Kategorie: Gedanken

  • Liebe. Umsonst?

    Warum JJ’s Eurovision-Song „Wasted Love“ eine tiefere Wahrheit über das Wesen der Liebe offenbart

    Ein Essay von Harald R. Preyer
    Wien, am Sonntag, dem 18. Mai 2025


    Es ist ein bewegender Moment im Finale des Eurovision Song Contests 2025. Ein junger Mann mit heller Stimme, fast engelsgleich, steht in schimmerndem Licht. Der österreichische Countertenor JJ singt sich mit „Wasted Love“ in die Herzen Europas – und gewinnt.

    Der Refrain brennt sich ein:
    Now that you’re gone – all I have is wasted love.
    Jetzt, da du fort bist, bleibt nur verschwendete Liebe.

    Aber kann Liebe je verschwendet sein?

    Wer ist JJ?

    JJ – bürgerlich Johannes Jakob Pietsch – ist 24 Jahre alt, Sohn eines Österreichers und einer philippinischen Mutter. Aufgewachsen in Dubai, zurückgekehrt nach Wien, ausgebildet an der Musikuniversität, tritt er an der Volksoper ebenso auf wie in der U-Bahn oder auf der Bühne von Starmania.

    Bis zum hohen Cis kommt Countertenor Johannes Pietsch alias JJ in seinem Song „Wasted Love“. APA/Helmut Fohringer

    Sein Gesang ist keine Pose, sondern Ausdruck einer inneren Wahrheit. Als Countertenor sprengt er Rollenklischees – in der Stimme, in der Person, im Ausdruck. JJ steht für eine neue Generation von Künstlern, die sich nicht mehr zwischen Pop und Oper, zwischen queerer Identität und klassischer Schönheit entscheiden müssen.

    Was sagt das Lied?

    „Wasted Love“ ist eine moderne Klage. Eine Stimme ruft aus dem Ozean der Gefühle nach jemandem, der Angst hat vor Nähe, vor Tiefe, vor Ertrinken. Die Musik beginnt fast nackt, intim, und wächst zu einem hymnischen Crescendo, das sich in technoiden Nebel auflöst.

    Doch inmitten dieser Einsamkeit stellt sich eine größere Frage: Wenn Liebe nicht erwidert wird – war sie dann vergeblich?

    Die alte Frage in neuem Gewand

    Die christliche Theologie kennt diese Frage gut. Jesus selbst liebte, ohne zurückgeliebt zu werden. Er heilte, tröstete, weinte – oft vergeblich. Und doch sagt die Bibel:

    „Die Liebe hört niemals auf.“
    (1 Kor 13,8 )

    Liebe, die gegeben wurde, ist nicht verloren. Sie bleibt – als Kraft, als Erinnerung, als Teil dessen, der liebt. Und darin liegt ein Trost: Selbst wenn sie auf taube Ohren trifft, hat sie gewirkt. In mir.

    Warum JJ als Countertenor?

    Die Wahl dieser ungewöhnlichen Stimmlage ist kein Effekt, sondern eine Haltung. Der Countertenor singt dort, wo andere schweigen. Er bringt das Verborgene an die Oberfläche. Seine Stimme schwebt über dem Alltäglichen und ruft: Auch das ist möglich. Auch so klingt Liebe.

    JJ’s Stimme ist wie das Lied selbst: verletzlich, schön, mutig – und offen für Schmerz.

    Die Volksoper als Resonanzraum

    Dass JJ regelmäßig an der Wiener Volksoper singt, ist kein Zufall. Die Bühne hat ihn geprägt, aber sie hält ihn nicht zurück. Vielmehr ist sie ein Ort der Durchlässigkeit geworden – zwischen den Genres, den Generationen, den Welten. „Wasted Love“ klingt nach Mahler und nach Madonna, nach Verlust und Verheißung.

    Und die Botschaft?

    In einem Interview sagte JJ:

    „Ich will zeigen, dass es okay ist, zu lieben – auch wenn man nichts zurückbekommt. Ich habe lange geglaubt, das sei Schwäche. Jetzt weiß ich: Es ist meine größte Kraft.“

    Darin liegt der Zauber dieses Auftritts. Nicht die perfekte Inszenierung hat Europa überzeugt, sondern die nackte Wahrheit: Dass Liebe immer ein Wagnis ist. Dass sie sich schenkt – ohne Garantie. Und dass gerade darin ihre Schönheit liegt.

