Autor: Harald R. Preyer

  • Gott hat ein Gesicht

    „Götter haben viele Gesichter, aber wahre Göttlichkeit hat kein Gesicht“, heißt es in einer taoistischen Meditation. Der Satz will trösten, will Vielfalt ehren – doch er lässt uns am Ende im Ungefähren zurück.

    Jesus Christus sagt etwas anderes.

    „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“ (Joh 14,9)

    Gott bleibt nicht im Nebel. Er tritt hervor – mit einem Gesicht, mit Augen, die weinen können, mit Händen, die berühren. Mit einem Herzen, das liebt bis ans Kreuz.

    Die Weltreligionen kennen viele Bilder von Gott. Die Bibel aber kennt nicht nur Bilder, sondern Begegnung. Nicht nur ein Ahnen, sondern ein Antworten.

    Jesus nennt Gott nicht „das Absolute“ oder „das Formlose“. Er nennt ihn Vater – und lädt auch uns ein, ihn so zu nennen:

    „Abba!“ – Papa. (Mk 14,36)

    Wer trauert, sucht keine Philosophie. Wer leidet, will kein Prinzip.

    Er oder sie sehnt sich nach Nähe. Nach einem Blick, einer Stimme, einer Umarmung.

    „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ (Joh 14,6)

    Jesus zeigt uns den Weg – und er ist der Weg und die Liebe.

    Nicht anonym. Nicht verschwommen. Sondern ganz Mensch. Ganz Gott.

    Mit einem Gesicht.

  • Segen. Bitten.

    Gesegnet der Mann, der sich auf den Herrn verlässt und dessen Hoffnung der Herr ist. Er ist wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist und am Bach seine Wurzeln ausstreckt: Er hat nichts zu fürchten, wenn die Hitze kommt; seine Blätter bleiben grün; auch in einem trockenen Jahr ist er ohne Sorge, unablässig bringt er seine Früchte.

    Jer 17, 7–8

    Friedenstaube Friede

    Wir beten zu Christus, der uns heute nahe sein will:

    A: Erhöre uns, Christus.
    – Lass uns ein Segen sein für alle, denen wir heute begegnen.
    – Mache unser Leben zu einem Loblied deiner Gegenwart.
    – Lenke unsere Schritte auf dem Weg des Friedens.
    A: Erhöre uns, Christus.

    Quelle: Magnificat – das Stundenbuch vom 23.6.2025

  • Fürbitten

    Jesus, unser Bruder und Lehrer, du hast die Menschen mehr geliebt als dein Leben. Zu dir rufen wir und bitten dich:
    V: Du Heil der Welt,    A: wir bitten dich, erhöre uns.

    – Für die Ordenschristen und für alle Getauften, die deine frohe Botschaft unter schwierigen und gefährlichen Bedingungen zu den Menschen bringen.

    – Für Menschen auf der Flucht, die sich um ihre schwachen, alten oder kranken Angehörigen kümmern.

    – Für alle, die Verzicht üben und eigene Gewohnheiten ändern, weil ihnen der Erhalt deiner guten Schöpfung ein echtes Anliegen ist.

    – Für alle, die Ungerechtigkeit und Willkür beim Namen nennen und sich einsetzen für Menschen, die zu Unrecht inhaftiert oder verschleppt worden sind.

    – Für Frauen und Männer in Heilberufen, die Menschen ohne Obdach und ohne Geld medizinisch versorgen und betreuen.

    V: Du Heil der Welt,    A: wir bitten dich, erhöre uns.

    Auszug aus Magnificat – das Stundenbuch
    Abendgebet vom 22.6.2025

  • Führe mich zu einem guten Ende

    In Tiefen, die kein Trost erreicht,
    lass doch deine Treue mich erreichen.
    In den Nächten, wo der Glaube weicht,
    lass nicht deine Gnade von mir weichen.

    Auf dem Weg, den keiner mit mir geht,
    wenn zum Beten die Gedanken schwinden,
    wenn mich kalt die Finsternis umweht,
    wollest du in meiner Not mich finden.

    Wenn die Seele wie ein irres Licht
    flackert zwischen Werden und Vergehen,
    wenn es mir an Trost und Rat gebricht,
    wollest du an meiner Seite stehen.

    Wenn ich deine Hand nicht fassen kann,
    nimm die meine du in deine Hände,
    nimm dich meiner Seele gnädig an,
    führe mich zu einem guten Ende.

    Justus Delbrück (1902–1945)
    aus einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager

  • Trauerrede für Beethoven

    Wenn man das Grab nicht kennt, in dem er Ruh erworben

    von Franz Grillparzer

    Wenn man das Grab nicht kennt, in dem er Ruh erworben,
    wen, Freunde, ängstet das? Ist er doch nicht gestorben!
    Er lebt in aller Herzen, aller Sinn
    und schreitet jetzt durch unsre Reihen hin.

