Schlagwort: Vertrauen

  • Glück ist ein treuer Weg

    Das Missverständnis beginnt oft mit der Vorstellung, Glück sei ein Zustand: erreichbar, planbar, vielleicht sogar optimierbar. Doch diese Idee führt zwangsläufig in Unruhe – denn jeder erreichte Zustand bleibt fragil.

    Der Gedanke des Weges verschiebt den Fokus. Glück ist dann nicht mehr das Ergebnis äußerer Umstände, sondern die Qualität der inneren Haltung im Gehen selbst.

    Diese Haltung konkretisiert sich in Beziehung: im bewussten Sich-Zuwenden zum anderen, im Verzicht auf permanente Selbstzentrierung. Sie zeigt sich in der Entscheidung zur Liebe – gerade dort, wo sie nicht mehr selbstverständlich erscheint.

    Hinzu tritt die Fähigkeit zur Dankbarkeit. Nicht als sentimentale Geste, sondern als erkenntnisleitende Perspektive: Wer wahrnimmt, was bereits gegeben ist, verändert die Struktur seiner Wirklichkeit.

    Schließlich bleibt die Frage nach dem Getragen-Sein. Ein Leben, das sich nicht ausschließlich aus eigener Kontrolle speist, sondern sich einer größeren Wirklichkeit anvertraut, gewinnt an Tiefe und Gelassenheit.

    In dieser Verbindung aus Beziehung, Entscheidung, Dankbarkeit und Vertrauen entsteht eine Form von Glück, die nicht spektakulär ist – aber tragfähig.

  • Schon im Paradies?

    Wir vertrauen auf die Liebe Gottes – und sind damit schon im Paradies.


    Im Denken des Hinduismus erscheint die Welt als Kreislauf großer Zeitalter – Aufstieg und Verfall folgen einander.
    Und doch kennt auch diese Tradition die Möglichkeit der Befreiung schon im Leben: Jivanmukti, die innere Freiheit eines Menschen, der nicht mehr gebunden ist.

    Das Christentum geht einen anderen Weg. Es denkt Zeit nicht als Kreis, sondern als Beziehung. Nicht das Aufgehen im Ganzen erlöst – sondern das Getragen-Sein in der Liebe Gottes.

    Darum ist Paradies kein später Ort.
    Es beginnt dort, wo ein Mensch vertraut.

    Nicht weil alles gut ist.
    Sondern weil er sich gehalten weiß.

  • Im Himmel?

    Gestern saß ich beim Leichenschmaus neben zwei Frauen.
    Sie kannten einander gut – und doch war zwischen ihnen etwas Unausgesprochenes.

    Die eine war die Mutter des Verstorbenen.
    Die andere seine Frau.

    Es war nicht laut an unserem Tisch.
    Man hörte Besteck, leise Gespräche, irgendwo ein gedämpftes Lachen.

    Dann fragte die Witwe, ganz vorsichtig:

    „Glaubst du … dass dein Sohn jetzt im Himmel ist?“

    Die Mutter antwortete nicht sofort.
    Sie sah auf ihre Hände.

    „Ich weiß es nicht …“, sagte sie schließlich.
    „Ich habe oft gehadert …“

    Es war kein Vorwurf mehr in ihrer Stimme.
    Eher etwas wie Müdigkeit.

    Eine Pause.

    Dann sagte die Witwe:

    „Ich habe heute einen Gedanken gehört …
    Der Himmel beginnt nicht erst nach dem Tod …
    sondern dort, wo ein Mensch der Liebe vertraut.“

    Die Mutter hob den Blick.

    „Und glaubst du, dass er das konnte?“

    Die Antwort kam leise:

    „Ich glaube, er hat geliebt.
    Nicht immer leicht … aber echt.“

    Wieder Stille.

    Dann sagte die Mutter, kaum hörbar:

    „Ja …“

    Und nach einer Weile:

    „Dann … ist er vielleicht schon dort.“


    Am Abend habe ich dann noch einmal den Impuls von P. Johannes Paul aus 2023 angesehen.