    JJ bei seinem Auftritt in Basel. Foto: ORF

    Vielleicht ist JJ’s Sieg ein kleiner Triumph für all jene, die lieben – mit offenen Armen, mit offenem Ausgang.

    Und vielleicht, nur vielleicht, war keine Zeile des ESC passender als diese:

    I’m an ocean of love – and you’re scared of water.

    Aber Liebe fürchtet sich nicht. Sie schwimmt. Und manchmal – siegt sie. Amor vincit.


    Harald R. Preyer ist systemischer Coach, geistlicher Begleiter und Lektor im Wiener Stephansdom. Er begleitet Menschen in Lebenswenden und gestaltet christliche Trauerfeiern für Ausgetretene. Seine Texte kreisen um die großen Themen: Liebe, Glaube, Abschied.

    Hinweis: Zitate aus „Wasted Love“ von JJ. Bibelzitate aus der Einheitsübersetzung 2016.
    JJ’s ESC-Auftritt ist abrufbar unter: www.eurovision.tv

  • Heimat

    🕊 Wo ist Heimat, wenn wir einen geliebten Menschen verlieren?

    Heimat ist dort, wo wir uns geborgen fühlen.
    Das kann ein Ort sein.
    Ein Mensch.
    Ein Duft.
    Ein Lied.
    Oder eine Erinnerung.

    Manchmal ist Heimat nicht mehr greifbar – aber spürbar.
    Im Rückblick. Im Herzen.
    Im Erzählen. –
    Und im Erinnern.

    „Menschen suchen vermehrt nach Heimat
    in einer Welt, die ungewiss erscheint,
    und in einem Leben, das sich schneller ändert,
    als es verstanden werden kann.“

    – Wilhelm Schmid

    Heimat kann überall sein
    Der Begriff Heimat hat viele Bedeutungen. Er leitet sich im Deutschen vom germanischen Wort haima ab, was »liegen« heißt. Heimat ist also da, wo jemand schläft, im Sinne einer Wohnstätte. Das kroatische Wort für Heimat, domovina, hat in der Wurzel das Wort dom, das auf Deutsch Haus bedeutet. Patria, der spanische Begriff für Heimat, kommt vom Wort padres, das Eltern heißt. Heimat ist also dort, wo die Eltern herkommen.

    Der deutsche Philosoph Wilhelm Schmid (*1953) hat die Vieldeutigkeit des Begriffs in verschiedene Heimaten unterteilt, in denen der Mensch sein Leben verbringen kann: Die Herkunftsheimat als Geburtsort und vertraute Welt steht im Gegensatz zur Wahlheimat. Diese ist eine Art zweite Heimat, in der sich jemand aus Gründen der Liebe oder des Berufes aufhält. Nach Ansicht von Schmid ist Heimat als Verlegenheitsheimat sogar an einem Ort möglich, wo man eigentlich nie hinwollte. Alle diese Heimaten verbinde der Wunsch, einen Ort zu finden, an dem es sich gut leben lässt. Dazu gehörten neben der Schönheit der Umgebung auch Ruhe, Abwechslung und kulturelle Angebote sowie nette Menschen am Arbeitsplatz. Sie alle trügen dazu bei, dass der Mensch sich irgendwann heimisch fühle.

    Quelle: Der Philosophie-Kalender 2025

  • Death is a bridge

    Death is a bridge between friends. The time now nears that I cross that bridge, and friend meets Friend.

    Abu Hamid al-Ghazali (1058–1111)
    Islamischen Mystiker 

    There is a land of the living and a land of the dead and the bridge is love, the only survival, the only meaning.

    Thornton Wilder 
    aus seinem Roman The Bridge of San Luis Rey

    Don’t be dismayed at goodbyes. A farewell is necessary before you can meet again. And meeting again, after moments or lifetimes, is certain for those who are friends.

    Richard Bach
    aus Jonathan Livingston Seagull

    Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern wir suchen die zukünftige.

    Hebräer 13,14

    Der Staub kehrt zur Erde zurück, wie er gewesen ist, der Geist aber kehrt zu Gott zurück, der ihn gegeben hat.

    Kohelet 12,7

  • Das Sterbliche und die Heiterkeit

    Das Sterbliche an uns ist es, was uns vereinigt. Ich sage das auch mit einer gewissen Heiterkeit, denn es macht unsere Würde aus. Wir wissen, dass wir kommen und gehen.

