Kategorie: Gedanken

  • Gedanken zu Gnade und Liebe

    Die Texte des heutigen Sonntags, einige Predigten und Impulse haben mich dazu inspiriert, über Begriffe nachzudenken und zu überlegen, welche spirituelle Dynamik sie haben könnten.

    🩸 Begriffe aus der Welt der Verletzung

    BegriffBedeutung im biblischen KontextSpirituelle Dynamik
    SündeTrennung von Gott, weil ich seine Liebe nicht annehmeNicht einfach ein Fehlverhalten, sondern ein Beziehungsverlust
    SchuldDas Wissen, dass ich andere verletzt habe – oder mich selbstLässt sich nicht selbst aufheben – nur verwandeln
    RacheDer Wunsch, erlittenes Leid mit Leid zu vergeltenVermehrt das Leid – und macht uns selbst zum Täter
    HassErstarrter Schmerz, der sich gegen den anderen richtetDas Gegenteil von Beziehung: Ich will dich nicht mehr
    KriegDie äußerste Form kollektiver Vergeltung und MachtausübungImmer verbunden mit Unversöhnlichkeit, Angst und Gier

    ✨ Begriffe aus der Welt der Gnade

    BegriffBedeutung im biblischen KontextSpirituelle Dynamik
    ErlösungBefreiung vom inneren Zwang, mich selbst retten zu müssenJesus trägt, was ich nicht tragen kann – das ist Gnade
    FreiheitIn Gott sein – ohne Angst vor Ablehnung oder VerlustNicht Willkür, sondern das Ja zu meiner Berufung
    UnschuldDer geschenkte Zustand, wenn Schuld nicht mehr trenntNicht: Ich habe nichts getan – sondern: Ich bin angenommen
    VergebungDie Entscheidung, den anderen aus meiner Rechnung zu entlassenDer erste Schritt zur Heilung beider Seiten
    GnadeDas unverdiente, überfließende Gutsein GottesNicht machbar – nur empfangbar
    FreudeDie stille Kraft, die entsteht, wenn Liebe gelingtNicht oberflächliches Glück – sondern tiefer Friede
    DankDie Antwort der Seele, die Beschenkung erkenntWandelt Mangel in Fülle – ohne dass sich die Umstände ändern müssen

    ⚰️ Tod und Auferstehung

    BegriffBedeutung im biblischen KontextSpirituelle Dynamik
    TodDas Ende des sichtbaren Lebens – und die Grenze menschlicher MachtNicht nur biologisch – auch das, was wir nicht mehr ändern können
    AuferstehungDas neue Leben, das Gott schenkt – jenseits unserer VorstellungNicht Rückkehr ins Alte, sondern Verwandlung ins Mehr
    In Christus ist der Tod nicht mehr das Letzte.Der letzte Feind wird zum Tor der Hoffnung.

    🌌 Einsamkeit und Liebe

    BegriffBedeutung im biblischen KontextSpirituelle Dynamik
    EinsamkeitDas schmerzhafte Gefühl, nicht verbunden zu seinAuch mitten unter Menschen möglich – eine stille Wüste im Herzen
    LiebeDie Kraft, die den anderen sieht, empfängt und bejahtKein Gefühl, sondern eine Entscheidung zur Zuwendung
    Gott verlässt niemanden. Auch in der Einsamkeit ist er da.Wer liebt, wird selbst zum Ort der Gegenwart Gottes.

    Diese Überlegungen haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Richtigkeit. Ich freue mich vielmehr darüber, mit interessierten Menschen darüber nachzudenken, wie sie diese Begriffe, Gefühle, Worte sehen und beschreiben.

    Es kann uns gut tun, über Erlebtes zu erzählen – ohne Wertung, ohne Tipp oder Belehrung. Einfach mit einem offenen wohlwollenden Herzen.

  • Nachruf auf Felix?

