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  • Was ich bete?

    In letzter Zeit haben mich einige Menschen gefragt, was und wie ich bete. Manchmal sage ich darauf: „Dankbar, voller Vertrauen und wie ich manchmal mit meinem Vater oder meiner Mutter gesprochen habe.“ Wenn die Fragestellerin dann mehrmals nachfragt und es genauer wissen will, dann zeige ich ihr auf meinem Handy diese Rosette.

    Es gibt Orte, an denen Glauben plötzlich sichtbar wird — nicht als Satz, nicht als Gedanke, sondern als Licht. Die moderne Trinitätsrosette der neoromanischen Kirche von Saint-Antoine-des-Quinze-Vingts in Paris gehört für mich zu diesen Orten. Ich öffne dieses Bild manchmal auf meinem Bildschirm. Es ist ein Foto auf schwarzem Hintergrund, das leuchtet. Ich habe es hier in voller Auflösung gespeichert. Wenn Du darauf klickst, kannst Du alle Details sehen oder einfach im Vollbild eben nur die Rosette und alles andere auf dem Bildschirm wird dunkel – wird unwichtig.

    Ein Kreis aus Glas, aus Farben, aus Symbolen: die Gnadenstuhl-Trinität im Zentrum, umgeben von Engeln und den Evangelisten. Eine ganze Theologie in einem einzigen Blick.

    So wie diese Rosette die Dreifaltigkeit ins Licht setzt, so setzt das tägliche Gebet mein eigenes Leben in ein ruhiges, verlässliches Licht.

    Am Morgen bete ich seit 1994 mit dem Magnificat.
    Es ist keine Routine — eher eine sanfte Ausrichtung, bevor der Tag sich öffnet. Die Psalmen, die Lesungen, die kurzen Betrachtungen erinnern mich daran, dass Gott zuerst spricht und ich erst danach handle.

    Mittags bete ich den Angelus. Wenn Yuliya und ich zuhause sind, tun wir das gerne gemeinsam. Das erinnert uns an das Dreieck unseres Lebens. Gott – Yuliya – Harald. Und rundum haben wir beide im Stillen die Menschen, die wir sonst noch lieben, innerhalb dieses „Herzens-Dreiecks.“

    Für einen Moment wird die Welt still. Das Gebet unterbricht nicht — es sammelt. Es holt mich zurück zur Mitte.

    Irgendwann im Laufe des Tages, wenn gerade Raum ist, lese ich die Texte der Eucharistiefeier. Dann höre ich die Worte, die ich sonst im Gottesdienst mitvollziehe: das Evangelium, die Lesungen, die Gebete. Die Liturgie wird zu einem inneren Grundklang, der auch außerhalb des Kirchraums weiterklingt. Mir fällt es leichter, diese Texte in ihrer ganzen Tiefe annähernd zu erfassen, wenn ich sie inmitten einer Gottesdienst Gemeinschaft höre und dann eine gute Predigt dazu Stellung nimmt. Seit einigen Jahren fällt es mir leichter, auch alleine daraus Kraft zu schöpfen.

    In diesen Minuten mache ich mir gerne bewusst, dass viele Millionen Menschen heute in ihren Sprachen genau die gleichen Texte gelesen haben oder noch lesen werden wie ich. Eine Schwester oder ein Bruder betet sie vermutlich gerade jetzt gleichzeitig irgendwo auf dieser Welt. Und ich fühle mich zumindest mit meinen priesterlichen Freunden eng verbunden. Es gehört ja zu ihrem Versprechen bei der Priesterweihe, zumindest die täglichen Texte der Eucharistiefeier zu lesen.

    Abends, im Wohnzimmer, frage ich mich, wofür ich heute dankbar bin und manchmal notiere ich mir die Antworten am Handy. Diese Notiz habe ich angepinnt. Sie kommt daher als eine der ersten, wenn ich die Notizen öffne und sie hat schon mehrere hundert Einträge.

    Dann bete ich das Abendgebet aus dem Magnificat.
    Es ist mein täglicher Rückblick: Nicht streng, nicht prüfend, sondern dankbar. Ein guter Tag, ein schwieriger Tag — beides darf sein.

    Und kurz vor dem Einschlafen spreche ich die vertrauten Worte, die mich seit meiner Kindheit begleiten:
    ein Vater unser, ein Ave Maria, ein Kindheitsgebet und das Gebet des Jabez.
    Mehr braucht es nicht. Oft schlafe ich nach wenigen Sekunden ein.
    Vielleicht, weil diese Worte nicht nur Gebet sind, sondern Geborgenheit. Sonst bete ich diese Worte bis ich einschlafe. Ich kann mich in den letzten Jahrzehnten an keinen einzigen Tag erinnern, an dem ich nicht nach spätestens drei Minuten schlafe.

    Das Glaubensbekenntnis bete ich nur einmal in der Woche — bei der Sonntagsmesse.
    Welches Credo gesprochen wird, entscheidet der Priester. Aber das Nicäno-Konstantinopolitanische berührt mich am meisten: feierlich, weit, meditativ. Es trägt die Größe und die Schönheit einer Glaubenserfahrung, die älter ist als jede Kathedrale — und doch jeden Sonntag neu wird.


    Die Rosette, das Credo und der Rhythmus des Tages

    Wenn ich die Trinitätsrosette betrachte, sehe ich mein eigenes Beten darin wieder:

    • Im Zentrum die Dreifaltigkeit — wie das Credo, das mich trägt.
    • Rundherum die Evangelisten — wie die Worte der Schrift, die täglich zu mir sprechen.
    • Und ein Kranz von Engeln — wie die kleinen, wiederkehrenden Gebetsmomente des Tages, die mein Leben eher begleiten als unterbrechen.

    Die Rosette ist ein Bild des Glaubens, aber auch ein Bild der Treue Gottes.
    Sie erzählt, in Farbe und Licht, was das Glaubensbekenntnis in Worten sagt:
    Gott ist Ursprung, Weg und Vollendung.
    Er geht mit — im Rhythmus jedes Tages.

