Autor: Harald R. Preyer

  • Aus Trauer wird Segen

    Lesung aus dem Buch Rut (Rut 2, 1–3.8–11; 4, 13–17)

    Noomi hatte einen Verwandten von ihrem Mann her, einen einflussreichen Mann; er war aus dem Geschlecht Elimelechs und hieß Boas.

    Da sagte Rut, die Moabiterin, zu Noomi: Ich möchte aufs Feld gehen und Ähren lesen, wo es mir jemand erlaubt. Sie antwortete ihr: Geh, meine Tochter! Rut ging hin und las auf dem Feld hinter den Schnittern her. Dabei war sie auf ein Grundstück des Boas aus dem Geschlecht Elimelechs geraten.

    Boas sagte zu Rut: Höre wohl, meine Tochter, geh auf kein anderes Feld, um zu lesen; entferne dich nicht von hier, sondern halte dich an meine Mägde; behalte das Feld im Auge, wo sie ernten, und geh hinter ihnen her! Ich habe den Knechten befohlen, dich nicht anzurühren. Hast du Durst, so darfst du zu den Gefäßen gehen und von dem trinken, was die Knechte schöpfen.

    Sie sank nieder, beugte sich zur Erde und sagte zu ihm: Wie habe ich es verdient, dass du mich so achtest, da ich doch eine Fremde bin?

    Boas antwortete ihr: Mir wurde alles berichtet, was du nach dem Tod deines Mannes für deine Schwiegermutter getan hast, wie du deinen Vater und deine Mutter, dein Land und deine Verwandtschaft verlassen hast und zu einem Volk gegangen bist, das dir zuvor unbekannt war.

    Boas nahm Rut zur Frau und ging zu ihr. Der HERR ließ sie schwanger werden und sie gebar einen Sohn.

    Da sagten die Frauen zu Noomi: Gepriesen sei der HERR, der es dir heute nicht an einem Löser hat fehlen lassen. Sein Name soll in Israel gerühmt werden. Du wirst jemand haben, der dein Herz erfreut und dich im Alter versorgt; denn deine Schwiegertochter, die dich liebt, hat ihn geboren, sie, die für dich mehr wert ist als sieben Söhne.

    Noomi nahm das Kind, drückte es an ihre Brust und wurde seine Pflegemutter.

    Die Nachbarinnen rühmten ihn und sagten: Der Noomi ist ein Sohn geboren. Und sie gaben ihm den Namen Obed. Er ist der Vater Isais, des Vaters Davids.


    🌿 Impuls – als christlicher Trauerredner gelesen

    Diese Geschichte erzählt von Treue, Dankbarkeit und Hoffnung.
    Rut bleibt in einer ausweglos scheinenden Situation nicht bei ihrer Trauer stehen, sondern macht das Beste daraus: Sie verlässt ihre Heimat, schenkt ihrer Schwiegermutter Noomi Halt und begegnet dem Leben mit Mut und Vertrauen.

    Als christlicher Trauerredner höre ich oft ähnliche Erzählungen: von Menschen, die nicht verbittert wurden, sondern gerade in schweren Zeiten Liebe und Treue gezeigt haben.
    Solche Geschichten sind nicht nur Trost – sie sind kostbare Geschenke.

    ➡️ Sie erinnern uns daran, wie wertvoll Treue ist.
    ➡️ Sie zeigen, dass Liebe bleibt, auch wenn Wege schwer sind.
    ➡️ Sie lassen uns dankbar werden für das Leben, das wir teilen durften.

    Mit solcher Dankbarkeit können wir lernen: Aus dem Schweren wächst Segen.

  • Trauerrede für Xariel

    Liebe Trauergemeinde,

    wir nehmen heute Abschied von einem ganz besonderen Wesen. Sein Name war Xariel – ein Reisender zwischen den Sternen, ein Gast aus weiter Ferne, ein Bruder in Gottes Schöpfung.

    Xariel war vieles, aber sicher nicht gewöhnlich. Er stammte aus einer fernen Galaxie, von einem Planeten, den er „Lira-7“ nannte. Dort, so erzählte er, gab es Himmel mit drei Sonnen, Meere, die im Dunkeln leuchteten, und Pflanzen, die miteinander sangen, wenn der Wind durch ihre Blätter strich. Schon als junger Xariel liebte er es, durch diese Klangwälder zu streifen. Seine Freunde lachten oft über ihn, weil er den Sternen Lieder vorsummte – so, als wären sie seine älteren Geschwister.

    Er war neugierig, voller Fragen, voller Sehnsucht nach dem Unbekannten. Auf Lira-7 galt er als Träumer, einer, der nicht nur wissen wollte, wie etwas funktioniert, sondern auch, warum es schön ist. Vielleicht war es diese Mischung aus Neugier und Sehnsucht, die ihn irgendwann auf den Weg schickte, hinaus ins All.

