Erfolg beginnt für mich mit Freude – der Freude darüber, dass ich leben darf und dass mir Zeit und Menschen geschenkt sind.
Aus Freude wächst Dankbarkeit, Dankbarkeit für alles, was gelingt, und für das, was mich lehrt.
Wo Dankbarkeit ist, entsteht Vertrauen – in mich selbst, in andere und vor allem in Gott.
Und aus der Fülle dieses Vertrauens wächst Liebe – Liebe, die nicht besitzen will, sondern freigibt. Die segnet, statt zu bewerten. Die Frieden sucht, nicht Sieg.
Lieben zu können aus der Fülle des Vertrauens in Gott – das ist Erfolg.
Nicht Erfolg, den man sich erarbeitet, sondern Erfolg aus Gnade.
„Bleibt in meiner Liebe – dann bringt ihr reiche Frucht.“ (Joh 15,9–11)
Die acht Seligpreisungen stammen aus der Bergpredigt Jesu (Matthäusevangelium 5, 3–10).
Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig, die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.
Selig, die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben.
Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden.
Selig, die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.
Selig, die rein sind im Herzen; denn sie werden Gott schauen.
Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.
Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Diese acht Seligpreisungen werden häufig mit den acht Spitzen des Malteserkreuzes in Verbindung gebracht – jede Spitze steht symbolisch für eine dieser Tugenden.
zum 28. Sonntag im Jahreskreis C (12. Oktober 2025)
Lukas 17, 11–19 – Die zehn Aussätzigen
✦ von Kardinal Christoph Schönborn
Erbarmen und Dankbarkeit – das sind die beiden großen Themen dieses Evangeliums. Zehn Aussätzige rufen von Ferne: „Meister, hab Erbarmen mit uns!“ – ausgeschlossen, gefürchtet, zum sicheren Tod verurteilt. Jesus überschreitet die unsichtbare Grenze zwischen „rein“ und „unrein“. Er hört den Ruf, sieht die Not und schenkt Heilung.
Doch nur einer kehrt zurück, um zu danken – ein Fremder, ein Samariter. Dankbarkeit ist mehr als eine Höflichkeitsform. Sie ist ein Akt des Glaubens, ein Erkennen, dass alles Geschenk ist. Jesus fragt: „Wo sind die neun?“ – eine Frage, die uns alle betrifft.
Wir bitten oft um Hilfe, doch vergessen wir, zu danken, wenn sie kommt. Dankbarkeit und Erbarmen gehören zusammen: Wer Erbarmen erfährt, wird dankbar, wer dankbar ist, lernt barmherzig zu sein. So wird der Samariter zum Bild des Glaubenden, dem Jesus sagt: „Steh auf und geh! Dein Glaube hat dich gerettet.“
✦ von P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB
Auch P. Johannes Paul sieht in diesem Evangelium ein Bild für das Sakrament der Versöhnung. Die zehn Aussätzigen stehen für uns Menschen, die sich ihrer Lieblosigkeiten bewusst werden müssen. Bevor Heilung geschieht, braucht es Bewusstsein, Bekenntnis und Vertrauen. So wie die Aussätzigen von Ferne rufen „Hab Erbarmen mit uns“, so spricht der Mensch in der Beichte zu Jesus.
Alle zehn glauben, bevor sie geheilt sind – sie gehorchen Jesu Wort und werden auf dem Weg gesund. Nur einer aber kehrt zurück, um zu danken. Er tut nicht nur das Gebotene, er feiert die Begegnung. Darum wird er zum Zeichen für lebendige Spiritualität: Nicht das Ritual rettet, sondern das Herz, das versteht, was es tut.
Die Beichte ist für P. Johannes Paul das Sakrament der Liebe trotz allem – nicht der Angst, sondern des Vertrauens.
„Vergeben heißt: trotzdem lieben.“ Gott liebt uns trotz unserer Lieblosigkeiten. Und wer das hört, wird frei und dankbar.
✦ von Domkurat Dr. Johannes J. Kreier
Domkurat Dr. Johannes J. Kreier hob in seiner heutigen Ansprache besonders den Satz Jesu hervor:
„Steh auf und geh!“
Er erklärte den griechischen Begriff ἀνάστασις (anástasis), von dem dieses „Aufstehen“ kommt – derselbe Wortstamm wie in Atanasia (ἀθανασία), dem Ausdruck für Unsterblichkeit. Damit deutet er das Wort Jesu nicht nur als körperliches Aufstehen, sondern als Hinweis auf das ewige Leben: Wer im Glauben aufsteht, steht bereits auf zu einem neuen, unvergänglichen Leben in Gott.
