Autor: Harald R. Preyer

  • Warum glauben?

    Ein Dialog über das göttliche Wort, das aus dem Schweigen kommt – und über ein gelingendes Leben

    Am 12. Mai 2025 trafen in Wien zwei geistige Schwergewichte aufeinander: Bruder David Steindl-Rast, Benediktinermönch, Mystiker und Brückenbauer zwischen Ost und West, und Professor Matthias Beck, Arzt, Theologe und Gesundheitsphilosoph. Im Zentrum ihres Dialogs stand die Frage: Warum glauben? Und damit verbunden: Wie kann ein Mensch in dieser zerrissenen Welt sinnvoll, heilsam und glücklich leben?

    Der Glaube – kein Besitz, sondern Beziehung

    Für beide Gesprächspartner ist klar: Glaube ist kein Für-wahr-Halten von Dogmen, sondern ein Vertrauen, ein Sich-Einlassen auf das Geheimnis hinter allem Sichtbaren. Bruder David spricht lieber vom „großen Du“ als von „Gott“, weil das Wort zu oft missverstanden werde. Glaube bedeute, der Beziehung zu allem, was ist, zuzustimmen – ein Ja zum Leben selbst.

    Matthias Beck bringt die Dimension der Vernunft ein: Glaube sei rational verantwortbar, müsse aber immer in gelebter Erfahrung wurzeln. Er warnt vor einem Glauben, der sich in Moral erschöpft, ohne Transformation zu bewirken. Der Mensch sei zur Vergöttlichung bestimmt – ein Begriff aus der frühen Kirche, der heute wieder an Kraft gewinnt.

    Das göttliche Wort – aus dem Schweigen geboren

    Einer der berührendsten Momente des Gesprächs ist Bruder Davids Bezug auf eine Bibelstelle aus dem Buch der Weisheit:

    „Als tiefes Schweigen alles umfing und die Nacht bis zur Mitte gelangt war, da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel, vom königlichen Thron herab.“
    – Weisheit 18,14–15

    Dieses Bild – das göttliche Wort, geboren im tiefsten Schweigen der Nacht – steht für einen radikalen Perspektivwechsel: Das Entscheidende geschieht nicht im Lärm der Welt, sondern in der Stille. Es ist diese Tiefe, aus der authentisches Leben entsteht.

    Bruder David formuliert es so:

    „Nicht ein Wort, das das Schweigen bricht, sondern ein Wort, in dem das Schweigen zu Wort kommt.“

    Ein Satz, der sich einprägt – und zugleich erinnert an das „Wort, das Fleisch wurde“ (Joh 1,14). Mystik und Fleischlichkeit, Ewiges und Jetzt, berühren sich.

    Wer ist Jesus – und warum ist er heute noch entscheidend?

    Beck betont die Auferstehung als Dreh- und Angelpunkt des christlichen Glaubens: „Wenn Christus nicht auferstanden ist, dann ist euer Glaube nutzlos“ (vgl. 1 Kor 15). Für ihn ist Jesus die persongewordene Hoffnung – Gott, der in die Wunden der Welt hinabsteigt, um sie zu heilen.

    Bruder David bleibt offener: Für ihn ist Jesus das Modell einer gottverbundenen Lebensweise, deren Kraft nicht durch historische Beweise, sondern durch gelebte Erfahrung spürbar wird. Das „Christusbewusstsein“, wie er es nennt, könne auch heute in jedem Menschen lebendig werden.

    Was empfehlen die beiden für ein glückliches Leben?

    1. Dankbarkeit üben
    Bruder David nennt sie den Königsweg zu Glück und Erfüllung:

    „Nicht die Glücklichen sind dankbar – die Dankbaren sind glücklich.“

    2. Die Stille suchen
    In einer Welt voller Lärm sei es heilsam, täglich still zu werden, um das „Wort im Schweigen“ zu hören.

    3. Beziehungen pflegen
    Gott ist Beziehung – und der Mensch wird nur heil in Beziehung: zu sich, zu anderen, zur Welt, zu Gott.

    4. Vertrauen wagen
    Beck nennt Vertrauen das „Fundament des Lebens“ – medizinisch, philosophisch, geistlich. Wer vertraut, lebt gesünder, tiefer, hoffnungsvoller.

