Das Wasser steht oft für das Ungewisse. Für Tod und Neubeginn. Für Zeiten, in denen uns der Boden unter den Füßen weggezogen wird – und wir nicht wissen, ob wir noch schwimmen oder schon untergehen.
Eine alte Geschichte erzählt von einem Mann, der mitten im Sturm fast versinkt. Erst als er den Blick hebt – und der Liebe vertraut – wird er gehalten.
Vielleicht ist das auch unsere Erfahrung: Nicht auf die Angst starren. Nicht auf das, was uns überrollt. Sondern auf das, was uns trägt. Auf die Liebe, die bleibt.
Solange wir auf die Liebe schauen, gehen wir nicht unter.
Und dann – mitten im Gegenwind – der leise Trost: Du bist nicht allein.
Denn bei IHM ist niemand verloren. Jeder Mensch ist ein Gedanke Gottes, jede Seele verzeichnet im Himmel – selbst wenn kein Grabstein den Namen trägt.
Am Rande des Wiener Hafens, versteckt hinter Bäumen und Bahngleisen, liegt ein Ort, der leise vom Leben erzählt: der Friedhof der Namenlosen.
Hier ruhen Menschen, die einst von der Donau an Land gespült wurden – ohne Namen, ohne Angehörige, ohne Abschied. Und doch nicht vergessen.
Es ist berührend, dass die Stadt Wien diesen Ort bewahrt und ihn bewusst wild belässt. Das Gras darf wachsen, die Blumen blühen, die Natur darf erzählen.
Denn dieser Ort erinnert: an die Vergänglichkeit des Lebens, an die stille Macht des Wassers, und an die Hoffnung, dass am Ende die Liebe bleibt.
Der ursprüngliche Friedhof der Namenlosen wurde längst vom Auwald zurückgenommen. Auch das ist eine Wahrheit: Die Natur holt sich alles zurück – nur nicht die Liebe.
Ein Dialog über das göttliche Wort, das aus dem Schweigen kommt – und über ein gelingendes Leben
Am 12. Mai 2025 trafen in Wien zwei geistige Schwergewichte aufeinander: Bruder David Steindl-Rast, Benediktinermönch, Mystiker und Brückenbauer zwischen Ost und West, und Professor Matthias Beck, Arzt, Theologe und Gesundheitsphilosoph. Im Zentrum ihres Dialogs stand die Frage: Warum glauben? Und damit verbunden: Wie kann ein Mensch in dieser zerrissenen Welt sinnvoll, heilsam und glücklich leben?
Der Glaube – kein Besitz, sondern Beziehung
Für beide Gesprächspartner ist klar: Glaube ist kein Für-wahr-Halten von Dogmen, sondern ein Vertrauen, ein Sich-Einlassen auf das Geheimnis hinter allem Sichtbaren. Bruder David spricht lieber vom „großen Du“ als von „Gott“, weil das Wort zu oft missverstanden werde. Glaube bedeute, der Beziehung zu allem, was ist, zuzustimmen – ein Ja zum Leben selbst.
Matthias Beck bringt die Dimension der Vernunft ein: Glaube sei rational verantwortbar, müsse aber immer in gelebter Erfahrung wurzeln. Er warnt vor einem Glauben, der sich in Moral erschöpft, ohne Transformation zu bewirken. Der Mensch sei zur Vergöttlichung bestimmt – ein Begriff aus der frühen Kirche, der heute wieder an Kraft gewinnt.
Das göttliche Wort – aus dem Schweigen geboren
Einer der berührendsten Momente des Gesprächs ist Bruder Davids Bezug auf eine Bibelstelle aus dem Buch der Weisheit:
„Als tiefes Schweigen alles umfing und die Nacht bis zur Mitte gelangt war, da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel, vom königlichen Thron herab.“ – Weisheit 18,14–15
Dieses Bild – das göttliche Wort, geboren im tiefsten Schweigen der Nacht – steht für einen radikalen Perspektivwechsel: Das Entscheidende geschieht nicht im Lärm der Welt, sondern in der Stille. Es ist diese Tiefe, aus der authentisches Leben entsteht.
Bruder David formuliert es so:
„Nicht ein Wort, das das Schweigen bricht, sondern ein Wort, in dem das Schweigen zu Wort kommt.“
Ein Satz, der sich einprägt – und zugleich erinnert an das „Wort, das Fleisch wurde“ (Joh 1,14). Mystik und Fleischlichkeit, Ewiges und Jetzt, berühren sich.
