Autor: Harald R. Preyer

  • Morgenjubel

    Gott, du Schöpfer der Sonne,
    A: dich preist unser jubelndes Lied.

    Du lässt die Sonnenstrahlen zur Erde dringen;
    – erleuchte uns, dass wir den Nebel vertreiben.

    Du lässt die Pflanzen gedeihen;
    – wärme uns, dass wir dir entgegenwachsen.

    Du lässt die Vögel den Tag begrüßen;
    – erfreue uns, dass wir Freude schenken.

    Gott, du Schöpfer der Sonne,
    A: dich preist unser jubelndes Lied.

    Quelle: Magnificat – das Stundenbuch, aus dem Morgengebet am 7.7.2025

  • Morgengebet

    Gepriesen sei Gott, der uns in Christus zu seinen
    Miterben erwählt hat. Zu ihm lasst uns beten:

    A: Hilf uns, nach deinem Willen zu handeln.

    Komm auf uns zu
    – und tu uns kund, was du für Pläne mit uns hast.
    Nimm uns bei der Hand
    – und lass uns auf deine Führung vertrauen.
    Gib uns den nötigen Mut für neue Aufgaben
    – und bei Durststrecken den Glauben und die Kraft,
    unser Ziel zu erreichen.

    A: Hilf uns, nach deinem Willen zu handeln.

    Vaterunser

    Heiliger Gott, mache unser Herz hell durch den Glanz der Auferstehung deines Sohnes, damit das Dunkel des Todes uns nicht befalle und wir zum ewigen Licht gelangen. Darum bitten wir durch Jesus Christus.

    Der Herr segne uns, er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben.

    Quelle: Magnificat – das Stundenbuch, Morgengebet vom 5.7.2025

  • Einmal – und für immer

    Charlie Chaplin war 53, als er Oona O’Neill begegnete, sie erst 17. Die Welt nannte es Wahnsinn, einen Skandal, eine Torheit. Doch es wurde die Liebe seines Lebens. Er, der die Welt zum Lachen brachte, hatte selbst oft einsam gelitten. Drei Ehen waren zerbrochen, der Applaus verhallte, die Schlagzeilen fraßen sich in seine Tage.

    Dann kam Oona. Sie hörte nicht nur zu, sie verstand. Sie blieb. Gegen alle Stimmen heirateten sie 1943. Als ihm Amerika die Tür wies, folgte sie ihm in die Verbannung. In der Schweiz fanden sie, was kein Ruhm geben konnte: Frieden, Freude, Familie. Acht Kinder füllten ihr Haus mit Lachen, diesmal nicht vom Filmset, sondern aus dem Leben.

    Als Chaplin 1977 starb, suchte Oona keinen neuen Anfang. Sie hatte bereits alles gelebt, was Liebe sein kann. Denn manchmal genügt ein einziges Ja – und es bleibt. Wahre Liebe fragt nicht nach dem richtigen Moment. Sie bleibt, wenn alles andere vergeht.

    Charlie Chaplin (1889–1977) war der Sohn armer Künstler in London und stieg zum größten Stummfilmstar der Welt auf. Mit Filmen wie „Der große Diktator“ und „Modern Times“ wurde er zum Symbol für Humor mit Tiefgang, kannte jedoch auch Skandale und Einsamkeit.

    Oona O’Neill (1925–1991), Tochter des Literaturnobelpreisträgers Eugene O’Neill, wuchs in Künstlerkreisen auf, war schön, klug und jung. Sie wurde Chaplins Halt, als die Welt ihm den Rücken kehrte, und blieb bis zu seinem Tod an seiner Seite. Sie selbst wollte nie im Rampenlicht stehen – sondern einfach lieben.


  • Wir? Du?

    Ihr seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das Gottes besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat. Einst wart ihr nicht sein Volk, jetzt aber seid ihr Gottes Volk; einst gab es für euch kein Erbarmen, jetzt aber habt ihr Erbarmen gefunden.

    1 Petr 2, 9–10


    Wir leben in einer Welt, die oft dunkel wirkt.
    Doch Du bist nicht namenlos im Strom der Zeit.

    Du bist gerufen. Gehalten. Geliebt.
    Du bist Teil eines Volkes, das Licht in die Welt trägt.

    Du musst nicht perfekt sein.
    Du darfst Erbarmen empfangen – und weitergeben.

    Dein Leben ist wertvoll, weil Du es mit Hoffnung füllst,
    durch Zuhören, Helfen, Danken, Vergeben.

