Kategorie: Gedichte

  • didymus – zwilling

    wenn du es bist
    tritt durch die stahltür
    die von angst gehärtete
    in mein zitterndes innen

    wenn du es bist
    leg deinen finger
    auf die fieberstirn
    meiner zweifel

    wenn du es bist
    führ deine hand
    an die herzschwäche
    meiner liebe

    wenn du es bist
    du weißt was weh mir tut
    inwendig kennst du mich
    als wärst du mein

    zwillingsbruder

    Andreas Knapp, aus: ders., Heller als Licht.
    Biblische Gedichte, 74, © Echter Verlag,
    Würzburg, 6. Auflage 2024

  • das neue leben

    das neue leben
    macht sich auf den weg
    zum alten
    maria zu elisabeth
    und was sie trägt
    in ihres kleides falten
    als knospe bald
    in blüte steht

    und wie sie sich
    in einem geist
    begegnen
    beginnt die wolke
    über ihnen
    abzuregnen

    das neue leben
    regt sich hüpfend
    schon im schoß
    maria preist den
    herrn und singt
    er macht die kleinen groß

    das neue leben
    macht sich auf
    den weg zum alten
    maria kommt in
    unsre zeit
    und uns bewegt
    des geistes walten
    wir sind für eine
    neue zeit bereit

    das haus
    in dem wir weilen
    macht sich weit
    kapelle wird
    zum großen dom
    der reine quell
    ent-sprungen
    in der zeit
    wird bach wird fluß
    ein strom

    Wilhelm Willms, „wagnis und liebe. der gefährliche weg des josef kentenich“,
    S. 51 f., © 1986 Butzon & Bercker GmbH, Kevelaer

  • Rector potens, verax Deus

    O Gott, du lenkst mit starker Hand
    den wechselvollen Lauf der Welt,
    machst, dass den Morgen mildes Licht,
    den Mittag voller Glanz erhellt.

    Lösch aus die Glut der Leidenschaft
    und tilge allen Hass und Streit;
    erhalte Geist und Leib gesund,
    schenk Frieden uns und Einigkeit.

    Du Gott des Lichts, auf dessen Reich
    der helle Schein der Sonne weist,
    dich loben wir aus Herzensgrund,
    Gott Vater, Sohn und Heil’ger Geist. Amen.

    Nach: Rector potens, verax Deus; Ambrosius (?), † 397 –
    Melodie: GL 539 · GL 1975 605 · KG 781 · EG 142

    Quelle: Magnificat – das Stundenbuch
    Morgengebet vom 1.7.2026

  • In Tiefen, die kein Trost erreicht

    In Tiefen, die kein Trost erreicht,
    lass doch deine Treue mich erreichen.
    In den Nächten, wo der Glaube weicht,
    lass nicht deine Gnade von mir weichen.

    Auf dem Weg, den keiner mit mir geht,
    wenn zum Beten die Gedanken schwinden,
    wenn mich kalt die Finsternis umweht,
    wollest du in meiner Not mich finden.

    Wenn die Seele wie ein irres Licht
    flackert zwischen Werden und Vergehen,
    wenn es mir an Trost und Rat gebricht,
    wollest du an meiner Seite stehen.

    Wenn ich deine Hand nicht fassen kann,
    nimm die meine du in deine Hände,
    nimm dich meiner Seele gnädig an,
    führe mich zu einem guten Ende.

    Justus Delbrück (1902–1945),
    aus einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager

  • I. B. zu ihrem 100. Geburtstag


    Dieses Gedicht schrieb Ingeborg Bachmann im Frühjahr 1957. Sie war damals 31 Jahre alt und lebte in Rom. Geboren wurde sie am 25. Juni 1926 in Klagenfurt. Nach dem Studium der Philosophie, Psychologie und Germanistik promovierte sie über Martin Heidegger. Bereits mit ihrem ersten Gedichtband Die gestundete Zeit wurde sie zu einer der bedeutendsten Stimmen der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur.

    Europa stand noch immer im Schatten des Zweiten Weltkriegs, der Kalte Krieg bestimmte die Gegenwart, und viele fragten sich, ob nach so viel Leid überhaupt noch Hoffnung möglich sei. Bachmann stellte diese Fragen mit einer sprachlichen Klarheit, die bis heute beeindruckt. Ihr berühmter Satz lautet: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“

    Gerade deshalb hat dieses Gedicht bis heute nichts von seiner Kraft verloren. Bachmann schreibt nicht über die Sintflut selbst, sondern über das, was danach bleibt. Die Taube mit dem Ölzweig aus der biblischen Noah-Erzählung wird zum Sinnbild der Hoffnung.

    „… möchte ich die Taube
    und nichts als die Taube
    noch einmal gerettet sehn.“

    Sie bittet nicht um eine neue Arche, keinen Helden und keinen großen Neuanfang. Es genügt ihr, dass die Hoffnung selbst gerettet wird.

