Kategorie: Uncategorized

  • 100 Jahre Dankbarkeit

    Lieber Bruder David,

    von Herzen gratuliere ich Dir zu Deinem 100. Geburtstag.

    Du hast Millionen Menschen gezeigt, dass Dankbarkeit weit mehr ist als ein höfliches „Danke“. Sie ist eine Lebenshaltung. Eine Entscheidung, das Geschenk im Augenblick zu entdecken und das Leben mit staunenden Augen anzunehmen.

    Mich berührt das besonders. Bei meinem Besuch 2016 hast Du mir den Hinweis gegeben, dass Dankbarkeit das Leben überlebt. Mein lieber Vater ist drei Jahre später gestorben. Damals hast Du den Samen in meinz Herz gesät, als Einsegner Menschen in den letzten Tagen ihres Lebens zu begleiten und die Familien mit Dankbarkeit für das Gewesene zu trösten. Es werde damit zum Dauerhaft Bleibenden, hast Du gemeint.

    Danke für Dein Jahrhundert des Segens. Danke für Deine Weisheit, Deine Bescheidenheit und Deine unerschütterliche Freude. Du hast unzähligen Menschen und auch mir geholfen, Gott und das Leben neu zu entdecken.

    Ich wünsche Dir Gottes reichen Segen, Gesundheit und weiterhin dieses ansteckende Lächeln. Du bist selbst ein Segen!

    In herzlicher Verbundenheit

    Harald

    Wien, am 12. Juli 2026

  • Ankündigung der Geburt des Täufers

    Die Miniatur stammt aus dem berühmten Berthold-Sakramentar des Klosters Weingarten und entstand um das Jahr 1217. Sie zeigt die Szene aus dem Lukasevangelium, in der der Priester Zacharias während seines Tempeldienstes dem Engel Gabriel begegnet.

    Die Darstellung spielt in einem reich ausgestatteten Kirchenraum, der den Tempel von Jerusalem symbolisiert. Zacharias steht links vor dem Altar und hält das Weihrauchfass in der Hand. Ihm gegenüber erscheint der Erzengel Gabriel. Zwischen beiden Figuren entsteht eine besondere Spannung: Sie neigen sich einander zu, ihre Köpfe und Blicke kommen sich beinahe so nahe, dass sie sich berühren könnten.

    Der Künstler macht damit sichtbar, was das Evangelium erzählt: Gott tritt in das Leben eines Menschen ein und verändert dessen Zukunft. Zacharias erfährt, dass seine Frau Elisabet trotz ihres hohen Alters einen Sohn gebären wird. Dieser Sohn wird Johannes heißen und den Weg für Jesus Christus bereiten.

    Die leuchtenden Farben, der Goldgrund und die feinen architektonischen Formen verleihen der Szene eine überirdische Atmosphäre. Die Miniatur zeigt nicht nur ein historisches Ereignis, sondern die Begegnung zwischen menschlichem Zweifel und göttlicher Verheißung. Aus dieser Begegnung entsteht die Geschichte des Täufers, dessen Auftrag darin besteht, auf Christus hinzuweisen.

    Evangelium

    Lk 1, 57–66.80
    Für Elisabet erfüllte sich die Zeit, dass sie gebären sollte, und sie brachte einen Sohn zur Welt. Ihre Nachbarn und Verwandten hörten, welch großes Erbarmen der Herr ihr erwiesen hatte, und freuten sich mit ihr.
    Und es geschah: Am achten Tag kamen sie zur Beschneidung des Kindes und sie wollten ihm den Namen seines Vaters Zacharias geben.
    Seine Mutter aber widersprach und sagte: Nein, sondern er soll Johannes heißen. Sie antworteten ihr: Es gibt doch niemanden in deiner Verwandtschaft, der so heißt.
    Da fragten sie seinen Vater durch Zeichen, welchen Namen das Kind haben solle. Er verlangte ein Schreibtäfelchen und schrieb darauf: Johannes ist sein Name. Und alle staunten.
    Im gleichen Augenblick konnte er Mund und Zunge wieder gebrauchen und er redete und pries Gott. Und alle ihre Nachbarn gerieten in Furcht und man sprach von all diesen Dingen im ganzen Bergland von Judäa.
    Alle, die davon hörten, nahmen es sich zu Herzen und sagten: Was wird wohl aus diesem Kind werden? Denn die Hand des Herrn war mit ihm.
    Das Kind wuchs heran und wurde stark im Geist. Und es lebte in der Wüste bis zu dem Tag, an dem es seinen Auftrag für Israel erhielt.

