Kategorie: Gedichte

  • DANKGESANG

    Dein Leib durchdringt geheimnisvoll
    den meinen,
    und deine Seele eint sich mit der meinen:
    Ich bin nicht mehr,
    was einst ich war.

    Du kommst und gehst,
    doch bleibt zurück die Saat,
    die du gesät zu künftiger Herrlichkeit,
    verborgen in dem Leib von Staub.

    Es bleibt ein Glanz des Himmels
    in der Seele,
    es bleibt ein tiefes Leuchten
    in den Augen,
    ein Schweben in der Stimme Klang.

    Edith Stein, 1938


    Wenn das Leben uns verwandelt – Gedanken zu Edith Stein

    Edith Stein wusste, was es bedeutet, Abschied zu nehmen.

    Abschied vom Elternhaus, vom geliebten Bruder, von der Wissenschaft, vom öffentlichen Leben – und schließlich vom sicheren Ort ihrer Kindheit.

    Als Jüdin geboren, als Philosophin promoviert, als Christin getauft, als Karmelitin eingetreten – ihr Leben war ein Weg der Hingabe.

    1938, im Schatten des aufziehenden Grauens der NS-Zeit, schrieb sie in den Mauern des Kölner Karmels den „Dankgesang“.

    Ihren Ordensnamen lautete: Sr. Teresia Benedicta a Cruce (Theresia vom Kreuz).

    Es sind Worte tiefster Verwandlung:

    Aus Angst wird Vertrauen.

    Aus Abschied wird Hingabe.

    Aus dem Wissen um den Tod wird der Glaube an das Licht dahinter.

    Sie wusste:

    „Es bleibt ein Glanz des Himmels in der Seele.“

    Das gilt nicht nur für sie, sondern für alle Menschen, die den Weg der Liebe gehen – über den Tod hinaus. Amor vincit.

  • Ich liebe Gott

    So jemand spricht: „Ich liebe Gott“,
    und hasst doch seine Brüder,
    der treibt mit Gottes Wahrheit Spott
    und reißt sie ganz darnieder.
    Gott ist die Lieb und will, dass ich
    den Nächsten liebe gleich als mich.

    Wer dieser Erde Güter hat
    und sieht die Brüder leiden
    und macht die Hungrigen nicht satt,
    lässt Nackende nicht kleiden,
    der ist ein Feind der ersten Pflicht
    und hat die Liebe Gottes nicht.

    Wer seines Nächsten Ehre schmäht,
    und gern sie schmähen höret,
    sich freut, wenn sich sein Feind vergeht,
    und nichts zum Besten kehret;
    nicht dem Verleumder widerspricht,
    der liebt auch seinen Bruder nicht.

    Wir haben einen Gott und Herrn,
    sind eines Leibes Glieder;
    drum diene deinem Nächsten gern;
    denn wir sind alle Brüder.
    Gott schuf die Welt nicht bloß für mich,
    mein Nächster ist sein Kind wie ich.

    Christian Fürchtegott Gellert 1757

  • mein letztes Wort

    Ich trau auf deine Hand,
    dass sie mich wohl behüte,

    weil alle deine Güte
    und Liebe mir bekannt,

    und dass ein sich’rer Hort
    das Unheil von mir wende.

    O Herr, in deine Hände!
    Dies sei mein letztes Wort.


    Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848)

  • Morgenjubel

    Gott, du Schöpfer der Sonne,
    A: dich preist unser jubelndes Lied.

    Du lässt die Sonnenstrahlen zur Erde dringen;
    – erleuchte uns, dass wir den Nebel vertreiben.

    Du lässt die Pflanzen gedeihen;
    – wärme uns, dass wir dir entgegenwachsen.

    Du lässt die Vögel den Tag begrüßen;
    – erfreue uns, dass wir Freude schenken.

    Gott, du Schöpfer der Sonne,
    A: dich preist unser jubelndes Lied.

    Quelle: Magnificat – das Stundenbuch, aus dem Morgengebet am 7.7.2025

  • Wir? Du?