    Seine Reise dauerte Jahrtausende. Aber für Xariel war Zeit nie das Entscheidende. Er sagte einmal: „Wenn ich die Sterne sehe, vergesse ich, wie lange ich unterwegs bin. Ich weiß nur: Jeder Stern ist ein Gruß meines Schöpfers.“

    Hier auf der Erde war er ein Fremder, ja – aber nie ein Feind. Die, die ihm begegneten, spürten: Er hatte Humor. Er konnte herzlich lachen, wenn er unsere Eigenheiten beobachtete. Wie wir Menschen uns wichtig nehmen, wie wir über Staus schimpfen, wie wir Kaffee brauchen, um morgens wach zu werden – das amüsierte ihn köstlich. Und doch war in seinem Lachen nie Spott, sondern eine zärtliche Verwunderung.

    Xariel lebte still und aufmerksam. Er liebte es, am Wasser zu sitzen und die Spiegelung des Himmels zu betrachten. Er war kein Kämpfer, kein Eroberer, sondern ein Sammler von Eindrücken. Er wollte verstehen. Und vielleicht – ja, das glaube ich – wollte er auch uns Menschen verstehen.

    Heute verabschieden wir ihn. Wir tun es mit einem Lächeln und mit einem Kloß im Hals. Denn dieser Besucher aus den Sternen hat uns gezeigt: Leben ist größer als wir ahnen.


    1. Gottes Universum ist größer als unser Denken

    Die Bibel beginnt schlicht: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ (Gen 1,1).
    Für die Menschen damals war das alles, was es gab. Für uns heute bedeutet es: Milliarden Galaxien, Sterne ohne Zahl – und Wesen wie Xariel.

    Oder wie es im Psalm heißt: „Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, vom Werk seiner Hände kündet das Firmament.“ (Ps 19,2).

    Vielleicht hätte man damals ergänzt: „Und auch ein Alien mit großen Augen und feinem Sinn für Humor.“


    2. Braucht ein Alien Erlösung?

    Eine theologische Frage mit Augenzwinkern: Musste Christus auch für Xariel Mensch werden?
    Ich glaube: Nein. Vielleicht war Xariel eines jener Geschöpfe, die nie die Nähe zu ihrem Schöpfer verloren haben. Während wir Menschen uns oft verlaufen – zwischen Ego, Krieg und Stau auf der Tangente – blieb er vielleicht immer in Freundschaft mit Gott.

    Und vielleicht war es genau sein Auftrag, uns daran zu erinnern, dass wir Kinder Gottes sind.


    3. Die Liebe hört niemals auf

    Der Apostel Paulus schreibt: „Die Liebe hört niemals auf“ (1 Kor 13,8).
    Das gilt über Planeten, über Galaxien, über die Grenzen unserer Fantasie hinaus.

    Wenn Gott uns liebt – mit all unseren Macken –, dann liebt er auch ein Alien. Und wenn wir uns vorstellen, dass Xariel jetzt mit den Engeln Sternenkarten spielt, dürfen wir ruhig schmunzeln. Gott hat Humor, da bin ich sicher.

    So dürfen wir vertrauen: Xariel ist heimgekehrt – nicht nur zu den Sternen, sondern in die Arme des Schöpfers, der uns alle verbindet.


    Liebe Trauergemeinde, wenn wir heute Abend in den Himmel schauen und einen Stern heller funkeln sehen als die anderen – vielleicht ist es Xariel, der uns zulächelt.
    Und vielleicht summt er uns noch immer sein Lied der Sterne.


    Über den Autor

    Was wäre, wenn ein Alien stirbt? Harald Preyer – Trauerredner in Wien – zeigt in einer ungewöhnlichen Trauerrede, dass Gottes Liebe das ganze Universum umfasst. Eine berührende, humorvolle und theologische Annäherung.

  • Tara – die Befreierin

    Essenz allen Mitgefühls

    Im Buddhismus wird erzählt, dass die Bodhisattva Tara aus einer Träne geboren wurde. Ihr „Vater“ sozusagen, der große Bodhisattva des Mitgefühls Avalokiteshvara, blickte auf das Leiden aller Wesen. Überwältigt von der Not und dem Schmerz der Welt vergoss er eine Träne – und aus dieser Träne entstand Tara, die Befreierin, die Trösterin, die Beschützerin.

    Tara erinnert uns daran: Tränen sind nicht Schwäche, sondern Quelle von Heilung. Wer weint, der lässt das Leid nicht nur zu – Tränen waschen auch die Seele rein. Sie schenken inneren Frieden und öffnen den Raum, in dem Mitgefühl wachsen kann.