    Hochfest
    Geburt des Heiligen Johannes des Täufers

    Das Lukasevangelium stellt die Ankündigung der Geburt und die Geburt Johannes des Täufers parallel zur Verkündigung der Geburt Jesu und seiner Geburt dar. Entsprechend wird der Geburtstag des Johannes ein halbes Jahr vor dem Geburtstag Jesu gefeiert. Die besonderen Umstände seiner Geburt schildert Lukas im ersten Kapitel seines Evangeliums: die Unfruchtbarkeit Elisabets, die im Alter doch noch Mutter wird; der Unglaube des Vaters Zacharias und sein Verstummen, das sich schließlich in der Nennung des Namens Johannes löst und in den Lobpreis Gottes mündet. Der Name Johannes bedeutet „Gott ist gnädig“. Die Nähe zu Jesus, der sich von Johannes im Jordan taufen lässt, prägt das Leben des Täufers, von dem Jesus einmal sagte: „Unter allen Menschen hat es keinen größeren gegeben als Johannes den Täufer.“ (Mt 11, 11) Johannes aber, der vor seinem öffentlichen Auftreten als Bußprediger eine Zeit lang in der Wüste lebte, sah seine Rolle im Blick auf Jesus so: „Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden.“ (Joh 3, 30) Zu Beginn der öffentlichen Wirksamkeit Jesu schickte Johannes seine Jünger zu Jesus mit dem Hinweis: „Seht, das Lamm Gottes!“ (Joh 1, 36) Durch König Herodes Antipas, der den lästigen Mahner leid ist, weil er offen dessen zweite Heirat angeprangert hatte, wird Johannes ins Gefängnis geworfen. Einer Laune des Herrschers zufolge wird der Täufer für sein kompromissloses Eintreten im Dienste Gottes schließlich enthauptet. Das Gedächtnis seines Todes begeht die Kirche am 29. August.

    Quellen

    Miniatur:
    Berthold-Sakramentar, Weingarten, um 1217.
    Kommentar und kunsthistorische Erläuterungen nach Detlef Stäps.

    Evangelium:
    Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, 2016.

    Liturgische Bedeutung:
    Magnificat – Das Stundenbuch.


    Empfehlung

    Heinz Detlef Stäps

    Codex Biblicus – Die Evangelien

    2 Bände: Evangelien und Begleitband

    Diese Bibel-Teilausgabe enthält die vier Evangelien in der Einheitsübersetzung. Eingefügt in den Text sind durchgehend prächtige Abbildungen aus Handschriften des 9. bis 13. Jahrhunderts, die in namhaften Bibliotheken weltweit aufbewahrt werden. Diese einzigartigen Miniaturen spannen einen Bogen von der karolingischen Buchmalerei bis zur frühen Gotik.

    Der separate Begleitband ermöglicht es, den Text neben das Bild in der Bibel zu legen. Die Grundlage für die Abbildungen ist der Bibeltext, der auch den Buchmalern im Mittelalter vorlag. Heinz Detlef Stäps macht deutlich, dass die Miniaturen mehr als Illustrationen sind. Sie bringen den Bibeltext auf ihre eigene Weise zum Sprechen.