    Ich bete nicht, weil ich es muss.
    Ich bete, weil es mich sammelt.
    Weil es mir einen inneren Raum eröffnet, in dem ich bei mir selbst und bei Gott bin.
    Nicht außergewöhnlich, nicht spektakulär — eher wie ein regelmäßiger Atemzug.

    Jeder Mensch braucht eine Mitte.
    Für mich ist es das tägliche Gebet — und manchmal eine Rosette aus Glas, die mich daran erinnert, wer das Licht ist, das meinen Tag trägt.

    Und wenn ich merke, dass ich beginne, mich zu ärgern – über den Autofahrer vor mir, über jemanden, der einen Termin nicht einhält, über eine offene Rechnung – dann wird mir in letzter Zeit immer öfter bewusst, dass ich mich letztlich über mich ärgere, weil ich mich zu wichtig nehme.

    Dann bete ich: Herr, danke für Deine Liebe! Hilf mir, diesen Menschen zu segnen anstatt ihm böse zu sein. Das hilft mir sofort, ruhig und liebevoller zu werden.


    Vater Unser

    Vater unser im Himmel,
    geheiligt werde dein Name,
    dein Reich komme,
    dein Wille geschehe
    wie im Himmel so auf Erden.
    Unser tägliches Brot gib uns heute.
    Und vergib uns unsere Schuld,
    wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
    Und führe uns nicht in Versuchung,
    sondern erlöse uns von dem Bösen.


    Gegrüßet seist du, Maria

    Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade,
    der Herr ist mit dir.
    Du bist gebenedeit unter den Frauen,
    und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes,
    Jesus.
    Heilige Maria, Mutter Gottes,
    bitte für uns Sünder,
    jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.


    Der Engel des Herrn

    Der Engel des Herrn
    brachte Maria die Botschaft.
    – Und sie empfing vom Heiligen Geist.

    Gegrüßet seist du, Maria …

    Maria sprach: 
    Siehe, ich bin die Magd des Herrn.
    – Mir geschehe nach deinem Wort.

    Gegrüßet seist du, Maria …

    Und das Wort ist Fleisch geworden.
    – Und hat unter uns gewohnt.

    Gegrüßet seist du, Maria …

    Bitte für uns, heilige Gottesmutter.
    Dass wir würdig werden
    der Verheißungen Christi.

    Lasset uns beten.

    Allmächtiger Gott, gieße deine Gnade in unsere Herzen ein. Durch die Botschaft des Engels haben wir die Menschwerdung Christi, deines Sohnes, erkannt. Führe uns durch sein Leiden und Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung. Darum bitten wir durch Christus, unsern Herrn. Amen.

    Ehre sei dem Vater …

    Allmächtiger Gott, gieße deine Gnade in unsere Herzen ein. Durch die Botschaft des Engels haben wir die Menschwerdung Christi, deines Sohnes, erkannt. Führe uns durch sein Leiden und Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung. Darum bitten wir durch Christus, unsern Herrn. Amen.


    Das Gebet des Jabez

    Herr segne mich und erweitere meine Gebiete.
    Halte Unglück und Schmerzen von mir fern.

    Darum bitte ich Dich durch Christus unseren Herrn.


    Quelle

    Die Grundgebete sind der offiziellen Medienseite des Vatikan entnommen. Das „Gebet des Jabez“ bete ich seit 2004 nach dem Erscheinen des gleichnamigen Buches in dieser meiner eigenen Version. Jabez kommt in der Bibel unbedeutend im ersten Buch der Chronik vor: 1 Chr 4, 9-11. Die Inspiration zu diesem Artikel kam mir durch einen Beitrag in der aktuellen Ausgabe des magazin KLASSIK (Nr. 39) von Radio Klassik Stephansdom. Dort ist diese Rosette als Illustration eines lesenswerten Artikel über das 1700 jährige Jubiläum des Konzils von Nizäa abgebildet.

    Doppelseite 10 und 11 in magazin KLASSIK Nr. 39. Download des Heftes.

  • Hl. Barbara – 4. Dezember

    Barbara wurde als jungfräuliche Märtyrerin in Nikomedien (heute Ízmit in der Türkei) verehrt. Um ihre Gestalt ranken sich zahlreiche Legenden, es gibt jedoch keine historischen Belege über ihre Lebensgeschichte.

    Hl. Barbara, Anfang 17. Jahrhundert
    zu sehen im KHM, Kunstkammer Wien, Saal XXIVa/b/c

    Der Überlieferung nach lebte sie als Tochter einer reichen heidnischen Familie im dritten oder vierten Jahrhundert, noch zur Zeit der Christenverfolgung. Wegen ihrer Schönheit und Klugheit soll sie von vielen Männern umworben worden sein. Sie jedoch habe sich auf der Suche nach dem Sinn ihres Lebens an die verborgene Christengemeinde gewandt und sei Christin geworden. Der Vater soll sie daraufhin in einen Turm gesperrt haben. Da sie aber nicht von ihrem Glauben abließ, habe er sie vor Gericht gebracht. Kurz vor ihrem Tod soll sie noch um den Empfang der Heiligen Kommunion gebeten haben. Dieser Wunsch wurde ihr gewährt bevor sie nach schrecklichen Foltern dann schließlich durch die Hand des Vaters enthauptet wurde. Daraufhin habe ein Blitz den Vater erschlagen. Barbara zählt zu den Vierzehn Nothelfern.

    Nach einem alten Brauch werden an ihrem Gedenktag kahle Zweige ins Wasser gestellt, sodass sie Weihnachten blühen – vielfach als Symbol gedeutet für das Leben, das in Jesus aus der „Wurzel Jesse“ aufgeblüht ist.

    nach Magnificat – das Stundenbuch

    Dieses Foto und einige gute Tipps, damit die Barbarazweige auch wirklich am Heiligen Abend blühen, habe ich der Seite von selbst.de entnommen.


    Dieses Video meines Freundes P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB aus dem Garten von Stift Göttweig mag ich sehr. Die letzten Bilder sind unerwartet…

  • Advent 2025

    * die stärkste Antwort auf Leid

    * Was dann im Raum geschieht

    * Vorausgegangen…

    Gedanken – gesprochen von Harald R. Preyer bei der Adventfeier des Club Tirol am Montag, dem 1. Dezember 2025 im Palais Esterhazy in Wien

    Liebe Musikanten, lieber Julian, liebe Charlotte,
    meine lieben Tiroler Freundinnen und Freunde!