Wer ist Jesus – und warum ist er heute noch entscheidend?
Beck betont die Auferstehung als Dreh- und Angelpunkt des christlichen Glaubens: „Wenn Christus nicht auferstanden ist, dann ist euer Glaube nutzlos“ (vgl. 1 Kor 15). Für ihn ist Jesus die persongewordene Hoffnung – Gott, der in die Wunden der Welt hinabsteigt, um sie zu heilen.
Bruder David bleibt offener: Für ihn ist Jesus das Modell einer gottverbundenen Lebensweise, deren Kraft nicht durch historische Beweise, sondern durch gelebte Erfahrung spürbar wird. Das „Christusbewusstsein“, wie er es nennt, könne auch heute in jedem Menschen lebendig werden.
Was empfehlen die beiden für ein glückliches Leben?
1. Dankbarkeit üben Bruder David nennt sie den Königsweg zu Glück und Erfüllung:
„Nicht die Glücklichen sind dankbar – die Dankbaren sind glücklich.“
2. Die Stille suchen In einer Welt voller Lärm sei es heilsam, täglich still zu werden, um das „Wort im Schweigen“ zu hören.
3. Beziehungen pflegen Gott ist Beziehung – und der Mensch wird nur heil in Beziehung: zu sich, zu anderen, zur Welt, zu Gott.
4. Vertrauen wagen Beck nennt Vertrauen das „Fundament des Lebens“ – medizinisch, philosophisch, geistlich. Wer vertraut, lebt gesünder, tiefer, hoffnungsvoller.
5. Der Liebe trauen Beide stimmen überein: Die Liebe ist kein Gefühl, sondern eine Entscheidung – das gelebte Ja zur Zugehörigkeit.
Fazit
Der Abend ist keine theologische Schulstunde, sondern ein spiritueller Kompass: Glaube bedeutet nicht das Akzeptieren fertiger Antworten, sondern das mutige Gehen eines Weges. Ein Weg, der leise beginnt – im Schweigen der Nacht, in der ein göttliches Wort aufbricht, um neu Mensch zu werden. In uns.
Die Texte des heutigen Sonntags, einige Predigten und Impulse haben mich dazu inspiriert, über Begriffe nachzudenken und zu überlegen, welche spirituelle Dynamik sie haben könnten.
🩸 Begriffe aus der Welt der Verletzung
Begriff
Bedeutung im biblischen Kontext
Spirituelle Dynamik
Sünde
Trennung von Gott, weil ich seine Liebe nicht annehme
Nicht einfach ein Fehlverhalten, sondern ein Beziehungsverlust
Schuld
Das Wissen, dass ich andere verletzt habe – oder mich selbst
Lässt sich nicht selbst aufheben – nur verwandeln
Rache
Der Wunsch, erlittenes Leid mit Leid zu vergelten
Vermehrt das Leid – und macht uns selbst zum Täter
Hass
Erstarrter Schmerz, der sich gegen den anderen richtet
Das Gegenteil von Beziehung: Ich will dich nicht mehr
Krieg
Die äußerste Form kollektiver Vergeltung und Machtausübung
Immer verbunden mit Unversöhnlichkeit, Angst und Gier
✨ Begriffe aus der Welt der Gnade
Begriff
Bedeutung im biblischen Kontext
Spirituelle Dynamik
Erlösung
Befreiung vom inneren Zwang, mich selbst retten zu müssen
Jesus trägt, was ich nicht tragen kann – das ist Gnade
Freiheit
In Gott sein – ohne Angst vor Ablehnung oder Verlust
Nicht Willkür, sondern das Ja zu meiner Berufung
Unschuld
Der geschenkte Zustand, wenn Schuld nicht mehr trennt
Nicht: Ich habe nichts getan – sondern: Ich bin angenommen
Vergebung
Die Entscheidung, den anderen aus meiner Rechnung zu entlassen
Der erste Schritt zur Heilung beider Seiten
Gnade
Das unverdiente, überfließende Gutsein Gottes
Nicht machbar – nur empfangbar
Freude
Die stille Kraft, die entsteht, wenn Liebe gelingt
Nicht oberflächliches Glück – sondern tiefer Friede
Dank
Die Antwort der Seele, die Beschenkung erkennt
Wandelt Mangel in Fülle – ohne dass sich die Umstände ändern müssen
⚰️ Tod und Auferstehung
Begriff
Bedeutung im biblischen Kontext
Spirituelle Dynamik
Tod
Das Ende des sichtbaren Lebens – und die Grenze menschlicher Macht
Nicht nur biologisch – auch das, was wir nicht mehr ändern können
Auferstehung
Das neue Leben, das Gott schenkt – jenseits unserer Vorstellung
Nicht Rückkehr ins Alte, sondern Verwandlung ins Mehr
→
In Christus ist der Tod nicht mehr das Letzte.