    Ihr seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das Gottes besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat. Einst wart ihr nicht sein Volk, jetzt aber seid ihr Gottes Volk; einst gab es für euch kein Erbarmen, jetzt aber habt ihr Erbarmen gefunden.

    1 Petr 2, 9–10


    Wir leben in einer Welt, die oft dunkel wirkt.
    Doch Du bist nicht namenlos im Strom der Zeit.

    Du bist gerufen. Gehalten. Geliebt.
    Du bist Teil eines Volkes, das Licht in die Welt trägt.

    Du musst nicht perfekt sein.
    Du darfst Erbarmen empfangen – und weitergeben.

    Dein Leben ist wertvoll, weil Du es mit Hoffnung füllst,
    durch Zuhören, Helfen, Danken, Vergeben.

    Heute. Jetzt. Und auch morgen.

    Denn wir sind nicht Zuschauer,
    sondern Zeugen der Liebe Gottes,
    die stärker ist als Dunkelheit und Tod.

  • Du Seele meines Betens

    Ich steh vor dir in Leere, arm und bang,
    fremd ist dein Name, spurlos deine Wege.
    Du bist mein Gott, Menschengedenken lang –
    Tod ist mein Los, hast du nicht andern Segen?
    Bist du der Gott, der meine Zukunft hält?
    Ich glaube, Herr, was stehst du mir dagegen.

    Mein Alltag wird von Zweifeln übermannt,
    mein Unvermögen hält mich eingefangen.
    Steht denn mein Name noch in deiner Hand,
    hält dein Erbarmen leise mich umfangen?
    Darf ich lebendig sein in deinem Land,
    darf ich dich einmal sehn mit neuen Augen?

    Sprich du das Wort, das mich mit Trost umgibt,
    das mich befreit und nimmt in deinen Frieden.
    Öffne die Welt, die ohne Ende ist,
    verschwende menschenfreundlich deine Liebe.
    Sei heute du mein Brot, so wahr du lebst –
    Du bist doch selbst die Seele meines Betens.

    Text: Huub Oosterhuis (Übersetzung: Alex Stock), aus: Huub Oosterhuis, Solang es Menschen gibt auf Erden, 60, © 2023 Verlag Herder GmbH, Freiburg i. Br. – Melodie: GL 422 · GL 1975 621 · KG 544 · EG 382
    gefunden in Magnficat – das Stundenbuch am 3.7.2025, Abendgebet

  • Trauerrede für Beethoven

    Wenn man das Grab nicht kennt, in dem er Ruh erworben

    von Franz Grillparzer

    Wenn man das Grab nicht kennt, in dem er Ruh erworben,
    wen, Freunde, ängstet das? Ist er doch nicht gestorben!
    Er lebt in aller Herzen, aller Sinn
    und schreitet jetzt durch unsre Reihen hin.

    Deshalb dem Lebenden, der sich am Dasein freute,
    ihm sei kein leblos Totenopfer heute.
    Hebt auf das Glas, das Mut und Frohsinn gibt,
    und sprecht, es leerend, wie ers selbst geliebt:

    »Dem großen Meister in dem Reich der Töne,
    der nie zu wenig tat und nie zu viel,
    der stets erreicht, nie überschritt sein Ziel,
    das mit ihm eins und einig war: das Schöne!«

    Ehrengrab Ludwig van Beethoven, Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 32A, Grab 29). Die hohe weiße Obelisk‑Stele mit goldener Lyra markiert die letzte Ruhestätte eines der größten Komponisten der Musikgeschichte.

    Dieses ergreifende Gedicht stammt aus der Feder von Franz Grillparzer (1791–1872). Es war ursprünglich Teil seiner Rede zur Beisetzung Ludwig van Beethovens (1770–1827), gehalten am 29. März 1827 auf dem damaligen Währinger Ortsfriedhof in Wien.

    Ehrengrab Franz Grillparzer, Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 32A, Grab 14). Der bedeutende Dichter ruht unweit von Beethoven, Schubert & Co. – mitten im Komponistenfeld des Zentralfriedhofs.