    Als christlicher Trauerredner hätte ich auch auf Felix Baumgartner einen Nachruf gesprochen, der den Hinterbliebenen Hoffnung und Trost spendet. Nach ausführlichen Gesprächen mit den Trauernden und einigen Stunden des aufmerksamen Zuhörens war das bisher immer möglich. Die aufrichtige Anteilnahme ist meinem Glauben und meiner Profession geschuldet. Gott verurteilt Taten, die der Liebe widersprechen aber er liebt alle Menschen – bedingungslos und aus reiner Gnade.

    Felix Baumgartner kam am 17. Juli ums Leben.imago/ZUMA Press Wire / Kyle Gustafson

    Persönlich interessiert mich die Frage: „Welche Werte haben wir als Gesellschaft geopfert? Warum schauen sich Menschen einen Sprung aus dem Weltall überhaupt an? Was fasziniert uns, wenn Grenzgänger gegen hohe Gagen den Tod herausfordern?“ Das ist für mich keine moralische Frage. Ich frage ganz utilitaristisch. Welche andere Befriedigung, welchen Genuß haben wir verlernt, wenn wir uns daran berauschen können?

    Eine romantische Operette von Emmerich Kálmán, ein gelungenes Risotto mit Shrimps, Liebe machen mit meiner Frau, ein Spaziergang beim Morgenaufgang oder eine gute Predigt in einer Messe im Stephansdom geben mir mehr als der Sprung eines Stuntman in Überschallgeschwindigkeit.

    Den letzten meiner zehn Geschenklinks für Juli teile ich gerne für diesen sprachlich und inhaltlich großartigen „Nachruf“ von Sebastian Stier in der ZEIT.

  • Christophorus

    Christophorus – der Christusträger – Träger der Liebe – Tor zum Paradies?

    Am 24. Juli feiern viele Christoph in Österreich ihren Namenstag. Das geht auf den Heiligen Christophorus zurück.

    Im Mittelchor des Stephansdoms blickt uns seine eindrucksvolle Statue entgegen: Ein kraftvoller Mann, das Kind auf der Schulter. Mit jedem Schritt trägt er nicht nur ein Kind – sondern das Gewicht der ganzen Welt.

    Die Legende erzählt:
    Christophorus wollte nur dem Mächtigsten dienen. Er diente Königen, dem Teufel – bis er schließlich Christus fand. Als Fährmann trug er den Knaben durch einen reißenden Fluss. Das Kind wurde immer schwerer. Bis Christophorus erkannte:

    Er trägt den Sohn Gottes.
    Die Liebe selbst.

    Hl. Christophorus – von Niclas Gerhaert van Leyden – im Mittelchor des Wiener Stephansdoms


    Ein Bild für uns alle, besonders in Zeiten der Trauer:

    Auch wir dürfen Christus tragen.

    Auch wir dürfen einander tragen – durch das Wasser des Schmerzes.

    Und manchmal geschieht das schon hier: im Gespräch, im Verzeihen, in der Gnade.

    Gestern in unserer Bibelrunde sagten wir: Wir dürfen immer auf die Liebe Gottes vertrauen.

    Vergebung ist stärker als das Urteil.
    Gnade ist tiefer als die Schuld.
    Liebe ist stärker als der Hass.


    Vielleicht ist Christophorus auch ein Bild für das Paradies

    Nicht nur als jenseitiges Ziel. Sondern als eine Kraft, die uns hier schon verwandeln kann.

    Wer liebt, trägt. Und wer getragen wird, hat einen Freund.
    Einen Freund? Einen Vater? Gott selbst? „Vater unser“.

  • Wer wird mir zum Nächsten?

    Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter hast du sicher schon oft gehört. Meist wird es so verstanden:
    „Du musst helfen. Du musst der Samariter sein.“

    In der Predigt von P. Johannes Paul Abrahamowicz zu diesem Evangelium wurde mir heute ein anderer Blick geschenkt, den ich gern mit dir teile:

    Du hast selbst einen Nächsten. Einen, der mit dir leidet. Und das ist Jesus.

    Er sieht dich, wenn du verletzt bist, wenn du liegst, wenn du nicht mehr kannst.
    Er bleibt stehen.
    Er hebt dich auf.
    Er trägt dich – durch dein Leid hindurch bis ins Leben.

