Kategorie: Gedanken

  • Achtsamkeit

    Achtsamkeit wird heute oft dem Buddhismus zugeschrieben. Dort wurde sie sorgfältig beschrieben, geübt und benannt – aber sie ist älter als jede einzelne Tradition. Achtsamkeit gehört zum Menschsein selbst. Sie beginnt dort, wo wir nicht nur funktionieren, sondern wahrnehmen.

    Für mich ist Achtsamkeit die Schwester der Dankbarkeit. Wer wirklich achtsam ist, bleibt nicht neutral. Aus dem genauen Hinsehen wächst leise ein Staunen – und daraus Dank. Dank für das, was da ist. Für einen Augenblick, der sich nicht wiederholen lässt. Für einen Menschen, der uns berührt. Für ein Leben, das sich im Kleinen zeigt.

    In der Trauer wird das besonders spürbar. Achtsamkeit heißt dann nicht, den Schmerz wegzuatmen. Sie heißt, ihm Raum zu geben, ohne sich von ihm verschlingen zu lassen. Und gerade darin entsteht Dankbarkeit: nicht für den Verlust, sondern für die gemeinsam gelebte Zeit, die sich jetzt verdichtet und trägt.

    Achtsamkeit ist kein Technikprogramm. Sie ist eine Haltung. Eine stille Entscheidung, im Augenblick zu verweilen – und ihn nicht zu übergehen. Wer so lebt, merkt: Dankbarkeit ist keine Zugabe am Ende. Sie wächst mitten im Leben.

  • Der schönste Arbeitsplatz

    Also ich verstehe Harry gut. Er sagt immer, dass er den schönsten Arbeitsplatz von Wien hat. Heute durfte ich mit, weil wir nur im Kaffeehaus und in der Wiese davor waren.

    Wir haben ein ganz liebes junges Paar getroffen. Zwei Geschwister. Von denen ist die Mama gestorben – in Harrys Alter. Sie war schwer krank. Dann haben wir lange überlegt, wie wir feiern können, dass sie jetzt im Himmel ist, statt dass sie tot ist.

    Und am Ende waren die beiden Kinder ganz glücklich und gelöst und froh. Ich spüre das, aber man hat es auch gesehen. Die haben uns dann sogar auf das Frühstück und mein Wasser eingeladen.

    Dann sind wir auf die Wiese vor dem Kaffeehaus gegangen und haben uns dort in die Sonne gelegt. Und Harry hat gebetet. Er hat wahrscheinlich DANKE gesagt, dass er so einen schönen Beruf hat und ich auch, dass ich heute mit dabei sein durfte.

  • Nicht die Zeit, die vergeht – sondern die Zeit, die sich erfüllt

    Ein paulinischer Gedanke zum Jahresende über Reife, Sinn und Dankbarkeit

    „Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn.“
    (Galaterbrief 4,4)

    Am Übergang eines Jahres zählen wir gern das, was verrinnt:
    Sekunden, Minuten, Kalenderblätter.

    Paulus schlägt eine andere Zählweise vor.
    Nicht die Zeit, die vergeht, ist entscheidend, sondern die Zeit, die sich erfüllt.

    Wir neigen dazu, Verluste zu zählen, Brüche, das, was nicht gelungen ist.
    Gott aber zählt das, was gereift ist – auch dann, wenn es durch Umwege, Scheitern und lange Durststrecken hindurch wachsen musste.

    Diese Perspektive verändert den Blick auf das eigene Leben.
    Sinn entsteht selten im Moment selbst. Er zeigt sich im Rückblick.
    Manches, was sich wie Scheitern anfühlt, erweist sich später als notwendiger Durchgang.
    Und manches, was lange schwer war, trägt irgendwann Frucht – leise, unspektakulär, aber tragfähig.

    Ein neues Jahr ist daher kein leeres Blatt.
    Es ist eine Einladung, die innere Uhr neu zu stellen:
    nicht nach der Zeit, die rennt, sondern nach der Zeit, die reift.