    Ich kann mich heute kürzer fassen als ursprünglich geplant,
    weil du, mein lieber Präsident, dankenswerterweise schon einiges angesprochen hast, das auch auf meiner Agenda stand.

    1. Was „Advent“ eigentlich bedeutet

    „Advent“ ist ein antikes Wort.
    Es bezeichnete ursprünglich den kommenden Herrscher,
    den Königseinzug, die erwartete Ankunft einer wichtigen Person.

    Es hatte also zunächst überhaupt nichts mit der Kirche zu tun.
    Erst ab dem 4. Jahrhundert wurde „Advent“ christlich verstanden,
    und die eigentliche Adventszeit entstand dann im 6. Jahrhundert – als bewusste Vorbereitung auf Weihnachten, die Geburt der Liebe.

    2. Dankbarkeit – die stärkste Antwort auf Leid

    Als christlicher Trauerredner leite ich bewusst nur einige wenige Begräbnisse, weil ich mich den Menschen wirklich widmen möchte, die ich betreue. Ich nehme mir für die Menschen viel Zeit. Stunden zum Zuhören. Dann die Trauerfeier selbst. Und oft schöne Gespräche nachher.

    Und in dieser Begleitung höre ich eines immer wieder:
    Dankbarkeit ist der Wert, der Leid und Schmerz nicht wegzaubert, aber kompensiert. Dankbarkeit trägt Menschen, die jemanden verloren haben. Sie ändert nichts am Verlust – aber alles daran, wie wir damit umgehen.

    Der Benediktiner Bruder David Steindl-Rast – er ist heuer 99 geworden, hat Dankbarkeit zu seinem Lebenscredo gemacht.

    Und er kann das sagen, weil er ursprünglich Kunst, Kultur- und Menschenkunde und Psychologie studiert hat – und erst später Benediktinermönch und spiritueller Lehrer wurde.

    Er sagt sinngemäß:

    „Dankbarkeit ist das, was uns widerstandsfähig macht —
    gegen Leid, gegen Krankheit, gegen all das, was das Leben schwer macht.“

    Und Viktor Frankl hat auf seine Art Ähnliches gesagt:

    „Lasst uns nach dem Sinn auch des Schweren fragen —
    dann entsteht Dank, dann Freude.“


    3. Eine Minute der Dankbarkeit

    Ich möchte euch — wenn ihr gestattet —
    zu einer ganz kurzen Erfahrung einladen.

    Eine Minute. Zu zweit oder zu dritt.

    Die Frage lautet: „Wofür bin ich dankbar?“

    (Es folgte ein sehr angeregter Austausch.)


    4. Was dann im Raum geschieht

    Danke euch.
    Habt ihr gespürt, was in diesem Raum passiert?

    Genau das erlebe ich auch, wenn ich Menschen im Stephansdom auf die Orgelempore hinaufbegleite und dort dieselbe Frage stelle.

    Die Atmosphäre verändert sich. Der Raum verändert sich. Menschen werden weich. Wärme entsteht — (nicht nur, weil es hier wirklich warm ist, sondern) weil Herzen aufgehen.

    Ich habe hier gerade gehört:

    • Gesundheit.
    • Familie.
    • Freunde. Mein Mann.
    • Freiheit, Wohlstand, Frieden.

    Das sind genau die Antworten, die auch Menschen in schwierigen Situationen geben.

    Dann kommt oft: die gute Luft, die Sicherheit, das saubere Trinkwasser, Wien als lebenswerteste Stadt der Welt.

    Und dann — die dritte Gruppe: Vollbeschäftigung, keine sozialen Unruhen, kein Bürgerkrieg.


    5. Ein Adventkalender der Liebe

    Basteln wir einen etwas anderen Adventkalender miteinander.

    Die Idee stammt von meinem Freund, Pater Johannes Paul Abrahamowicz OSB, Priester und Benediktiner Mönch in Stift Göttweig.

    Er sagte schon am Allerheiligentag:

    Jeder Mensch ist für diesen Moment heilig,
    wenn er eines dieser drei Dinge tut:

    1. Milde handeln.
    2. Barmherzig sein.
    3. Frieden stiften.

    Immer dann, wenn uns eines davon gelingt, zeichnen Yuliya oder ich zuhause mit ihrem Lippenstift ein kleines Herz auf den Badezimmerspiegel.

    Und wir werden am Heiligen Abend nicht zählen, wie viele es sind. Wir wollen uns nur ganz bewusst machen: Heute ist uns ein Stück Liebe gelungen.


    6. Eine stille Erinnerung

    Ich möchte heute auch ganz bewusst an einen lieben Freund erinnern, der exakt vor einem Jahr, am 1. Dezember, voraus gegangen ist: Herbert Waibl.

    Einige von euch kannten ihn gut. Manche sehr gut.

    Am Morgen nach seinem Tod klopfte ein Vogel an Charlottes Fensterscheibe in Hainfeld. Zur gleichen Zeit klopfte ein Vogel an das Fenster einer Freundin in Tirol.

    War das Zufall?
    Vielleicht.

    Oder wie das bekannte — meist Albert Einstein oder Charles de Foucault zugeschriebene — Wort sagt:

    „Zufall ist das Pseudonym Gottes,
    wenn er nicht unterschreiben will.“

    Für mich war es eine Botschaft von Herbert:

    „Ich bin gut angekommen.
    Es ist gut und schön hier.
    Und passt’s aufeinander auf.“

    Und vielleicht sagt uns Herbert auch das, was Christus seinen Aposteln gesagt hat: „Ich gehe voraus um eine Wohnung bei meinem himmlischen Vater für Euch vorzubereiten…“
    (nach Joh 14)


    7. Abschließende Gedanken

    Ich möchte euch einladen, in diesem Advent einen Raum vorzubereiten — nicht im äußeren Sinn, sondern in uns selbst:

    • für das Zuhören,
    • für das Begegnen,
    • für das liebevolle Wort,
    • für den Blick, der sagt: „Ich mag dich.“

    Wir erzählen oft, wie großartig wir selbst sind.
    Vielleicht wäre es aufmerksamer, wenn wir weniger von uns erzählen –
    und mehr den Menschen sagen, wie wertvoll sie sind.