    Hanns Dieter Hüsch

    • Wie wirkt mein Bewusstsein der Sterblichkeit in mein Leben hinein?
    • Auf welche Weise kann dieses Bewusstsein mein Leben sogar kostbarer machen?

    Quelle: Magnificat – das Stundenbuch, Innehalten am Abend, 6.5.2025

  • Orientierung

    Orientierung beginnt im Herzen.

    Bete mit deinem Gewissen,
    empfange den Segen mit Demut.
    Leite mit Bewusstheit,
    führe mit Bescheidenheit.

    Wenn im Leben Sicherheiten wegbrechen, wenn uns der Verlust eines geliebten Menschen den Boden unter den Füßen entzieht, brauchen wir eine neue innere Richtung.
    Nicht laute Antworten. Sondern leise Wahrhaftigkeit.

    Wahre Orientierung entsteht nicht durch äußere Zeichen.
    Sie wächst dort, wo wir mit unserem Gewissen sprechen.
    Dort, wo wir Demut annehmen und Liebe leben.
    Dort, wo wir sanft und stark zugleich werden.

    Die Altäre dieser Welt können uns erinnern –
    aber die eigentliche Mitte finden wir in uns.
    Still, aufrecht, geführt von der Liebe.

    (Inspiriert von „365 Tao: Meditationen für jeden Tag des Jahres“)

  • Die Sonne in uns

    Trost finden – in der eigenen Mitte.

    Die Sonne scheint in der Mitte des Himmels.
    Alle Dinge wenden ihr Antlitz dem Licht zu.

    Gerade in Zeiten des Abschieds verlieren wir leicht die Orientierung.
    Was gestern noch selbstverständlich war, fehlt plötzlich.
    Wo ist die Mitte?

    Die Antwort liegt näher, als wir denken:
    Unsere Mitte entsteht nicht durch äußere Maßstäbe.
    Unsere Mitte ist dort, wo wir uns der Liebe zuwenden.
    Der Liebe, die uns hält.
    Der Liebe, die uns verbindet – über alles Sichtbare hinaus.

    Wenn wir nach innen lauschen, spüren wir:
    Trost beginnt in uns.
    Die Mitte trägt uns.
    Und die Liebe zeigt uns den Weg – sanft, beständig, verlässlich.

    (Inspiriert von „365 Tao: Meditationen für jeden Tag des Jahres“)

  • Gott wohnt in uns

    Glauben heißt, sich erinnern.

    Man weiß – und doch glaubt man.
    Der Gott, den du über dir wähnst, ist in dir.

    Gerade im Abschied spüren wir:
    Glaube ist kein äußeres Konstrukt. Kein ferner Vater im Himmel, keine Bürokratie der Engel.
    Sondern ein innerer Weg – ein stilles Wissen, ein lebendiges Vertrauen.

    Glaube braucht keine sichtbaren Wunder, keine Beweise.
    Er bestätigt sich selbst, indem er unser Herz verwandelt.
    Wenn wir lieben, hoffen, vergeben, leben wir den Glauben.

    Gott wohnt in uns.
    Nicht außerhalb.
    Nicht weit weg.
    Jetzt.
    Hier.
    In dir.

    (Inspiriert von „365 Tao: Meditationen für jeden Tag des Jahres“)

  • Peters Botschaft aus dem Jenseits

    Stellen Sie sich vor, dass Sie zur Bestattung eines langjährigen Freundes eingeladen sind. Er starb viel zu früh – wie geliebte Menschen immer zu früh sterben.

    Sie wissen nicht, was sie erwartet. Einige andere Freunde sind schon da.

    Man begrüßt sich leise, pietätvoll, mit diesem traurigen Blick, der eine Mischung aus „Es tut mir leid. Ich fühle mit. Ich bin da. Ich vermisse Peter auch sehr.“ signalisiert.

    Der Trauerredner begrüßt die Gäste angemessen, unaufdringlich, warmherzig.

    Dann sprichst Peter selbst.

    Sie hören ihn glasklar. Ganz so als würde er neben Ihnen sitzen. Seine Stimme klingt warm, liebevoll – sein gewohnter Erzählton unter Freunden. Es ist alles wie es immer war, wenn sie Peter getroffen haben. Es sind nur mehr Menschen da als sonst im Freundeskreis. Und es ist alles irgendwie feierlicher. Aber es ist kein Zweifel: Das ist Peter’s Stimme. Das ist keine KI, keine Computerstimme.