    In Tibet wird Tara verehrt als weibliche Verkörperung des Mitgefühls. Ihre Gestalt erscheint in vielen Farben, jede für eine besondere Kraft der Liebe: Schutz vor Stolz, Neid, Habgier, Zweifel, Unwissenheit, falschen Meinungen, Hass und Anhaftung. Tara befreit von den Gefahren des Alltags, die uns innerlich und äußerlich bedrängen.

    Gerade in der Trauer kann ihr Bild Kraft schenken:
    Wenn wir Tränen vergießen, öffnen wir uns für die Liebe. Wir erkennen, dass wir mit unserem Schmerz nicht allein sind. Und wir spüren, dass Mitgefühl – für uns selbst und füreinander – die größte Befreiung ist.

    So wie Tara aus einer Träne geboren wurde, so kann auch aus unseren Tränen Neues entstehen: Hoffnung, Zuwendung, ein zarter Stern am Himmel der Liebe.

  • Udo Jürgens Grab

    Ihr seid das Notenblatt,
    das für mich alles war.

    Ich lass‘ Euch alles –
    ich lass Euch alles da.

    Vor dieser Inschrift am weißen Flügel aus Marmor – dem Grab von Udo Jürgens am Wiener Zentralfriedhof – habe ich wieder an das Lied gedacht, mit dem er 1966 den ESC gewonnen hat. Merci Cherie ist auch ein schönes Lied für Abschiede. Ich habe es damals mit drei Jahren noch nicht verstanden. Heute freue ich mich, dass es eine gute Digitalversion gibt.

    Udo Jürgens gewinnt 1966 für Österreich mit „Merci Cherie“ den Europäischen Songcontest (ESC).

    Sein Grab am Wiener Zentralfriedhof ist ein Kulturdenkmal geworden.

    Nach seinem Tod am 21. Dezember 2014 in Münsterlingen (Schweiz) fand Udo Jürgens hier seine letzte Ruhestätte. Anstelle eines herkömmlichen Grabsteins befindet sich dort ein großer Flügel aus Stein. Dieser besondere Grabstein wurde von seinem Bruder Manfred Bockelmann entworfen und von Bildhauer Hans Muhr geschaffen. Der Flügel besteht aus Laaser Marmor und wiegt beachtliche 6 Tonnen. In dem weißen Flügel wurde die Asche von Udo Jürgens versenkt.

    Merci, Udo!

  • Dein Wille geschehe

    Gütiger Vater, dein Sohn hat uns die frohe Botschaft vom Anbruch deiner Herrschaft gebracht. Deiner Weisung öffnen wir uns und bitten:
    A: Dein Wille geschehe.

    Wer vor deinem Angesicht lebt, braucht kein Gut zu entbehren;
    – öffne uns und allen Menschen die Sinne für deine Gegenwart.

    Du willst das Glück aller Menschen;
    – hilf uns erkennen, dass wir zur wahren Freiheit gelangen, wenn wir in deinem Geiste handeln.

    Viele haben nie gelernt, unter den vielen Geräuschen deine leise Stimme zu vernehmen;
    – hilf allen, die in der Seelsorge tätig sind, mit den Menschen deine Sprache zu lernen.

    Wer sich dir anvertraut, wird nicht enttäuscht;
    – vereine alle Verstorbenen in deiner ewigen Freude.
    A: Dein Wille geschehe.

    Quelle: Fürbitten aus dem Abendgebet in Magnificat – das Stundenbuch vom 20.8.2025

  • noch zwei Monate

    eine leise Annäherung zur 1. Lesung vom 21.8.2025, Lesejahr C, Ri 11, 29–39a

    Heute habe ich eine Bibelstelle gelesen, die mich zunächst sprachlos machte. Sie erzählt von Jiftach, einem Heerführer Israels. Vor der Schlacht legt er ein Gelübde ab: Wenn er den Sieg erringt, will er Gott als Opfer darbringen, was ihm als Erstes beim Heimkommen entgegenkommt.

    Er siegt – und ausgerechnet seine einzige Tochter läuft ihm entgegen, voller Freude, mit Gesang und Tanz. Ein Schicksalsschlag. Jiftach erkennt, dass sein Gelübde sich nun gegen sein eigenes Kind richtet.

    Die junge Frau hört davon und wehrt sich nicht. Sie bittet nur um eines:

    „Nur das eine soll mir gewährt werden: Lass mir noch zwei Monate Zeit, damit ich in die Berge hinabgehe und zusammen mit meinen Freundinnen meine Jungfräulichkeit beweine.“ (Ri 11,37)

    Zwei Monate. Eine kurze Schonfrist. Zeit, um Abschied zu nehmen. Zeit, um das Unausgesprochene auszusprechen. Zeit, um mit Freundinnen zu weinen – nicht allein, sondern in Gemeinschaft.