    Von Herzen wünsche ich euch
    einen gesegneten Advent,
    Gottes reichen Segen,
    und alles Liebe —
    in dieser Zeit der Vorfreude.


    Harald R. Preyer, geboren am 3. Mai 1963 in Innsbruck, war ab 1990 weltweit Unternehmensberater für Mitarbeiter- und Kundenzufriedenheit.
    Seit seinem 60. Gedburtstag arbeitet er aus innerer Berufung als christlicher Trauerredner.

    Jeden Sonntag um 12:00 Uhr tut er im Wiener Stephansdom Dienst als Lektor und Kommunionspender in der Orgelmesse. Anschließend führt er regelmäßig kleine Gruppen im Rahmen seiner Sonderführung „Der Stephansdom – eine Liebesgeschichte“ zu Orten im Dom, die sonst verborgen bleiben.

    Harald ist mit Yuliya verheiratet, Vater von drei erwachsenen Kindern – und wird oft begleitet von seinem besten Freund „Teddy“, einem asiatischen Chow-Chow.

  • Vom Wert der Dinge

    Eine Reflexion in drei Teilen von Harald Preyer

    Es gibt Momente, in denen sich die Frage nach dem Wert eines Lebens, eines Gegenstandes oder einer Erfahrung unerwartet scharf stellt. Spätestens dann, wenn Auktionshäuser erneut Rekordpreise verkünden und ein Bild für eine dreistellige Millionensumme den Besitzer wechselt. Solche Ereignisse lenken den Blick auf die Frage, wie und woran wir Wert eigentlich messen. Und ob wir ihn überhaupt messen können.

    Die beiden teuersten jemals in Auktionen verkauften Gemälde: Gustav Klimt und der zugeschriebene Leonardo da Vinci.

    Die folgenden Thesen markieren einen Weg durch dieses Gelände – nicht als endgültige Antworten, sondern als seismografische Punkte einer Gesellschaft, die sich immer tiefer in symbolische Preisrekorde verstrickt.


    Teil 1 – drei Thesen zum Wert der Dinge

    **These 1

    Was wirklich wertvoll ist, kann niemand kaufen – mit keinem Geld der Welt.**

    Der Satz klingt schlicht, ist aber radikal. Denn er verschiebt den Fokus weg von allem, was handelbar ist, hin zu dem, was sich dem Markt entzieht: Zeit, Liebe, Vertrauen, Würde, innere Ruhe. Das sind Werte, die nicht produziert, nicht gelagert und nicht verkauft werden können. Sie entstehen nur, wo Menschen einander begegnen, sich zeigen, sich öffnen.

    Philosophen aller Zeiten wussten das. Die antiken Stoiker nannten es das „in unserer Macht Stehende“ – jene inneren Güter, die unabhängig von Umstand und Schicksal bestehen. Christliche Traditionen sprechen von Gnade, Hingabe, geistiger Freiheit. Auch moderne Ökonomen wissen um den „intrinsischen Wert“, der jedem Preisschild entzogen bleibt.

    Paradoxerweise wird das Unbezahlbare gerade in einer Zeit inflationärer Preise wieder sichtbar. Je teurer die Dinge werden, desto deutlicher wird, was sich ihrer Logik entzieht. Der eigentliche Wert beginnt dort, wo Geld keine Sprache mehr hat.


    **These 2

    Bereits ab einem relativ geringen Wert entkoppelt sich der Preis vom realen Wert.**

    Der Markt tut selten das, was wir intuitiv annehmen. Er misst nicht den Gebrauch, sondern die Begehrlichkeit. Ein Bild, das 300 Millionen Euro kostet, erhellt keinen Raum mehr als eines für 300 Euro. Eine Uhr für 80.000 Euro zeigt die Zeit nicht präziser an als eine für 80. Und ein Auto für den Preis einer Wohnung bringt uns nicht schneller ans Ziel als eines für den Preis einer Küche.

    Ab einer gewissen Schwelle repräsentiert der Preis nicht mehr das Objekt, sondern das Umfeld des Objekts: den Status, die Geschichte, die Seltenheit, die Rolle in einem sozialen Ritual. Menschen kaufen nicht Dinge, sondern Bedeutungen.

    Die Entkoppelung von Preis und Wert ist daher keine Anomalie, sondern das Normalverhalten eines Marktes, der nicht Bedarfe misst, sondern Zeichen. Jedes Preisschild über ein paar tausend Euro erzählt weniger vom Gegenstand als vom Käufer.


    **These 3

    Das Verhältnis zwischen dem Auktionswert eines Bildes und seinem realen Wert ist – wie das Verhältnis zwischen Spitzengehältern und Durchschnittsgehältern – ein Maß für Realitätsverlust. Und ein Indiz fortschreitender Dekadenz.**

    Wenn ein CEO das 300-Fache eines Mitarbeiters verdient, sagt das nichts über Produktivität, sondern viel über Machtverteilung. Und wenn ein Gemälde auf einer Auktion für eine halbe Milliarde verkauft wird, sagt das – ebenso – mehr über das Bedürfnis nach Symbolik aus als über künstlerische Bedeutung.

    Auktionsrekorde sind Inszenierungen einer globalen Elite, die sich durch spektakuläre Preise gegenseitig ihre Präsenz bestätigt. Sie sind weniger Ausdruck von Kunstwert als Ausdruck von Hybris. Der Kunstmarkt ist nicht krank; er ist symptomatisch für eine Gesellschaft, die Wert und Preis zunehmend verwechselt.

    Wo aber Preis und Realität auseinanderdriften, verliert eine Kultur ihren Boden. Das war im Rom der Spätantike nicht anders als im Paris der Belle Époque. Dekadenz zeigt sich nicht zuerst in Lastern, sondern in der Unfähigkeit, zwischen dem Wesentlichen und dem Schmückenden zu unterscheiden.