    384 S. | 21 x 28 cm | geb. | Hardcover | Verlag Kath. Bibelwerk 2024

  • Ernennungsurkunde

    Da wir die Fülle der pastoralen Sorge tragen, ruft uns die Liebe Christi unablässig dazu auf, für das Wohl der ganzen Kirche zu sorgen. Zwar liegt uns das Heil aller Gläubigen am Herzen, doch mahnt uns in besonderer Weise die Güte Gottes, auch für einzelne Teilkirchen Hirten zu bestellen, die geeignet sind, das Volk Gottes zu leiten.

    Denn unser Herr Jesus Christus wollte, dass jeder einzelne Hirt seiner Herde vorstehe, nicht aus eigener Kraft, sondern im Dienst des Evangeliums, damit er mit wachsamer Sorge die ihm anvertrauten Seelen leite und sie auf dem Weg des Heils begleite.

    Nachdem nun der bischöfliche Stuhl von Wien vakant geworden war, haben wir mit väterlicher Umsicht nach einem Mann gesucht, der durch Glauben, Klugheit und bewährten priesterlichen Dienst geeignet ist, diese hohe Aufgabe zu übernehmen. Dabei haben wir den Rat zuständiger Stellen eingeholt und sorgfältig erwogen, was dem Wohl der Kirche dient.

    So haben wir dich, geliebter Sohn, der du aus dem Klerus dieser Erzdiözese hervorgegangen bist und dich in vielfältigen pastoralen Aufgaben bewährt hast, für würdig erachtet, dieses Amt zu übernehmen. In dir sehen wir einen Priester, der mit menschlicher Reife, geistlicher Tiefe und seelsorglicher Hingabe den Menschen nahe ist.

    Darum ernennen wir dich kraft unserer apostolischen Vollmacht
    zum Erzbischof von Wien,
    mit allen Rechten und Pflichten, die diesem Amt nach den heiligen Canones zukommen.

    Wir gewähren dir die Vollmacht, die bischöfliche Weihe zu empfangen, sofern du sie noch nicht empfangen hast, und wir beauftragen dich, das Volk Gottes in der dir anvertrauten Kirche zu lehren, zu heiligen und zu leiten, in Treue zur Lehre der Kirche und in Gemeinschaft mit dem Nachfolger des heiligen Petrus.

    Wir empfehlen dich der Fürsprache der seligen Jungfrau Maria, der Mutter des Erlösers, sowie des heiligen Josef und des heiligen Stephanus, und bitten inständig, dass der Heilige Geist dich leite, stärke und mit seiner Weisheit erfülle.

    Nimm die Melodie des Herrn in dich auf, damit dein Wort und dein Leben im Einklang stehen mit dem Evangelium Christi und du den Menschen Hoffnung, Orientierung und Frieden schenkst.

    Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter,
    am siebzehnten Tag des Monats Oktober
    im Jahr des Herrn zweitausendfünfundzwanzig,
    im ersten Jahr unseres Pontifikats.

    Papst Leo XIV.

  • Der Kochtopf und die Patchwork-Familie

    Gedanken zur Zukunft von Familie und Kirche

    zur Predigt von P. Johannes Paul Abrahamwicz OSB
    am Fest der Heiligen Familie 2025
    in der Pfarrkirche St. Veit im Gölsental

    ein Kommentar von Harald R. Preyer

    Diese Predigt löst das Fest der Heiligen Familie aus dem engen Rahmen eines Ideals. Die biblische Familie ist keine heile Welt, sondern eine gefährdete: Flucht, Unsicherheit, Improvisation. Gerade darin liegt ihre Wahrheit.

    Was früher verschwiegen wurde, wird heute tröstlich: dass Familien unvollkommen sein dürfen – und Kirche ebenso. Der Pfarrverband als Patchwork-Kirche ist kein Mangel, sondern eine ehrliche Gestalt von Gegenwart. Heiligkeit zeigt sich nicht im Perfekten, sondern im Annehmen dessen, was uns zufällt.
    Die Metapher vom Kochtopf ist pastoral klug: Konflikte brauchen Sprache, bevor sie eskalieren. Annahme braucht Kommunikation. Und Vertrauen findet seine Form im Gebet – nicht als Ersatz fürs Handeln, sondern als geteilte Verantwortung.