    5. Der Liebe trauen
    Beide stimmen überein: Die Liebe ist kein Gefühl, sondern eine Entscheidung – das gelebte Ja zur Zugehörigkeit.


    Fazit

    Der Abend ist keine theologische Schulstunde, sondern ein spiritueller Kompass: Glaube bedeutet nicht das Akzeptieren fertiger Antworten, sondern das mutige Gehen eines Weges. Ein Weg, der leise beginnt – im Schweigen der Nacht, in der ein göttliches Wort aufbricht, um neu Mensch zu werden. In uns.

  • Auferstehung der Toten

    Christus ist von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen. Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist, kommt durch einen Menschen auch die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.

    1 Kor 15, 20–22

  • Stark wie der Tod ist die Liebe

    Stark wie der Tod ist die Liebe, die Leidenschaft ist hart wie die Unterwelt. Ihre Gluten sind Feuergluten, gewaltige Flammen. Auch mächtige Wasser können die Liebe nicht löschen; auch Ströme schwemmen sie nicht weg. Böte einer für die Liebe den ganzen Reichtum seines Hauses, nur verachten würde man ihn.

    Hld 8, 6b–7

    Diese Worte stammen aus einem der ältesten Liebeslieder der Bibel – entstanden rund 300 Jahre, bevor Paulus seine berühmte Hymne schrieb: „Die Liebe hört niemals auf.“ (1 Kor 13)

    Das Hohelied sagt es mit Bildern:
    Feuer. Glut. Wasser, das sie nicht löschen kann.

    Die Liebe bleibt – auch über den Tod hinaus.
    Wer sie gespürt hat, weiß das.

  • Sein

    Ob bei all dem STREBEN – Platz bleibt für das LEBEN?
    Wer dankbar im AUGENBLICK ist – lebt in LIEBE.
    Wer dauernd strebt – strebt ihr vielleicht davon?

  • Gedanken zu Gnade und Liebe

    Die Texte des heutigen Sonntags, einige Predigten und Impulse haben mich dazu inspiriert, über Begriffe nachzudenken und zu überlegen, welche spirituelle Dynamik sie haben könnten.

    🩸 Begriffe aus der Welt der Verletzung

    BegriffBedeutung im biblischen KontextSpirituelle Dynamik
    SündeTrennung von Gott, weil ich seine Liebe nicht annehmeNicht einfach ein Fehlverhalten, sondern ein Beziehungsverlust
    SchuldDas Wissen, dass ich andere verletzt habe – oder mich selbstLässt sich nicht selbst aufheben – nur verwandeln
    RacheDer Wunsch, erlittenes Leid mit Leid zu vergeltenVermehrt das Leid – und macht uns selbst zum Täter
    HassErstarrter Schmerz, der sich gegen den anderen richtetDas Gegenteil von Beziehung: Ich will dich nicht mehr
    KriegDie äußerste Form kollektiver Vergeltung und MachtausübungImmer verbunden mit Unversöhnlichkeit, Angst und Gier

    ✨ Begriffe aus der Welt der Gnade

    BegriffBedeutung im biblischen KontextSpirituelle Dynamik
    ErlösungBefreiung vom inneren Zwang, mich selbst retten zu müssenJesus trägt, was ich nicht tragen kann – das ist Gnade
    FreiheitIn Gott sein – ohne Angst vor Ablehnung oder VerlustNicht Willkür, sondern das Ja zu meiner Berufung
    UnschuldDer geschenkte Zustand, wenn Schuld nicht mehr trenntNicht: Ich habe nichts getan – sondern: Ich bin angenommen
    VergebungDie Entscheidung, den anderen aus meiner Rechnung zu entlassenDer erste Schritt zur Heilung beider Seiten
    GnadeDas unverdiente, überfließende Gutsein GottesNicht machbar – nur empfangbar
    FreudeDie stille Kraft, die entsteht, wenn Liebe gelingtNicht oberflächliches Glück – sondern tiefer Friede
    DankDie Antwort der Seele, die Beschenkung erkenntWandelt Mangel in Fülle – ohne dass sich die Umstände ändern müssen

    ⚰️ Tod und Auferstehung

    BegriffBedeutung im biblischen KontextSpirituelle Dynamik
    TodDas Ende des sichtbaren Lebens – und die Grenze menschlicher MachtNicht nur biologisch – auch das, was wir nicht mehr ändern können
    AuferstehungDas neue Leben, das Gott schenkt – jenseits unserer VorstellungNicht Rückkehr ins Alte, sondern Verwandlung ins Mehr
    In Christus ist der Tod nicht mehr das Letzte.Der letzte Feind wird zum Tor der Hoffnung.