    Teil 2 – Der Wert von Treue

    Zwischen Standfestigkeit und Toleranz

    Die heutige Lesung ist lange – mehr als drei Minuten.
    1 Makk 2, 15–29.
    Es geht darin um Standfestigkeit, um Treue.

    In alter Zeit um eine Treue, für die ein Weiser sogar bereit ist, zu töten. „Dieser Mord entspricht nicht mehr unserem Empfinden für Verhältnismässigkeit“ meinte Dompfarrer Toni Faber. Und das meine ich auch.

    Aber die Frage dahinter bleibt bestehen:
    Wo beginnt meine Standfestigkeit? Wo endet meine Toleranz?

    Was akzeptiere ich gerade noch – und wo sage ich klar Nein?
    Diese Fragen sind im 21. Jahrhundert nicht geringer geworden, sondern subtiler.
    Treue ist heute keine militante Tugend mehr, sondern eine alltägliche Entscheidung: zu Menschen, zu Werten, zu sich selbst.
    Vielleicht ist gerade diese stille Form der Treue die schwerste.


    Teil 3 – Was wollen Trauernde zurück? Den Toten?

    Der Verlust, der bleibt – und der Wert der Zeit

    In Gesprächen mit Trauernden kurz nach dem Tod eines geliebten Menschen begegnen mir oft die Sätze:
    „Ich hätte den Toten so gerne zurück. Wie konnte das geschehen? Warum so früh?“

    Das ist der rohe Schmerz des Verlustes, das Entsetzen der ersten Tage, das leere Zimmer, die plötzliche Unerreichbarkeit eines geliebten Menschen. Das tut weh und es dauert manchmal lange bis die Zeit die Wunden heilt.

    Wenn ich dieselben Menschen zehn Jahre später wiedersehe, manchmal an der Seite eines neuen Partners, dann erzählt ihr Blick eine andere Wirklichkeit.

    Sie wünschen sich nicht mehr den Toten zurück.
    Sondern die gemeinsame Zeit, die ihnen gefehlt hat.

    Die Fragen, die sie damals nicht gestellt haben.
    Die Wege, die sie nicht mehr miteinander gegangen sind.
    Der Rosenstrauch, den sie immer pflanzen wollten, aber nie kauften.
    Das Bild, das sie gemeinsam geliebt, aber nie erworben haben.
    Die Entschuldigung, die unausgesprochen blieb.

    Diese Gespräche mahnen mich an die Achtsamkeit im Umgang mit meiner Zeit.
    Und an die Behutsamkeit im Umgang mit der gemeinsamen Zeit von Yuliya und mir – gerade heute, an ihrem 41. Geburtstag.

    Vielleicht ist es das, was Trauer uns lehrt:
    Der wahre Wert eines Menschen ist nicht seine Anwesenheit, sondern die Intensität der gemeinsam gelebten Augenblicke.


    Was ist also das Wertvollste?

    Vielleicht ist die Frage leichter gestellt als beantwortet. Doch jede Antwort, die nicht käuflich ist, weist in dieselbe Richtung:

    Das Wertvollste ist das,

    • was sich nicht anhäufen lässt,
    • was nur in Beziehung existiert,
    • was sich nicht verkaufen und nicht vererben lässt,
    • was mit dem Menschen wächst und mit ihm vergeht.

    Zeit. Liebe. Vertrauen. Würde. Bewusstheit. Mitgefühl.
    Und die Treue zu dem, was uns wirklich betrifft.

    (Und natürlich die Gesundheit. Ein eigenes Thema für eine eigene Reflexion.)

    All das sind Werte, die nicht an Märkte gebunden sind.
    Und vielleicht liegt genau darin ihre stille Kraft:
    Sie lassen sich nicht besitzen, sondern nur dankbar leben.

  • In der Liebe, die alles umfängt

    Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht
    und das Wort, das wir sprechen, als Lied erklingt,

    dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut,
    dann wohnt er schon in unserer Welt.
    Ja, dann schauen wir heut schon sein Angesicht
    in der Liebe, die alles umfängt.

    Wenn das Leid jedes Armen uns Christus zeigt,
    und die Not, die wir lindern, zur Freude wird,
    dann hat Gott unter uns …

    Wenn die Hand, die wir halten, uns selber hält,
    und das Kleid, das wir schenken, auch uns bedeckt,
    dann hat Gott unter uns …

    Wenn der Trost, den wir geben, uns weiterträgt,
    und der Schmerz, den wir teilen, zur Hoffnung wird,
    dann hat Gott unter uns …

    Wenn das Leid, das wir tragen, den Weg uns weist,
    und der Tod, den wir sterben, vom Leben singt,
    dann hat Gott unter uns …

    Claus Peter März (1947 – 1921), © Rechtenachfolge – GL 470


    Screenshot von Magnificat – das Stundenbuch
    Ausgabe November 2025
    Verlag Butzon & Bercker, Kevelaer

  • Die größte Armut ist, die Liebe Gottes nicht zu kennen.

    Gedanken zum 33. Sonntag im Jahreskreis (C)

    Welttag der Armen


    Heute wurde Yuliya und mir wieder einmal sehr deutlich, wie dankbar und glücklich wir sind. Die Gedanken von Papst Leo auf Radio Vatikan, die Predigt von Caritaspräsident Michael Landau auf Radio Klassik Stephansdom und die Begenung mit ihm heute in der Sakristei, das Mitfeiern der Orgel-Messe im Stephansdom um 12:00 und dann abends das Transkribieren der Predigt meines Freundes P. Johannes Paul OSB – all das macht das Herz weit und macht es uns leicht, Menschen froh und liebevoll zu begegnen und sie im Stillen zu segnen.

    Papst Leo XIV. –
    Botschaft zum Welttag der Armen (2025)

    Papst Leo XIV. eröffnet seine Botschaft mit dem Ruf des Psalmisten: „Du bist meine Hoffnung, Herr und Gott“ (Ps 71,5). Gerade der Arme, dessen Leben von „Entbehrungen, Gebrechlichkeit und Ausgrenzung“ geprägt ist, kann zum Zeugen einer starken und verlässlichen Hoffnung werden. Seine Hoffnung ruht nicht auf Besitz oder Macht, sondern auf Gott.