    Entspricht nicht von jeher das Bild von Kirche eher dem, was wir heute als Patchwork-Familie kennen denn der idyllischen Trias von Vater – Mutter – Kind?

    Südaltar mit großem spätgotisches Kruzifix um 1510/1520
    Pfarrkirche St. Veith an der Gölsen

    Nach seinem Tod hinterlässt Jesus in unserer Welt: eine Mutter Maria in großer Trauer, einen vermutlich traurigen Stiefvater Josef, viele enttäuschte Freunde, die an ihn geglaubt haben und ein trügerisches Gerücht: er sei von den Toten auferstanden…

    Dann kommt Ostern. Dann kommt Auferstehung. Dann kommt Heiliger Geist. Und so entsteht Kirche – als eine stetig wachsende Gruppe von Menschen, die an die Liebe glauben, diesen Glauben teilen und erlebbar machen. Bis heute.

  • Konzentration – eine Frage der Haltung

    Als Trauerredner werde ich jede Woche mit hunderten Informationen konfrontiert, von denen ich die wesentlichen und berührenden in meine Trauerrede einfließen lasse.

    Die gesamte Beerdigung wird umso tröstlicher, je persönlicher sie ist.

    Oft werde ich nach der Trauerfeier von Gästen gefragt, wie ich mir all das merke. Ich habe dazu im Laufe der Jahre zwei Erkenntnisse aus Coachings mit meinem Freund, dem bekannten Neurologen und systemischen Coach Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Lalouschek umgesetzt:

    Erstens: Wir können gleichzeitig nur eine Sache wirklich gut machen. Und zweitens: Konzentration ist vor allem eine Frage der aufmerksamen Haltung. Dieser ZEIT-Test hat mir bestätigt, wie wertvoll diese Erkenntnisse sind.

    Konzentration ist kein Talent und keine Technik, sondern eine Haltung. Wer wirklich zuhört, muss nichts „abspeichern“ – das Wesentliche prägt sich ein, weil es berührt.

    In der Trauerarbeit zeigt sich das besonders deutlich: Nicht die Menge der Informationen tröstet, sondern die Qualität der Aufmerksamkeit. Präsenz ist die stille Voraussetzung für echtes Erinnern.



    Sie können den Test hier selbst kostenlos machen. Ich habe meinen Link für Freunde kostenlos geteilt.

  • Wo zwei oder drei

    Matthäus 18,15–20

    Vom Umgang mit schuldig gewordenen Brüdern – Die Kraft des gemeinsamen Gebets

    15 Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen.
    16 Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei mit, denn jede Sache muss durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werden.
    17 Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde. Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner.

    18 Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein.

    19 Weiter sage ich euch: Alles, was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten.

    20 Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.

    Beispiele und eine kurze Erklärung zum Thema „Fürbitten“ findest Du auf einer eigenen Seite.

  • Reichtum und Trauer

    „Milliardärinnen mehren ihr Vermögen zum vierten Mal in Folge schneller als ihre männlichen Kollegen.“
    (UBS-Studie, zitiert nach Benjamin Cavalli)

    Finanzen, Geld, Vermögen – sie strukturieren unsere Welt, verschieben Machtachsen und eröffnen Möglichkeiten. Doch im Trauerfall verlieren diese Größen ihre vermeintliche Schwerkraft.

    Meine Erfahrung ist eine andere: Je größer das äußere Vermögen, desto sichtbarer wird oft die innere Leerstelle. Nähe zu Gott, Beziehung, Versöhnung, gelebte Liebe – all das lässt sich weder erben noch vermehren.

    Wenn Geld im Abschied überhaupt wirkt, dann oft umgekehrt proportional: Es kann ablenken, verzögern, betäuben. Trost aber entsteht nicht aus Zahlen, sondern aus Sinn.

    Umso aufmerksamer gilt es den Fokus der Gespräche und Zeremonien auf das Wesentliche zu lenken – auf das Begleiten mit der Zusage, dass nie alleine ist, wer auf Gott vertraut.