    Genau das bewegt mich: Trauer wird leichter, wenn sie geteilt wird. Wenn andere mitgehen, zuhören, mitweinen. Gemeinschaft verwandelt Schmerz nicht in Freude, aber in etwas Tieferes: in Liebe, die bleibt.

    Ich denke dabei an Birgit, eine junge Mutter von zwei Kindern. Sie war erst 38 Jahre alt, als sie die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs erhielt. Die Ärzte gaben ihr noch zwei Monate. Zwei Monate – das klingt unerträglich kurz. Und doch wurden diese Wochen zu einer geschenkten Zeit: Sie konnte mit ihrer Familie lachen und weinen, sprechen und schweigen, das Wichtigste weitergeben. Sie war getragen – von Liebe, von Nähe, von Gemeinschaft.

    Das ist der tröstliche Impuls dieser Bibelgeschichte: Auch im Angesicht des Todes bleibt uns Würde. Gott schenkt uns Zeit, auch wenn sie kurz ist. Zeit, die gefüllt werden darf mit Liebe.

    Und wir Christen glauben: Es bleibt nicht bei der Erinnerung. Unsere Verstorbenen sind uns vorausgegangen – hin zu Gott. Dort werden wir einander wiedersehen, in verwandelter Wirklichkeit.

    Darum dürfen wir hoffen: Die Zeit war kurz. Aber die Liebe bleibt. Amor vincit.

  • Leonard Cohens „Hallelujah“

    ein Lied zwischen Schönheit und Bruch

    Kaum ein Lied hat in den letzten Jahrzehnten so viele Herzen berührt wie Leonard Cohens „Hallelujah“. Die Melodie ist zart und ergreifend, die Stimmung voller Tiefe, Sehnsucht und Wärme. Unzählige Künstlerinnen und Künstler – von Jeff Buckley bis Rufus Wainwright – haben es interpretiert. Bei Hochzeiten, in Filmen, ja sogar bei Begräbnissen erklingt es und entfaltet seine Kraft.

    Es ist verständlich, dass Angehörige bei einer Trauerfeier zu diesem Lied greifen. Die Schönheit der Musik ist unbestritten. Sie kann Menschen sammeln, Emotionen tragen und in der schwersten Stunde ein Stück Geborgenheit schenken.

    Ich habe allerdings auch schon Menschen erlebt, die sich die Ohren zuhalten und schockiert den Kopf schütteln, wenn das Lied im englischen Original erklingt. Warum? Irgendwann haben sie irgendwo gehört, dass dieses Lied nicht christlich sei. Stimmt das?

    Beim Blick auf den Text zeigt sich: Dieses Hallelujah ist kein kirchlicher Lobgesang, sondern eine sehr persönliche, gebrochene Meditation über Liebe, Sexualität und Scheitern.

    Cover von Leonard Cohen – Live In London, 2008, Sony.
    Am 31.3.2009 veröffentlichte Leonard Cohen Live In London, seine erste Aufnahme seit Dear Heather aus 2004. Hallelujah ist Titel Nr. 15 des Albums.


    Die Ursprungsidee von Leonard Cohen

    Leonard Cohen arbeitete viele Jahre an diesem Lied. Über 80 Strophen hat er entworfen, bevor er eine Auswahl veröffentlichte. 1984 erschien das Stück erstmals auf dem Album Various Positions.

    Cohen selbst erklärte dazu:

    „Es gibt viele Arten von Halleluja – das erleuchtete, das spirituelle, das zerbrochene Halleluja.
    Es ist ein Versuch, die vielen Gesichter des Lebens und der Liebe in diesem einen Wort einzufangen.“
    (The Guardian, Interview 2009)

    Cohen wollte zeigen: Auch im Scheitern, in der gebrochenen Liebe, in der Spannung von Körper und Seele kann ein Halleluja erklingen. Das macht das Lied so einzigartig – aber auch schwierig für einen religiösen oder tröstenden Kontext.

    Wenn wir daraus lesen wollen, dass Gott uns in jeder Situation liebt, dann ist dieses Lied ein zutiefst christliches. Wenn wir verstehen, dass Gott auch Sünder liebt und gerade in der Not für sie da ist, aber die Sünde verurteilt, dann verstehen wir besser, warum dieses Lied so oft bei Begräbnissen gespielt wird.


    Was bedeutet „Hallelujah“?

