Kategorie: Gedichte

  • Die Stunde lieb ich

    Die Stunde lieb ich, wenn das Licht verglühte,
    der Himmel weiß wird wie Holunderblüte
    und das Geschiedne wieder Frieden schließt,
    als habe Kampf und Zwietracht keinen Sinn.

    Am braunen Hang die Dörfer nun verschwimmen,
    erloschen sind des Tages grelle Stimmen,
    und das Gebirge wird ein Meer und fließt
    in dunklen Wogen still gewaltig hin.

    Ricarda Huch (1864–1947)

    Ricarda Octavia Huch, Pseudonym: Richard Hugo, (* 18. Juli 1864 in Braunschweig; † 17. November 1947 in Kronberg im Taunus) war eine deutsche Schriftstellerin, Philosophin und Historikerin, die als eine der ersten Frauen im deutschsprachigen Raum im Fach Geschichtepromoviert wurde. Sie schrieb Romane und historische Werke, die durch einen konservativen und gleichzeitig unkonventionellen Stil geprägt sind.

    Quelle: Wikipedia Eintrag abgerufen am 21.10.2025

  • Der letzte Tag

    Seht, golden steigt das Licht empor –
    da schwindet hin die dunkle Nacht,
    die unsren richtungslosen Schritt
    hart an des Abgrunds Rand gebracht.

    Des neuen Tages heit’res Licht
    dringt tief in unsre Seele ein
    und macht, von Arglist ungetrübt,
    des Herzens Streben klar und rein.

    Von Aug’ und Zunge, Mund und Hand
    bleib jede böse Regung fern;
    so führe uns der neue Tag
    aus Finsternis zum Licht des Herrn.

    Ein Auge schaut auf uns herab,
    das über unsrem Leben wacht:
    Es sieht voll Güte unser Tun
    vom frühen Morgen bis zur Nacht.

    Und jener letzte Morgen einst,
    den wir erseh’n voll Zuversicht,
    er finde wachend uns beim Lob
    und überströme uns mit Licht.

    Gott Vater, dir und deinem Sohn
    sei Lob und Dank und Herrlichkeit,
    und auch dem Geist, der bei uns ist,
    jetzt und in alle Ewigkeit. Amen.

    Nach Lux ecce surgit aurea 
    (Aurelius Prudentius Clemens, † nach 405),
    deutsche Fassung nach dem Stundenbuch.

  • Wer nur den lieben Gott lässt walten

    Wer nur den lieben Gott lässt walten
    und hoffet auf ihn allezeit,
    den wird er wunderbar erhalten
    in aller Not und Traurigkeit.
    Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut,
    der hat auf keinen Sand gebaut.

    Was helfen uns die schweren Sorgen,
    was hilft uns unser Weh und Ach?
    Was hilft es, dass wir alle Morgen
    beseufzen unser Ungemach?
    Wir machen unser Kreuz und Leid
    nur größer durch die Traurigkeit.

    Man halte nur ein wenig stille
    und sei doch in sich selbst vergnügt,
    wie unsers Gottes Gnadenwille,
    wie sein Allwissenheit es fügt;
    Gott, der uns sich hat auserwählt,
    der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt.

    Es sind ja Gott sehr leichte Sachen
    und ist dem Höchsten alles gleich:
    den Reichen klein und arm zu machen,
    den Armen aber groß und reich.
    Gott ist der rechte Wundermann,
    der bald erhöhn, bald stürzen kann.

    Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
    verricht das Deine nur getreu
    und trau des Himmels reichem Segen,
    so wird er bei dir werden neu.
    Denn welcher seine Zuversicht
    auf Gott setzt, den verlässt er nicht.

    Georg Neumark (1641) 1657
    GL 424 · GL 1975 295 · KG 541 · EG 369

  • Gelassenheitsgebet

    Gott, gib uns die Gnade, mit Gelassenheit hinzunehmen,
    was nicht geändert werden kann,

    den Mut, zu ändern, was geändert werden soll,

    und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

    Reinhold Niebuhr (1892–1971)


    Englisches Original (Reinhold Niebuhr, 1943):

    God, give us grace to accept with serenity the things that cannot be changed,

    Courage to change the things which should be changed,

    and the Wisdom to distinguish the one from the other.

    Autor:

    Reinhold Niebuhr (1892–1971), US-amerikanischer protestantischer Theologe.

    Erstmals verwendet in einem Gottesdienst in Heath, Massachusetts (1943).

    Quellen:

    • Elisabeth Sifton: The Serenity Prayer. Faith and Politics in Times of Peace and War. Norton, New York 2003.
    • Fred R. Shapiro: Who Wrote the Serenity Prayer?, Yale Alumni Magazine, Juli/August 2008.
    • de.wikipedia.org/wiki/Gelassenheitsgebet
  • Zartes Hoffen

    Abschied naht
    Tod kommt
    Trauer wandelt
    Hoffnung keimt
    Freude blüht
    Liebe bleibt

  • Führ uns ins Licht

    Nimm gnädig, guter Herr und Gott,
    uns diese Nacht in deine Hut;
    lass uns in dir geborgen sein:
    In deinem Frieden ruht sich’s gut.

