
Die Miniatur stammt aus dem berühmten Berthold-Sakramentar des Klosters Weingarten und entstand um das Jahr 1217. Sie zeigt die Szene aus dem Lukasevangelium, in der der Priester Zacharias während seines Tempeldienstes dem Engel Gabriel begegnet.
Die Darstellung spielt in einem reich ausgestatteten Kirchenraum, der den Tempel von Jerusalem symbolisiert. Zacharias steht links vor dem Altar und hält das Weihrauchfass in der Hand. Ihm gegenüber erscheint der Erzengel Gabriel. Zwischen beiden Figuren entsteht eine besondere Spannung: Sie neigen sich einander zu, ihre Köpfe und Blicke kommen sich beinahe so nahe, dass sie sich berühren könnten.
Der Künstler macht damit sichtbar, was das Evangelium erzählt: Gott tritt in das Leben eines Menschen ein und verändert dessen Zukunft. Zacharias erfährt, dass seine Frau Elisabet trotz ihres hohen Alters einen Sohn gebären wird. Dieser Sohn wird Johannes heißen und den Weg für Jesus Christus bereiten.
Die leuchtenden Farben, der Goldgrund und die feinen architektonischen Formen verleihen der Szene eine überirdische Atmosphäre. Die Miniatur zeigt nicht nur ein historisches Ereignis, sondern die Begegnung zwischen menschlichem Zweifel und göttlicher Verheißung. Aus dieser Begegnung entsteht die Geschichte des Täufers, dessen Auftrag darin besteht, auf Christus hinzuweisen.
Evangelium
Lk 1, 57–66.80
Für Elisabet erfüllte sich die Zeit, dass sie gebären sollte, und sie brachte einen Sohn zur Welt. Ihre Nachbarn und Verwandten hörten, welch großes Erbarmen der Herr ihr erwiesen hatte, und freuten sich mit ihr.
Und es geschah: Am achten Tag kamen sie zur Beschneidung des Kindes und sie wollten ihm den Namen seines Vaters Zacharias geben.
Seine Mutter aber widersprach und sagte: Nein, sondern er soll Johannes heißen. Sie antworteten ihr: Es gibt doch niemanden in deiner Verwandtschaft, der so heißt.
Da fragten sie seinen Vater durch Zeichen, welchen Namen das Kind haben solle. Er verlangte ein Schreibtäfelchen und schrieb darauf: Johannes ist sein Name. Und alle staunten.
Im gleichen Augenblick konnte er Mund und Zunge wieder gebrauchen und er redete und pries Gott. Und alle ihre Nachbarn gerieten in Furcht und man sprach von all diesen Dingen im ganzen Bergland von Judäa.
Alle, die davon hörten, nahmen es sich zu Herzen und sagten: Was wird wohl aus diesem Kind werden? Denn die Hand des Herrn war mit ihm.
Das Kind wuchs heran und wurde stark im Geist. Und es lebte in der Wüste bis zu dem Tag, an dem es seinen Auftrag für Israel erhielt.
Hochfest
Geburt des Heiligen Johannes des Täufers
Das Lukasevangelium stellt die Ankündigung der Geburt und die Geburt Johannes des Täufers parallel zur Verkündigung der Geburt Jesu und seiner Geburt dar. Entsprechend wird der Geburtstag des Johannes ein halbes Jahr vor dem Geburtstag Jesu gefeiert. Die besonderen Umstände seiner Geburt schildert Lukas im ersten Kapitel seines Evangeliums: die Unfruchtbarkeit Elisabets, die im Alter doch noch Mutter wird; der Unglaube des Vaters Zacharias und sein Verstummen, das sich schließlich in der Nennung des Namens Johannes löst und in den Lobpreis Gottes mündet. Der Name Johannes bedeutet „Gott ist gnädig“. Die Nähe zu Jesus, der sich von Johannes im Jordan taufen lässt, prägt das Leben des Täufers, von dem Jesus einmal sagte: „Unter allen Menschen hat es keinen größeren gegeben als Johannes den Täufer.“ (Mt 11, 11) Johannes aber, der vor seinem öffentlichen Auftreten als Bußprediger eine Zeit lang in der Wüste lebte, sah seine Rolle im Blick auf Jesus so: „Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden.“ (Joh 3, 30) Zu Beginn der öffentlichen Wirksamkeit Jesu schickte Johannes seine Jünger zu Jesus mit dem Hinweis: „Seht, das Lamm Gottes!“ (Joh 1, 36) Durch König Herodes Antipas, der den lästigen Mahner leid ist, weil er offen dessen zweite Heirat angeprangert hatte, wird Johannes ins Gefängnis geworfen. Einer Laune des Herrschers zufolge wird der Täufer für sein kompromissloses Eintreten im Dienste Gottes schließlich enthauptet. Das Gedächtnis seines Todes begeht die Kirche am 29. August.
Quellen
Miniatur:
Berthold-Sakramentar, Weingarten, um 1217.
Kommentar und kunsthistorische Erläuterungen nach Detlef Stäps.
Evangelium:
Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, 2016.
Liturgische Bedeutung:
Magnificat – Das Stundenbuch.
Empfehlung

Heinz Detlef Stäps
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384 S. | 21 x 28 cm | geb. | Hardcover | Verlag Kath. Bibelwerk 2024