    Das Wort selbst ist hebräisch: „הללויה“ (halelujah) – „Preiset Gott“ oder „Lobt den Herrn“. In der Bibel ist es ein Jubelruf, besonders in den Psalmen.

    Cohen hingegen setzt das Wort in einen weltlich-erotischen Zusammenhang: König David, Bathseba, Samson und Delila tauchen als Metaphern für Liebe, Verführung und Verrat auf. Aus dem biblischen Lobpreis wird ein Spiegel zerbrochener menschlicher Beziehungen.

    Die Psalmen

    Gerade die Psalmen sind ein Spiegel vor allem für die Gefühls- und Glaubenswelt von König David, dem viele davon zugeschrieben werden. Sie sind oft sehr menschlich, erzählen von Leid, Schuld, Sünde, Tod aber auch von Hoffnung, Freude, Treue und Liebe.

    Eine tröstliche Lösung?

    Die „Wiener Version“ des Hallelujah hat bei weitem nicht die Kraft des Originals von Leonhard Cohen. Dafür schenkt sie wirklich Trost – vor allem Menschen, die an Engel und an einen Gott glauben, der uns an der Hand nimmt. Die Musik bleibt der gleiche Ohrwurm und wer unbedingt an die Spannung des Originals denken will, möge das tun.

    Mein persönlicher Gedanke bei allen Hallelujah Versionen ist mein Credo: Amor vincit – Am Ende siegt die Liebe. Und Gott ist diese Liebe.


    Wiener Version

    Die Version, die auf Friedhöfen in Wien am meisten gesungen wird, hat einen  sentimentalen und berührenden Text. Hier wird sie kurz von Festklang, einer Vereinigung von Musikern mit langer Tradition angespielt.

    Gott schließt dir die Augen zu,
    begleitet dich zur ew‘gen Ruh,
    hab keine Angst, denn du bist nicht alleine,
    Die Nacht ist nicht mehr dunkel hier,
    ein Engel steht ganz nah bei dir,
    er lächelt und er singt das Hallelujah.

    Hallelujah, Hallelujah,
    Hallelujah, Hallelujah

    Für immer wolln wir bei dir sein,
    Jetzt steh’n wir hier, sind ganz allein
    Müssen Abschied nehmen,
    doch es fällt so schwer.
    In Frieden kannst du von uns geh’n,
    denn unsere Liebe bleibt besteh‘n,
    Wir werden dich nie vergessen – Hallelujah.

    Hallelujah, Hallelujah,
    Hallelujah, Hallelujah

    Doch letztlich gehst du nur voraus
    und lebst bei Gott im Himmelshaus.
    Ich weiß wir sehn‘ uns wieder – Hallelujah.
    Wir zünden eine Kerze an und
    denken immer wieder dran
    wie schön es war zusammen – Hallelujah.

    Hallelujah, Hallelujah,
    Hallelujah, Hallelujah

    In Liebe bleiben wir vereint
    für jetzt und alle Ewigkeit
    Der Tod kann uns nicht trennen – Halleluja.
    Denn Gott nahm dich an seiner Hand
    und zeigte dir ein neues Land
    Du bist jetzt unser Engel – Hallelujah.

    Hallelujah, Hallelujah,
    Hallelujah, Hallelujah,

    Hallelujah, Hallelujah,
    Hallelujah, Hallelujah


    Anhang

    Wer tiefer ins Detail gehen möchte, findet hier die biblischen Bezüge, den Originaltext von 1984 und einen Vergleich mit der freieren Version von 2008.

    Die biblischen Bezüge im Originaltext

    Cohen greift in poetischer Sprache mehrere biblische Motive auf:

    • David als Musiker„Now I’ve heard there was a secret chord / That David played and it pleased the Lord“
      (vgl. 1 Sam 16,23 – David spielt Harfe und erfreut Gott).
    • David und Bathseba„You saw her bathing on the roof / Her beauty in the moonlight overthrew ya“
      (vgl. 2 Sam 11 – Ehebruch und Schuld Davids).
    • Simson und Delila„She broke your throne and she cut your hair“
      (vgl. Ri 16 – Verrat, Verlust der Kraft).
    • Das gebrochene Hallelujah„It doesn’t matter which you heard / The holy or the broken Hallelujah“

    Hier deutet Cohen an: auch zerbrochene Leben können Gott ein Halleluja entgegenrufen.

    Der Originaltext

    Alleine von Cohen selbst gibt es mindestens drei verschiedene Varianten. Seine Freunde und andere Interpreten haben rund 80 weitere Fassungen gesungen.