    Dankbarkeit wächst dort, wo wir erkennen, dass unsere Zeit – trotz allem – erfüllt ist.

  • Jahreswechsel

    Luzernarfeier in Göttweig

    Stille.
    Die Kirche im Dunkel.
    Nur das ewige Licht.

    Die Mönche ziehen ein.
    Kerze für Kerze
    wandert das Licht.
    Die Kirche wird hell.

    Das Vergangene
    lege ich in Gottes Hände.
    Das Kommende
    nehme ich aus dem Licht.

    Dann Glocken.
    Liebe – Wünsche – Segen.
    Und wieder Ruhe.

    Ein neues Jahr.
    Der Heilige Berg im Schweigen.
    Erste Spuren im Schnee.

    HRP, 31.12.2025, Stift Göttweig

  • Morgen

    Ein neuer Tag.

    Freude der Geburt.

    Alles, was wir brauchen, ist der Morgen.

    Solange es einen Sonnenaufgang gibt, gibt es die Möglichkeit, dass wir uns allen Widrigkeiten stellen, alle unsere Segnungen schätzen und alle unsere Ziele als Menschen verfolgen können.

    Garten der Stille, Stift Göttweig, 29.12.2025, 07:15 Uhr

    Spiritualität ist etwas, das in diesen schwierigen Zeiten notwendig geworden ist. Und dennoch ist sie inhärent überflüssig. Wir brauchen sie, um uns zu erinnern, uns Mut zu machen, uns zu sammeln, uns zu erfüllen.

    Wenn wir das Geheimnis der Nacht und den Ruhm des Morgens einfach anerkennen könnten, würden wir weder Zivilisation noch Spiritualität benötigen.

    Man könnte vereinfacht sagen, dass das Leben mit der Morgendämmerung beginnt. Allein das ist schon Segen genug. Glück genug. Alles andere wird zu unermesslicher Fülle. Gehe in der Morgendämmerung auf die Knie und bedanke dich für dieses wunderbare Ereignis.

    Wir denken vielleicht, dass der Morgen so selbstverständlich ist, dass wir ihn nicht ehren müssen, aber weißt du, dass es an den meisten Orten im Weltall keinen Morgen gibt? Dieses tägliche Ereignis ist unser besonderes Privileg.

    Begrüße die Morgendämmerung. Sie ist ein Wunder, dem du beiwohnst. Sie ist die ultimative Schönheit. Sie ist Heiligkeit. Sie ist ein Geschenk des Himmels an dich. Sie ist dein Omen, deine Prophezeiung. Sie ist das Wissen, dass das Leben nicht umsonst ist. Sie ist Erleuchtung. Sie ist dein Lebenssinn. Sie ist dein Ziel. Sie ist dein Trost. Sie ist die feierliche Pflicht. Sie ist Inspiration für Mitgefühl. Sie ist das absolute Licht.

    Konventmesse in Stift Göttweig am 30.12.2025, 07:15

    Wer hätte gedacht, dass die Gedanken einer morgendlichen taoistischen Meditation so gut zu den Bildern aus den Schweige- und Einzelexerzitien in der Benediktinerabtei Göttweig hoch über der alten Kulturlandschaft der Wachau in Niederösterreich passen?

    Text-Quelle: Deng, Ming-Dao. 365 Tao: Meditationen für jeden Tag des Jahres (pp. 745-746). (Function). Kindle Edition.

  • Der Kochtopf und die Patchwork-Familie

    Gedanken zur Zukunft von Familie und Kirche

    zur Predigt von P. Johannes Paul Abrahamwicz OSB
    am Fest der Heiligen Familie 2025
    in der Pfarrkirche St. Veit im Gölsental

    ein Kommentar von Harald R. Preyer

    Diese Predigt löst das Fest der Heiligen Familie aus dem engen Rahmen eines Ideals. Die biblische Familie ist keine heile Welt, sondern eine gefährdete: Flucht, Unsicherheit, Improvisation. Gerade darin liegt ihre Wahrheit.

