Kategorie: Gedichte

  • Te homo laudet

    Dich, hoher Schöpfer,
    lobe der Mensch mit
    Leib und Seele,
    Heil sich erhoffend.
    Klein und gering nur
    steht er im Weltall.

    Doch er allein trägt,
    Schöpfer, dein Abbild
    leuchtend im Geiste,
    wenn er im Leben
    lauteren Herzens,
    Höchster, dir huldigt.

    Gott unsrer Seele,
    Licht unsres Lebens,
    Lob unsrer Lippen:
    Fülle das Herz uns,
    dass wir dich lieben,
    Vater im Himmel.

    Nach: Te homo laudet; Alkuin, † 804

  • Erweck mich

    Hör. Doch ich kann nicht hören.
    Die Ohren zugestopft.
    Mein Atem abgeblockt.
    Mein leeres Herz wie Blei.

    Ich bin noch nicht geboren.
    Ich bin nicht ich. Nicht frei.
    Hör. Doch ich kann nicht hören.

    Würd ich dein Wort verstehn,
    dir nach müsste ich gehn,
    dir folgen hier und nun.

    Fürchte, noch ungeboren,
    das Leben auf dich zu.
    Hör, rufst du, und ich höre,
    da ist die Angst vorbei.

    O Ruf durch Mark und Bein,
    erweck mich aus dem Grab:
    dein Mensch aufs neu geboren –
    o Zukunft, lass nicht ab.

    Huub Oosterhuis, aus: Ders., Ich steh’ vor dir. Meditationen, Lieder und Gebete, 55, © 2004 Verlag Herder GmbH, Freiburg i. Br.

  • Lebensquell

    Manchmal find ich einen Lebensquell.
    Ich kann aus einem Brunnen schöpfen
    kann mich erfrischen und kann trinken
    vom Wasser, das die Sehnsucht stillt.

    Manchmal find ich einen Sonnenstrahl,
    kann durch die dunklen Wolken sehen,
    ich kann ins warme Licht mich stellen,
    ins Licht, das einen Weg mir zeigt.

    Manchmal find ich festes Fundament.
    Da kann ich stehen, kann drauf gehen,
    da kann mein Lebenshaus ich bauen,
    ein Haus, drin ich geborgen bin.

    Manchmal find ich meinen Herzensgrund.
    Da kann ich still sein, kann ich schweigen,
    da kann ich ruhen, kann ich bleiben,
    da find ich mich und finde Gott.

    Helmut Schlegel, © Dehm Verlag, Limburg

  • Jahreswechsel

    Luzernarfeier in Göttweig

    Stille.
    Die Kirche im Dunkel.
    Nur das ewige Licht.

    Die Mönche ziehen ein.
    Kerze für Kerze
    wandert das Licht.
    Die Kirche wird hell.

    Das Vergangene
    lege ich in Gottes Hände.
    Das Kommende
    nehme ich aus dem Licht.

    Dann Glocken.
    Liebe – Wünsche – Segen.
    Und wieder Ruhe.

    Ein neues Jahr.
    Der Heilige Berg im Schweigen.
    Erste Spuren im Schnee.

    HRP, 31.12.2025, Stift Göttweig

  • Credo

    Wir sehn uns wieder,
    irgendwann,
    getragen still
    von Gottes Plan.

    Dann wird, was war,
    zu Nähe weit:
    Wir sind einander
    Leib und Zeit.

    Ich glaube.



    HRP, Stift Göttweig am Fest der Heiligen Familie 2025

  • Bist Du es?

    Bist du es, der da kommen soll?
    Bist du’s, den wir erwarten?
    Bist du, der uns die Freiheit schenkt,
    die Seher offenbarten?
    Wir sind gefangen, sind verstrickt,
    wir brauchen Aussicht, die erquickt,
    und Glauben, der beflügelt.

    Bist du es, der da kommen soll,
    der heilt, dass Blinde sehen?
    Bist du, der satt macht und der hilft,
    dass Lahme wieder gehen?
    Wir sind gebunden, sind zu schwach,
    das Blatt zu wenden, ruf uns wach
    und schenk uns neue Hoffnung.

    Bist du es, der da kommen soll,
    der spricht, dass Taube hören?
    Bist du, der gute Nachricht bringt,
    an der sich Herrscher stören?
    Durchbrich die Mauern, hilf uns auf,
    aus Todeskampf wird Lebenslauf
    und Liebe, die nicht endet.

    Eugen Eckert (zu Mt 11, 1 ff.), © Dehm Verlag, Limburg

  • Selig durch Dich auf ewig

    Du, ewigen Lichtes Quell,
    hole mich heim, in dich zurück,
    von wo ich gekommen,
    du, tiefster Grund allen Lebens.