    Peter erzählt Episoden aus seinem Leben und es sind gute Geschichten. Auch Sie selbst kommen einmal kurz vor. Das berührt Sie – die Geschichte damals am Gardasee bei ihrer Wanderung auf den Monte Baldo als sie einander gegenseitig fotografiert haben – weit im Hintergrund das tiefe Blau des Sees.

    Und Peter sagt auch Botschaften, die nachdenklich machen. Vom Leben im Jetzt, von der Dankbarkeit, die zum Glück führt, von der Verantwortung, von einer guten Welt, von der Liebe und von seiner Hoffnung.

    Die Stimmung ist gelöst. Dankbarkeit und Hoffnung erfüllen den Raum und nehmen die Trauer an der Hand.


    Making of

    Möglich wurde diese neue Form des eigenen Nachrufs durch eine besondere Vorbereitung. Peter hat mich drei Monate vor seinem Tod angerufen und gefragt, ob wir seine Trauerrede gemeinsam vorbereiten können.

    Wir haben geplant, uns dreimal zu treffen. Beim ersten Treffen hat er mir in zwei Stunden sein Leben erzählt. Ich habe nur gut zugehört, manchmal nachgefragt, in meinen Worten gespiegelt, was er mir erzählt hat. Es waren zwei schöne Stunden auf seiner Terrasse. Nur er und ich, mein Notizblock und später auch mein Handy zum Aufnehmen seiner Erzählungen.

    Dann habe ich Peter einige Gedanken geschickt. Fragen, Bilder und Ideen, die ihn inspiriert haben, seine Erzählung weiter auszuschmücken, zu fokussieren, Schwerpunkte zu setzen, einen roten Faden zu finden, mit allen Sinnen spürbar zu machen.

    Ich habe Peter dann ein zweites Mal besucht und er hat seine eigene Trauerrede das erste Mal selbst gesprochen. Das habe ich aufgenommen – nicht in Studioqualität, sondern so wie es war. Knappe zehn Minuten – so wie meine eigenen Trauerreden. Allerdings mit leisen Hintergrundgeräuschen auf der Terrasse. Einmal hat Senta gebellt. Sogar in der Aufnahme hört man, wie sie voller Freude das Kommen der Enkel kurz gemeldet hat.

    Wir haben dann noch länger darüber gesprochen, wie es ihm jetzt geht. Die Ärzte meinen, mit viel Glück wird er den Ferienbeginn von Klara und Franz noch erleben. Die Schmerzen sind erträglich. Ich erlebe Peter reflektiert, ruhiger als bei unserem ersten Gespräch, gefasster, manchmal tief berührt und dann auch zeitweise wie bereits in einer anderen schönen Welt, träumend, sinnierend, glücklich, erlöst. Ich habe ihn noch gebeten, mir ein Bild – ein gutes Foto – von ihm zu schicken. Damit er uns von der Staffelei in der Aufbahrungshalle auch ansieht, wenn wir seine letzten Wort hören.

    Wir haben geplant, wann wir uns zum dritten Mal sehen, um die finale Version seiner eigenen Trauerrede professionell aufzunehmen… Vielleicht mit Video.

    Dazu kam es nicht mehr. Eine Woche später hat mich Barbara angerufen und schlicht gesagt: „Peter ist tot. Er ist heute Nacht einfach eingeschlafen. Wir haben noch miteinander gekuschelt wie jeden Tag und er ist nicht mehr aufgewacht.“

    Die erste Version von Peter’s selbstgesprochener Trauerrede und sein Bild auf der Staffelei haben Bekannte, Freunde und sogar Barbara vermutlich mehr berührt als es jede Erinnerung vermocht hätte.

    Was bleibt? Erinnerungen, Bilder im Kopf, viel Liebe, Freude über das Erlebte, Erzählte und die warme Vorfreude auf das Wiedersehen. Irgendwann, irgendwie und sicher anders als hier. Und Senta’s leises Bellen.


    Ein Artikel aus der ZEIT vom 23.4.2025 beschreibt authentisch und ehrlich Erfahrungen mit anderen modernen Methoden der Speicherung von Erinnerungen an Verstorbene.