    🌌 Einsamkeit und Liebe

    BegriffBedeutung im biblischen KontextSpirituelle Dynamik
    EinsamkeitDas schmerzhafte Gefühl, nicht verbunden zu seinAuch mitten unter Menschen möglich – eine stille Wüste im Herzen
    LiebeDie Kraft, die den anderen sieht, empfängt und bejahtKein Gefühl, sondern eine Entscheidung zur Zuwendung
    Gott verlässt niemanden. Auch in der Einsamkeit ist er da.Wer liebt, wird selbst zum Ort der Gegenwart Gottes.

    Diese Überlegungen haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Richtigkeit. Ich freue mich vielmehr darüber, mit interessierten Menschen darüber nachzudenken, wie sie diese Begriffe, Gefühle, Worte sehen und beschreiben.

    Es kann uns gut tun, über Erlebtes zu erzählen – ohne Wertung, ohne Tipp oder Belehrung. Einfach mit einem offenen wohlwollenden Herzen.

  • Bitten

    Geist des ewigen Gottes, der du die Trauernden tröstest und das Getrennte zusammenführst, wir rufen zu dir:

    A: Besuche die Herzen deiner Kinder.

    – Fege unsere Vorurteile und Beschränktheiten hinweg wie ein Sturmwind.
    – Lindere die Not der Verzagten mit deiner Sanftmut.
    – Atme in uns, damit wir ganz in dir leben.

    A: Besuche die Herzen deiner Kinder.

    Vaterunser

    Oration

    Gott, du Beschützer aller, die auf dich hoffen, ohne dich ist nichts gesund und nichts heilig. Führe uns in deinem Erbarmen den rechten Weg und hilf uns, die vergänglichen Güter so zu gebrauchen, dass wir die ewigen nicht verlieren. Darum bitten wir durch Jesus Christus.

    Gnade und unvergängliches Leben sei mit allen, die Jesus Christus, unseren Herrn, lieben.
    Eph 6, 24

    Quelle: Magnificat – das Stundenbuch am 27.7.2025, dem Tag der Großeltern

  • Dunkelheiten in uns

    In jener Zeit erzählte Jesus der Menge folgendes Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte. Während nun die Menschen schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging weg.
    Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein. Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut? Er antwortete: Das hat ein Feind getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen?
    Er entgegnete: Nein, damit ihr nicht zusammen mit dem Unkraut den Weizen ausreißt. Lasst beides wachsen bis zur Ernte und zur Zeit der Ernte werde ich den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune!


    Mt 13, 24–30


    Impuls zum Evangelium

    Ein reifer und liebesfähiger Mensch werden, also ein Mensch nach Gottes Herzen, wie geht das? Gewiss nicht, indem wir, volle Kraft voraus, für uns und für alle Welt Fehlerlosigkeit und Vollkommenheit ansteuern. Dies führt wohl unweigerlich zu Verhärtung und Heuchelei, zu Selbstgerechtigkeit. Zu einer Art von Leistungsspiritualität, die Gottes heiligem Geist, seiner bewegenden Geistkraft, der biblischen Ruach, misstraut.

    Der Schöpfer Geist und die Botschaft Jesu lehren etwas anderes. Da geht es nicht um Abtötung, Aburteilung und Ausmerzung von Schwäche oder gar der Schwachen, sondern darum: Nimm erst einmal wahr und versuche zu erkennen, was die Schwäche dir zu sagen hat. Geduld! Verändern können wir nur, was wir annehmen, auch das Schwere und Dunkle.

    Die Dunkelheiten in uns. Das ist Gottes Geduld. Das ist Gottes Huld.

    Quelle: Magnificat – das Stundenbuch vom 26.7.2025

  • Nachruf auf Felix?