    Gerade als Trauerredner und geistlicher Begleiter bin ich immer wieder mit fremdem Leid konfrontiert. Ich weiß, wie schwer es ist, mitleidend da zu sein, ohne selbst unterzugehen.

    Diese Predigt erinnert mich daran:
    Ich darf begleiten, trösten, zuhören – aber ich muss nicht alle Schmerzen selbst tragen.

    Der eigentliche Samariter, der unser aller Leid auf sich nimmt, ist Christus selbst. Er leidet mit uns – bis zur Auferstehung.

    Das ist der Trost, den dieses Evangelium heute für mich hat. Was ist für Dich an dieser Predigt hilfreich, entlastend?

    Evangelium und Predigt im Originalton.

    Der barmherzige Samariter als Beispiel

    25 Und siehe, ein Gesetzeslehrer stand auf, um Jesus auf die Probe zu stellen, und fragte ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? 26 Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? 27 Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst. 28 Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben! 29 Der Gesetzeslehrer wollte sich rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster? 30 Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halbtot liegen. 31 Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging vorüber. 32 Ebenso kam auch ein Levit zu der Stelle; er sah ihn und ging vorüber. 33 Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam zu ihm; er sah ihn und hatte Mitleid, 34 ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein eigenes Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. 35 Und am nächsten Tag holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme. 36 Wer von diesen dreien meinst du, ist dem der Nächste geworden, der von den Räubern überfallen wurde? 37 Der Gesetzeslehrer antwortete: Der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle du genauso! 

    Lk 10, 25–37

    Auslegung zum Evangelium
    Von Basilius von Caesarea

    Dies ist also das erste und wichtigste Gebot der göttlichen Liebe; ein zweites aber ergänzt das erste und ist von ihm erfüllt, in dem wir ermahnt werden, den Nächsten zu lieben; daher folgt: „und den Nächsten wie dich selbst“. Wir bekommen von Gott die Fähigkeit, dieses Gebot zu erfüllen. Wer wüsste nicht, dass der Mensch ein Wesen ist, das auf Liebe und Gemeinschaft und nicht auf Isolation und Härte angelegt ist? Nichts ist nämlich für die menschliche Natur so typisch, wie der Austausch miteinander, das Angewiesensein aufeinander und die Liebe zum Verwandten. Wovon der gütige Herr uns die Samen anvertraut hat, davon verlangt er konsequenterweise die Früchte.

    Von Basilius von Caesarea („der Große“, Bischof, Kirchenlehrer, um 330–379), hier nach: Thomas von Aquin, Catena Aurea. Kommentar zu den Evangelien im Jahreskreis, hg. v. Marianne Schlosser und Florian Kolbinger, 669–670, © EOS Verlag, St. Ottilien, 2. Auflage 2012

  • Einmal – und für immer

    Charlie Chaplin war 53, als er Oona O’Neill begegnete, sie erst 17. Die Welt nannte es Wahnsinn, einen Skandal, eine Torheit. Doch es wurde die Liebe seines Lebens. Er, der die Welt zum Lachen brachte, hatte selbst oft einsam gelitten. Drei Ehen waren zerbrochen, der Applaus verhallte, die Schlagzeilen fraßen sich in seine Tage.

    Dann kam Oona. Sie hörte nicht nur zu, sie verstand. Sie blieb. Gegen alle Stimmen heirateten sie 1943. Als ihm Amerika die Tür wies, folgte sie ihm in die Verbannung. In der Schweiz fanden sie, was kein Ruhm geben konnte: Frieden, Freude, Familie. Acht Kinder füllten ihr Haus mit Lachen, diesmal nicht vom Filmset, sondern aus dem Leben.

    Als Chaplin 1977 starb, suchte Oona keinen neuen Anfang. Sie hatte bereits alles gelebt, was Liebe sein kann. Denn manchmal genügt ein einziges Ja – und es bleibt. Wahre Liebe fragt nicht nach dem richtigen Moment. Sie bleibt, wenn alles andere vergeht.