  • Hl. Barbara – 4. Dezember

    Barbara wurde als jungfräuliche Märtyrerin in Nikomedien (heute Ízmit in der Türkei) verehrt. Um ihre Gestalt ranken sich zahlreiche Legenden, es gibt jedoch keine historischen Belege über ihre Lebensgeschichte.

    Hl. Barbara, Anfang 17. Jahrhundert
    zu sehen im KHM, Kunstkammer Wien, Saal XXIVa/b/c

    Der Überlieferung nach lebte sie als Tochter einer reichen heidnischen Familie im dritten oder vierten Jahrhundert, noch zur Zeit der Christenverfolgung. Wegen ihrer Schönheit und Klugheit soll sie von vielen Männern umworben worden sein. Sie jedoch habe sich auf der Suche nach dem Sinn ihres Lebens an die verborgene Christengemeinde gewandt und sei Christin geworden. Der Vater soll sie daraufhin in einen Turm gesperrt haben. Da sie aber nicht von ihrem Glauben abließ, habe er sie vor Gericht gebracht. Kurz vor ihrem Tod soll sie noch um den Empfang der Heiligen Kommunion gebeten haben. Dieser Wunsch wurde ihr gewährt bevor sie nach schrecklichen Foltern dann schließlich durch die Hand des Vaters enthauptet wurde. Daraufhin habe ein Blitz den Vater erschlagen. Barbara zählt zu den Vierzehn Nothelfern.

    Nach einem alten Brauch werden an ihrem Gedenktag kahle Zweige ins Wasser gestellt, sodass sie Weihnachten blühen – vielfach als Symbol gedeutet für das Leben, das in Jesus aus der „Wurzel Jesse“ aufgeblüht ist.

    nach Magnificat – das Stundenbuch

    Dieses Foto und einige gute Tipps, damit die Barbarazweige auch wirklich am Heiligen Abend blühen, habe ich der Seite von selbst.de entnommen.


    Dieses Video meines Freundes P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB aus dem Garten von Stift Göttweig mag ich sehr. Die letzten Bilder sind unerwartet…

  • Vom Wert der Dinge

    Eine Reflexion in drei Teilen von Harald Preyer

    Es gibt Momente, in denen sich die Frage nach dem Wert eines Lebens, eines Gegenstandes oder einer Erfahrung unerwartet scharf stellt. Spätestens dann, wenn Auktionshäuser erneut Rekordpreise verkünden und ein Bild für eine dreistellige Millionensumme den Besitzer wechselt. Solche Ereignisse lenken den Blick auf die Frage, wie und woran wir Wert eigentlich messen. Und ob wir ihn überhaupt messen können.

    Die beiden teuersten jemals in Auktionen verkauften Gemälde: Gustav Klimt und der zugeschriebene Leonardo da Vinci.

    Die folgenden Thesen markieren einen Weg durch dieses Gelände – nicht als endgültige Antworten, sondern als seismografische Punkte einer Gesellschaft, die sich immer tiefer in symbolische Preisrekorde verstrickt.


    Teil 1 – drei Thesen zum Wert der Dinge

    **These 1

    Was wirklich wertvoll ist, kann niemand kaufen – mit keinem Geld der Welt.**

    Der Satz klingt schlicht, ist aber radikal. Denn er verschiebt den Fokus weg von allem, was handelbar ist, hin zu dem, was sich dem Markt entzieht: Zeit, Liebe, Vertrauen, Würde, innere Ruhe. Das sind Werte, die nicht produziert, nicht gelagert und nicht verkauft werden können. Sie entstehen nur, wo Menschen einander begegnen, sich zeigen, sich öffnen.

    Philosophen aller Zeiten wussten das. Die antiken Stoiker nannten es das „in unserer Macht Stehende“ – jene inneren Güter, die unabhängig von Umstand und Schicksal bestehen. Christliche Traditionen sprechen von Gnade, Hingabe, geistiger Freiheit. Auch moderne Ökonomen wissen um den „intrinsischen Wert“, der jedem Preisschild entzogen bleibt.