    Der Originaltext von Leonard Cohen von 1984

    Now I’ve heard there was a secret chord 
    That David played and it pleased the Lord 
    But you don’t really care for music, do ya? 
    It goes like this, the fourth, the fifth 
    The minor fall, the major lift 
    The baffled king composing „Hallelujah“ 

    Hallelujah, Hallelujah 
    Hallelujah, Hallelujah 

    Your faith was strong, but you needed proof 
    You saw her bathing on the roof 
    Her beauty in the moonlight overthrew ya 
    She tied you to a kitchen chair 
    She broke your throne and 
    she cut your hair 
    And from your lips she drew the Hallelujah 

    Hallelujah, Hallelujah 
    Hallelujah, Hallelujah 

    You say I took the name in vain 
    I don’t even know the name 
    But if I did, well, really, what’s it to ya? 
    There’s a blaze of light in every word 
    It doesn’t matter which you heard 
    The holy or the broken Hallelujah 

    Hallelujah, Hallelujah 
    Hallelujah, Hallelujah 

    I did my best, it wasn’t much 
    I couldn’t feel, so I tried to touch 
    I’ve told the truth, I didn’t come to fool ya 
    And even though it all went wrong 
    I’ll stand before the lord of song 
    With nothing on my tongue but hallelujah 

    Hallelujah, Hallelujah 
    Hallelujah, Hallelujah 
    Hallelujah, Hallelujah 
    Hallelujah, Hallelujah 
    Hallelujah, Hallelujah 
    Hallelujah, Hallelujah 
    Hallelujah, Hallelujah 
    Hallelujah, Hallelujah 
    Hallelujah, Hallelujah 

    Hallelujah, Hallelujah

    Vergleich der Originalversionen

    Thema / StropheVersion 1984 (Erstaufnahme)Version 2008 (London,
    O2 Arena)
    RezeptionRund 30 Mio. AufrufeÜber 260 Mio. Aufrufe
    Stimme / StilJunger Cohen, eher spröde, erzählend, minimalistisch instrumentiertReife Stimme, getragene Live-Performance mit Orchester, Pathos
    1. Strophe„Now I’ve heard there was a secret chord … The baffled king composing Hallelujah“Gleichlautend, nur leichte Variationen in Betonung
    2. StropheBathseba: „Your faith was strong but you needed proof / You saw her bathing on the roof …“Gleichlautend, aber: „Her beauty and the moonlight overthrew you“ statt „Her beauty in the moonlight …“
    3. Strophe„You say I took the name in vain … The holy or the broken Hallelujah“Neu hinzugefügt: „Now maybe there’s a God above … love is not a victory march … it’s a cold and it’s a very broken Hallelujah“
    4. Strophe„I did my best, it wasn’t much … I’ll stand before the Lord of song with nothing on my tongue but Hallelujah“Erweiterte Live-Version: autobiografische Züge („Oh, people, I’ve been here before … I used to live alone before I knew you … I’ve seen your flag on the marble arch“)
    Erotisch-Mystische PassageFehlend„I remember when I moved in you / And the Holy Dove was moving too / And every single breath we drew was Hallelujah“
    SchlussMehrfaches „Hallelujah“ – resignativ, eher leiseGroßes Finale, Publikumsjubel, intensiver „Hallelujah“-Chor
    Theologische LinieFokus auf David-Bathseba-Motiv, Schuld, Sünde, Reue → „Broken Hallelujah“ vor GottWeit gefasster: Liebe, Sexualität, Enttäuschung, Zweifel, Gottesferne und trotzdem Hallelujah – stärker existenziell als biblisch

    Unterschiede zwischen den beiden Versionen

    • 1984: biblischer Kern (David, Bathseba), stark auf Schuld & Beichte fokussiert. Lässt sich leichter christlich deuten – König David als Sinnbild des Menschen, der trotz Sünde vor Gott tritt.
    • 2008: breiter, existenzieller Text. Enthält explizite erotische Passagen und eine eher säkular-romantische Sicht auf Liebe. In einem liturgischen Rahmen heikel, aber für weltlich-offene Trauerfeiern (Ausgetretene, Suchende) möglich, weil es die Zerbrochenheit des Lebens aufgreift.
  • Aus Liebe nass geworden?

    Heute um 07:30 Uhr war die Sonne noch nicht so stark wie an den Tagen vorher. Ich saß in Yuliyas weißem Cabrio, das sie mir für diesen Tag geliehen hatte. Das Stoffdach war geöffnet, die Luft frisch, mein Herz voller Erwartung und auch ein wenig voller Sorge: Werde ich rechtzeitig ankommen? Habe ich alles mit, um die Trauerfeier für Andreas pünktlich um 09:00 Uhr am Friedhof Aspern zu halten?