    Charlie Chaplin (1889–1977) war der Sohn armer Künstler in London und stieg zum größten Stummfilmstar der Welt auf. Mit Filmen wie „Der große Diktator“ und „Modern Times“ wurde er zum Symbol für Humor mit Tiefgang, kannte jedoch auch Skandale und Einsamkeit.

    Oona O’Neill (1925–1991), Tochter des Literaturnobelpreisträgers Eugene O’Neill, wuchs in Künstlerkreisen auf, war schön, klug und jung. Sie wurde Chaplins Halt, als die Welt ihm den Rücken kehrte, und blieb bis zu seinem Tod an seiner Seite. Sie selbst wollte nie im Rampenlicht stehen – sondern einfach lieben.


  • Erschaffung der Welt

    Seit 1995 lese ich täglich Magnificat – Mein Stundenbuch. Das ist ein auf Dünndruckpapier gedrucktes Monatsheft mit rund 300 Seiten, das für jeden Tag des Monats die Legende des / der Tagesheiligen, das Morgengebet, die Texte der Eucharistiefeier und das Abendgebet beinhaltet. Der anschließende redaktionelle Teil beinhaltet Themen des Monats.

    Gleich am Beginn wird das Titelbild ausführlich von Domkapitular Msgr. Dr. Heinz Detlef Stäps aus Rottenburg beschrieben. Er hat mir ausdrücklich gestattet, seinen Text hier zu verwenden. Diese Texte sind für mich eine Meditation für den jeweiligen Monat. Das heurige Juli-Bild befindet sich in der Österreichischen Nationalbibliothek.

    Erschaffung der Welt, Bible Moralisée, Paris, um 1225, Österreichische Nationalbibliothek, Wien, Cod. Vindobonensis 1179, fol. 1v

    Aus Gott geboren

    Jede Bible Moralisée des 13. Jahrhunderts zeigt den Schöpfer der Welt sozusagen als Titelbild (Frontispiz) vor dem eigentlichen Text mit den Medaillons. Bevor die einzelnen Teile der Bibel interpretiert werden, soll als Voraussetzung deutlich gemacht werden, dass die Welt aus Gottes Händen kommt, dass sie durch seinen Willen erschaffen wurde und er ihr „Architekt“ und Planer ist.

    Wort, durch den die Welt geschaffen wurde.

    Insofern können wir hier durchaus ein Bild Christi erkennen, der in seiner Beteiligung am Schöpfungswerk gezeigt wird.

    Der Schöpfungsakt

    Christus hält eine Kugel oder Scheibe auf dem Schoß. Diese ist mit verschiedenen Farben und Formen als die nach dem biblischen Bericht entstehende Welt gezeigt. In der Mitte sind gelb-grüne vegetabile Formen zu sehen, die das entstehende Leben auf der Erde meinen. Sie sind noch umgeben vom Schwarz der Finsternis über der Urflut (vgl. Gen 1, 1). Auch diese Urflut ist, von einem weißen Saum getrennt, von außen zu sehen. Nach dem biblischen Weltbild ist es aber auch das „Wasser oberhalb des Gewölbes“ (= Himmel) (Gen 1, 7), wie man sich den Regen erklärte. Außen umgibt die gesamte Welt ein grüner Rand, an dem Christus sie hält und trägt.

    Das Instrument, das Christus in der Hand hält, ist ein Zirkel. Mit dem Zirkel übertragen früher Architekten auf den Plänen die Maßeinheiten und legten Messpunkte fest. Christus wird hier also als Architekt der Welt gezeigt. Er plant und beugt. Er plant und bemisst die Schöpfung, er legt die Mitte der Welt fest und bestimmt die Abstände der Schöpfung.

    Wer ist hier dargestellt?