    Als christlicher Trauerredner hätte ich auch auf Felix Baumgartner einen Nachruf gesprochen, der den Hinterbliebenen Hoffnung und Trost spendet. Nach ausführlichen Gesprächen mit den Trauernden und einigen Stunden des aufmerksamen Zuhörens war das bisher immer möglich. Die aufrichtige Anteilnahme ist meinem Glauben und meiner Profession geschuldet. Gott verurteilt Taten, die der Liebe widersprechen aber er liebt alle Menschen – bedingungslos und aus reiner Gnade.

    Felix Baumgartner kam am 17. Juli ums Leben.imago/ZUMA Press Wire / Kyle Gustafson

    Persönlich interessiert mich die Frage: „Welche Werte haben wir als Gesellschaft geopfert? Warum schauen sich Menschen einen Sprung aus dem Weltall überhaupt an? Was fasziniert uns, wenn Grenzgänger gegen hohe Gagen den Tod herausfordern?“ Das ist für mich keine moralische Frage. Ich frage ganz utilitaristisch. Welche andere Befriedigung, welchen Genuß haben wir verlernt, wenn wir uns daran berauschen können?

    Eine romantische Operette von Emmerich Kálmán, ein gelungenes Risotto mit Shrimps, Liebe machen mit meiner Frau, ein Spaziergang beim Morgenaufgang oder eine gute Predigt in einer Messe im Stephansdom geben mir mehr als der Sprung eines Stuntman in Überschallgeschwindigkeit.

    Den letzten meiner zehn Geschenklinks für Juli teile ich gerne für diesen sprachlich und inhaltlich großartigen „Nachruf“ von Sebastian Stier in der ZEIT.

  • Christophorus

    Christophorus – der Christusträger – Träger der Liebe – Tor zum Paradies?

    Am 24. Juli feiern viele Christoph in Österreich ihren Namenstag. Das geht auf den Heiligen Christophorus zurück.

    Im Mittelchor des Stephansdoms blickt uns seine eindrucksvolle Statue entgegen: Ein kraftvoller Mann, das Kind auf der Schulter. Mit jedem Schritt trägt er nicht nur ein Kind – sondern das Gewicht der ganzen Welt.

    Die Legende erzählt:
    Christophorus wollte nur dem Mächtigsten dienen. Er diente Königen, dem Teufel – bis er schließlich Christus fand. Als Fährmann trug er den Knaben durch einen reißenden Fluss. Das Kind wurde immer schwerer. Bis Christophorus erkannte:

    Er trägt den Sohn Gottes.
    Die Liebe selbst.

    Hl. Christophorus – von Niclas Gerhaert van Leyden – im Mittelchor des Wiener Stephansdoms


    Ein Bild für uns alle, besonders in Zeiten der Trauer:

    Auch wir dürfen Christus tragen.

    Auch wir dürfen einander tragen – durch das Wasser des Schmerzes.

    Und manchmal geschieht das schon hier: im Gespräch, im Verzeihen, in der Gnade.

    Gestern in unserer Bibelrunde sagten wir: Wir dürfen immer auf die Liebe Gottes vertrauen.

    Vergebung ist stärker als das Urteil.
    Gnade ist tiefer als die Schuld.
    Liebe ist stärker als der Hass.


    Vielleicht ist Christophorus auch ein Bild für das Paradies

    Nicht nur als jenseitiges Ziel. Sondern als eine Kraft, die uns hier schon verwandeln kann.

    Wer liebt, trägt. Und wer getragen wird, hat einen Freund.
    Einen Freund? Einen Vater? Gott selbst? „Vater unser“.

  • Es gibt Dich

    Dein Ort ist
    wo Augen dich ansehn.
    Wo sich die Augen treffen
    entstehst du.

    Von einem Ruf gehalten,
    immer die gleiche Stimme,
    es scheint nur eine zu geben
    mit der alle rufen.

    Du fielest,
    aber du fällst nicht.
    Augen fangen dich auf.

    Es gibt dich,
    weil Augen dich wollen,
    dich ansehn und sagen
    dass es dich gibt.

    Hilde Domin (1909–2006), aus: dies., Gesammelte Gedichte, © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1987, 208