  • Auferstehung bei -40°

    Friedhofsspaziergänge haben auch etwas Philosophisches

    Tatjana Kuschtewskaja ist eine russische Schriftstellerin, die in Deutschland lebt.
    Sie wurde international bekannt durch ihr Buch „Hier liegt Freund Puschkin. Spaziergänge auf russischen Friedhöfen“.

    Darin beschreibt sie unter anderem die russische Trauer- und Friedhofskultur – auch aus philosophischer Perspektive.

    „Jetzt kann er ganz gewiss auferstehen“

    Die russisch-religiöse Philosophie des 19. Jahrhunderts um Vladimir Solovjov (1853–1900) formulierte den Anspruch, dass Tote überall so begraben werden sollten, dass sie jederzeit – in Analogie zu Jesus – wiederauferstehen können.

    Ein Mann konnte im hohen Norden bei minus 40 Grad lediglich eine Grabstelle von einem Meter Tiefe ausheben. Deshalb schlug ein Freund des Verstorbenen vor, Sprengstoff zu Hilfe zu nehmen, und so wurde Dynamit zur Explosion gebracht. Dann glättete man den Boden im Grab und bestattete den Leichnam.

    Als die Grube bereits zugeschüttet war, fiel einem Anwesenden ein, dass sie vergessen hatten, die Füße des Verstorbenen loszubinden. „Wie soll er da auferstehen?“, beklagten sich einige Trauergäste. „Die Bänder werden ihn im ewigen Eis festhalten.“

    Auf dem Friedhof war es so bitterkalt, dass selbst das Atmen schmerzte. Trotzdem wurde das Grab wieder geöffnet. Man löste die Bänder des Verstorbenen – und schloss das Grab erneut.

    Trotz der Kälte bekreuzigten sich alle Anwesenden erleichtert und murmelten:
    „Jetzt kann er ganz gewiss auferstehen.“


  • Kurz vor Oste(r)n

    Ein Versuch, der Liebe zu vertrauen

    Es gibt Momente, in denen ich innehalte. Ein Bild, das ich selbst gestaltet habe, begleitet mich dabei: Ein schlichter Kompass. Norden oben, Westen links, Süden unten – und wo eigentlich der Osten wäre, dort schlägt ein Herz. In der Mitte steht: „kurz vor OSTE®N“.

    Ein Wortspiel, ja – aber nicht nur ein Spiel. Für mich ist es ein stilles Zeichen: eine Erinnerung daran, woher das Licht kommt. Und worauf ich hoffe.

    Denn ich bin frei. Frei, zu glauben. Frei, zu zweifeln. Frei, der Liebe Gottes zu trauen – oder sie zu vergessen. Diese Freiheit ist nicht immer leicht. Manchmal fühlt sie sich an wie ein Weg ohne Ziel.

    Gerade hier in Wien, in dieser Stadt voller Geschichte, voller Melancholie, scheint mir Kirche manchmal leise zu werden. Unbemerkt. Man könnte sagen: unwichtig. Die Menschen gehen. Die Räume werden größer. Die Stimmen kleiner.

    Aber die Welt ist größer als mein Blickfeld. Und so sehe ich auch: Weltweit wächst die Kirche. Menschen finden Trost, Sinn, Gemeinschaft. Und nicht nur irgendwo – sondern in großer Zahl. Es berührt mich, das zu wissen. Es weitet mein Herz.

    Und doch: Glaube beginnt für mich nicht im Großen. Er beginnt dort, wo ein trauriger Mensch ein wenig Freude spürt – vielleicht, weil ich ihn wahrgenommen habe. Vielleicht, weil ich in diesem Moment etwas von der Liebe weitergeben konnte, die ich selbst erfahren habe.

    Ich habe viel gelernt in „meiner“ Kirche. Nicht aus Büchern, nicht aus Argumenten – sondern durch Begegnung. Durch Menschen. Durch das stille Mittragen in Momenten der Dunkelheit.

    Ostern ist nahe. Für mich ist das nicht nur ein Datum. Es ist ein Bild für Aufbruch, für Verwandlung. Nicht laut. Nicht spektakulär. Sondern in der Tiefe.

    „Kurz vor Oste(r)n“ – das heißt für mich: Ich darf mich erinnern. An das Licht, das kommt. An das Herz, das dort schlägt, wo der Morgen beginnt.

    Und an den leisen Ruf, der nicht befiehlt, sondern einlädt: Vertrau der Liebe.