    Die bildbeherrschende Person ist hier im Sitzen dargestellt. Andere Fassungen der Bible Moralisée zeigen sie stehend. Hier sitzt sie auf einem Faldistor (liturgischer Klappstuhl) und ist mit rot-blauen Gewändern bekleidet, die ornamentale Verzierungen zeigen. Die Füße sind nackt und der nach rechts geneigte Kopf wird von einem goldenen Nimbus mit Kreuz umgeben. Damit ist klar, dass es sich hier um eine der drei göttlichen Personen handeln muss: Gott Vater, Sohn oder Heiliger Geist. Ein Blick in das Gesicht des Mannes, vom welligen dunklen Bart und von ebensolchen, langen Haaren gerahmt, legt uns die Überzeugung nahe, dass es sich hier um Christus, die zweite göttliche Person, handeln muss. Doch so einfach ist es nicht.

    Die Bibel spricht in beiden Schöpfungsberichten (Gen 1, 1 – 2, 3 und Gen 2, 4–25) von „Elohim“ (Gott, eigentlich Plural) bzw. sie benutzt ab Gen 2, 4 auch den Gottesnamen „JHWH“. Damit ist klar, dass hier der Vater gemeint ist, er ist der Schöpfer, aus seinem Willen entsteht alles Geschaffene.

    Da der Vater aber nicht konkret darstellbar ist, wurde er in der mittelalterlichen Kunst manchmal mit den Zügen Christi gezeigt. Bei Darstellungen der Marienkrönung sehen wir dann zum Beispiel zweimal Christus mit der Taube des Geistes dazwischen (vgl. St. Georg in Gelbersdorf, Altar im nördlichen Seitenschiff, 15. Jh.). Insofern kann eine Darstellung Christi durchaus den Vater und damit den Schöpfergott meinen. Biblische Grundlage dafür ist Kol 1, 15, wo Christus das Ebenbild des unsichtbaren Gottes genannt wird.

    Hier ist es aber anders: Als Christen haben wir einen eigenen Blick auf die Schöpfungsgeschichte. Wir sehen hier nicht nur Gottvater tätig, sondern auch der Sohn und der Geist haben Anteil am Schöpfungswerk. „Gottes Geist schwebte über dem Wasser“ heißt es in Gen 1, 2 und wir nennen den Heiligen Geist im Glaubensbekenntnis denjenigen, der lebendig macht.

    Noch deutlicher ist die Beteiligung der zweiten göttlichen Person am Schöpfungswerk. Im schon erwähnten Kolosserhymnus heißt es über Christus: „Denn in ihm wurde alles erschaffen […] alles ist durch ihn und auf ihn erschaffen.“ (Kol 1, 16) Dies ist theologisch ja auch ganz einleuchtend: Christus ist das Wort, der Lógos (vgl. Joh 1, 1 f.) und „alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist“ (Joh 1, 3). Und der biblische Schöpfergott muss im Gegensatz zu den Göttern des Vorderen Orients nicht kämpfen, um die Welt zu erschaffen, sondern er spricht (vgl. Gen 1, 3.6 etc.). Für die christliche Theologie ist es deshalb Christus, das

    Im Gegensatz zu anderen Darstellungen ist er hier sitzend gezeigt, mit der Schöpfung im Schoß. Natürlich ist das kein Zufall. Der Maler hat hier ausdrücken wollen, dass die Schöpfung nicht nur durch Gottes Hände gestaltet wurde, sondern dass sie aus Gott geboren ist. Die Welt ist keine Kopfgeburt und kein Hand-Werk, sie stammt aus der Mitte der Liebe Gottes. Sie steht in Beziehung zu ihrem Schöpfer, aber sie ist auch ein Werk der Beziehung Gottes in sich, der Liebe zwischen Vater, Sohn und Geist. Gerade deshalb ist die Beteiligung aller drei göttlichen Personen so wichtig.

    Mandorla und Engel

    Die Christusfigur wird von einem mehrfachen Rahmen in der Form eines ovalen Vierpasses umgeben. Ohne Zweifel ist hiermit die gotische Form der Mandorla gemeint, eine Art Ganzkörpernimbus, mit dem Christus herausgehoben wird und der seine göttliche Herrlichkeit unterstreicht. Dementsprechend ist sowohl innen als auch außen Blattgold aufgebracht, das mit Ornamenten ziseliert wurde.