    Auf der Bundesstraße, kurz vor der Autobahn, kam mir ein großes, orangenes Reinigungsfahrzeug der MA48 entgegen. Es spritzte mit viel Kraft Wasser über die gesamte Fahrbahn. Keine Chance zum Entkommen. Direkt vor mir stand die Wand aus Wasser. Ich dachte: Jetzt ist es soweit. Gleich bin ich waschelnass. War keine gute Idee, offen zu fahren. Im schwarzen Anzug. Und bald soll ich vor den Trauergästen stehen.

    Das Herz schlug schneller. Ich dachte mir in dem Moment nur: „Dein Wille  geschehe“.

    Diese Geschichte habe ich dann den Trauergästen bei der Einsegnungsfeier am Friedhof Aspern erzählt. Sie waren berührt – auch, weil Andreas selbst einige Jahre bei der MA48 als Straßenkehrer gearbeitet hatte. Das Bild passte so gut: Manchmal wäscht das Leben den Schmutz einfach weg. Und im rechten Moment trifft man dann die große Liebe. Die beiden waren 30 Jahre ein glückliches Paar. 

    Ich begrüßte die kleine Trauergemeinschaft – mit einem bewussten Händedruck, einem liebevollen Blick in die Augen und einem herzlichen „Grüß Gott!“ – besonders die Witwe, die Tochter und die Enkelin, deren Namen ich ja schon vom Vorgespräch kannte. Viele der Anwesenden wirkten nicht wie regelmäßige Kirchgänger. Umso schöner war es, dass die Enkelin sich die christliche Einsegnung gewünscht hatte. Ich hatte noch nasse Hände.

    Ich erzählte von Andreas’ Liebe zu den Tieren – und wie sehr auch die Tiere ihn geliebt hatten. Die Geschichte von dem Tascherl für den Urenkel, für das er quer durch die ganze Stadt gefahren ist. Ich berichtete von seiner Arbeit im Schottenstift als Reinigungskraft. Der Wirtschaftsdirektor hatte mir in einem Mail liebevoll von Andreas erzählt. Besonders rührend war die Anekdote, dass Andreas am liebsten mit der großen Reinigungsmaschine durch die Gänge gefahren sei – und dabei lachend sagte: „Heute führe ich den Porsche wieder aus.“ Solche Bilder öffneten die Herzen. Ich spürte: Ich war einer von ihnen. Meine Hände waren inzwischen trocken. Ich hatte sie mir gewaschen, weil ich vom Einlegen der Kohle in den Weihrauchkessel schwarz geworden war.

    Dann deutete ich die Namen der engsten Familien-Mitglieder:

    • Andreas – der erste Jünger, den Jesus gefunden hat. Andreas ist dann zu Petrus gegangen und hat ihm berichtet: „Ich habe den Herrn gesehen!“
    • Christl – erinnert uns an Christus, der die Liebe ist.
    • Daniela – Dan = Richter, Dani = Mein Richter, Daniel = Gott ist mein Richter
    • Michelle – kommt von Michael, dem Engel, der uns beschützt.

    Ich las die bekannte Stelle aus dem Johannesevangelium vor: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen … ich gehe, euch eine Wohnung zu bereiten.“ Genau das tun wir heute: Wir segnen ein neues Grab für Andreas. Und wir freuen uns, irgendwann und irgendwo Andreas in seiner neuen Wohnung wiederzusehen. Ob wir ihn gleich erkennen werden? Ob er uns alle gleich mit unseren Namen ansprechen wird, wenn wir einander in verklärten Körpern gegenüberstehen werden?

    Dann war der von mir sehr geschätzte Organist und Kollege als Trauerredner Tobias Cambensy so lieb und hat spontan gemeinsam mit mir „Ubi caritas“ (Wo Liebe ist und Güte,
    da wohnt Gott) angestimmt – nach der einfachen und bekannten Melodie aus Taizé. Wir haben über Liebe gesprochen: über die Liebe zwischen Menschen, zur Gemeinschaft und über Gottes Liebe zu uns, auf die wir uns immer verlassen können.

    Sehr bewegend waren die Fürbitten, die die Enkel- und Urenkel geschrieben hatten. Ich habe kurz erklärt, dass wir in Fürbitten Gott für jemanden um etwas bitten und wo zwei oder mehr in seinem Namen versammelt sind, da ist er mitten unter uns und erhört unsere Bitten. Er weiß zwar eh ganz genau, was wir brauchen. Aber er will es von uns hören. Er will, dass wir uns zu ihm und zu einander in Liebe bekennen. Deshalb sagen wir von ganzem Herzen zu Gott: „Vater, wir bitten dich, erhöre uns.“ Wir haben das einmal gemeinsam geübt. Alle haben zuerst zögerlich, dann voller Freude mitgemacht. 