Der letzte Feind wird zum Tor der Hoffnung.
🌌 Einsamkeit und Liebe
Begriff
Bedeutung im biblischen Kontext
Spirituelle Dynamik
Einsamkeit
Das schmerzhafte Gefühl, nicht verbunden zu sein
Auch mitten unter Menschen möglich – eine stille Wüste im Herzen
Liebe
Die Kraft, die den anderen sieht, empfängt und bejaht
Kein Gefühl, sondern eine Entscheidung zur Zuwendung
→
Gott verlässt niemanden. Auch in der Einsamkeit ist er da.
Wer liebt, wird selbst zum Ort der Gegenwart Gottes.
Diese Überlegungen haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Richtigkeit. Ich freue mich vielmehr darüber, mit interessierten Menschen darüber nachzudenken, wie sie diese Begriffe, Gefühle, Worte sehen und beschreiben.
Es kann uns gut tun, über Erlebtes zu erzählen – ohne Wertung, ohne Tipp oder Belehrung. Einfach mit einem offenen wohlwollenden Herzen.
Als christlicher Trauerredner hätte ich auch auf Felix Baumgartner einen Nachruf gesprochen, der den Hinterbliebenen Hoffnung und Trost spendet. Nach ausführlichen Gesprächen mit den Trauernden und einigen Stunden des aufmerksamen Zuhörens war das bisher immer möglich. Die aufrichtige Anteilnahme ist meinem Glauben und meiner Profession geschuldet. Gott verurteilt Taten, die der Liebe widersprechen aber er liebt alle Menschen – bedingungslos und aus reiner Gnade.
Felix Baumgartner kam am 17. Juli ums Leben.imago/ZUMA Press Wire / Kyle Gustafson
Persönlich interessiert mich die Frage: „Welche Werte haben wir als Gesellschaft geopfert? Warum schauen sich Menschen einen Sprung aus dem Weltall überhaupt an? Was fasziniert uns, wenn Grenzgänger gegen hohe Gagen den Tod herausfordern?“ Das ist für mich keine moralische Frage. Ich frage ganz utilitaristisch. Welche andere Befriedigung, welchen Genuß haben wir verlernt, wenn wir uns daran berauschen können?
Eine romantische Operette von Emmerich Kálmán, ein gelungenes Risotto mit Shrimps, Liebe machen mit meiner Frau, ein Spaziergang beim Morgenaufgang oder eine gute Predigt in einer Messe im Stephansdom geben mir mehr als der Sprung eines Stuntman in Überschallgeschwindigkeit.
Den letzten meiner zehn Geschenklinks für Juli teile ich gerne für diesen sprachlich und inhaltlich großartigen „Nachruf“ von Sebastian Stier in der ZEIT.
Christophorus – der Christusträger – Träger der Liebe – Tor zum Paradies?
Am 24. Juli feiern viele Christoph in Österreich ihren Namenstag. Das geht auf den Heiligen Christophorus zurück.
Im Mittelchor des Stephansdoms blickt uns seine eindrucksvolle Statue entgegen: Ein kraftvoller Mann, das Kind auf der Schulter. Mit jedem Schritt trägt er nicht nur ein Kind – sondern das Gewicht der ganzen Welt.
Die Legende erzählt: Christophorus wollte nur dem Mächtigsten dienen. Er diente Königen, dem Teufel – bis er schließlich Christus fand. Als Fährmann trug er den Knaben durch einen reißenden Fluss. Das Kind wurde immer schwerer. Bis Christophorus erkannte:
Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter hast du sicher schon oft gehört. Meist wird es so verstanden: „Du musst helfen. Du musst der Samariter sein.“
In der Predigt von P. Johannes Paul Abrahamowicz zu diesem Evangelium wurde mir heute ein anderer Blick geschenkt, den ich gern mit dir teile:
Du hast selbst einen Nächsten. Einen, der mit dir leidet. Und das ist Jesus.