    Heute. Jetzt. Und auch morgen.

    Denn wir sind nicht Zuschauer,
    sondern Zeugen der Liebe Gottes,
    die stärker ist als Dunkelheit und Tod.

  • Du Seele meines Betens

    Ich steh vor dir in Leere, arm und bang,
    fremd ist dein Name, spurlos deine Wege.
    Du bist mein Gott, Menschengedenken lang –
    Tod ist mein Los, hast du nicht andern Segen?
    Bist du der Gott, der meine Zukunft hält?
    Ich glaube, Herr, was stehst du mir dagegen.

    Mein Alltag wird von Zweifeln übermannt,
    mein Unvermögen hält mich eingefangen.
    Steht denn mein Name noch in deiner Hand,
    hält dein Erbarmen leise mich umfangen?
    Darf ich lebendig sein in deinem Land,
    darf ich dich einmal sehn mit neuen Augen?

    Sprich du das Wort, das mich mit Trost umgibt,
    das mich befreit und nimmt in deinen Frieden.
    Öffne die Welt, die ohne Ende ist,
    verschwende menschenfreundlich deine Liebe.
    Sei heute du mein Brot, so wahr du lebst –
    Du bist doch selbst die Seele meines Betens.

    Text: Huub Oosterhuis (Übersetzung: Alex Stock), aus: Huub Oosterhuis, Solang es Menschen gibt auf Erden, 60, © 2023 Verlag Herder GmbH, Freiburg i. Br. – Melodie: GL 422 · GL 1975 621 · KG 544 · EG 382
    gefunden in Magnficat – das Stundenbuch am 3.7.2025, Abendgebet

  • Mein Herr und mein Gott

    Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.

    Joh 20,29

    eine Phantasie von Harald Preyer am frühen Morgen des 3.7.2025
    Fest des Heiligen Thomas

    Impuls zum Evangelium
    Haben wir Nachgeborenen die Chance, Jesus, den Auferstandenen, zu berühren, gerade so wie sein Freund Thomas? Die Wundmale des Getöteten mit eigenen Augen zu sehen? Mit den eigenen Fingerspitzen zu fühlen, dass es Jesus ist? Oder ist das ein Privileg, das mit Himmelfahrt ausklang? Das Johannes-Evangelium antwortet mit großer Klarheit. Nicht nur der zu spät gekommene Thomas findet seinen Wunsch über alle Maßen erfüllt, auch uns Nachgeborenen soll das große ganze Glück der Nähe zufallen. Glauben wir das? Leben wir auf dieses Glück zu? Leben wir aus diesem Glück? Lassen wir dieses Glück unser Leben umwerfen, unserem Leben aufhelfen? Wie es Maria von Magdala wagte, wie Simon Petrus, wie Thomas? Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard hat es so gesagt, und wahrscheinlich können wir es gar nicht oft genug hören: Unter Christenmenschen gibt es keine „Jünger zweiter Hand“.

    Quelle: Magnificat – das Stundenbuch

  • Erschaffung der Welt

    Seit 1995 lese ich täglich Magnificat – Mein Stundenbuch. Das ist ein auf Dünndruckpapier gedrucktes Monatsheft mit rund 300 Seiten, das für jeden Tag des Monats die Legende des / der Tagesheiligen, das Morgengebet, die Texte der Eucharistiefeier und das Abendgebet beinhaltet. Der anschließende redaktionelle Teil beinhaltet Themen des Monats.

    Gleich am Beginn wird das Titelbild ausführlich von Domkapitular Msgr. Dr. Heinz Detlef Stäps aus Rottenburg beschrieben. Er hat mir ausdrücklich gestattet, seinen Text hier zu verwenden. Diese Texte sind für mich eine Meditation für den jeweiligen Monat. Das heurige Juli-Bild befindet sich in der Österreichischen Nationalbibliothek.

    Erschaffung der Welt, Bible Moralisée, Paris, um 1225, Österreichische Nationalbibliothek, Wien, Cod. Vindobonensis 1179, fol. 1v

    Aus Gott geboren

    Jede Bible Moralisée des 13. Jahrhunderts zeigt den Schöpfer der Welt sozusagen als Titelbild (Frontispiz) vor dem eigentlichen Text mit den Medaillons. Bevor die einzelnen Teile der Bibel interpretiert werden, soll als Voraussetzung deutlich gemacht werden, dass die Welt aus Gottes Händen kommt, dass sie durch seinen Willen erschaffen wurde und er ihr „Architekt“ und Planer ist.