Sei gegrüßt, die den König gebar, du heilige Mutter, ihn, der Himmel und Erde erhält im Wandel der Zeiten, dessen Walten das All umfasst mit ewigem Kreise, dessen Reich ohne Ende besteht: Dein seliger Leib hat Freuden der Mutter gepaart mit reiner Ehre der Jungfrau, dir, der keine je glich, wird keine fürderhin gleichen, denn vor allen Frauen erwählte dich, Einzige, Christus.
Es gibt eine Stille des Herbstes bis in die Farben hinein. — Hugo von Hofmannsthal (österreichischer Schriftsteller, 1874–1929)
Der Herbst hat eine besondere Art, still zu werden. Nicht abrupt – sondern sanft, fast zärtlich. Die Geräusche werden leiser, die Farben gedämpfter, das Licht milder.
Und manchmal spüren wir, dass diese Stille nicht leer ist, sondern erfüllt – von Erinnerungen, von Dankbarkeit, von dem Wissen, dass alles seine Zeit hat.
• Habe ich heute oder in den letzten Tagen diese Stille des Herbstes gespürt? • Wie wirkt dieses Bild auf mich – beruhigend, beängstigend, traurig?
Vielleicht ist es gerade diese Stille, in der wir Gott am nächsten sind.
Warum ich seit 2022 keinen Alkohol mehr trinke Eine ehrliche späte Entschuldigung an Menschen, die ich liebe von Harald R. Preyer – ehemaliger Alkoholiker
1) Selbstkundgabe
Ich kann mich nicht erinnern, seit meinem 16. Lebensjahr eine Woche ohne Alkohol gelebt zu haben. Ich habe selten selbst gedacht, dass ich betrunken bin. Die Polizei, meine Familie und wirklich gute Freunde waren anderer Meinung. Mehr als 40 Jahre habe ich meiner Familie, meinen Kollegen im eigenen Unternehmen und mir selbst eine schlechte Kopie meiner Persönlichkeit zugemutet.
Eine Notoperation (überraschender Darmkrebs, dessen Anzeichen ich ignoriert habe) in Kiew am 8. Dezember 2019 hat noch immer nicht gereicht, endlich aufzuhören. Erst ein epileptischer Anfall im Sommer 2022 und in Folge ein einwöchiger Krankenhausaufenthalt haben mich bereit für die Botschaft gemacht, die mir gute Freunde seit Jahren gesendet haben: „Hör’ auf, Harald! Es ist schade um Dich!“
Mein langjähriger Freund, der Neurologe Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Lalouschek, sagte zu mir: „Harald! Du saufst Dir noch Dein Hirn weg!“
Und meine geliebte Ehefrau Yuliya meinte: „Harald, als ich Dich da auf der Bahre der Rettung liegen gesehen habe, wurde mir klar: Ich als zierliche Frau kann Dir mit Deinen über 100 Kilo nicht mehr helfen, wenn so etwas noch einmal passiert. Ich liebe Dich – und ich bin ratlos. Bitte hilf Dir und mir!“
Seit 17. Oktober 2022 trinke ich keinen Alkohol mehr. Es ist kein Kreuz, sondern Befreiung.
Die Gesellschaft, meine Familie und vor allem Yuliya haben mir viel geschenkt – Geschenke, die ich erst seit drei Jahren wirklich als solche erkenne. Ich habe viel wieder gut zu machen. Heute bin ich dankbar für mein Leben, lebe bescheiden, froh, glücklich und frei von jedem Druck.
Es ist eine weit verbreitete und falsche Behauptung, dass ein Alkoholiker immer ein Alkoholiker bleiben wird. Richtig ist aber, dass ich sofort wieder zum Alkoholiker werden würde, wenn ich ein Glas Alkohol trinken würde.
Wenn Du diesen Weg auch gehen willst, ruf mich an. Ich kann Dir vielleicht helfen, endlich wirklich aufzuhören. Jedenfalls werde ich es versuchen – so gut ich kann. Nicht für Geld, sondern als Dank für das Geschenk der völligen Alkohol-Abstinenz, das ich selbst seit drei Jahren jeden Tag erlebe.