    Was früher verschwiegen wurde, wird heute tröstlich: dass Familien unvollkommen sein dürfen – und Kirche ebenso. Der Pfarrverband als Patchwork-Kirche ist kein Mangel, sondern eine ehrliche Gestalt von Gegenwart. Heiligkeit zeigt sich nicht im Perfekten, sondern im Annehmen dessen, was uns zufällt.
    Die Metapher vom Kochtopf ist pastoral klug: Konflikte brauchen Sprache, bevor sie eskalieren. Annahme braucht Kommunikation. Und Vertrauen findet seine Form im Gebet – nicht als Ersatz fürs Handeln, sondern als geteilte Verantwortung.

    Entspricht nicht von jeher das Bild von Kirche eher dem, was wir heute als Patchwork-Familie kennen denn der idyllischen Trias von Vater – Mutter – Kind?

    Südaltar mit großem spätgotisches Kruzifix um 1510/1520
    Pfarrkirche St. Veith an der Gölsen

    Nach seinem Tod hinterlässt Jesus in unserer Welt: eine Mutter Maria in großer Trauer, einen vermutlich traurigen Stiefvater Josef, viele enttäuschte Freunde, die an ihn geglaubt haben und ein trügerisches Gerücht: er sei von den Toten auferstanden…

    Dann kommt Ostern. Dann kommt Auferstehung. Dann kommt Heiliger Geist. Und so entsteht Kirche – als eine stetig wachsende Gruppe von Menschen, die an die Liebe glauben, diesen Glauben teilen und erlebbar machen. Bis heute.

  • Credo

    Wir sehn uns wieder,
    irgendwann,
    getragen still
    von Gottes Plan.

    Dann wird, was war,
    zu Nähe weit:
    Wir sind einander
    Leib und Zeit.

    Ich glaube.



    HRP, Stift Göttweig am Fest der Heiligen Familie 2025

  • Christtag

    Innehalten am Abend

    Im Glauben finden wir Licht und Trost für alles.

    Emilie Engel (Mitgründerin der Schönstätter Marienschwestern, 1893–1955)

    • Wofür brauche ich im Moment Licht und Trost? Ich darf es dem göttlichen Kind anvertrauen.
    • Was bedeutet für mich der Glaube, dass Gott als Kind zur Welt kam?


    Lesung    1 Joh 1, 1–3

    Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens. Denn das Leben wurde offenbart; wir haben gesehen und bezeugen und verkünden euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns offenbart wurde. Was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt. Wir aber haben Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.


    Fürbitten

    Jesus, du Sohn des lebendigen Gottes, du bist selbst Kind geworden. Wir bitten dich:

    V: Sei unser Licht,   A: bleib uns nah.

    Segne alle Kinder, die heute geboren werden;
    – lass sie gesund heranwachsen und spüren, dass sie Kinder deines Vaters sind.
    Sei mit allen, die heute Weihnachten feiern;
    – lass dein Licht sie erfüllen und von ihnen ausstrahlen auf die Menschen in ihrer Umgebung.
    Sieh gütig auf jene, die dich nicht kennen,
    – und lass sie deine Liebe und deinen Segen spüren.
    Gedenke der Kinder im Heiligen Land;
    – hilf den Mächtigen, sie besonders zu schützen und im Frieden heranwachsen zu lassen.
    Komm auf alle zu, die heute sterben;
    – lass sie sich ewig mit dir freuen.

    V: Sei unser Licht,   A: bleib uns nah.

    Quelle: Magnificat – das Stundenbuch, 12-2025, Abendgebet am 25.12.205

  • Winter

    Tag 355

    Ein Obdachloser stirbt in der Gosse. Ein Baum bricht in der Kälte: Ein entsetzlicher Klang. An der Wintersonnenwende ist der Tag am kürzesten und die Nacht am längsten. Es kann auch eine Zeit bitterer Kälte sein.

    Der Wind ist eiskalt und zerschneidet alles, was sich ihm in den Weg stellt. Schnee und Eis sind tödlich. Obdachlose sterben an Erfrierungen.