    Wort, durch den die Welt geschaffen wurde.

    Insofern können wir hier durchaus ein Bild Christi erkennen, der in seiner Beteiligung am Schöpfungswerk gezeigt wird.

    Der Schöpfungsakt

    Christus hält eine Kugel oder Scheibe auf dem Schoß. Diese ist mit verschiedenen Farben und Formen als die nach dem biblischen Bericht entstehende Welt gezeigt. In der Mitte sind gelb-grüne vegetabile Formen zu sehen, die das entstehende Leben auf der Erde meinen. Sie sind noch umgeben vom Schwarz der Finsternis über der Urflut (vgl. Gen 1, 1). Auch diese Urflut ist, von einem weißen Saum getrennt, von außen zu sehen. Nach dem biblischen Weltbild ist es aber auch das „Wasser oberhalb des Gewölbes“ (= Himmel) (Gen 1, 7), wie man sich den Regen erklärte. Außen umgibt die gesamte Welt ein grüner Rand, an dem Christus sie hält und trägt.

    Das Instrument, das Christus in der Hand hält, ist ein Zirkel. Mit dem Zirkel übertragen früher Architekten auf den Plänen die Maßeinheiten und legten Messpunkte fest. Christus wird hier also als Architekt der Welt gezeigt. Er plant und beugt. Er plant und bemisst die Schöpfung, er legt die Mitte der Welt fest und bestimmt die Abstände der Schöpfung.

    Wer ist hier dargestellt?

    Die bildbeherrschende Person ist hier im Sitzen dargestellt. Andere Fassungen der Bible Moralisée zeigen sie stehend. Hier sitzt sie auf einem Faldistor (liturgischer Klappstuhl) und ist mit rot-blauen Gewändern bekleidet, die ornamentale Verzierungen zeigen. Die Füße sind nackt und der nach rechts geneigte Kopf wird von einem goldenen Nimbus mit Kreuz umgeben. Damit ist klar, dass es sich hier um eine der drei göttlichen Personen handeln muss: Gott Vater, Sohn oder Heiliger Geist. Ein Blick in das Gesicht des Mannes, vom welligen dunklen Bart und von ebensolchen, langen Haaren gerahmt, legt uns die Überzeugung nahe, dass es sich hier um Christus, die zweite göttliche Person, handeln muss. Doch so einfach ist es nicht.

    Die Bibel spricht in beiden Schöpfungsberichten (Gen 1, 1 – 2, 3 und Gen 2, 4–25) von „Elohim“ (Gott, eigentlich Plural) bzw. sie benutzt ab Gen 2, 4 auch den Gottesnamen „JHWH“. Damit ist klar, dass hier der Vater gemeint ist, er ist der Schöpfer, aus seinem Willen entsteht alles Geschaffene.

    Da der Vater aber nicht konkret darstellbar ist, wurde er in der mittelalterlichen Kunst manchmal mit den Zügen Christi gezeigt. Bei Darstellungen der Marienkrönung sehen wir dann zum Beispiel zweimal Christus mit der Taube des Geistes dazwischen (vgl. St. Georg in Gelbersdorf, Altar im nördlichen Seitenschiff, 15. Jh.). Insofern kann eine Darstellung Christi durchaus den Vater und damit den Schöpfergott meinen. Biblische Grundlage dafür ist Kol 1, 15, wo Christus das Ebenbild des unsichtbaren Gottes genannt wird.

    Hier ist es aber anders: Als Christen haben wir einen eigenen Blick auf die Schöpfungsgeschichte. Wir sehen hier nicht nur Gottvater tätig, sondern auch der Sohn und der Geist haben Anteil am Schöpfungswerk. „Gottes Geist schwebte über dem Wasser“ heißt es in Gen 1, 2 und wir nennen den Heiligen Geist im Glaubensbekenntnis denjenigen, der lebendig macht.