    Auffällig ist, dass in allen vier Ecken Engel gemalt wurden, die in seltsamen Verrenkungen mit ihren Flügeln, Füßen und Gewandzipfeln die Eckfelder möglichst gut ausfüllen. Alle halten mit beiden Händen die Mandorla und schauen zu Christus hinauf bzw. herunter.

    Wir haben hier keine Maiestas Domini vor uns, dazu müssten die vier Engel durch die vier (apokalyptischen) Wesen (vgl. Ez 1, 5–10) ersetzt werden und als Thronassistenten einer Theophanie (Gotteserscheinung) fungieren. Hier bezeugen die Engel die himmlische Herrlichkeit des Herrn, der die Welt ins Sein ruft und sich somit ein irdisches Gegenüber schafft. Sie ist sein Werk, von ihm geplant und geschaffen, sie entspringt seinem Willen und seinem Können. Sie ist aus ihm geboren und somit der ideale Lebensraum für die Menschen als Ebenbild Gottes (vgl. Gen 1, 27). Sie werden das eigentliche Gegenüber Gottes sein, Produkt und Ziel seiner Liebe, und zu ihrer Erlösung wird Christus in dieser Welt als Mensch geboren werden.

    Heinz Detlef Stäps

    aus der Mitte Gottes kommt alles was ist

    er ist die Mitte der Welt

    wer sich finden will muss Gott

    suchen

    in der Mitte der eigenen Seele

    Heinz Detlef Stäps

    Quelle: Magnificat. Das Stundenbuch (Monatsausgabe Juli 2025), Verlag Butzon & Bercker, Kevelaer, Online-Ausgabe, S. 10–16.

  • Gibt es Gott? – Was wir in der Trauer wissen wollen

    Gibt es Gott? Diese Frage stellt sich früher oder später jeder Mensch. Dr. Johannes Hartl, Theologe und Philosoph, bringt es in einem Gespräch auf den Punkt:

    „Warum gibt es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“

    Hartl erklärt: Die Ordnung und Logik des Universums, unsere Fähigkeit zu denken und zu fragen, deuten darauf hin, dass es einen Urheber dieser Welt gibt. Das Universum sei kein reines Zufallsprodukt, sondern trage in seiner Gesetzmäßigkeit Spuren einer höheren Vernunft.

    Warum das Leiden uns zweifeln lässt

    Das stärkste Argument gegen Gott ist für Hartl das Leid in der Welt. Doch er sagt auch: Ohne Gott wird das Leiden nicht kleiner, sondern wir verlieren eine Quelle von Trost und Sinn.

    Wir sehen nur einen kleinen Ausschnitt unseres Lebens. Vielleicht hat Gott Gründe, warum er eine Welt mit der Möglichkeit von Leid erschafft – weil er uns Freiheit schenkt und Leben ermöglicht, das nicht nur von außen gesteuert ist.

    Religiöse Erfahrung – Ein Hinweis?

    Hartl verweist auf ein einfaches Bild:

    „Wir hätten keinen Durst, wenn es kein Wasser gäbe.“

    So könnte auch unser Sehnen nach Gott ein Hinweis darauf sein, dass es ihn gibt. Religiöse Erfahrungen sind Teil der Menschheitsgeschichte und geben vielen Menschen Halt.

    Glaube als Fundament

    Glaube ist kein mathematischer Beweis, sondern eine Entscheidung:

    • Lebe ich so, als wäre alles nur Zufall?
    • Oder lebe ich in dem Vertrauen, dass mich ein liebender Gott gewollt hat?

    Der Glaube, so Hartl, sei „die grundlegendste Einstellung, die unser Leben trägt.“

    Was bedeutet das für Trauernde?

    In Momenten des Abschieds kann diese Frage besonders drängen. Das Gespräch mit Dr. Hartl lädt dazu ein, Trost zu finden in der Möglichkeit, dass Gott existiert, uns kennt und trägt – gerade im Leid und in unserer Suche nach Sinn.


