Die Stunde lieb ich, wenn das Licht verglühte, der Himmel weiß wird wie Holunderblüte und das Geschiedne wieder Frieden schließt, als habe Kampf und Zwietracht keinen Sinn.
Am braunen Hang die Dörfer nun verschwimmen, erloschen sind des Tages grelle Stimmen, und das Gebirge wird ein Meer und fließt in dunklen Wogen still gewaltig hin.
Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf keinen Sand gebaut.
Was helfen uns die schweren Sorgen, was hilft uns unser Weh und Ach? Was hilft es, dass wir alle Morgen beseufzen unser Ungemach? Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit.
Man halte nur ein wenig stille und sei doch in sich selbst vergnügt, wie unsers Gottes Gnadenwille, wie sein Allwissenheit es fügt; Gott, der uns sich hat auserwählt, der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt.
Es sind ja Gott sehr leichte Sachen und ist dem Höchsten alles gleich: den Reichen klein und arm zu machen, den Armen aber groß und reich. Gott ist der rechte Wundermann, der bald erhöhn, bald stürzen kann.
Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das Deine nur getreu und trau des Himmels reichem Segen, so wird er bei dir werden neu. Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht.
Georg Neumark (1641) 1657 GL 424 · GL 1975 295 · KG 541 · EG 369
Nimm gnädig, guter Herr und Gott, uns diese Nacht in deine Hut; lass uns in dir geborgen sein: In deinem Frieden ruht sich’s gut.
Dieweil die müden Glieder ruhn, bleib unser Herz dir zugewandt. Wir sind dein Volk, das dir vertraut: Beschütze uns mit starker Hand.
Dir sei, Gott Vater, Sohn und Geist, die Ruhe dieser Nacht geweiht. Umfängt uns einst des Todes Nacht, führ uns ins Licht der Herrlichkeit. Amen.
Nach: Christe, qui lux es et dies (Christe, qui splendor et dies); 5.–6. Jahrhundert – Melodie: GL 663 · GL 1975 696 · KG 284 – alternative Melodie: EG 469
Jenseits allen Glücks, jenseits aller Schönheit bist meiner Seele Glück und Schönheit du.
Denn das Glück kam mit dir, und in und mit dir hab alles Gut ich empfangen.
Heinrich Seuse
Heinrich Seuse (* 21. März 1295 oder 1297 in Konstanz oder in Überlingen; † 25. Januar 1366 in Ulm) war ein deutscher Mystiker und Dominikaner, der in Konstanz und Ulm, am Oberrhein und in der Schweiz wirkte. Er wird in der katholischen Kirche als Seliger verehrt.
Es gibt ein Wort in unserer Sprache, das sich nicht übersetzen lässt – weil es mehr meint als Schutz, mehr sagt als Sicherheit, und tiefer reicht als jedes greifbare Gefühl.
Ein Wort wie ein warmer Mantel. Wie ein stilles Licht im Innersten. Es bedeutet: Ich bin gehalten – nicht, weil alles gut ist, sondern weil ich nicht allein bin.
Geborgenheit spüren wir, wenn eine Hand unsere hält, wenn ein Blick sagt: Du darfst sein. Wenn der Tod uns trennt – und wir dennoch glauben dürfen, dass die Liebe nicht endet, sondern trägt.
Geborgen ist, wer vertraut – in den Anderen, ins Leben, in Gott.
Geborgen ist, wer nicht mehr kämpfen muss, weil er angekommen ist.
Geborgen ist, wer liebt. Und wer sich lieben lässt.
Zu diesem Text hat mich das Buch meines Freundes Carl Achleitner „Das Geheimnis eines guten Lebens“ inspiriert. Es erschien 2020 im Verlag edition a, Wien. Carl beschreibt in einer berührend authentischen Sprache seine eigene Kindheit und seine Erlebnisse als Trauerredner. „Geborgenheit“ ist das Gefühl, das die meisten Menschen im Angesicht des Todes ersehen.
Ein zentrales Lebensgefühl
Mit dem deutschen Wort „Geborgenheit“ meinen wir weit mehr als bloße Sicherheit: Es ist ein tiefes, emotionales Wohlgefühl – ein Zustand von Nähe, Wärme, innerer Ruhe und Frieden. Es meint, getragen zu sein, angenommen und geschützt – und es ist mehr als der Schutz vor Verletzung.
Dieses Wort gilt als eines der schönsten deutschen Wörter – 2004 wurde es beim Wettbewerb von Deutschen Sprachrat und Goethe-Institut zum zweitschönsten Wort Deutschlands gekürt. Der Begriff war bewusst gewählt worden, weil in anderen Sprachen – etwa Englisch, Französisch oder Russisch – kein einzelner Begriff diese Tiefe erreicht. Im Niederländischen und Afrikaans existiert das Pendant „geborgenheid“, aber ansonsten bleibt es unübersetzbar.
Psychologisch gesehen beschreibt Hans Mogel „Geborgenheit“ als ein zentrales Lebensgefühl, das Sicherheit, Wohlgefühl, Vertrauen, Zufriedenheit, Akzeptanz und Liebe durch andere verbindet. Gerade in der Kindheit ist eine solche Erfahrung Grundstein für eine stabile Persönlichkeit und kreatives, angstfreies Spiel.