    Am offenen Grab beteten wir gemeinsam das Vaterunser – das Gebet, das uns Jesus selbst geschenkt hat, und in dem wir Gott „Vater“ nennen dürfen. Zum Abschluss gaben wir uns alle den Friedensgruß: „Der Friede sei mit dir.“  Ich habe den Sarg und die Trauernden mit Weihwasser besprengt und gesegnet – nur in meiner weißen Albe – dem Kleid des getauften Christen. Die Menschen umarmten einander, Tränen und Lächeln mischten sich. 

    Nach der Einsegnung, zurück am Parkplatz, begegnete ich der Familie noch einmal. Sie waren gelöst, dankbar, voller Herzlichkeit und Wärme. Sie bedankten sich von Herzen und sagten: „Wir freuen uns schon auf Deine besondere Liebes-Führung durch den Stephansdom.“

    Ich verabschiedete mich noch herzlich von Michael, dem weisen Arrangeur, der mir schon im Frühjahr erlaubt hat, sein Bild auf meiner Homepage zu posten und ihn zu zitieren:
    „Schön, wenn Du zu uns kommst, Harald. Bei Dir ist es ganz anders. In den 40 Jahren, die ich da bin, habe ich selten so persönliche herzliche Feiern erlebt wie mit Dir.“

    Im Stephansdom, diesem wunderbaren Bauwerk, in das so viele Generationen ihre ganze Liebe zur Verherrlichung Gottes gelegt haben, werden wir uns wiedersehen. Wir werden hinauf gehen zur Orgelempore und Gott bitten, dass er uns hilft, einander noch aufmerksamer und liebevoller zu begegnen. Und vielleicht wird uns im Gebet Andreas begegnen – im Blick auf den Hochaltar oder in einem der vielen Säulenheiligen oder einfach in der Tiefe unserer Herzen.

    Es war vielleicht die Seele von Andreas oder ein guter Engel – vielleicht einer den die Enkelin Michelle geschickt hat: jedenfalls hat der aufmerksame Fahrer der MA48 unmittelbar, bevor ich nass geworden wäre, das Wasser seiner Reinigungsmaschine auf meiner Straßen-Seite abgeschaltet und mir lachend zugewinkt.

    Danke, lieber MA48-Mitmensch für Deine Achtsamkeit!


    Einige Tage nach dieser Trauerrede habe ich von der Enkelin von Andreas folgende WhatsApp Nachricht bekommen:

    Die Trauer rede war wirklich toll. Die Familie hat sie als sehr aufbauen empfunden und als anders als bei den anderen Beerdigungen. Im positiven Sinne. Danke dafür 🤗

    Lg
    Michelle

  • Jenseits allen Glücks

    Jenseits allen Glücks,
    jenseits aller Schönheit
    bist meiner Seele
    Glück und Schönheit du.

    Denn das Glück kam mit dir,
    und in und mit dir
    hab alles Gut ich empfangen.

    Heinrich Seuse

    Heinrich Seuse (* 21. März 1295 oder 1297 in Konstanz oder in Überlingen; † 25. Januar 1366 in Ulm) war ein deutscher Mystiker und Dominikaner, der in Konstanz und Ulm, am Oberrhein und in der Schweiz wirkte. Er wird in der katholischen Kirche als Seliger verehrt.

  • Taufe und Todesangst

    „Ich muss mit einer Taufe getauft werden, und ich bin sehr bedrückt, solange sie noch nicht vollzogen ist.“

    eine Auslegung zum Evangelium Lk 12,50 von Ambrosius von Mailand

    So weit beugt sich der Herr herab, dass er sagt, es verlangt ihn danach, uns mit Hingabe zu erfüllen, uns zur Vollkommenheit zu bringen und für uns zu leiden; darum heißt es [auch]: „Und wie bedrückt bin ich, bis sie vollzogen ist.“ Manche Handschriften haben [an dieser Stelle] auch „wie unruhig“, das heißt „wie betrübt bin ich“, denn in sich selbst hatte er nichts, was ihn hätte schmerzen können – unsere Not war es, die ihn bedrückte. Auch die Traurigkeit, die ihn bei seinem Tode befiel, kam nicht daher, dass er Todesangst hatte, sondern weil unsere Erlösung noch auf sich warten ließ.

    Ambrosius von Mailand (Bischof, Kirchenlehrer, 339–397), hier nach: Thomas von Aquin, Catena Aurea. Kommentar zu den Evangelien im Jahreskreis, hg. v. Marianne Schlosser und Florian Kolbinger, 692, © EOS Verlag, St. Ottilien, 2. Auflage 2012

    Quelle: Magnificat – das Stundenbuch. Auslegung zum Evangelium am Sonntag, dem 17.8.2025, 20. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C