    Der Papst betont eine zentrale Wahrheit:
    „Die schlimmste Armut ist, Gott nicht zu kennen.“
    Reichtum ohne Gott mache leer; menschliche Sicherheiten seien täuschend. Hoffnung hingegen ist für Leo XIV. ein Anker, der im Versprechen Christi wurzelt.

    Entscheidend ist die Verbindung von Hoffnung und Verantwortung:
    Armut hat strukturelle Ursachen, die bekämpft werden müssen. Den Armen zu helfen ist „zuerst eine Frage der Gerechtigkeit, dann der Nächstenliebe“. Die Armen seien die „am meisten geliebten Brüder und Schwestern“ der Kirche – nicht Objekte, sondern Subjekte der Evangelisierung.

    Der Welttag der Armen ruft die ganze Kirche dazu auf, die Armen in das Zentrum von Liturgie, Verkündigung und Caritas zu stellen. Das Heilige Jahr 2025 solle Initiativen hervorbringen, die Menschen dauerhaft aus Armut führen: durch Arbeit, Wohnung, Bildung, Gesundheit – nicht durch Waffen oder Abschottung.

    Am Ende erinnert der Papst an den uralten Lobgesang des Vertrauens:
    „In Te, Domine, speravi – Auf dich, o Herr, habe ich meine Hoffnung gesetzt.“


    Michael Landau –
    Predigt zum Welttag der Armen

    (Domkustos & europäischer Caritas-Präsident)

    Michael Landau beschreibt die Gegenwart als Zeit eines „Einbruchs der Wirklichkeit“: Kriege, Klimakrise, soziale Verwerfungen, digitale Überforderung. Doch er widerspricht jeder Angstlogik:
    „Hoffnung ist ein Muskel.“
    Sie wächst, wenn wir sie üben und unsere Aufmerksamkeit auf Chancen statt Gefahren richten.

    Über Österreich spricht Landau in einem Satz, der hängen bleibt:
    „Wir haben in der Geburtsortslotterie einen Haupttreffer gezogen.“
    Dankbarkeit verpflichtet. Der „hohe Grundwasserspiegel der Solidarität“ sei ein Schatz, den es politisch und gesellschaftlich zu schützen gelte. Sparmaßnahmen müssten „sozial gerecht“ bleiben und das „soziale Augenmaß“ wahren.

    Im Zentrum seiner Predigt steht die Theologie der Armen:
    „Die Armen sind keine Zusatzbeschäftigung der Kirche.“
    Caritas ist Wesensausdruck der Kirche.
    Die steigende Zahl von Menschen, die in Wien Lebensmittelhilfe benötigen, zeigt die Dringlichkeit. Doch Landau sieht dort auch Hoffnung – dank Freiwilligen, Engagierten und Spendern.

    Für ihn verbindet sich die Erwartung Christi nicht mit Weltflucht, sondern mit Verantwortung:
    Diese Zeit ist uns anvertraut.
    Christlicher Glaube zeigt sich im Einsatz für Gerechtigkeit und im Mut zur Solidarität.

    🎧 Predigt Michael Landau

    Domkustos von St. Stephan & europäischer Caritas-Präsident


    P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB –
    Predigt zum 33. Sonntag im Jahreskreis

    (Priestermönch im Stift Göttweig)

    P. Johannes Paul (JP) stellt klar: Die Bibeltexte dieses Sonntags wollen nicht Angst erzeugen. Angst entsteht dort, wo man nur die dunklen Verse liest. Doch das Evangelium spricht von Hoffnung:
    „Für euch aber, die ihr mich liebt, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen.“

    JP kritisiert die „Angstmacher“, die nur Drohverse zitieren. Die Botschaft Jesu sei jedoch eine der Gelassenheit: „Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.“
    Standhaftigkeit entsteht für JP nicht durch Selbstdisziplin, sondern durch Beziehung.
    Jesus sagt: „Ich werde euch die Worte und die Weisheit eingeben“ – aber nur, wenn man im Alltag mit ihm verbunden bleibt.

    Der Vergleich, den JP wählt, ist alltäglich und tief:
    Die Beziehung zu Gott ist wie die Liebe zu einem vertrauten Menschen, den man oft im Herzen trägt – so sehr, dass man manchmal spürt, wenn er anruft.
    Wer so mit Gott verbunden ist, fürchtet sich nicht, verliert nicht die Fassung und bleibt handlungsfähig.

    JP schließt: Es geht nicht um Angst. Es geht um Beziehung.
    Wer die Liebe Gottes annimmt, kann auch sich selbst annehmen – und frei leben.

    🎧 Predigt P. Johannes Paul Abrahamowicz

    Priestermönch in Göttweig


  • Weihetag der Lateranbasilika

    Predigt von P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB am 9.11.2025


    Kirchweihfest

    Am 9. November, ganz gleich, auf welchen Wochentag dieses Datum fällt, feiern wir das Kirchweihfest der Lateranbasilika.
    Diese Kirche in Rom ist der eigentliche Bischofssitz des Papstes. Viele glauben, der Petersdom sei die Hauptkirche des Papstes – aber das stimmt nicht. Der Petersdom ist sozusagen die Hauskapelle des Papstes, sein eigentlicher Sitz, seine Kathedra, befindet sich in der Lateranbasilika. Auf ihrer Fassade steht in großen Buchstaben:
    „Mater et Caput, Urbis et Orbis“ – Mutter und Haupt der Stadt und des Erdkreises.
    Darum feiern wir Christen auf der ganzen Welt jedes Jahr am 9. November das Weihefest dieser Kirche, die uns an die Einheit der Kirche erinnert.

    Wenn wir an Kirchweih denken, meinen wir natürlich nicht nur ein Gebäude aus Ziegeln. In der ersten Lesung haben wir vom Tempel gehört – einem Bau aus Steinen. Das Schöne an dieser Lesung ist das Bild, wie aus dem Tempel ein Strom von lebendigem Wasser fließt. An einer anderen Stelle im Alten Testament fließt ein solcher Strom nach Jerusalem hinein. Es gibt also beides – und beides sind schöne Bilder, die auf etwas Tieferes hinweisen.
    Das lebendige Wasser bedeutet Frieden und Leben.
    Wenn wir den Tempel als Bild für die Gemeinschaft der Glaubenden verstehen, heißt das: Aus jeder echten Gemeinschaft fließt Leben, fließt Frieden. So ähnlich haben wir das auch in der zweiten Lesung aus dem ersten Korintherbrief gehört.

    Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth, dass wir Tempel Gottes sind. Damit meint er nicht nur die Gemeinschaft insgesamt, sondern jeden Einzelnen. Gott wohnt in dir. Wir Katholiken kennen dieses Verständnis von der Gegenwart Gottes im Allerheiligsten Sakrament.
    Im Alten Testament war die Bundeslade Zeichen der Gegenwart Gottes, ebenso der Weihrauch, der an die Rauchsäule erinnert, die Israel durch die Wüste führte. Darum geht in unseren Prozessionen der Weihrauch vor dem Kreuz – als Symbol dieser Wolkensäule, die das Volk in das verheißene Land führte.

    Als Salomo den Tempel einweihte, wurde er vom Rauch erfüllt – so stark, dass man nichts mehr sehen konnte. Diese Erfüllung mit der Gegenwart Gottes ist bis heute ein starkes Bild, das wir in der Liturgie bewahren. Zum Beispiel bei einem Begräbnis: Wenn der Priester den Sarg mit Weihrauch beweihräuchert, spricht er:
    „Dein Leib war Gottes Tempel.“
    Das bedeutet: Dein Leib war erfüllt von der Gegenwart Gottes – so wie einst der Tempel. Und so kann man weiterbeten:
    „Der Herr erfülle dich jetzt mit seiner Gegenwart von ewiger Freude.“

    So zeigt sich: Es geht im Glauben nicht um das Äußere, sondern um das Innere. Wenn wir Tempel Gottes sind, beherbergen wir Christus selbst. Jeder Einzelne und wir alle gemeinsam sind eine Gemeinschaft, aus der Frieden und Leben fließen.
    Das geschieht durch die Liebe zu Gott und zum Nächsten.
    Klingt leicht – ist aber nicht leicht. Niemand verlangt, dass wir darin perfekt sind, aber wir spüren: Es tut uns gut, wenn es uns gelingt. Darum tragen wir die Sehnsucht in uns, es immer wieder zu versuchen.
    In diesen Tagen haben wir den heiligen Martin und die heilige Elisabeth als Vorbilder, Heilige der Nächstenliebe.

    Ein Wort noch zum Ausdruck „Mutterkirche“: Dieses Bild wird auch heute in der Präfation, also kurz vor dem „Heilig“, erwähnt. Die Kirche ist Mutter, aber zugleich auch Braut. Da denken wir an Maria.

    Die Glaubenskongregation in Rom hat vor kurzem verkündet, dass man nicht mehr sagen soll, Maria sei „Miterlöserin“ – Co-Redemptrix. Das hat einige durcheinandergebracht. Im deutschen Sprachraum brauchen wir uns darüber keine Sorgen zu machen, denn bei uns bedeutet Miterlöserin nicht, dass Maria auf gleicher Ebene mit Christus steht.
    In den anderen Sprachen aber klingt das Wort „con“ – also con-Redemptrix – nach Gleichrangigkeit, und das musste klargestellt werden.

    Ein Beispiel: Ein Priester, der mit einem anderen konzelebriert, ist ein Konzelebrant – also gleichrangig. Das ist bei Maria nicht so. Sie ist nicht gleichrangig, sondern Miterlöserin, weil sie Mutter und Mitwissende ist.
    Sie wusste, was ihr Sohn erleiden würde, und sie hat zugestimmt.
    In diesem Sinn ist sie Miterlöserin durch Mittragen und Mitlieben.

    Darum: Keine Sorge über das vatikanische Dekret – in den anderen Sprachen ist es eine gute Klärung, dass Maria nicht identisch mit Jesus, sondern Teil seines Erlösungswerkes ist.

    Wir sind als Gemeinschaft Kirche – Mutterkirche.
    Die Mutter gebiert Kinder, deswegen gibt es Taufen.
    Und das ist alles, was wir heute feiern:
    Die Gemeinschaft der Gläubigen, aus der Friede ausströmt, weil sie Gott und den Nächsten lieben.

    Amen.


    2. Zusammenfassung

    P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB erklärt zum Weihetag der Lateranbasilika, dass diese Kirche der eigentliche Bischofssitz des Papstes ist und für alle Christen Symbol der Einheit der Kirche.
    Er deutet die biblischen Lesungen als Hinweis darauf, dass nicht Steine, sondern Menschen der wahre Tempel Gottes sind – aus deren Herzen wie aus dem Tempel Salomos das „lebendige Wasser“ des Friedens und der Liebe fließt.
    Der Weihrauch erinnert an die Gegenwart Gottes und an die Würde des menschlichen Leibes als Wohnort des Heiligen Geistes.
    Als Christen sind wir berufen, Träger dieses Friedens zu sein, indem wir Gott und den Nächsten lieben.
    Schließlich erläutert P. Johannes Paul die Entscheidung der Glaubenskongregation, Maria nicht mehr Co-Redemptrix zu nennen: Sie ist keine gleichrangige Erlöserin, sondern Miterlöserin durch Mittragen und Mitlieben.
    So wird die Kirche als „Mutter“ verstanden, aus der neues Leben strömt – sichtbar in der Taufe und in jeder Gemeinschaft, die aus Liebe lebt.

  • Wir gehören einander an

    In einer Zeit, in der sich viele zurückziehen, Mauern bauen und Unterschiede betonen, ist es gut, sich zu erinnern:
    Wir sind miteinander verwoben.
    Was einem geschieht, betrifft uns alle.

    No man is an island,
    Entire of itself.
    Each is a piece of the continent,
    A part of the main.
    If a clod be washed away by the sea,
    Europe is the less,
    As well as if a promontory were,
    As well as if a manor of thine own
    Or of thine friend’s were.
    Each man’s death diminishes me,
    For I am involved in mankind.
    Therefore, send not to know
    For whom the bell tolls,
    It tolls for thee.