    Noch deutlicher ist die Beteiligung der zweiten göttlichen Person am Schöpfungswerk. Im schon erwähnten Kolosserhymnus heißt es über Christus: „Denn in ihm wurde alles erschaffen […] alles ist durch ihn und auf ihn erschaffen.“ (Kol 1, 16) Dies ist theologisch ja auch ganz einleuchtend: Christus ist das Wort, der Lógos (vgl. Joh 1, 1 f.) und „alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist“ (Joh 1, 3). Und der biblische Schöpfergott muss im Gegensatz zu den Göttern des Vorderen Orients nicht kämpfen, um die Welt zu erschaffen, sondern er spricht (vgl. Gen 1, 3.6 etc.). Für die christliche Theologie ist es deshalb Christus, das

    Im Gegensatz zu anderen Darstellungen ist er hier sitzend gezeigt, mit der Schöpfung im Schoß. Natürlich ist das kein Zufall. Der Maler hat hier ausdrücken wollen, dass die Schöpfung nicht nur durch Gottes Hände gestaltet wurde, sondern dass sie aus Gott geboren ist. Die Welt ist keine Kopfgeburt und kein Hand-Werk, sie stammt aus der Mitte der Liebe Gottes. Sie steht in Beziehung zu ihrem Schöpfer, aber sie ist auch ein Werk der Beziehung Gottes in sich, der Liebe zwischen Vater, Sohn und Geist. Gerade deshalb ist die Beteiligung aller drei göttlichen Personen so wichtig.

    Mandorla und Engel

    Die Christusfigur wird von einem mehrfachen Rahmen in der Form eines ovalen Vierpasses umgeben. Ohne Zweifel ist hiermit die gotische Form der Mandorla gemeint, eine Art Ganzkörpernimbus, mit dem Christus herausgehoben wird und der seine göttliche Herrlichkeit unterstreicht. Dementsprechend ist sowohl innen als auch außen Blattgold aufgebracht, das mit Ornamenten ziseliert wurde.

    Auffällig ist, dass in allen vier Ecken Engel gemalt wurden, die in seltsamen Verrenkungen mit ihren Flügeln, Füßen und Gewandzipfeln die Eckfelder möglichst gut ausfüllen. Alle halten mit beiden Händen die Mandorla und schauen zu Christus hinauf bzw. herunter.

    Wir haben hier keine Maiestas Domini vor uns, dazu müssten die vier Engel durch die vier (apokalyptischen) Wesen (vgl. Ez 1, 5–10) ersetzt werden und als Thronassistenten einer Theophanie (Gotteserscheinung) fungieren. Hier bezeugen die Engel die himmlische Herrlichkeit des Herrn, der die Welt ins Sein ruft und sich somit ein irdisches Gegenüber schafft. Sie ist sein Werk, von ihm geplant und geschaffen, sie entspringt seinem Willen und seinem Können. Sie ist aus ihm geboren und somit der ideale Lebensraum für die Menschen als Ebenbild Gottes (vgl. Gen 1, 27). Sie werden das eigentliche Gegenüber Gottes sein, Produkt und Ziel seiner Liebe, und zu ihrer Erlösung wird Christus in dieser Welt als Mensch geboren werden.

    Heinz Detlef Stäps

    aus der Mitte Gottes kommt alles was ist

    er ist die Mitte der Welt

    wer sich finden will muss Gott

    suchen

    in der Mitte der eigenen Seele

    Heinz Detlef Stäps

    Quelle: Magnificat. Das Stundenbuch (Monatsausgabe Juli 2025), Verlag Butzon & Bercker, Kevelaer, Online-Ausgabe, S. 10–16.

  • Petrus und der Papst

    Du darfst nie über den Glauben anderer urteilen! Bist du gläubig, so danke Gott dafür, der dir das ohne dein Verdienst geschenkt hat.

    Gedanken zum Evangelium, von Kardinal Christoph Schönborn, am Sonntag, 29. Juni, 2025 (Matthäus 16,13-19).

    Selten war so viel die Rede vom Papst wie in den letzten Wochen. Der Tod von Papst Franziskus am Tag nach Ostern, nach seinem letzten Segen „Urbi et orbi“, für die Stadt Rom und den ganzen Erdkreis. Am 8. Mai die Wahl von Leo XIV., dem ersten US-Amerikaner auf den Bischofsstuhl von Rom. Heute, am 29. Juni, wird das Fest der Apostel Petrus und Paulus gefeiert. Sie gelten als die Säulen der Kirche Roms. Mit ihnen hat alles begonnen, was heute noch Rom zum Zentrum der katholischen Kirche macht. Die beiden gehören untrennbar zusammen, auch wenn sie sehr verschieden waren. Gemeinsam ist ihnen, dass sie beide wegen ihres Glaubens an Christus im Jahr 67 den Märtyrertod gestorben sind, Paulus durch Enthauptung, Petrus durch Kreuzigung im Zirkus des Nero, dort, wo heute der Petersdom steht. Ich kann allen Romreisenden nur wärmstens empfehlen, die Ausgrabungen unter dem Petersdom zu besuchen. Eindrücklicher kann man nicht erahnen, wo und wie das bescheidene Grab des Petrus war, am Ende einer Gräberstraße, genau dort, wo sich heute, über diesem Grab, die gewaltige Kuppel des Petersdoms erhebt. Es gibt wohl wenige Orte auf der Welt, an denen man zweitausend Jahre ununterbrochener Geschichte als Gegenwart erleben kann, kein Museum, sondern lebendiges Heute.