2) Was die Forschung heute sagt
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat 2024 ihre Empfehlung grundlegend geändert: Es gibt keine risikofreie Menge Alkohol. Schon ein einziges Glas erhöht das Risiko für Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Leberschäden. Frühere Studien, die kleinen Mengen Wein oder Bier einen gesundheitlichen Nutzen zugeschrieben haben, gelten heute als wissenschaftlich widerlegt.
Das Robert Koch-Institut (RKI) hat in einer großen Befragung gezeigt: Fast ein Drittel der Erwachsenen in Deutschland trinkt Alkohol in gesundheitlich riskanten Mengen. Männer sind deutlich stärker betroffen als Frauen. Auffällig ist auch, dass gerade höher gebildete Menschen häufiger trinken – oft, weil Alkohol dort als Teil des „guten Lebens“ gilt.
Die Einteilung in Stufen verdeutlicht:
Kein Risiko: nur Abstinenz
Geringes Risiko: bis 2 Standardgetränke pro Woche
Moderates Risiko: 3–6 Standardgetränke pro Woche
Hohes Risiko: mehr als 6
Ein Standardgetränk entspricht 330 ml Bier, 125 ml Wein oder 40 ml Schnaps. Entscheidend ist: Das Risiko steigt mit jedem weiteren Drink.
3) Kritik und Konsequenzen
Suchtforscher warnen davor, dass die Stufen Sicherheit vortäuschen. Manche Menschen bleiben auf einer Stufe stehen und fühlen sich „im grünen Bereich“, obwohl jede Menge Alkohol Schaden anrichten kann. Darum betonen Fachleute: Wirklich sicher ist nur Verzicht.
Auch politisch ist das Thema brisant. Alkohol ist in Österreich und Deutschland leicht und billig verfügbar. Ein Nachtverkaufsverbot in Baden-Württemberg führte nachweislich zu weniger Gewalttaten und Krankenhausfällen – wurde aber wieder abgeschafft. Experten fordern strengere Regeln und höhere Steuern, ähnlich wie bei Tabak.
4) Mein Weg in die Freiheit
Für mich war das Aufhören kein einmaliger Akt, sondern ein Prozess. Ich habe im Abstand von 12 Jahren dreimal versucht, mich vom Alkohol zu verabschieden. In den Jahren 2013 und 2021, weil ich meinen Lieben damit eine Freude machen wollte. Den Abend meines 50. Geburtstags am 3. Mai 2013 habe ich im Anton Proksch Institut im Hof mit einer Zigarette, einer heißen Schokolade aus dem Automaten und mir selbst gefeiert. Zurecht verlassen von meiner damaligen Ehefrau und bemitleidet von meinen drei Kindern. Ich habe damals bereits am ersten Wochenende noch während der Therapie wieder lächelnd ein Glas Weißwein getrunken und bin dann nüchtern wieder am Sonntag Abend im Institut erschienen. Das hat fünf Wochen ganz gut funktioniert und ich habe mir eingeredet, dass ich alles im Griff habe.
Erst im Oktober 2022 war es dann erstmals mein eigener Wunsch wirklich mit Alkohol aufzuhören. Ich habe den Schalter im Kopf umgelegt und gebetet:
Vater! Jetzt will und muss ich wirklich mit diesem Unsinn aufhören. Verzeih mir, dass ich meinen Körper – Deinen Tempel – so lange beleidigt habe. Bitte vergib mir und hilf mir, dass ich es auch für den Rest meines Lebens schaffe, trocken zu bleiben.
Diese vier Schritte haben mir wirklich gut getan:
Wahrheit zulassen. Nicht mehr beschönigen, nicht mehr verdrängen.
Vertraute Menschen einbeziehen. Zwei, drei Freunde, die offen sagen dürfen: „Pass auf dich auf.“
Rituale verändern. Statt den Gläsern Wein am Abend: aufgeschnittene frische Äpfel, Wasser, Tee, Spaziergang, Gebet, Liebe.
Spiritualität stärken. Die Texte der Bibel wirklich bewusst lesen und darüber nachdenken, was sie für mich heute bedeuten.