    🎥 Das Video ansehen:

    ➡️ Gibt es Gott? – mit Dr. Johannes Hartl (KIRCHE IN NOT)

  • Gott hat ein Gesicht

    „Götter haben viele Gesichter, aber wahre Göttlichkeit hat kein Gesicht“, heißt es in einer taoistischen Meditation. Der Satz will trösten, will Vielfalt ehren – doch er lässt uns am Ende im Ungefähren zurück.

    Jesus Christus sagt etwas anderes.

    „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“ (Joh 14,9)

    Gott bleibt nicht im Nebel. Er tritt hervor – mit einem Gesicht, mit Augen, die weinen können, mit Händen, die berühren. Mit einem Herzen, das liebt bis ans Kreuz.

    Die Weltreligionen kennen viele Bilder von Gott. Die Bibel aber kennt nicht nur Bilder, sondern Begegnung. Nicht nur ein Ahnen, sondern ein Antworten.

    Jesus nennt Gott nicht „das Absolute“ oder „das Formlose“. Er nennt ihn Vater – und lädt auch uns ein, ihn so zu nennen:

    „Abba!“ – Papa. (Mk 14,36)

    Wer trauert, sucht keine Philosophie. Wer leidet, will kein Prinzip.

    Er oder sie sehnt sich nach Nähe. Nach einem Blick, einer Stimme, einer Umarmung.

    „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ (Joh 14,6)

    Jesus zeigt uns den Weg – und er ist der Weg und die Liebe.

    Nicht anonym. Nicht verschwommen. Sondern ganz Mensch. Ganz Gott.

    Mit einem Gesicht.

  • Trauerrede für Beethoven

    Wenn man das Grab nicht kennt, in dem er Ruh erworben

    von Franz Grillparzer

    Wenn man das Grab nicht kennt, in dem er Ruh erworben,
    wen, Freunde, ängstet das? Ist er doch nicht gestorben!
    Er lebt in aller Herzen, aller Sinn
    und schreitet jetzt durch unsre Reihen hin.

    Deshalb dem Lebenden, der sich am Dasein freute,
    ihm sei kein leblos Totenopfer heute.
    Hebt auf das Glas, das Mut und Frohsinn gibt,
    und sprecht, es leerend, wie ers selbst geliebt:

    »Dem großen Meister in dem Reich der Töne,
    der nie zu wenig tat und nie zu viel,
    der stets erreicht, nie überschritt sein Ziel,
    das mit ihm eins und einig war: das Schöne!«

    Ehrengrab Ludwig van Beethoven, Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 32A, Grab 29). Die hohe weiße Obelisk‑Stele mit goldener Lyra markiert die letzte Ruhestätte eines der größten Komponisten der Musikgeschichte.

    Dieses ergreifende Gedicht stammt aus der Feder von Franz Grillparzer (1791–1872). Es war ursprünglich Teil seiner Rede zur Beisetzung Ludwig van Beethovens (1770–1827), gehalten am 29. März 1827 auf dem damaligen Währinger Ortsfriedhof in Wien.

    Ehrengrab Franz Grillparzer, Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 32A, Grab 14). Der bedeutende Dichter ruht unweit von Beethoven, Schubert & Co. – mitten im Komponistenfeld des Zentralfriedhofs.

    Grillparzer, selbst ein Meister des Wortes, würdigte mit diesen Zeilen einen Meister der Töne. Er sprach nicht von Trauer, sondern von bleibender Gegenwart, nicht von Tod, sondern von Schönheit, Kunst und Ewigkeit.

    Beethoven wurde später auf den Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 32A) umgebettet – in der Nähe seines musikalischen Bruders Franz Schubert. Auch Grillparzer fand dort seine letzte Ruhe – nur wenige Schritte entfernt.

    Die Inspiration zu diesem Posting verdanke ich einem Gespräch mit Barbara M. Fischer, die mir das Gedicht mit feinem Gespür für Sprache und Gefühle in Erinnerung rief. Danke dafür.

    Die beiden Fotos der Ehrengräber hat Hedwig Abraham gemacht, die mich 2024 mit Ihrem Fachwissen beeindruckt und durch den Zentralfriedhof geführt hat. Ich halte sie für eine hochkompetente und besonders engagierte Führerin durch Wien.