Nur so ein Dach über den Köpfen, Tür, die zur Stille offen steht. Mauern aus Haut, Fenster wie Augen, spähend nach Hoffnung, Morgenrot. So voller Leben wird, wie ein Leib das Haus, in das wir gehn, um recht vor Gott zu stehn.
Worte von fern, fallende Sterne, Funken, vor Zeiten ausgesät. Namen für ihn, Träume, Signale, tief aus der Welt zu uns geweht. Münder aus Erde hören und sehn, umfangen, sprechen fort das freie Gotteswort.
Tisch, der uns eint, Brot um zu wissen: wir sind einander anvertraut. Wunder aus Gott, Menschen in Frieden, altes Geheimnis, neu geschaut. Brechen und teilen, sein, was nicht geht, tun, was undenkbar ist: vom Tode auferstehn.
Inspiriert durch Deng Ming-Dao, „365 Tao: Meditationen für jeden Tag des Jahres“, Arkana Verlag, 1992, Tag 139
Mauer aus Flammen. Brücke aus Tränen. Schneeflocke auf frisch geschmiedeten Kettengliedern.
Eine Ehe, die Bestand hat, ist kein Zufall. Sie wird geschmiedet – Glied für Glied, unter Hitze, durch Mühe und Hingabe. Wie Eisen, das erst im Feuer der Leidenschaft formbar wird und dann im Wasser der Tränen abkühlt, entsteht aus Nähe und Konflikt eine Verbindung, die trägt.
Es ist schwer, allein durchs Leben zu gehen. Jeder von uns sehnt sich nach Zugehörigkeit, nach einem Du, das mit uns in dieselbe Richtung schaut. Damit das gelingt, braucht es gemeinsame Werte, Ziele, Perspektiven. Ehe ist kein romantisches Dauerfeuer, sondern die Kunst, auch in Stille und Spannung verbunden zu bleiben.
Wir erwarten oft, dass unser Partner zugleich unser bester Freund, Liebhaber und Vertrauter ist – aber wahre Verbindung gründet tiefer. Auch wenn sie äußerlich brüchig scheint, kann in ihr eine Treue leben, die in keiner anderen Beziehung vorkommt. Und doch mahnt uns das Tao: Auch in der stärksten Bindung braucht es Maß, Freiheit, Atem.
Denn jede Beziehung ist endlich. Wer sich krampfhaft aneinander klammert, verliert das klare Sehen. Liebe darf keine Sucht werden. Halten wir niemanden fest. Zwingen wir niemanden, zu bleiben. Definieren wir uns nicht über den anderen. Und doch – wenn das Leben uns erlaubt, ein Stück gemeinsam zu gehen, dürfen wir dankbar sein.
Wenn es Zeit ist, sich zu trennen, dann ist es Zeit. Ohne Reue. Denn die Schönheit der Ehe gleicht einer Schneeflocke: vollkommen im Moment – und doch vergänglich.
Warum JJ’s Eurovision-Song „Wasted Love“ eine tiefere Wahrheit über das Wesen der Liebe offenbart
Ein Essay von Harald R. Preyer Wien, am Sonntag, dem 18. Mai 2025
Es ist ein bewegender Moment im Finale des Eurovision Song Contests 2025. Ein junger Mann mit heller Stimme, fast engelsgleich, steht in schimmerndem Licht. Der österreichische Countertenor JJ singt sich mit „Wasted Love“ in die Herzen Europas – und gewinnt.
Der Refrain brennt sich ein: Now that you’re gone – all I have is wasted love. Jetzt, da du fort bist, bleibt nur verschwendete Liebe.
Aber kann Liebe je verschwendet sein?
Wer ist JJ?
JJ – bürgerlich Johannes Jakob Pietsch – ist 24 Jahre alt, Sohn eines Österreichers und einer philippinischen Mutter. Aufgewachsen in Dubai, zurückgekehrt nach Wien, ausgebildet an der Musikuniversität, tritt er an der Volksoper ebenso auf wie in der U-Bahn oder auf der Bühne von Starmania.
Bis zum hohen Cis kommt Countertenor Johannes Pietsch alias JJ in seinem Song „Wasted Love“. APA/Helmut Fohringer
Sein Gesang ist keine Pose, sondern Ausdruck einer inneren Wahrheit. Als Countertenor sprengt er Rollenklischees – in der Stimme, in der Person, im Ausdruck. JJ steht für eine neue Generation von Künstlern, die sich nicht mehr zwischen Pop und Oper, zwischen queerer Identität und klassischer Schönheit entscheiden müssen.
Was sagt das Lied?