    Wie hat alles angefangen? Davon spricht das heutige Evangelium. Es entschlüsselt auch das, was man das Geheimnis von Petrus und Paulus bezeichnen kann. Matthäus, der ehemalige Zöllner, den Jesus berufen hat, war Augenzeuge. Ganz im Norden von Galiläa, wo Jesus mit seinen Jüngern alleine ist, stellt er ihnen die ganz persönliche Frage: „Wer sagt ihr, dass ich bin?“ (so die wörtliche Übersetzung). Die Antwort des Simon Petrus ist bis heute die Grundaussage des Christentums: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Sie ist Grundstein und Stein des Anstoßes zugleich. Wegen dieses Bekenntnisses ist Petrus gekreuzigt worden. Wegen ihm ist er der Fels, auf dem Christus seine Kirche zu bauen versprochen hat.

    Die Heiligen Petrus und Paulus auf dem Altarblatt des Steinmetz Altars im nördlichen Langhaus des Wiener Stephansdoms *.

    Doch sehen wir uns das genauer an, um Missverständnisse zu vermeiden. Auf die Antwort des Petrus gibt Jesus ihm drei Verheißungen. Sind sie eingetreten? Haben sie sich bewahrheitet? Die erste Verheißung ist die wichtigste: „Selig bist du, Simon Barjona, denn nicht Fleisch und Blut haben dir das geoffenbart, sondern mein Vater im Himmel.“ Was für Petrus gilt, gilt bis heute: An Jesus zu glauben, ihn als Christus, als Sohn Gottes zu erkennen, ist nicht Ergebnis unserer eigenen Überlegungen. Der Glaube ist Geschenk Gottes. Daraus folgt: Du darfst nie über den Glauben anderer urteilen! Bist du gläubig, so danke Gott dafür, der dir das ohne dein Verdienst geschenkt hat.

    Die zweite Verheißung ist eine ebenso wichtige Klarstellung: „Du bist Petrus – der Fels – und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.“ Es ist nicht deine Kirche, lieber Petrus, sondern meine, sagt Jesus überdeutlich. Nicht du wirst sie bauen, sondern ich selber! Wo immer wir „Kirchenleute“ das vergessen und so tun, als wäre sie unsere eigene „Firma“, verraten wir das Wesen der Kirche.

    Daher der große Trost der dritten Verheißung: „Die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.“ Unzerstörbar ist sie nicht wegen ihres „Bodenpersonals“, sondern weil Christus sie immer von innen her erneuert durch seinen Geist. Die zweitausendjährige Geschichte der Kirche und der Päpste lebt aus dieser Kraft der Erneuerung, die von Christus ausgeht. Dem Petrus hat Jesus die Schlüssel des Himmelreichs nur anvertraut. Es sind nämlich die Schlüssel Jesu.

    Quelle: Predigten von Kardinal Schönborn auf der Homepage der EDW

    * Der „Steinmetzaltar“ gehört zu den ältesten barocken Altären des Domes. Er wurde 1677 von den bürgerlichen Steinmetzen beauftragt und ist der einzige Barockaltar, der nicht aus Stein, sondern aus Holz angefertigt wurde; die täuschende Wirkung ist nur gemalt.

    Das Hauptbild stammt von Tobias Pockh, ein Maler aus Konstanz, der 1647 nach Wien berufen wurde, um gemeinsam mit seinem Bruder Johann den Hochaltar von St. Stephan zu errichten. Das Altarblatt zeigt die beiden Apostelfürsten Petrus und Paulus, die von einem Engel gekrönt werden.

    Die rahmenden Heiligen, Leopold III. von Österreich und Kaiser Heinrich II., waren Gründer und Bauherren zahlreicher Kirchen und damit für die Bauleute von großer Bedeutung.

    Quelle: „Unser Stephansdom“ – Verein zur Erhaltung des Stephansdoms, Nr. 136 / Juni 2022