    Selbst die mächtigsten Bäume können durch den Temperaturabfall brechen. Ein Baum, der bricht, klingt wie eine schallende Ohrfeige. Die Schrecken, die Tragödien, die dieser Tiefpunkt mit sich bringt!

    Der Winter quält die Welt mit seinen eisigen Peitschenhieben und wer schwach ist, wird unter seinen eisigen Absätzen zermalmt.

    Manchmal wagen wir es nicht einmal, jene zu betrauern, die im Winter sterben, aus Angst, dass unsere Tränen im Gesicht gefrieren. Aber wir sehen und hören. Wir rücken näher ans Feuer und geloben zu überleben.

    Ganz gleich, wie sehr wir von Unglück betroffen sind, wir müssen uns vor Augen führen, dass dies der tiefste Punkt ist, den das Rad erreicht. Die Dinge können nicht endlos abwärts gehen. Alles hat Grenzen – selbst die Kälte und die Dunkelheit und der Wind und das Sterben. Sie nennen diesen Tag Winteranfang, doch in Wirklichkeit ist er der Anfang des Wintertodes. Von nun an können wir der wärmeren und helleren Jahreszeit entgegensehen.

    Quelle: Deng, Ming-Dao. 365 Tao: Meditationen für jeden Tag des Jahres

  • Die Weisheit der Bewegung

    „Das Leben ist wie eine Sanduhr. Bewusstsein ist der Sand. Stellen wir uns eine Sanduhr vor. Ihre Form ähnelt dem Symbol für Unendlichkeit. Ihre Silhouette ähnelt der Doppelhelix der DNA. Ihre beiden Hälften repräsentieren Polarität: Das Materielle auf der einen Seite, dass Immaterielle auf der anderen. Das Männliche auf der einen Seite, das Weibliche auf der anderen. Heiß und kalt, positiv und negativ, oder jede andere Dualität. Der Sand rinnt in einem Strahl – es ist derselbe Strahl wie der Energiefluss, der die Wirbelsäule hinaufsteigt, derselbe Strahl, der unser Lebensweg ist. Die Bewegung des Sands ist das, was wir Tao nennen. Unser Bewusstsein wechselt zwischen den verschiedenen Zuständen ab, die durch die Sanduhr dargestellt werden. Es ist genauso schwierig zu fassen wie ein Sandstrahl. Deshalb ist es töricht, die Dinge bis ins kleinste Detail zu untersuchen. Es ist nicht weise, sich auf das Materielle zu konzentrieren. Weise ist es, die Bewegung zu verstehen.“
    — Deng Ming-Dao, 365 Tao


    Dieses Bild nimmt dem Leben die Härte des Festgeschriebenen. Nicht die Form entscheidet, sondern der Fluss. Trauer, Liebe, Angst, Hoffnung – sie sind keine Gegensätze, die sich ausschließen, sondern Zustände derselben Bewegung.

    Wer im Abschied Halt sucht, findet ihn nicht im Festhalten am Gewesenen, sondern im Verstehen des Übergangs. Weisheit zeigt sich dort, wo wir dem Wandel trauen und den eigenen Lebensstrom wahrnehmen, ohne ihn kontrollieren zu wollen.


    Faksimile aus Deng Ming-Dao, 365 Tao.

    Dieses Buch haben wir in unserer Männerrunde im Jahr 2025 gelesen. Tag für Tag haben wir über WhatsApp nur miteinander ausgetauscht, dass wir die Doppelseite gelesen haben. ✅

    Einmal im Monat haben wir einander dann in einer persönlichen Runde in einer Videokonferenz eine Stunde lang aufmerksam zugehört. Ohne zu kommentieren, ohne Ratschläge, ohne störende eigene Inputs.

    Seit fünf Jahren darf ich ein Teil unserer fünfköpfigen Runde sein und ich freue mich immer wieder auf unser Jahres-Treffen in der realen Welt. Mit Umarmungen, Spaziergängen, gutem Essen und so mancher brillanten Idee aus der Runde.