    Paradoxerweise wird das Unbezahlbare gerade in einer Zeit inflationärer Preise wieder sichtbar. Je teurer die Dinge werden, desto deutlicher wird, was sich ihrer Logik entzieht. Der eigentliche Wert beginnt dort, wo Geld keine Sprache mehr hat.


    **These 2

    Bereits ab einem relativ geringen Wert entkoppelt sich der Preis vom realen Wert.**

    Der Markt tut selten das, was wir intuitiv annehmen. Er misst nicht den Gebrauch, sondern die Begehrlichkeit. Ein Bild, das 300 Millionen Euro kostet, erhellt keinen Raum mehr als eines für 300 Euro. Eine Uhr für 80.000 Euro zeigt die Zeit nicht präziser an als eine für 80. Und ein Auto für den Preis einer Wohnung bringt uns nicht schneller ans Ziel als eines für den Preis einer Küche.

    Ab einer gewissen Schwelle repräsentiert der Preis nicht mehr das Objekt, sondern das Umfeld des Objekts: den Status, die Geschichte, die Seltenheit, die Rolle in einem sozialen Ritual. Menschen kaufen nicht Dinge, sondern Bedeutungen.

    Die Entkoppelung von Preis und Wert ist daher keine Anomalie, sondern das Normalverhalten eines Marktes, der nicht Bedarfe misst, sondern Zeichen. Jedes Preisschild über ein paar tausend Euro erzählt weniger vom Gegenstand als vom Käufer.


    **These 3

    Das Verhältnis zwischen dem Auktionswert eines Bildes und seinem realen Wert ist – wie das Verhältnis zwischen Spitzengehältern und Durchschnittsgehältern – ein Maß für Realitätsverlust. Und ein Indiz fortschreitender Dekadenz.**

    Wenn ein CEO das 300-Fache eines Mitarbeiters verdient, sagt das nichts über Produktivität, sondern viel über Machtverteilung. Und wenn ein Gemälde auf einer Auktion für eine halbe Milliarde verkauft wird, sagt das – ebenso – mehr über das Bedürfnis nach Symbolik aus als über künstlerische Bedeutung.

    Auktionsrekorde sind Inszenierungen einer globalen Elite, die sich durch spektakuläre Preise gegenseitig ihre Präsenz bestätigt. Sie sind weniger Ausdruck von Kunstwert als Ausdruck von Hybris. Der Kunstmarkt ist nicht krank; er ist symptomatisch für eine Gesellschaft, die Wert und Preis zunehmend verwechselt.

    Wo aber Preis und Realität auseinanderdriften, verliert eine Kultur ihren Boden. Das war im Rom der Spätantike nicht anders als im Paris der Belle Époque. Dekadenz zeigt sich nicht zuerst in Lastern, sondern in der Unfähigkeit, zwischen dem Wesentlichen und dem Schmückenden zu unterscheiden.


    Teil 2 – Der Wert von Treue

    Zwischen Standfestigkeit und Toleranz

    Die heutige Lesung ist lange – mehr als drei Minuten.
    1 Makk 2, 15–29.
    Es geht darin um Standfestigkeit, um Treue.

    In alter Zeit um eine Treue, für die ein Weiser sogar bereit ist, zu töten. „Dieser Mord entspricht nicht mehr unserem Empfinden für Verhältnismässigkeit“ meinte Dompfarrer Toni Faber. Und das meine ich auch.

    Aber die Frage dahinter bleibt bestehen:
    Wo beginnt meine Standfestigkeit? Wo endet meine Toleranz?

    Was akzeptiere ich gerade noch – und wo sage ich klar Nein?
    Diese Fragen sind im 21. Jahrhundert nicht geringer geworden, sondern subtiler.
    Treue ist heute keine militante Tugend mehr, sondern eine alltägliche Entscheidung: zu Menschen, zu Werten, zu sich selbst.
    Vielleicht ist gerade diese stille Form der Treue die schwerste.


