Denn bei IHM ist niemand verloren. Jeder Mensch ist ein Gedanke Gottes, jede Seele verzeichnet im Himmel – selbst wenn kein Grabstein den Namen trägt.
Am Rande des Wiener Hafens, versteckt hinter Bäumen und Bahngleisen, liegt ein Ort, der leise vom Leben erzählt: der Friedhof der Namenlosen.
Hier ruhen Menschen, die einst von der Donau an Land gespült wurden – ohne Namen, ohne Angehörige, ohne Abschied. Und doch nicht vergessen.
Es ist berührend, dass die Stadt Wien diesen Ort bewahrt und ihn bewusst wild belässt. Das Gras darf wachsen, die Blumen blühen, die Natur darf erzählen.
Denn dieser Ort erinnert: an die Vergänglichkeit des Lebens, an die stille Macht des Wassers, und an die Hoffnung, dass am Ende die Liebe bleibt.
Der ursprüngliche Friedhof der Namenlosen wurde längst vom Auwald zurückgenommen. Auch das ist eine Wahrheit: Die Natur holt sich alles zurück – nur nicht die Liebe.
Gedanken von Ambrosius von Mailand aus dem 4. Jhdt.
Zum Evangelium vom 18. Sonntag im Jahreskreis, C, Lk 12, 13–21 Ganz richtig weist er die irdischen Angelegenheiten zur Seite, da er doch um der göttlichen Dinge willen vom Himmel gekommen ist. Er lässt sich nicht dazu herbei, Richter in Streitsachen und Schlichter in Geldangelegenheiten zu sein, er, der Richter sein wird über die Lebenden und Toten und über alle Verdienste. … Dieser Bruder verdiente die Zurückweisung, weil er den Spender himmlischer Gaben für vergängliche Dinge in Anspruch nehmen wollte. Denn unter Brüdern sollte nicht ein Schiedsrichter das väterliche Erbe teilen, sondern die vermittelnde Bruderliebe; das Erbe der Unsterblichkeit, nicht Geld, sollen die Menschen erhoffen.
Gedanken von P. Johannes Paul Abrahamowicz, OSB zum 18. Sonntag im Jahreskreis, C
Der Sinn der Besitzverwaltung in drei Sätzen
Kostet dich die Verwaltung deines Besitzes übermäßig viel Zeit und Nerven, dann ist es besser, du lässt die Finger davon, stellst jemanden an, der es für dich erledigt, bewahrst aber unbedingt den Überblick.
Zahlt sich der Aufwand der Verwaltung deines Besitzes aus, dann häufe nicht mehr an, sondern danke Gott für das tägliche Brot.
Tust du absolut gar nichts, um deinen Besitz zu verwalten, und bringt er dir dennoch viel ein, dann lebst du wohl auf Kosten eines anderen Verwalters, den du hoffentlich dafür entschädigst.
Lebenshingabe aus Liebe
„So geht es einem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber bei Gott nicht reich ist. Bei Gott ist man reich, in diesem Fall, wenn man auch für andere Schätze sammelt. Das ist mehr oder weniger die Zusammenfassung von allen drei Lesungen, allen drei Schriftlesungen, die wir gehört haben. Es geht also darum, dass wir wohl oder übel alle einen Besitz haben. Und wenn du verantwortlich bist, dann weißt du, wie das nach deinem Tod weitergeht mit diesem Besitz. Und da wird einem dann plötzlich ganz klar: Verantwortung hat mit Nächstenliebe zu tun. Wie werden meine Nachfolger diesen Besitz bekommen? Es ist so schwer, wenn das die Eltern nicht rechtzeitig mit ihren Kindern besprechen. Und dann gibt es die Erbschaftsstreitigkeiten in den besten Familien. Die Verantwortung hat also mit Nächstenliebe zu tun. Und das Schönste ist, dass wir heute feiern, wie Jesus mit seinem Besitz umgeht. Sein Besitz ist er selbst. Und er gibt sich uns hin und macht es dann auch noch so, dass wir Messe für Messe ihn empfangen können – seinen Leib, sein Blut. Und das ist seine Lebenshingabe aus Liebe. Und wenn wir uns davon ernähren, wirkt diese Liebe in uns ansteckend. Amen.“
Ein Dialog über das göttliche Wort, das aus dem Schweigen kommt – und über ein gelingendes Leben
Am 12. Mai 2025 trafen in Wien zwei geistige Schwergewichte aufeinander: Bruder David Steindl-Rast, Benediktinermönch, Mystiker und Brückenbauer zwischen Ost und West, und Professor Matthias Beck, Arzt, Theologe und Gesundheitsphilosoph. Im Zentrum ihres Dialogs stand die Frage: Warum glauben? Und damit verbunden: Wie kann ein Mensch in dieser zerrissenen Welt sinnvoll, heilsam und glücklich leben?