    Lass mich erkennen,
    wie ich erkannt bin, lieben,
    wie ich geliebt bin.

    Dich, mein Gott,
    werd ich sehen,
    wie du bist,
    werd dich schauen,
    genießen, besitzen,
    selig durch dich
    auf ewig.

    Gertrud von Helfta


    Die heilige Gertrud von Helfta, auch Gertrud die Große, (* 6. Januar 1256; † 17. November 1301 oder 1302) war eine Zisterzienserin und Mystikerin im Kloster Helfta bei Eisleben. Die hl. Gertrud gehört zu den herausragenden Frauen des Mittelalters; als einzige deutsche Heilige trägt sie den Beinamen die Große. Durch Gertrud von Helfta, ihre Lehrerin Mechthild von Hackeborn und ihre Mitschwester Mechthild von Magdeburg galt Helfta als „Krone der deutschen Frauenklöster“.In der katholischen Kirche wird Gertrud von Helfta als Heilige verehrt.

  • Der rilkeische Einsegner

    Nicht sprechen zuerst.
    Still werden,
    bis die Stimmen sich sammeln
    wie Staub im späten Licht.

    Dann hören:
    was zwischen den Worten atmet,
    was sich nicht sagen ließ
    und dennoch blieb.

    Der Schmerz will nicht fort.
    Er will getragen werden,
    wie man ein Kind trägt,
    das müde ist vom Gehen.

    Man erklärt ihm nichts.
    Man bleibt.

    Und mitten im Schweren
    öffnet sich ein Raum –
    nicht weil alles gut wäre,
    sondern weil etwas hält.

    Segen geschieht leise.
    Nicht von oben.
    Sondern dort,
    wo Nähe standhält.

    Niemand soll
    auf der Schwelle
    ohne Gegenwart bleiben.

    Und Bleibendes
    schafft
    der Dichter.

    Nicht alleine.

    Geliebt.

    Der Einsegner nach Rainer Maria Rilke

  • Liebe, dir ergeb ich mich

    Liebe, die du mich zum Bilde
    deiner Gottheit hast gemacht,
    Liebe, die du mich so milde
    nach dem Fall hast wiederbracht:
    Liebe, dir ergeb ich mich,
    dein zu bleiben ewiglich.

    Liebe, die du mich erkoren,
    eh ich noch geschaffen war,
    Liebe, die du Mensch geboren
    und mir gleich wardst ganz und gar:
    Liebe, dir ergeb ich mich,
    dein zu bleiben ewiglich.

    Liebe, die für mich gelitten
    und gestorben in der Zeit,
    Liebe, die mir hat erstritten
    ewge Lust und Seligkeit:
    Liebe, dir ergeb ich mich,
    dein zu bleiben ewiglich.

    Liebe, die mich hat gebunden
    an ihr Joch mit Leib und Sinn;
    Liebe, die mich überwunden
    und mein Herz hat ganz dahin:
    Liebe, dir ergeb ich mich,
    dein zu bleiben ewiglich.

    Liebe, die mich ewig liebet
    und für meine Seele bitt’,
    Liebe, die das Lösgeld gibet
    und mich kräftiglich vertritt:
    Liebe, dir ergeb ich mich,
    dein zu bleiben ewiglich.

    Liebe, die mich wird erwecken
    aus dem Grab der Sterblichkeit,
    Liebe, die mich wird umstecken
    mit dem Laub der Herrlichkeit:
    Liebe, dir ergeb ich mich,
    dein zu bleiben ewiglich.

    Angelus Silesius 1657 – GL 787 (Anhang Köln)

  • In der Liebe, die alles umfängt

    Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht
    und das Wort, das wir sprechen, als Lied erklingt,

    dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut,
    dann wohnt er schon in unserer Welt.
    Ja, dann schauen wir heut schon sein Angesicht
    in der Liebe, die alles umfängt.

    Wenn das Leid jedes Armen uns Christus zeigt,
    und die Not, die wir lindern, zur Freude wird,
    dann hat Gott unter uns …

    Wenn die Hand, die wir halten, uns selber hält,
    und das Kleid, das wir schenken, auch uns bedeckt,
    dann hat Gott unter uns …

    Wenn der Trost, den wir geben, uns weiterträgt,
    und der Schmerz, den wir teilen, zur Hoffnung wird,
    dann hat Gott unter uns …

    Wenn das Leid, das wir tragen, den Weg uns weist,
    und der Tod, den wir sterben, vom Leben singt,
    dann hat Gott unter uns …

    Claus Peter März (1947 – 1921), © Rechtenachfolge – GL 470


    Screenshot von Magnificat – das Stundenbuch
    Ausgabe November 2025
    Verlag Butzon & Bercker, Kevelaer