    Dieweil die müden Glieder ruhn,
    bleib unser Herz dir zugewandt.
    Wir sind dein Volk, das dir vertraut:
    Beschütze uns mit starker Hand.

    Dir sei, Gott Vater, Sohn und Geist,
    die Ruhe dieser Nacht geweiht.
    Umfängt uns einst des Todes Nacht,
    führ uns ins Licht der Herrlichkeit. Amen.

    Nach: Christe, qui lux es et dies (Christe, qui splendor et dies); 5.–6. Jahrhundert – Melodie: GL 663 · GL 1975 696 · KG 284 – alternative Melodie: EG 469

  • Jenseits allen Glücks

    Jenseits allen Glücks,
    jenseits aller Schönheit
    bist meiner Seele
    Glück und Schönheit du.

    Denn das Glück kam mit dir,
    und in und mit dir
    hab alles Gut ich empfangen.

    Heinrich Seuse

    Heinrich Seuse (* 21. März 1295 oder 1297 in Konstanz oder in Überlingen; † 25. Januar 1366 in Ulm) war ein deutscher Mystiker und Dominikaner, der in Konstanz und Ulm, am Oberrhein und in der Schweiz wirkte. Er wird in der katholischen Kirche als Seliger verehrt.

  • Geborgenheit

    Es gibt ein Wort in unserer Sprache, das sich nicht übersetzen lässt – weil es mehr meint als Schutz, mehr sagt als Sicherheit, und tiefer reicht als jedes greifbare Gefühl.

    Ein Wort wie ein warmer Mantel.
    Wie ein stilles Licht im Innersten.
    Es bedeutet:
    Ich bin gehalten –
    nicht, weil alles gut ist,
    sondern weil ich nicht allein bin.

    Geborgenheit spüren wir,
    wenn eine Hand unsere hält,
    wenn ein Blick sagt: Du darfst sein.
    Wenn der Tod uns trennt –
    und wir dennoch glauben dürfen,
    dass die Liebe nicht endet,
    sondern trägt.

    Geborgen ist,
    wer vertraut –
    in den Anderen,
    ins Leben,
    in Gott.

    Geborgen ist,
    wer nicht mehr kämpfen muss,
    weil er angekommen ist.

    Geborgen ist,
    wer liebt.
    Und wer sich lieben lässt.


    Zu diesem Text hat mich das Buch meines Freundes Carl Achleitner „Das Geheimnis eines guten Lebens“ inspiriert. Es erschien 2020 im Verlag edition a, Wien. Carl beschreibt in einer berührend authentischen Sprache seine eigene Kindheit und seine Erlebnisse als Trauerredner. „Geborgenheit“ ist das Gefühl, das die meisten Menschen im Angesicht des Todes ersehen.


    Ein zentrales Lebensgefühl

    Mit dem deutschen Wort „Geborgenheit“ meinen wir weit mehr als bloße Sicherheit: Es ist ein tiefes, emotionales Wohlgefühl – ein Zustand von Nähe, Wärme, innerer Ruhe und Frieden. Es meint, getragen zu sein, angenommen und geschützt – und es ist mehr als der Schutz vor Verletzung.

    Dieses Wort gilt als eines der schönsten deutschen Wörter – 2004 wurde es beim Wettbewerb von Deutschen Sprachrat und Goethe-Institut zum zweitschönsten Wort Deutschlands gekürt. Der Begriff war bewusst gewählt worden, weil in anderen Sprachen – etwa Englisch, Französisch oder Russisch – kein einzelner Begriff diese Tiefe erreicht. Im Niederländischen und Afrikaans existiert das Pendant „geborgenheid“, aber ansonsten bleibt es unübersetzbar.

    Psychologisch gesehen beschreibt Hans Mogel „Geborgenheit“ als ein zentrales Lebensgefühl, das Sicherheit, Wohlgefühl, Vertrauen, Zufriedenheit, Akzeptanz und Liebe durch andere verbindet. Gerade in der Kindheit ist eine solche Erfahrung Grundstein für eine stabile Persönlichkeit und kreatives, angstfreies Spiel.

  • Schmetterling

    Leben allein genügt nicht, sagte der Schmetterling, Sonnenschein, Freiheit und eine kleine Blume muss man auch haben.“

    Hans Christian Andersen

    • Was macht mein Leben lebenswert?

    • Was sind für mich „Sonnenschein, Freiheit und eine kleine Blume“?

  • Es gibt Dich

    Dein Ort ist
    wo Augen dich ansehn.
    Wo sich die Augen treffen
    entstehst du.

    Von einem Ruf gehalten,
    immer die gleiche Stimme,
    es scheint nur eine zu geben
    mit der alle rufen.

    Du fielest,
    aber du fällst nicht.
    Augen fangen dich auf.

    Es gibt dich,
    weil Augen dich wollen,
    dich ansehn und sagen
    dass es dich gibt.

    Hilde Domin (1909–2006), aus: dies., Gesammelte Gedichte, © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1987, 208