Der Glaube – kein Besitz, sondern Beziehung
Für beide Gesprächspartner ist klar: Glaube ist kein Für-wahr-Halten von Dogmen, sondern ein Vertrauen, ein Sich-Einlassen auf das Geheimnis hinter allem Sichtbaren. Bruder David spricht lieber vom „großen Du“ als von „Gott“, weil das Wort zu oft missverstanden werde. Glaube bedeute, der Beziehung zu allem, was ist, zuzustimmen – ein Ja zum Leben selbst.
Matthias Beck bringt die Dimension der Vernunft ein: Glaube sei rational verantwortbar, müsse aber immer in gelebter Erfahrung wurzeln. Er warnt vor einem Glauben, der sich in Moral erschöpft, ohne Transformation zu bewirken. Der Mensch sei zur Vergöttlichung bestimmt – ein Begriff aus der frühen Kirche, der heute wieder an Kraft gewinnt.
Das göttliche Wort – aus dem Schweigen geboren
Einer der berührendsten Momente des Gesprächs ist Bruder Davids Bezug auf eine Bibelstelle aus dem Buch der Weisheit:
„Als tiefes Schweigen alles umfing und die Nacht bis zur Mitte gelangt war, da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel, vom königlichen Thron herab.“ – Weisheit 18,14–15
Dieses Bild – das göttliche Wort, geboren im tiefsten Schweigen der Nacht – steht für einen radikalen Perspektivwechsel: Das Entscheidende geschieht nicht im Lärm der Welt, sondern in der Stille. Es ist diese Tiefe, aus der authentisches Leben entsteht.
Bruder David formuliert es so:
„Nicht ein Wort, das das Schweigen bricht, sondern ein Wort, in dem das Schweigen zu Wort kommt.“
Ein Satz, der sich einprägt – und zugleich erinnert an das „Wort, das Fleisch wurde“ (Joh 1,14). Mystik und Fleischlichkeit, Ewiges und Jetzt, berühren sich.
Wer ist Jesus – und warum ist er heute noch entscheidend?
Beck betont die Auferstehung als Dreh- und Angelpunkt des christlichen Glaubens: „Wenn Christus nicht auferstanden ist, dann ist euer Glaube nutzlos“ (vgl. 1 Kor 15). Für ihn ist Jesus die persongewordene Hoffnung – Gott, der in die Wunden der Welt hinabsteigt, um sie zu heilen.
Bruder David bleibt offener: Für ihn ist Jesus das Modell einer gottverbundenen Lebensweise, deren Kraft nicht durch historische Beweise, sondern durch gelebte Erfahrung spürbar wird. Das „Christusbewusstsein“, wie er es nennt, könne auch heute in jedem Menschen lebendig werden.
Was empfehlen die beiden für ein glückliches Leben?
1. Dankbarkeit üben Bruder David nennt sie den Königsweg zu Glück und Erfüllung:
„Nicht die Glücklichen sind dankbar – die Dankbaren sind glücklich.“
2. Die Stille suchen In einer Welt voller Lärm sei es heilsam, täglich still zu werden, um das „Wort im Schweigen“ zu hören.
3. Beziehungen pflegen Gott ist Beziehung – und der Mensch wird nur heil in Beziehung: zu sich, zu anderen, zur Welt, zu Gott.
4. Vertrauen wagen Beck nennt Vertrauen das „Fundament des Lebens“ – medizinisch, philosophisch, geistlich. Wer vertraut, lebt gesünder, tiefer, hoffnungsvoller.
5. Der Liebe trauen Beide stimmen überein: Die Liebe ist kein Gefühl, sondern eine Entscheidung – das gelebte Ja zur Zugehörigkeit.
Fazit
Der Abend ist keine theologische Schulstunde, sondern ein spiritueller Kompass: Glaube bedeutet nicht das Akzeptieren fertiger Antworten, sondern das mutige Gehen eines Weges. Ein Weg, der leise beginnt – im Schweigen der Nacht, in der ein göttliches Wort aufbricht, um neu Mensch zu werden. In uns.
Christus ist von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen. Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist, kommt durch einen Menschen auch die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.