„Wasted Love“ ist eine moderne Klage. Eine Stimme ruft aus dem Ozean der Gefühle nach jemandem, der Angst hat vor Nähe, vor Tiefe, vor Ertrinken. Die Musik beginnt fast nackt, intim, und wächst zu einem hymnischen Crescendo, das sich in technoiden Nebel auflöst.
Doch inmitten dieser Einsamkeit stellt sich eine größere Frage: Wenn Liebe nicht erwidert wird – war sie dann vergeblich?
Die alte Frage in neuem Gewand
Die christliche Theologie kennt diese Frage gut. Jesus selbst liebte, ohne zurückgeliebt zu werden. Er heilte, tröstete, weinte – oft vergeblich. Und doch sagt die Bibel:
„Die Liebe hört niemals auf.“ (1 Kor 13,8 )
Liebe, die gegeben wurde, ist nicht verloren. Sie bleibt – als Kraft, als Erinnerung, als Teil dessen, der liebt. Und darin liegt ein Trost: Selbst wenn sie auf taube Ohren trifft, hat sie gewirkt. In mir.
Warum JJ als Countertenor?
Die Wahl dieser ungewöhnlichen Stimmlage ist kein Effekt, sondern eine Haltung. Der Countertenor singt dort, wo andere schweigen. Er bringt das Verborgene an die Oberfläche. Seine Stimme schwebt über dem Alltäglichen und ruft: Auch das ist möglich. Auch so klingt Liebe.
JJ’s Stimme ist wie das Lied selbst: verletzlich, schön, mutig – und offen für Schmerz.
Die Volksoper als Resonanzraum
Dass JJ regelmäßig an der Wiener Volksoper singt, ist kein Zufall. Die Bühne hat ihn geprägt, aber sie hält ihn nicht zurück. Vielmehr ist sie ein Ort der Durchlässigkeit geworden – zwischen den Genres, den Generationen, den Welten. „Wasted Love“ klingt nach Mahler und nach Madonna, nach Verlust und Verheißung.
Und die Botschaft?
In einem Interview sagte JJ:
„Ich will zeigen, dass es okay ist, zu lieben – auch wenn man nichts zurückbekommt. Ich habe lange geglaubt, das sei Schwäche. Jetzt weiß ich: Es ist meine größte Kraft.“
Darin liegt der Zauber dieses Auftritts. Nicht die perfekte Inszenierung hat Europa überzeugt, sondern die nackte Wahrheit: Dass Liebe immer ein Wagnis ist. Dass sie sich schenkt – ohne Garantie. Und dass gerade darin ihre Schönheit liegt.
JJ bei seinem Auftritt in Basel. Foto: ORF
Vielleicht ist JJ’s Sieg ein kleiner Triumph für all jene, die lieben – mit offenen Armen, mit offenem Ausgang.
Und vielleicht, nur vielleicht, war keine Zeile des ESC passender als diese:
I’m an ocean of love – and you’re scared of water.
Aber Liebe fürchtet sich nicht. Sie schwimmt. Und manchmal – siegt sie. Amor vincit.
Harald R. Preyer ist systemischer Coach, geistlicher Begleiter und Lektor im Wiener Stephansdom. Er begleitet Menschen in Lebenswenden und gestaltet christliche Trauerfeiern für Ausgetretene. Seine Texte kreisen um die großen Themen: Liebe, Glaube, Abschied.
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Hinweis: Zitate aus „Wasted Love“ von JJ. Bibelzitate aus der Einheitsübersetzung 2016. JJ’s ESC-Auftritt ist abrufbar unter: www.eurovision.tv
🕊 Wo ist Heimat, wenn wir einen geliebten Menschen verlieren?
Heimat ist dort, wo wir uns geborgen fühlen. Das kann ein Ort sein. Ein Mensch. Ein Duft. Ein Lied. Oder eine Erinnerung.
Manchmal ist Heimat nicht mehr greifbar – aber spürbar. Im Rückblick. Im Herzen. Im Erzählen. – Und im Erinnern.
„Menschen suchen vermehrt nach Heimat in einer Welt, die ungewiss erscheint, und in einem Leben, das sich schneller ändert, als es verstanden werden kann.“ – Wilhelm Schmid
Heimat kann überall sein Der Begriff Heimat hat viele Bedeutungen. Er leitet sich im Deutschen vom germanischen Wort haima ab, was »liegen« heißt. Heimat ist also da, wo jemand schläft, im Sinne einer Wohnstätte. Das kroatische Wort für Heimat, domovina, hat in der Wurzel das Wort dom, das auf Deutsch Haus bedeutet. Patria, der spanische Begriff für Heimat, kommt vom Wort padres, das Eltern heißt. Heimat ist also dort, wo die Eltern herkommen.