In den Texten des Magnificat (ein monatlich erscheinendes Stundenbuch für Laien, das ich seit 30 Jahren abonniert habe), im stillen Gebet, in der Eucharistie habe ich eine neue Nüchternheit entdeckt, die Freude schenkt.
Die Bibel drückt es klar aus: „Alles ist erlaubt, aber nicht alles nützt“ (1 Kor 6,12). „Berauscht euch nicht mit Wein; das macht zügellos, sondern lasst euch vom Geist erfüllen“ (Eph 5,18). Und Jesus sagt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10).
Für mich heißt das: Nüchternheit ist nicht Mangel, sondern Freiheit zur Liebe.
5) Einladung
Vielleicht erkennst du dich wieder in meinen Zeilen. Vielleicht spürst du, dass Alkohol dir mehr nimmt als er gibt. Wenn das so ist, dann ruf mich an. Ich urteile nicht, ich rechne nicht ab. Ich höre zu, begleite und teile, was mir selbst geholfen hat.
Nicht als Geschäft, sondern als Dank. Denn seit drei Jahren darf ich jeden Tag die Erfahrung machen: Die Abstinenz ist kein Verlust, sondern ein Geschenk.
6) Nachklang
Ich hatte mir den 17. Oktober 2025 als Tag markiert, um diesen Artikel zu schreiben.
Ein berührendes Begräbnis, das ich heute gemeinsam mit meinem Freund P. Johannes Paul Abrahamowicz, Priester und Mönch im Stift Göttweig, am Wiener Zentralfriedhof gestalten durfte, hat dazu geführt, dass ich diesen Text schon heute veröffentliche.
P. Johannes Paul hat mir im Auto am Parkplatz vor dem Zentralfriedhof seine neueste Komposition vorgespielt. Ein Lied, das er selbst mit erkälteter Stimme gestern aufgenommen hat:
„Ist mein Leben vorherbestimmt? “ (op. 253)
Als ich diesen Artikel fast fertig geschrieben hatte, kam der wöchentliche Newsletter der ZEIT. Und dort habe ich einen wirklich gut recherchierte Bericht in ZEIT Online vom 30. September 2025 gefunden.
Ich habe mit Hilfe von KI die rund 400 Kommentare der ZEIT-Leserinnen und -Leser analysiert und betroffen festgestellt: Je höher die Bildung, umso höher der Alkoholkonsum. Und: Rund ein Drittel aller Alkoholiker leugnet ihre Sucht, ein Drittel redet sie schön – und ein Drittel gibt sie zu und will aufhören, Alkohol zu trinken.
Ich selbst habe 40 Jahre lang meine Sucht geleugnet und erst im Anton Proksch Institut in Kalksburg erkannt, wer ein Alkoholiker ist:
„Jemand, der Alkohol wegen seiner Wirkung trinkt – und nicht, weil er gut schmeckt.“
Heute weiß ich: Wahrheit befreit. Und Klarheit heilt. Beides ist Gnade.
Den aktuellen Artikel in der Zeit inklusive einer einfachen Selbsteinschätzung und überzeugender Grafiken habe ich hier mit einem Geschenk-Link geteilt. Es kann sein, dass Du Dich kostenlos einmal anmelden musst, wenn Du ihn lesen willst. Der Verlag wird dann vermutlich versuchen, Dich als Abonnent zu gewinnen. Das habe ich auch bei anderen Produkten aus dem ZEIT Verlag erlebt. Es wird aber sofort respektiert, wenn Du einmal auf „Abmelden“ klickst.
Manchmal sind Familiengeschichten von so viel Schmerz überschattet, dass selbst die Erinnerung schwer erträglich bleibt. Vor allem, wenn es um sexuellen Missbrauch innerhalb der eigenen Familie geht. Und doch: im Angesicht des Todes, mitten in der Trauer, kann ein Raum entstehen, in dem Worte der Vergebung heilsam wirken.
Das Begräbnis
Vor einem Monat habe ich am Wiener Zentralfriedhof die Beisetzung eines erfolgreichen Immobilienmaklers geleitet. Hinter dem äußeren Glanz dieses Lebens verbarg sich viel Dunkelheit. Seine Tochter erzählte mir von dem, was die Öffentlichkeit nie erfahren sollte: dass er mehrfach versucht hatte, sie und später auch seine Enkelin zu missbrauchen. Aus Angst um den „guten Ruf“ wurde all das in der Familie totgeschwiegen.