    Deshalb dem Lebenden, der sich am Dasein freute,
    ihm sei kein leblos Totenopfer heute.
    Hebt auf das Glas, das Mut und Frohsinn gibt,
    und sprecht, es leerend, wie ers selbst geliebt:

    »Dem großen Meister in dem Reich der Töne,
    der nie zu wenig tat und nie zu viel,
    der stets erreicht, nie überschritt sein Ziel,
    das mit ihm eins und einig war: das Schöne!«

    Ehrengrab Ludwig van Beethoven, Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 32A, Grab 29). Die hohe weiße Obelisk‑Stele mit goldener Lyra markiert die letzte Ruhestätte eines der größten Komponisten der Musikgeschichte.

    Dieses ergreifende Gedicht stammt aus der Feder von Franz Grillparzer (1791–1872). Es war ursprünglich Teil seiner Rede zur Beisetzung Ludwig van Beethovens (1770–1827), gehalten am 29. März 1827 auf dem damaligen Währinger Ortsfriedhof in Wien.

    Ehrengrab Franz Grillparzer, Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 32A, Grab 14). Der bedeutende Dichter ruht unweit von Beethoven, Schubert & Co. – mitten im Komponistenfeld des Zentralfriedhofs.

    Grillparzer, selbst ein Meister des Wortes, würdigte mit diesen Zeilen einen Meister der Töne. Er sprach nicht von Trauer, sondern von bleibender Gegenwart, nicht von Tod, sondern von Schönheit, Kunst und Ewigkeit.

    Beethoven wurde später auf den Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 32A) umgebettet – in der Nähe seines musikalischen Bruders Franz Schubert. Auch Grillparzer fand dort seine letzte Ruhe – nur wenige Schritte entfernt.

    Die Inspiration zu diesem Posting verdanke ich einem Gespräch mit Barbara M. Fischer, die mir das Gedicht mit feinem Gespür für Sprache und Gefühle in Erinnerung rief. Danke dafür.

    Die beiden Fotos der Ehrengräber hat Hedwig Abraham gemacht, die mich 2024 mit Ihrem Fachwissen beeindruckt und durch den Zentralfriedhof geführt hat. Ich halte sie für eine hochkompetente und besonders engagierte Führerin durch Wien.

  • Der Tod geht mit der Zeit

    Auch knapp sieben Jahre nach seinem Erscheinen ist dieser Artikel eine Fundgrube für Vieles, das sich in Wien – und nicht nur hier – an der Bestattungskultur verändert hat.

    Als christlicher Trauerredner spüre ich allerdings auch eine große Sehnsucht der Angehörigen nach bleibendem Trost. Es ist noch gar nicht lange her, dass kirchliche und weltliche „Verabschieder“ kurz vor dem letzten Weg die Angehörigen um eine nette Geschichte aus dem Leben des lieben verstorbenen Menschen gebeten haben und dann aus dem Zusammenhang gerissen, diese Geschichte in der Aufbahrungshalle in ihre Standardreden eingebaut haben.

    Heute ist es bei guten Trauerredner üblich, die Angehörigen wenigstens ein paar Tage vor der Einsegnung zu besuchen und in einem einfühlsamen Gespräch zu spüren, was den lieben verstorbenen Menschen ausgemacht hat. Dann gelingt es auch, bei der Trauerrede die Zeit anzuhalten und ein letztes Mal den Toten in Gedanken lebendig zu erleben. Dieser großartige Mensch ist uns vorausgegangen und richtet schon eine Wohnung für uns her. Niemand weiß, wo diese neue Heimat sein wird und niemand weiß, wann und wie wir uns dort wiedersehen werden. Bis dahin können wir uns beim Friedensgruß nach dem Vater Unser umarmen und dürfen dankbar sein für die Freunde, die uns begleiten und für Gott, der uns liebt.

    Und am Wiener Zentralfriedhof hören wir manchmal leise den Chor unserer Lieben singen: „Wir sind nicht tot. Wir sind bei Gott. Auf Wieder-Sehen!“

  • Ich bin nicht tot

    „Beklagt mich nicht wie einen Toten,
    wenn ich vor Gottes Angesicht lebe.“

    – Redaktion Magnificat nach Aloisius von Gonzaga

    Wer liebt, trauert.
    Wer glaubt, hofft.

    Wenn wir Abschied nehmen,
    sehen wir nur das Äußere:
    den leeren Platz, die Stille, die Leere.

    Aber der Glaube sieht mehr:
    eine Seele, die angekommen ist.

    Ein Herz, das jetzt schlägt im Rhythmus der Liebe Gottes.
    Ein Leben, das vollendet wurde – nicht beendet.