Stark wie der Tod ist die Liebe, die Leidenschaft ist hart wie die Unterwelt. Ihre Gluten sind Feuergluten, gewaltige Flammen. Auch mächtige Wasser können die Liebe nicht löschen; auch Ströme schwemmen sie nicht weg. Böte einer für die Liebe den ganzen Reichtum seines Hauses, nur verachten würde man ihn.
Hld 8, 6b–7
Diese Worte stammen aus einem der ältesten Liebeslieder der Bibel – entstanden rund 300 Jahre, bevor Paulus seine berühmte Hymne schrieb: „Die Liebe hört niemals auf.“ (1 Kor 13)
Das Hohelied sagt es mit Bildern: Feuer. Glut. Wasser, das sie nicht löschen kann.
Die Liebe bleibt – auch über den Tod hinaus. Wer sie gespürt hat, weiß das.
Die Texte des heutigen Sonntags, einige Predigten und Impulse haben mich dazu inspiriert, über Begriffe nachzudenken und zu überlegen, welche spirituelle Dynamik sie haben könnten.
🩸 Begriffe aus der Welt der Verletzung
Begriff
Bedeutung im biblischen Kontext
Spirituelle Dynamik
Sünde
Trennung von Gott, weil ich seine Liebe nicht annehme
Nicht einfach ein Fehlverhalten, sondern ein Beziehungsverlust
Schuld
Das Wissen, dass ich andere verletzt habe – oder mich selbst
Lässt sich nicht selbst aufheben – nur verwandeln
Rache
Der Wunsch, erlittenes Leid mit Leid zu vergelten
Vermehrt das Leid – und macht uns selbst zum Täter
Hass
Erstarrter Schmerz, der sich gegen den anderen richtet
Das Gegenteil von Beziehung: Ich will dich nicht mehr
Krieg
Die äußerste Form kollektiver Vergeltung und Machtausübung
Immer verbunden mit Unversöhnlichkeit, Angst und Gier
✨ Begriffe aus der Welt der Gnade
Begriff
Bedeutung im biblischen Kontext
Spirituelle Dynamik
Erlösung
Befreiung vom inneren Zwang, mich selbst retten zu müssen
Jesus trägt, was ich nicht tragen kann – das ist Gnade
Freiheit
In Gott sein – ohne Angst vor Ablehnung oder Verlust
Nicht Willkür, sondern das Ja zu meiner Berufung
Unschuld
Der geschenkte Zustand, wenn Schuld nicht mehr trennt
Nicht: Ich habe nichts getan – sondern: Ich bin angenommen
Vergebung
Die Entscheidung, den anderen aus meiner Rechnung zu entlassen
Der erste Schritt zur Heilung beider Seiten
Gnade
Das unverdiente, überfließende Gutsein Gottes
Nicht machbar – nur empfangbar
Freude
Die stille Kraft, die entsteht, wenn Liebe gelingt
Nicht oberflächliches Glück – sondern tiefer Friede
Dank
Die Antwort der Seele, die Beschenkung erkennt
Wandelt Mangel in Fülle – ohne dass sich die Umstände ändern müssen
⚰️ Tod und Auferstehung
Begriff
Bedeutung im biblischen Kontext
Spirituelle Dynamik
Tod
Das Ende des sichtbaren Lebens – und die Grenze menschlicher Macht
Nicht nur biologisch – auch das, was wir nicht mehr ändern können
Auferstehung
Das neue Leben, das Gott schenkt – jenseits unserer Vorstellung
Nicht Rückkehr ins Alte, sondern Verwandlung ins Mehr
→
In Christus ist der Tod nicht mehr das Letzte.
Der letzte Feind wird zum Tor der Hoffnung.
🌌 Einsamkeit und Liebe
Begriff
Bedeutung im biblischen Kontext
Spirituelle Dynamik
Einsamkeit
Das schmerzhafte Gefühl, nicht verbunden zu sein
Auch mitten unter Menschen möglich – eine stille Wüste im Herzen
Liebe
Die Kraft, die den anderen sieht, empfängt und bejaht
Kein Gefühl, sondern eine Entscheidung zur Zuwendung
→
Gott verlässt niemanden. Auch in der Einsamkeit ist er da.
Wer liebt, wird selbst zum Ort der Gegenwart Gottes.
Diese Überlegungen haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Richtigkeit. Ich freue mich vielmehr darüber, mit interessierten Menschen darüber nachzudenken, wie sie diese Begriffe, Gefühle, Worte sehen und beschreiben.