Das Schweigen aber hatte seinen Preis: Tochter und Enkelin litten jahrzehntelang – seit 25 Jahren waren sie in psychiatrischer Behandlung. Nach außen schien die Familie intakt, doch innen war das Vertrauen zerbrochen. Die Tochter wollte späte Rache. Ich sollte alle Verfehlungen des Verstorbenen in der Trauerrede aussprechen. Gleichsam eine Anklage einem Toten gegenüber.
Die Ehefrau hatte das Ganze für sich längst gelöst. Sie war seit dem versuchten Missbrauch die heimliche Geliebte ihres Yoga-Lehrers und mit ihm auf der ganzen Welt unterwegs.
Das Kyrie – eine unerwartete Wendung
Wie spricht man in einer Trauerrede über einen Menschen, der so sehr verletzt hat? Gar nicht! Weil das der falsche Ort und die falsche Zeit sind. Darum habe ich in der Feier gleich nach der Eröffnung dem Kyrie – dem Herr erbarme Dich Raum gegeben.
Es steht uns frei, das Erbarmen Gottes auf den Verstorbenen herab zu bitten. Herr, erbarme Dich!
Wir haben hier die Gelegenheit, für ihn und für uns um Vergebung zu bitten. Christus, erbarme Dich!
Niemand von uns ist ohne Schuld. Doch indem wir Schuld vergeben, machen wir uns Christus ähnlich. Herr, erbarme Dich!
Beim ersten Satz habe ich der Tochter fest und liebevoll in die Augen geschaut – und innerlich hörte ich eine Stimme: „Lass gut sein. Ich mach’ das schon…“ Was ich dann wirklich gesagt habe, weiß ich nicht mehr. Aber ich habe gehört, dass alle laut „Herr, erbarme Dich! Christus erbarme Dich.Herr, erbarme Dich!“ , wiederholt haben – und ich habe gesehen, wie sich Gesichter veränderten: überrascht, dann sanft, liebevoll. Plötzlich war im Raum ein Wohlwollen und eine Herzlichkeit, wie ich sie sonst nur in der Messe beim Friedensgruß erlebe.
Nach der Beerdigung haben mir Mutter und Tochter lange die Hand gedrückt und leise gesagt: „Danke!“
Seit diesem Tag weiß ich: Ich kann mich vollkommen auf den Herrn verlassen. Das nimmt mir nicht die Aufgabe, mich gut vorzubereiten – aber ich darf im entscheidenden Moment ganz darauf vertrauen, dass Er wirkt.
Stimmen der Gemeinschaft
Nach dem Kyrie sprachen Mitarbeiter über gemeinsame Erlebnisse, kurz, ehrlich, mit Respekt. Auch ein Studienfreund erzählte eine Episode aus der Jugend. Kleine, helle Erinnerungen – nicht um das Dunkel zu übertönen, sondern um das Ganze zu tragen.
Das Wunder danach
Heute – einen Monat später – schrieb mir die Tochter eine Nachricht:
„Danke, lieber Harald. Mona und ich waren heute zum letzten Mal beim Psychiater. Wir sind seit dem Begräbnis geheilt. Wir konnten endlich Opa loslassen und segnen.“
In diesen Worten liegt das ganze Wunder: Was über Jahrzehnte unerträglich war, konnte in einem Moment des gemeinsamen Gebets verwandelt werden.
Erklärung zum Bild
Das Bild, das diesen Artikel begleitet, zeigt eine Farbharmonie:
innen Rot und Orange – Schmerz, Wunde, Wahrheit
in der Mitte Gelb und Türkis – Entscheidung, Loslassen
außen Blau und Violett – Gnade, Weisheit, Frieden
im Zentrum ein weißgoldenes Leuchten – Symbol für die Liebe Gottes, die alles umfängt
So wird das Bild selbst zum Gebet: aus Dunkel wird Licht, aus Schmerz wird Frieden.
Schlussgedanke
Vergebung bedeutet nicht, das Geschehene kleinzureden. Vergebung bedeutet, den Schmerz beim Namen zu nennen – und ihn Gott hinzulegen. So kann Heilung geschehen.
Dieses Begräbnis wurde zu einem Fest der Vergebung. Nicht, weil der Verstorbene ein gerechter Mensch gewesen wäre, sondern weil Gnade stärker ist als Schuld.