Nur Matthäus sagt es uns: Ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab und wälzte den Stein weg. Markus, Lukas und Johannes finden ihn einfach fort – ohne Erklärung, ohne Zeugen.
Vielleicht ist das kein Widerspruch. Vielleicht ist es eine Einladung: Der Auferstandene braucht keinen offenen Eingang. Er erscheint später durch verschlossene Türen. Der Stein wurde nicht für ihn weggerollt – sondern für uns. Damit wir hineinsehen, begreifen, glauben können.
„Gott braucht keinen Engel. Aber wir brauchen ein Zeichen.“
Am 8. Dezember 2019, dem Fest Mariä Empfängnis, lag ich in einem Krankenhaus in Kiew auf der Intensivstation. Ein Chirurg trat an mein Bett – mitten in der Nacht, ein einfaches silbernes Franziskuskreuz um den Hals. Er sagte zu mir: „Operation now or tomorrow dead.“ Ich sah das kleine Kreuz. Und ich sagte: „Operation now.“
Am Morgen um sieben Uhr lächelte er mich an und sagte: „You are not in heaven. Operation was successful.“
Ich weiß seitdem: Steine werden weggerollt. Nicht immer spektakulär. Manchmal durch Vertrauen in das Herz eines Chirurgen in der Nacht. Manchmal durch einen Satz, der Leben rettet. Manchmal schweigend, unsichtbar – und wir finden sie einfach fort, wie Maria von Magdala am ersten Tag der Woche.
Das Grab war leer. Das Leben war stärker. Das gilt heute noch.
Seit zwei Jahren begleite ich als freier Einsegner Menschen und Familien auf ihrem letzten gemeinsamen Weg. Viele von ihnen haben der Kirche den Rücken gekehrt – aber nicht dem Leben, nicht der Hoffnung, nicht Gott. Sie glauben. Nur anders. Auch darin höre ich Ostern. Und manchen konnte ich helfen, den Stein aus ihrem Leben wegzurollen. Dafür bin ich sehr dankbar.
Frohe Ostern. Möge auch in Ihrem Leben ein Stein weggerollt sein – einer, von dem Sie vielleicht noch gar nicht wussten, dass er da lag.
Heute haben mich nach der Orgelmesse zwei gut gelaunte Frauen beim Verlassen des Stephansdoms angesprochen: „Sind Sie nicht der Diakon von der Messe heute? Sie haben so eine gute Ausstrahlung. Sie sind uns aufgefallen…“
Natürlich freut mich die Rückmeldung. Beim Austeilen der Kommunion heute habe ich eine Stimme ganz leise gespürt, die meinem Körper gesagt hat: „Richte Dich auf. Schau‘ voller Liebe den Menschen in die Augen. Du teilst hier nicht eine kleine runde Oblate aus, sondern einen Teil der Mensch gewordenen Liebe Gottes.“
Ich sagte daher zu den beiden Damen: „Freut mich, dass Sie meine Freude gespürt haben. Ich bin kein Diakon. Ich teile hier nur mit Freude die Kommunion aus und der schönste Dank ist für mich, wenn Menschen durch mich als Werkzeug die Liebe Gottes spüren können.“
Nach einem kurzen Gespräch voller Aufmerksamkeit, Interesse und Freude habe ich die beiden aus Graz angereisten Besucherinnen gefragt: „Waren Sie schon einmal oben auf der Orgelempore und haben die Stimmung dort gespürt?“ Erwartungsvoll, hoffnungsfroh, neugierig meinte die Lehrkrankenschwester: „Nein! Das muss großartig sein.“ Und die leitende Oberärztin sagte: „Warum fragen Sie?“
„Kommen Sie mit. Ich zeige Ihnen etwas Schönes!“
Ich führte die Beiden durch die schwarzen Eisentüren die 24 Stufen hinauf zur Orgelempore und spürte, wie beeindruckt sie diesen Raum und seine Energie erlebten. Dort ließ ich sie für ein paar Minuten allein und zu meinem Erstaunen machten sie nicht viele Fotos wie andere Besucher, sondern sie wurden still, dankbar und strahlten wie zwei Engel vor Freude.
Wir sprachen gemeinsames ein offenes Gebet, dankten dem Herrn für diese wunderbare Begegnung und segneten einander. Die Freude des gemeinsamen Einziehens in Jerusalem wird noch lange in unseren Herzen sein.
Wir vertrauen auf die Liebe Gottes – und sind damit schon im Paradies.
Im Denken des Hinduismus erscheint die Welt als Kreislauf großer Zeitalter – Aufstieg und Verfall folgen einander. Und doch kennt auch diese Tradition die Möglichkeit der Befreiung schon im Leben: Jivanmukti, die innere Freiheit eines Menschen, der nicht mehr gebunden ist.
Das Christentum geht einen anderen Weg. Es denkt Zeit nicht als Kreis, sondern als Beziehung. Nicht das Aufgehen im Ganzen erlöst – sondern das Getragen-Sein in der Liebe Gottes.
Darum ist Paradies kein später Ort. Es beginnt dort, wo ein Mensch vertraut.
Nicht weil alles gut ist. Sondern weil er sich gehalten weiß.
Meine Großmutter in Bregenz war Schneiderin. Ihr Mann war im Weltkrieg gefallen. Sie musste zwei Kinder allein großziehen.
Sie nähte für viele Kundinnen – auch für Damen aus dem Umfeld der Liechtensteins. Und sie war ein großer Bewunderer des Fürsten. Nicht wegen des Glanzes, sondern wegen seiner Großzügigkeit und seines Denkens in Generationen. Davon hat sie mir als Kind oft erzählt.
Viele Jahre später lernte ich die verstorbene Fürstin persönlich kennen, als sie das renovierte Stadt-Palais für Mary’s Meals öffnete. Seitdem gehe ich fast jedes Jahr zumindest einmal in eine der Sonderausstellungen. Dass diese Ausstellungen frei zugänglich sind, ist für mich keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Zeichen von Großzügigkeit der fürstlichen Familie. Danke dafür!
Heute, am Valentinstag, war ich mit Yuliya in der Ausstellung „DEALING IN SPLENDOUR. A History of the European Art Market“ im Gartenpalais Liechtenstein.
Der Triumpf des Todes
Dort hängt ein berühmtes Gemälde von Jan Brueghel der Jüngere: „Der Triumph des Todes“.
Der Triumpf des Todes, Jan Brueghel der Jüngere, 1620, Fürstliche Sammlungen Liechtenstein
Das Bild ist dicht, fast übervoll. Überall Skelette, Feuer, Menschen in Angst. Der Tod scheint alles zu beherrschen.
Der Sieg der Liebe
Und ganz unten rechts zwei Details:
Ein Liebespaar. Und ein Backgammon-Brett.
Kein Schach.
Schach wäre reine Strategie. Backgammon ist anders. Es ist Strategie, Glück und Haltung zugleich. Man würfelt, man plant – und man nimmt an, was fällt.
Yuliya und ich spielen seit Jahren fast täglich Backgammon. Es ist unser Spiel. Schach wäre uns zu rein strategisch, zu anstrengend. Backgammon ist lebendig.
Im Bild scheint der Tod alles zu überrennen. Aber dieses Paar schaut gemeinsam in ein Buch. Völlig unbeeindruckt von den Skeletten ringsum.
Liebe verhindert nicht die Endlichkeit. Aber sie gibt dem Leben Bedeutung.
Am Abend sagte Yuliya zu mir: „Das war der schönste Valentinstag meines Lebens, mein Schatz.“