    Niemand ist eine Insel,
    ganz für sich allein.
    Jeder ist ein Teil des Kontinents,
    ein Stück des Ganzen.
    Würde das Meer einen Klumpen Erde fortspülen,
    Europa wäre kleiner –
    so wie, wenn ein Kap verschwände,
    oder dein eigener Landsitz,
    oder der eines Freundes.
    Jedes Menschen Tod mindert mich,
    denn ich bin mit der Menschheit verbunden.
    Darum frag nicht,
    wem die Stunde schlägt –
    sie schlägt für dich.

    John Donne (englischer Dichter, 1572–1631)


    John Donne erinnert uns daran, dass Individualität ohne Verbundenheit leer bleibt. Sein Gedicht ist kein moralisches Mahnwort, sondern ein metaphysischer Gedanke: Wir existieren nur im Mitsein. Jeder Verlust – ob fern oder nah – betrifft das Ganze. Diese Einsicht ist älter als Europa und zugleich seine moralische Voraussetzung.

  • 🕊️ Gedanken

    zum 28. Sonntag im Jahreskreis C (12. Oktober 2025)

    Lukas 17, 11–19 – Die zehn Aussätzigen

    ✦ von Kardinal Christoph Schönborn

    Erbarmen und Dankbarkeit – das sind die beiden großen Themen dieses Evangeliums.
    Zehn Aussätzige rufen von Ferne: „Meister, hab Erbarmen mit uns!“ – ausgeschlossen, gefürchtet, zum sicheren Tod verurteilt. Jesus überschreitet die unsichtbare Grenze zwischen „rein“ und „unrein“. Er hört den Ruf, sieht die Not und schenkt Heilung.

    Doch nur einer kehrt zurück, um zu danken – ein Fremder, ein Samariter.
    Dankbarkeit ist mehr als eine Höflichkeitsform. Sie ist ein Akt des Glaubens, ein Erkennen, dass alles Geschenk ist.
    Jesus fragt: „Wo sind die neun?“ – eine Frage, die uns alle betrifft.

    Wir bitten oft um Hilfe, doch vergessen wir, zu danken, wenn sie kommt.
    Dankbarkeit und Erbarmen gehören zusammen:
    Wer Erbarmen erfährt, wird dankbar,
    wer dankbar ist, lernt barmherzig zu sein.
    So wird der Samariter zum Bild des Glaubenden, dem Jesus sagt:
    „Steh auf und geh! Dein Glaube hat dich gerettet.“


    ✦ von P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB

    Auch P. Johannes Paul sieht in diesem Evangelium ein Bild für das Sakrament der Versöhnung.
    Die zehn Aussätzigen stehen für uns Menschen, die sich ihrer Lieblosigkeiten bewusst werden müssen.
    Bevor Heilung geschieht, braucht es Bewusstsein, Bekenntnis und Vertrauen.
    So wie die Aussätzigen von Ferne rufen „Hab Erbarmen mit uns“, so spricht der Mensch in der Beichte zu Jesus.

    Alle zehn glauben, bevor sie geheilt sind – sie gehorchen Jesu Wort und werden auf dem Weg gesund.
    Nur einer aber kehrt zurück, um zu danken. Er tut nicht nur das Gebotene, er feiert die Begegnung.
    Darum wird er zum Zeichen für lebendige Spiritualität:
    Nicht das Ritual rettet, sondern das Herz, das versteht, was es tut.

    Die Beichte ist für P. Johannes Paul das Sakrament der Liebe trotz allem – nicht der Angst, sondern des Vertrauens.

    „Vergeben heißt: trotzdem lieben.“
    Gott liebt uns trotz unserer Lieblosigkeiten.
    Und wer das hört, wird frei und dankbar.


    ✦ von Domkurat Dr. Johannes J. Kreier

    Domkurat Dr. Johannes J. Kreier hob in seiner heutigen Ansprache besonders den Satz Jesu hervor:

    „Steh auf und geh!“

    Er erklärte den griechischen Begriff ἀνάστασις (anástasis), von dem dieses „Aufstehen“ kommt – derselbe Wortstamm wie in Atanasia (ἀθανασία), dem Ausdruck für Unsterblichkeit.
    Damit deutet er das Wort Jesu nicht nur als körperliches Aufstehen, sondern als Hinweis auf das ewige Leben:
    Wer im Glauben aufsteht, steht bereits auf zu einem neuen, unvergänglichen Leben in Gott.

  • Die Treue Gottes im Herzen bewahren

    Homilie von P. Johannes Paul Abrahamowicz am 26. Sonntag im Jahreskreis C, 28. September 2025 sinngemäß zusammen gefasst von Harald R. Preyer

    P. Johannes Paul lädt ein, anders zu beginnen:
    Erinnere dich an die Momente, in denen dir Gott geholfen hat.
    Vielleicht waren es viele – vielleicht nur ein einziges Mal.
    Doch jeder Mensch hat irgendwann gespürt:
    Hier hat mir Gott geholfen.

    Nenne diesen Gott beim Namen:
    Gott des Spaziergangs, Gott des Zuhauses, Gott des Zebrastreifens.
    Diese Erfahrung seiner Treue ist entscheidend.

    Denn:

    Gottes Treue verhindert, dass wir Schlechtes tun –
    und dass wir Gutes unterlassen.

    Gutes nicht unterlassen

    Der reiche Mann im Evangelium hat nichts Böses getan –
    aber er hat Gutes unterlassen.
    Darum:
    Sieh auf das Gute in deinem Leben.
    Denk an Menschen, denen es schlechter geht.
    So wächst in dir Dankbarkeit –
    und Dankbarkeit führt zu guten Taten.

    Zeugnis der Treue

    Paulus schreibt:

    „Du hast vor vielen Zeugen das gute Bekenntnis abgelegt.“
    Geh diesen Weg weiter.
    Sprich davon, was Gott dir Gutes getan hat.

    Dann erkennen wir:
    Wir sind keine schlechten Menschen,
    wenn wir das Gute sehen, das Gott wirkt –
    und es mit anderen teilen.

    Die Treue Gottes hält uns fest –
    und führt uns zum Guten.

    Die Predigt kann im Originalton auf der Seite von Stift Göttweig nachgehört werden.