    Ingeborg Bachmann starb am 17. Oktober 1973 im Alter von nur 47 Jahren in Rom an den Folgen eines Wohnungsbrandes. Ihr literarisches Werk jedoch gehört bis heute zu den bedeutendsten Zeugnissen der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts.

    Vielleicht liegt darin die eigentliche Botschaft dieses Gedichts: Nach jeder persönlichen oder gesellschaftlichen Sintflut braucht der Mensch vor allem eines – die Gewissheit, dass die Taube wieder zurückkehrt.

    Vielleicht beginnt jede Hoffnung damit, dass wir der Taube zutrauen, noch einmal zu uns zurückzufliegen.

  • Taufe im Jordan

    wie tief
    muss ich untergetaucht werden
    bis ich dem leben
    auf den grund komme

    wie rein
    muss ich gebadet werden
    bis meine haut
    durchatmet wird von licht

    wie zart
    muss mir gesagt werden dass ich geliebt bin
    bis ich es wirklich
    glauben kann

    Andreas Knapp, aus: Ders., Weiter als der Horizont.
    Gedichte über alles hinaus, S. 38, © Verlag Echter, Würzburg, 10. Auflage 2024

  • Das ist dein Tag

    Das ist dein Tag, Herr Jesus Christ,
    der Tag, von deinem Glanz erhellt,
    da du vom Tod erstanden bis
    als König der erlösten Welt.

    Nun hilf uns, aus der Dunkelheit
    mit dir ins Reich des Lichtes gehn,
    und lass dereinst auch unsern Leib
    verklärt zum Leben auferstehn.

    Ruf uns zu dir, wenn du erscheinst
    am großen Tag des Endgerichts,
    du Sieger über Welt und Tod,
    mit dir zu herrschen, Gott des Lichts.

    Dann schauen wir dein Angesicht
    und werden deinem Bilde gleich,
    und wir erkennen, wie du bist:
    an Herrlichkeit und Güte reich.

    Die siebenfach dein Geist gesalbt,
    erfüllt dein Blick mit Seligkeit;
    du führst uns deinem Vater zu
    ins Leben der Dreieinigkeit. Amen.

    Nach: Dies aetasque ceteris;
    Aron (?), vor 1100
    Melodie: GL 329 · GL 1975 220

  • Caeli Deus sanctissime

    Du Gott des Himmels, heil’ger Herr,
    du hast das hohe Firmament
    durch der Gestirne lichte Zier
    mit feuerfarbnem Glanz geschmückt

    Du schufst am vierten Schöpfungstag
    der Sonne goldnes Flammenrad,
    du gabst dem Monde sein Gesetz,
    den Sternen wiesest du die Bahn.

    Und wie die Sonne steigt und sinkt,
    so wird es Tag, so wird es Nacht;
    und Mond und Sterne machen kund
    den Wechsel und das Maß der Zeit.

    Erleuchte, Herr, auch unser Herz.
    Wir sind befleckt; mach du uns rein.
    Zerbrich die Ketten unsrer Schuld
    und nimm von uns des Bösen Last.

    Dies schenk uns, Vater voller Macht,
    und du, sein Sohn und Ebenbild,
    die ihr in Einheit mit dem Geist
    die Schöpfung zur Vollendung führt. Amen.

    Nach: Caeli Deus sanctissime; 7.–8. Jahrhundert
    Melodie: GL 90 · GL 1975 704 · KG 679 · EG 469

  • Bin ich einmal gestorben

    Bin ich einmal gestorben,
    geh im Frühling auf die Felder, die ich so liebte,
    wenn die Lerchen sangen.
    Bau aus den Trillern eine Leiter des Gebetes für mich.
    Und bitt den Vater, der im Himmel ist,
    Er möge mir gewähren, in Ewigkeit zu jubilieren
    vor Seinem Angesicht.

    Dieses Gedicht habe ich auf der Parte von Domkurat Adolf Zimmermann (7.2.1914 – 11.6.1991) gefunden. Ich konnte es nirgendwo im Internet finden und vermute daher, dass er es selbst verfasst hat.


  • Wenn da einer ist

    wenn da einer ist
    und sich selbst vergisst
    gibt es bald noch mehr
    wird der krug nicht leer
    krug krug krug
    gib doch der frau genug

    wenn da einer liebt
    uns sein leben gibt
    werden alle satt
    eine ganze stadt
    stadt stadt stadt
    mach doch die frau da satt

    wenn in einer zeit
    großer dunkelheit
    einer kommt als licht
    rasch die nacht zerbricht
    licht licht licht
    die dunkelheit zerbricht

    als an einem ort
    speise wurd das wort
    kam das ganze land
    fraß ihm aus der hand
    brot brot brot
    wendet not den tod

    Quelle: Wilhelm Willms, meine schritte kreisen um die mitte. neues lied im alten land, 71, © 1984 Butzon & Bercker GmbH, Kevelaer. www.bube.de
    in Anlehnung an 1 Kön 17, 7–16