in den Stanzen des Vatikan an seinem Freskenzyklus malte, lag Michelangelo nebenan auf seinem Gerüst unter der Decke der Sixtinischen Kapelle und malte seinen Schöpfungszyklus. Auch hier ist Gott-Vater als alter Mann mit langem, weißem Bart zu sehen, wenn auch tänzerisch bewegt. Besonders die Darstellung auf der berühmten Erschaffung des Adam hat dieses Gottesbild tief in das kollektive Gedächtnis der Christenheit gebrannt.

    Wir mögen dies heute kritisieren: Gott ist weder Mann noch Frau, weder alt noch jung, er steht über diesen Kategorien des Menschseins. Wir denken heute eher an das biblische Gebot, dass wir uns kein Bild machen sollen (vgl. Dtn 5, 8; die neue Einheitsübersetzung macht deutlich, dass es hier um Kultbilder geht, um die Anbetung des Materiellen).

    Christus als Apoll

    Wiederum in der Mittelachse, vor einem gewaltigen goldenen Strahlenrad, dessen blauer Rand mit Engelsköpfen besetzt ist, sitzt Christus auf einer Wolkenbank mit einem weißen Gewand, das nur den Unterkörper und den linken Oberarm bedeckt. Der Rest bleibt nackt. Theologisch ging es darum, die Wundmale des Gekreuzigten darzustellen; deshalb wendet Christus seine Handflächen dem Betrachter zu, und auch die Seitenwunde ist gut zu erkennen. Der in der Sphäre Gottes thronende Christus ist derselbe, der auf Golgota am Kreuz hingerichtet wurde. Künstlerisch ging es darum, an die Antike anzuknüpfen und den Erlöser mit der Lichtgestalt des Apoll zu verbinden. Kurz zuvor war in Rom die Statue des Apoll von Belvedere ausgegraben worden und erregte viel Aufsehen, gerade unter den in Rom tätigen Künstlern. Bei Raffael gehen die heroische Nacktheit und die apollinische Schönheit eine Verbindung ein, um Christus als den Lichtbringer der Welt, als Sonne der Gerechtigkeit zu zeigen. Diese Lichtfülle setzt sogar Gott-Vater darüber ins Dunkel.
    Neben ihm sind Maria, die Mutter Jesu, und Johannes der Täufer zu sehen, die traditionelle Gruppe der Deesis, die den Weltenrichter für die Menschheit bitten. Maria scheint auf dem gesamten Fresko die einzige Frau zu sein!
    Viel kleiner darunter, ebenfalls in der Mittelachse, aber wiederum von einem Strahlenkranz hinterlegt, schwebt die Taube als Symbol des Heiligen Geistes und bildet die geometrische Mitte des gesamten Freskos.
    Auf der Höhe der Geisttaube ist ein Wolkenband zu sehen, das die gesamte Bildbreite durchzieht und nach hinten einen Halbkreis zieht. Auf diese Weise täuscht es eine apsidiale Wölbung vor, der Bildgrund ist aber ganz flach. Das Wolkenband dient als Sitzbank für Heilige und Gestalten aus dem Alten Testament, die sozusagen den himmlischen Teil der Kirche bilden, die Menschen, die nach einem beispielhaften Erdenleben bei Gott weilen. Dieses Wolkenband ist die Trennungslinie zwischen Himmel und Erde. Wenn man genau hinschaut, wird es von Engeln in Grisailletechnik gebildet, wie überall in der himmlischen Sphäre Engel zu finden sind. Sie sind die Bewohner des Himmels, der Hofstaat Gottes.

    Die irdische Kirche

    Die Männer unterhalb des Wolkensaums als Vertreter der irdischen Kirche (Päpste, Bischöfe, Ordensleute, Theologen) könnten einzeln benannt und sogar teilweise als Portraits von Zeitgenossen Raffaels gezeigt werden, doch dazu ist hier leider nicht der Platz. Sie diskutieren nicht, sondern sie weisen einander auf das Wunder hin, das wiederum in der Mittelachse auf einem Altar zu sehen ist: Eine Monstranz birgt die Hostie, die eucharistische Gestalt des Herrn. Auf diese Weise ist alles, was im oberen Teil als nicht sichtbar gezeigt wird, in unserer irdischen Realität erahnbar. Da dies nicht einfach so auf der Hand liegt, sondern ein Mysterium, ein Geheimnis bleibt, hat Raffael zur Verdeutlichung einen unentwirrbaren Knoten auf das Antependium vor dem Altar gemalt.
    Denn auch in der Kirche gibt es Zweifel, Unvollkommenheiten, Irrwege und Schuld. Links ist deshalb eine Gruppe von Theologen zu sehen, die in das Studium eines Buches vertieft ist und von einem jungen Mann eingeladen wird, sich lieber der lebendigen Wirklichkeit Christi auf dem Altar zuzuwenden. Eine erstaunlich kritische Formulierung gerade in der Bibliothek des Papstes! Hinter dieser Gruppe ist auf einem kleinen Hügel der Bau einer Kirche zu sehen. Dies weist zum einen wahrscheinlich auf den Bau von Neu-St. Peter in Rom hin, zum anderen aber auf die mystische Kirche, die immer im Bau ist, niemals fertig sein kann, weil sie von Menschen gebaut wird und nur Gott ihr die Vollendung schenken kann.

    Heinz Detlef Stäps