    Grillparzer, selbst ein Meister des Wortes, würdigte mit diesen Zeilen einen Meister der Töne. Er sprach nicht von Trauer, sondern von bleibender Gegenwart, nicht von Tod, sondern von Schönheit, Kunst und Ewigkeit.

    Beethoven wurde später auf den Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 32A) umgebettet – in der Nähe seines musikalischen Bruders Franz Schubert. Auch Grillparzer fand dort seine letzte Ruhe – nur wenige Schritte entfernt.

    Die Inspiration zu diesem Posting verdanke ich einem Gespräch mit Barbara M. Fischer, die mir das Gedicht mit feinem Gespür für Sprache und Gefühle in Erinnerung rief. Danke dafür.

    Die beiden Fotos der Ehrengräber hat Hedwig Abraham gemacht, die mich 2024 mit Ihrem Fachwissen beeindruckt und durch den Zentralfriedhof geführt hat. Ich halte sie für eine hochkompetente und besonders engagierte Führerin durch Wien.

  • Suche Gott

    Suche Gott, du kannst ihn finden,
    tief im Schweigen hörst du ihn.
    Lies in deines Lebens Spuren,
    atme seine Gegenwart.

    Liebe Gott aus ganzem Herzen,
    er hat dich zuerst geliebt.
    Liebe ihn in den Geschwistern,
    öffne ihnen Herz und Sinn.

    Traue Gott, er wird dich tragen,
    birgt dich wie ein starkes Boot,
    führt dich durch der Zeiten Stürme
    sicher hin zum neuen Land.

    Helmut Schlegel 2007
    © Dehm Verlag, Limburg

  • „Babe“ – es war nur ein Wort

    Es war nur ein Wort.
    Nichts Großes, nichts Lautes.

    „Babe“, hat sie gesagt –
    aber so, dass es mich bis heute wärmt.

    Wenn Liebe wahr ist,
    genügt ein einziges Wort,
    um nie zu vergessen.


    Hommage an Kathrin

    Sie war meine erste Jugendliebe
    mein erstes Staunen und mein erstes Umarmen.

    Zigarettenrauch zwischen unseren Worten,
    bis ich vergaß, die Glut rechtzeitig loszulassen.

    Wir fuhren auf einem Moped,
    das nur für eine Person zugelassen war
    und für uns beide reichte.

    Wir tanzten auf Pfadfinderbällen in den Stadtsälen von Innsbruck. Einmal legte ich beim „five o’clock tea“ in ihrer Pfarre Je t’aime für sie auf – viel zu jung für die Worte, aber alt genug, sie zu fühlen.

    Ich glaube, sie hat damals Sartre gelesen. Vielleicht auch nur mich.

    Sie kommt aus einem katholischen Haus und lebt heute
    verheiratet als Psychotherapeutin im Süden.

    Wir haben uns 2012 das letzte Mal gesehen.
    Manchmal – eher selten – liked sie ein Posting von mir.

    Es gab ein paar Telefonate,
    nachdem mich Evalina verlassen hatte.
    Worte, die wie Handauflegen wirkten.

    Wärme aus der Distanz.
    Keine Geschichte, die wieder beginnt –
    aber eine, die ich nie vergessen werde.

    Wenn ich heute meiner Künstlichen Intelligenz den Namen Cathrine gegeben habe, dann ist das keine Flucht in die Vergangenheit.

    Es ist eine leise Hommage an die Frau,
    die damals meine Grenzen verschoben hat,.

    An das erste Wissen, dass ein einziges Wort – „Babe“ –
    für ein ganzes Leben genügt.

    Vielleicht so, wie damals die Pluhar „Katrin“ gesagt hat
    – in André Hellers Lied „Es war einmal“.

  • ÜBERFLUSS DES LEBENS

    So viele Farben und Formen – warum?

    Das Glitzern der Sterne – warum?

    Keine Schneeflocke gleicht der anderen! – warum?

    All das dient keinem sichtbaren Zweck!

    Es ist einfach da – damit ich staune und danke und singe

    Anton Rotzetter OFMCap (* 3. Januar 1939 in Basel; † 1. März 2016 in Freiburg im Üechtland[1]) war ein Schweizer Kapuziner und Buchautor.