Es kann uns gut tun, über Erlebtes zu erzählen – ohne Wertung, ohne Tipp oder Belehrung. Einfach mit einem offenen wohlwollenden Herzen.
Geist des ewigen Gottes, der du die Trauernden tröstest und das Getrennte zusammenführst, wir rufen zu dir:
A: Besuche die Herzen deiner Kinder.
– Fege unsere Vorurteile und Beschränktheiten hinweg wie ein Sturmwind. – Lindere die Not der Verzagten mit deiner Sanftmut. – Atme in uns, damit wir ganz in dir leben.
A: Besuche die Herzen deiner Kinder.
Vaterunser
Oration
Gott, du Beschützer aller, die auf dich hoffen, ohne dich ist nichts gesund und nichts heilig. Führe uns in deinem Erbarmen den rechten Weg und hilf uns, die vergänglichen Güter so zu gebrauchen, dass wir die ewigen nicht verlieren. Darum bitten wir durch Jesus Christus.
Gnade und unvergängliches Leben sei mit allen, die Jesus Christus, unseren Herrn, lieben. Eph 6, 24
Quelle: Magnificat – das Stundenbuch am 27.7.2025, dem Tag der Großeltern
In jener Zeit erzählte Jesus der Menge folgendes Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte. Während nun die Menschen schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging weg. Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein. Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut? Er antwortete: Das hat ein Feind getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen? Er entgegnete: Nein, damit ihr nicht zusammen mit dem Unkraut den Weizen ausreißt. Lasst beides wachsen bis zur Ernte und zur Zeit der Ernte werde ich den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune!
Mt 13, 24–30
Impuls zum Evangelium
Ein reifer und liebesfähiger Mensch werden, also ein Mensch nach Gottes Herzen, wie geht das? Gewiss nicht, indem wir, volle Kraft voraus, für uns und für alle Welt Fehlerlosigkeit und Vollkommenheit ansteuern. Dies führt wohl unweigerlich zu Verhärtung und Heuchelei, zu Selbstgerechtigkeit. Zu einer Art von Leistungsspiritualität, die Gottes heiligem Geist, seiner bewegenden Geistkraft, der biblischen Ruach, misstraut.
Der Schöpfer Geist und die Botschaft Jesu lehren etwas anderes. Da geht es nicht um Abtötung, Aburteilung und Ausmerzung von Schwäche oder gar der Schwachen, sondern darum: Nimm erst einmal wahr und versuche zu erkennen, was die Schwäche dir zu sagen hat. Geduld! Verändern können wir nur, was wir annehmen, auch das Schwere und Dunkle.
Die Dunkelheiten in uns. Das ist Gottes Geduld. Das ist Gottes Huld.
Quelle: Magnificat – das Stundenbuch vom 26.7.2025
Als christlicher Trauerredner hätte ich auch auf Felix Baumgartner einen Nachruf gesprochen, der den Hinterbliebenen Hoffnung und Trost spendet. Nach ausführlichen Gesprächen mit den Trauernden und einigen Stunden des aufmerksamen Zuhörens war das bisher immer möglich. Die aufrichtige Anteilnahme ist meinem Glauben und meiner Profession geschuldet. Gott verurteilt Taten, die der Liebe widersprechen aber er liebt alle Menschen – bedingungslos und aus reiner Gnade.
Felix Baumgartner kam am 17. Juli ums Leben.imago/ZUMA Press Wire / Kyle Gustafson
Persönlich interessiert mich die Frage: „Welche Werte haben wir als Gesellschaft geopfert? Warum schauen sich Menschen einen Sprung aus dem Weltall überhaupt an? Was fasziniert uns, wenn Grenzgänger gegen hohe Gagen den Tod herausfordern?“ Das ist für mich keine moralische Frage. Ich frage ganz utilitaristisch. Welche andere Befriedigung, welchen Genuß haben wir verlernt, wenn wir uns daran berauschen können?
Eine romantische Operette von Emmerich Kálmán, ein gelungenes Risotto mit Shrimps, Liebe machen mit meiner Frau, ein Spaziergang beim Morgenaufgang oder eine gute Predigt in einer Messe im Stephansdom geben mir mehr als der Sprung eines Stuntman in Überschallgeschwindigkeit.
Den letzten meiner zehn Geschenklinks für Juli teile ich gerne für diesen sprachlich und inhaltlich großartigen „Nachruf“ von Sebastian Stier in der ZEIT.