    Teil 3 – Was wollen Trauernde zurück? Den Toten?

    Der Verlust, der bleibt – und der Wert der Zeit

    In Gesprächen mit Trauernden kurz nach dem Tod eines geliebten Menschen begegnen mir oft die Sätze:
    „Ich hätte den Toten so gerne zurück. Wie konnte das geschehen? Warum so früh?“

    Das ist der rohe Schmerz des Verlustes, das Entsetzen der ersten Tage, das leere Zimmer, die plötzliche Unerreichbarkeit eines geliebten Menschen. Das tut weh und es dauert manchmal lange bis die Zeit die Wunden heilt.

    Wenn ich dieselben Menschen zehn Jahre später wiedersehe, manchmal an der Seite eines neuen Partners, dann erzählt ihr Blick eine andere Wirklichkeit.

    Sie wünschen sich nicht mehr den Toten zurück.
    Sondern die gemeinsame Zeit, die ihnen gefehlt hat.

    Die Fragen, die sie damals nicht gestellt haben.
    Die Wege, die sie nicht mehr miteinander gegangen sind.
    Der Rosenstrauch, den sie immer pflanzen wollten, aber nie kauften.
    Das Bild, das sie gemeinsam geliebt, aber nie erworben haben.
    Die Entschuldigung, die unausgesprochen blieb.

    Diese Gespräche mahnen mich an die Achtsamkeit im Umgang mit meiner Zeit.
    Und an die Behutsamkeit im Umgang mit der gemeinsamen Zeit von Yuliya und mir – gerade heute, an ihrem 41. Geburtstag.

    Vielleicht ist es das, was Trauer uns lehrt:
    Der wahre Wert eines Menschen ist nicht seine Anwesenheit, sondern die Intensität der gemeinsam gelebten Augenblicke.


    Was ist also das Wertvollste?

    Vielleicht ist die Frage leichter gestellt als beantwortet. Doch jede Antwort, die nicht käuflich ist, weist in dieselbe Richtung:

    Das Wertvollste ist das,

    • was sich nicht anhäufen lässt,
    • was nur in Beziehung existiert,
    • was sich nicht verkaufen und nicht vererben lässt,
    • was mit dem Menschen wächst und mit ihm vergeht.

    Zeit. Liebe. Vertrauen. Würde. Bewusstheit. Mitgefühl.
    Und die Treue zu dem, was uns wirklich betrifft.

    (Und natürlich die Gesundheit. Ein eigenes Thema für eine eigene Reflexion.)

    All das sind Werte, die nicht an Märkte gebunden sind.
    Und vielleicht liegt genau darin ihre stille Kraft:
    Sie lassen sich nicht besitzen, sondern nur dankbar leben.

  • In der Liebe, die alles umfängt

    Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht
    und das Wort, das wir sprechen, als Lied erklingt,

    dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut,
    dann wohnt er schon in unserer Welt.
    Ja, dann schauen wir heut schon sein Angesicht
    in der Liebe, die alles umfängt.

    Wenn das Leid jedes Armen uns Christus zeigt,
    und die Not, die wir lindern, zur Freude wird,
    dann hat Gott unter uns …

    Wenn die Hand, die wir halten, uns selber hält,
    und das Kleid, das wir schenken, auch uns bedeckt,
    dann hat Gott unter uns …

    Wenn der Trost, den wir geben, uns weiterträgt,
    und der Schmerz, den wir teilen, zur Hoffnung wird,
    dann hat Gott unter uns …

    Wenn das Leid, das wir tragen, den Weg uns weist,
    und der Tod, den wir sterben, vom Leben singt,
    dann hat Gott unter uns …

    Claus Peter März (1947 – 1921), © Rechtenachfolge – GL 470


    Screenshot von Magnificat – das Stundenbuch
    Ausgabe November 2025
    Verlag Butzon & Bercker, Kevelaer