Er sieht dich, wenn du verletzt bist, wenn du liegst, wenn du nicht mehr kannst. Er bleibt stehen. Er hebt dich auf. Er trägt dich – durch dein Leid hindurch bis ins Leben.
Gerade als Trauerredner und geistlicher Begleiter bin ich immer wieder mit fremdem Leid konfrontiert. Ich weiß, wie schwer es ist, mitleidend da zu sein, ohne selbst unterzugehen.
Diese Predigt erinnert mich daran: Ich darf begleiten, trösten, zuhören – aber ich muss nicht alle Schmerzen selbst tragen.
Der eigentliche Samariter, der unser aller Leid auf sich nimmt, ist Christus selbst. Er leidet mit uns – bis zur Auferstehung.
Das ist der Trost, den dieses Evangelium heute für mich hat. Was ist für Dich an dieser Predigt hilfreich, entlastend?
Evangelium und Predigt im Originalton.
Der barmherzige Samariter als Beispiel
25 Und siehe, ein Gesetzeslehrer stand auf, um Jesus auf die Probe zu stellen, und fragte ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? 26 Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? 27 Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst. 28 Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben! 29 Der Gesetzeslehrer wollte sich rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster? 30 Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halbtot liegen. 31 Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging vorüber. 32 Ebenso kam auch ein Levit zu der Stelle; er sah ihn und ging vorüber. 33 Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam zu ihm; er sah ihn und hatte Mitleid, 34 ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein eigenes Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. 35 Und am nächsten Tag holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme. 36 Wer von diesen dreien meinst du, ist dem der Nächste geworden, der von den Räubern überfallen wurde? 37 Der Gesetzeslehrer antwortete: Der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle du genauso!
Lk 10, 25–37
Auslegung zum Evangelium Von Basilius von Caesarea
Dies ist also das erste und wichtigste Gebot der göttlichen Liebe; ein zweites aber ergänzt das erste und ist von ihm erfüllt, in dem wir ermahnt werden, den Nächsten zu lieben; daher folgt: „und den Nächsten wie dich selbst“. Wir bekommen von Gott die Fähigkeit, dieses Gebot zu erfüllen. Wer wüsste nicht, dass der Mensch ein Wesen ist, das auf Liebe und Gemeinschaft und nicht auf Isolation und Härte angelegt ist? Nichts ist nämlich für die menschliche Natur so typisch, wie der Austausch miteinander, das Angewiesensein aufeinander und die Liebe zum Verwandten. Wovon der gütige Herr uns die Samen anvertraut hat, davon verlangt er konsequenterweise die Früchte.
Charlie Chaplin war 53, als er Oona O’Neill begegnete, sie erst 17. Die Welt nannte es Wahnsinn, einen Skandal, eine Torheit. Doch es wurde die Liebe seines Lebens. Er, der die Welt zum Lachen brachte, hatte selbst oft einsam gelitten. Drei Ehen waren zerbrochen, der Applaus verhallte, die Schlagzeilen fraßen sich in seine Tage.
Dann kam Oona. Sie hörte nicht nur zu, sie verstand. Sie blieb. Gegen alle Stimmen heirateten sie 1943. Als ihm Amerika die Tür wies, folgte sie ihm in die Verbannung. In der Schweiz fanden sie, was kein Ruhm geben konnte: Frieden, Freude, Familie. Acht Kinder füllten ihr Haus mit Lachen, diesmal nicht vom Filmset, sondern aus dem Leben.
Als Chaplin 1977 starb, suchte Oona keinen neuen Anfang. Sie hatte bereits alles gelebt, was Liebe sein kann. Denn manchmal genügt ein einziges Ja – und es bleibt. Wahre Liebe fragt nicht nach dem richtigen Moment. Sie bleibt, wenn alles andere vergeht.
Charlie Chaplin (1889–1977) war der Sohn armer Künstler in London und stieg zum größten Stummfilmstar der Welt auf. Mit Filmen wie „Der große Diktator“ und „Modern Times“ wurde er zum Symbol für Humor mit Tiefgang, kannte jedoch auch Skandale und Einsamkeit.
Oona O’Neill (1925–1991), Tochter des Literaturnobelpreisträgers Eugene O’Neill, wuchs in Künstlerkreisen auf, war schön, klug und jung. Sie wurde Chaplins Halt, als die Welt ihm den Rücken kehrte, und blieb bis zu seinem Tod an seiner Seite. Sie selbst wollte nie im Rampenlicht stehen – sondern einfach lieben.