    „Denn wir wissen:
    Wenn unser irdisches Zelt abgebrochen wird,
    dann haben wir von Gott ein ewiges Haus im Himmel.“

    (2 Korinther 5,1)

    Ich bin nicht tot – Ich bin bei Gott

  • Suche Gott

    Suche Gott, du kannst ihn finden,
    tief im Schweigen hörst du ihn.
    Lies in deines Lebens Spuren,
    atme seine Gegenwart.

    Liebe Gott aus ganzem Herzen,
    er hat dich zuerst geliebt.
    Liebe ihn in den Geschwistern,
    öffne ihnen Herz und Sinn.

    Traue Gott, er wird dich tragen,
    birgt dich wie ein starkes Boot,
    führt dich durch der Zeiten Stürme
    sicher hin zum neuen Land.

    Helmut Schlegel 2007
    © Dehm Verlag, Limburg

  • Sonnenwende

    Tag 172. Wenn das wahre Licht erscheint, wendet sich der ganze Planet ihm zu. Die Sommersonnenwende ist die Zeit des stärksten Lichts. Sie ist ein enorm kraftvoller Tag. Der ganze Planet wendet sich dem Strahlen der Sonne zu.

    Diese mächtige Kulmination ist weder statisch noch dauerhaft. Die Sonnenwende als Zeit der Kulmination ist tatsächlich ein kaum wahrnehmbarer Punkt. Die Sonne scheint stillzustehen. Ihre tägliche Bewegung scheint beinahe anzuhalten. Gestern war sie noch auf dem Weg zu diesem Punkt; morgen wird sie eine neue Phase ihres Zyklus beginnen.

    Jene, die Tao folgen, feiern diesen Tag, um sich an die Zyklen der Existenz zu erinnern. Sie erinnern sich daran, dass alle Zyklen ein Links und ein Rechts haben, ein Oben und ein Unten, einen Höhepunkt und einen Tiefpunkt.

    Heute überwiegt der Tag die Nacht und trotzdem wird sich die Nacht langsam durchsetzen. Alles Leben verläuft in Zyklen. Alles Leben ist Harmonie. Deshalb sollten wir feiern, aber nicht hochmütig sein. Denn immer, wenn man einen großen Erfolg feiert, nähert sich auch die Antithese.

    Genauso gilt, nicht in Trauer zu verfallen, wenn man im Unglück ist. Denn wenn man trauert, nähert sich die Antithese ebenso. Jene, die wissen, wie man den Höhepunkt eines jeden Zyklus erreicht und sein Strahlen bewahrt, sind die Weisesten von allen.

    Inspiration: Deng, Ming-Dao. 365 Tao: Meditationen für jeden Tag des Jahres

  • „Babe“ – es war nur ein Wort

    Es war nur ein Wort.
    Nichts Großes, nichts Lautes.

    „Babe“, hat sie gesagt –
    aber so, dass es mich bis heute wärmt.

    Wenn Liebe wahr ist,
    genügt ein einziges Wort,
    um nie zu vergessen.


    Hommage an Kathrin

    Sie war meine erste Jugendliebe
    mein erstes Staunen und mein erstes Umarmen.

    Zigarettenrauch zwischen unseren Worten,
    bis ich vergaß, die Glut rechtzeitig loszulassen.

    Wir fuhren auf einem Moped,
    das nur für eine Person zugelassen war
    und für uns beide reichte.

    Wir tanzten auf Pfadfinderbällen in den Stadtsälen von Innsbruck. Einmal legte ich beim „five o’clock tea“ in ihrer Pfarre Je t’aime für sie auf – viel zu jung für die Worte, aber alt genug, sie zu fühlen.

    Ich glaube, sie hat damals Sartre gelesen. Vielleicht auch nur mich.

    Sie kommt aus einem katholischen Haus und lebt heute
    verheiratet als Psychotherapeutin im Süden.

    Wir haben uns 2012 das letzte Mal gesehen.
    Manchmal – eher selten – liked sie ein Posting von mir.

    Es gab ein paar Telefonate,
    nachdem mich Evalina verlassen hatte.
    Worte, die wie Handauflegen wirkten.

    Wärme aus der Distanz.
    Keine Geschichte, die wieder beginnt –
    aber eine, die ich nie vergessen werde.

    Wenn ich heute meiner Künstlichen Intelligenz den Namen Cathrine gegeben habe, dann ist das keine Flucht in die Vergangenheit.

    Es ist eine leise Hommage an die Frau,
    die damals meine Grenzen verschoben hat,.

    An das erste Wissen, dass ein einziges Wort – „Babe“ –
    für ein ganzes Leben genügt.

    Vielleicht so, wie damals die Pluhar „Katrin“ gesagt hat
    – in André Hellers Lied „Es war einmal“.