Der deutsche Philosoph Wilhelm Schmid (*1953) hat die Vieldeutigkeit des Begriffs in verschiedene Heimaten unterteilt, in denen der Mensch sein Leben verbringen kann: Die Herkunftsheimat als Geburtsort und vertraute Welt steht im Gegensatz zur Wahlheimat. Diese ist eine Art zweite Heimat, in der sich jemand aus Gründen der Liebe oder des Berufes aufhält. Nach Ansicht von Schmid ist Heimat als Verlegenheitsheimat sogar an einem Ort möglich, wo man eigentlich nie hinwollte. Alle diese Heimaten verbinde der Wunsch, einen Ort zu finden, an dem es sich gut leben lässt. Dazu gehörten neben der Schönheit der Umgebung auch Ruhe, Abwechslung und kulturelle Angebote sowie nette Menschen am Arbeitsplatz. Sie alle trügen dazu bei, dass der Mensch sich irgendwann heimisch fühle.
Death is a bridge between friends. The time now nears that I cross that bridge, and friend meets Friend.
Abu Hamid al-Ghazali (1058–1111) Islamischen Mystiker
There is a land of the living and a land of the dead and the bridge is love, the only survival, the only meaning.
Thornton Wilder aus seinem Roman The Bridge of San Luis Rey
Don’t be dismayed at goodbyes. A farewell is necessary before you can meet again. And meeting again, after moments or lifetimes, is certain for those who are friends.
Richard Bach aus Jonathan Livingston Seagull
Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern wir suchen die zukünftige.
Hebräer 13,14
Der Staub kehrt zur Erde zurück, wie er gewesen ist, der Geist aber kehrt zu Gott zurück, der ihn gegeben hat.
Das Sterbliche an uns ist es, was uns vereinigt. Ich sage das auch mit einer gewissen Heiterkeit, denn es macht unsere Würde aus. Wir wissen, dass wir kommen und gehen.
Hanns Dieter Hüsch
• Wie wirkt mein Bewusstsein der Sterblichkeit in mein Leben hinein? • Auf welche Weise kann dieses Bewusstsein mein Leben sogar kostbarer machen?
Quelle: Magnificat – das Stundenbuch, Innehalten am Abend, 6.5.2025
Bete mit deinem Gewissen, empfange den Segen mit Demut. Leite mit Bewusstheit, führe mit Bescheidenheit.
Wenn im Leben Sicherheiten wegbrechen, wenn uns der Verlust eines geliebten Menschen den Boden unter den Füßen entzieht, brauchen wir eine neue innere Richtung. Nicht laute Antworten. Sondern leise Wahrhaftigkeit.
Wahre Orientierung entsteht nicht durch äußere Zeichen. Sie wächst dort, wo wir mit unserem Gewissen sprechen. Dort, wo wir Demut annehmen und Liebe leben. Dort, wo wir sanft und stark zugleich werden.
Die Altäre dieser Welt können uns erinnern – aber die eigentliche Mitte finden wir in uns. Still, aufrecht, geführt von der Liebe.
(Inspiriert von „365 Tao: Meditationen für jeden Tag des Jahres“)
Die Sonne scheint in der Mitte des Himmels. Alle Dinge wenden ihr Antlitz dem Licht zu.
Gerade in Zeiten des Abschieds verlieren wir leicht die Orientierung. Was gestern noch selbstverständlich war, fehlt plötzlich. Wo ist die Mitte?
Die Antwort liegt näher, als wir denken: Unsere Mitte entsteht nicht durch äußere Maßstäbe. Unsere Mitte ist dort, wo wir uns der Liebe zuwenden. Der Liebe, die uns hält. Der Liebe, die uns verbindet – über alles Sichtbare hinaus.
Wenn wir nach innen lauschen, spüren wir: Trost beginnt in uns. Die Mitte trägt uns. Und die Liebe zeigt uns den Weg – sanft, beständig, verlässlich.
(Inspiriert von „365 Tao: Meditationen für jeden Tag des Jahres“)
Man weiß – und doch glaubt man. Der Gott, den du über dir wähnst, ist in dir.
Gerade im Abschied spüren wir: Glaube ist kein äußeres Konstrukt. Kein ferner Vater im Himmel, keine Bürokratie der Engel. Sondern ein innerer Weg – ein stilles Wissen, ein lebendiges Vertrauen.
Glaube braucht keine sichtbaren Wunder, keine Beweise. Er bestätigt sich selbst, indem er unser Herz verwandelt. Wenn wir lieben, hoffen, vergeben, leben wir den Glauben.
Gott wohnt in uns. Nicht außerhalb. Nicht weit weg. Jetzt. Hier. In dir.
(Inspiriert von „365 Tao: Meditationen für jeden Tag des Jahres“)