  • Bitten

    Arm und gebeugt stehen wir vor dir, du unser Vater. Wir bitten dich:

    A: Schenk uns Vertrauen und Trost.

    – Wenn wir vor unserer Endlichkeit erschrecken, lass uns spüren, dass du uns liebst
    – Wenn uns Zweifel und Versagen belasten, nimm uns bei der Hand und wende unser Leben zum Guten.
    – Wenn wir krank oder einsam sind, komm auf uns zu und lass uns dein Angesicht schauen.

    A: Schenk uns Vertrauen und Trost.

    Quelle: Magnificat – das Stundenbuch

  • O Deus aeterne

    Ewiger, gütiger Gott,
    du Schöpfer und Herr aller Dinge:
    Innig umfaßt dich mein Geist
    und die ganze Kraft meiner Seele,
    du meine Liebe, mein Lob,
    du Zierde und Licht meines Herzens.

    Du hast den Leib mir erbaut,
    schufst mir Augen zum Schauen der Schöpfung,
    schenkst mir zum Hören das Ohr,
    zum Werken die wendigen Hände.

    Was die Erde auch birgt,
    was Meer und Himmel umschließen,
    und was immer sich regt,
    was atmet, begehrt und empfindet,
    all dies schuf deine Hand
    und trägt und erhält es im Dasein,
    gibt ihm Leben und Kraft
    und lenkt es mit Allmacht und Weisheit.

    Lass mich, gütiger Herr,
    mit ganzem Herzen dir dienen,
    dich verkünden im Wort,
    dich tiefer erfassen im Glauben
    und in freudigem Dank
    zu dir die Hände erheben.

    Du bist mein Weg, meine Kraft,
    der sprudelnde Quell meines Lebens,
    du meiner Mühsal Lohn,
    mein Schöpfer und gütiger Lehrer.

    Sieh meine Armut und Not
    und verzeih mir Torheit und Sünde;
    gib, dass ich Gutes nur will
    und mit deiner Kraft es vollbringe.
    Dann lass mich, deinen Knecht,
    beseligt dein Angesicht schauen
    und, von Wonne durchströmt,
    an dir mich ewig erfreuen.

    Quelle:
    Nach: O Deus aeterne (Ad Deum Oratio), Hrabanus Maurus († 856)


    Ein frühmittelalterlicher Hymnus von Hrabanus Maurus verbindet Schöpfung, Dank und menschliche Verantwortung zu einem zeitlosen Morgengebet. Ein Text, der Arbeit, Glaube und Leben als Einheit denkt.

  • Der Mond ist aufgegangen

    Der Mond ist aufgegangen,
    die goldnen Sternlein prangen
    am Himmel hell und klar;
    der Wald steht schwarz und schweiget
    und aus den Wiesen steiget
    der weiße Nebel wunderbar.

    Wie ist die Welt so stille
    und in der Dämmrung Hülle
    so traulich und so hold!
    Als eine stille Kammer,
    wo ihr des Tages Jammer
    verschlafen und vergessen sollt.

    Seht ihr den Mond dort stehen?
    Er ist nur halb zu sehen
    und ist doch rund und schön.
    So sind wohl manche Sachen,
    die wir getrost belachen,
    weil unsre Augen sie nicht sehn.

    Wir stolzen Menschenkinder
    sind eitel arme Sünder
    und wissen gar nicht viel.
    Wir spinnen Luftgespinste
    und suchen viele Künste
    und kommen weiter von dem Ziel.

    Gott, lass dein Heil uns schauen,
    auf nichts Vergänglichs trauen,
    nicht Eitelkeit uns freun;
    lass uns einfältig werden
    und vor dir hier auf Erden
    wie Kinder fromm und fröhlich sein.

    Wollst endlich sonder Grämen
    aus dieser Welt uns nehmen
    durch einen sanften Tod;
    und wenn du uns genommen,
    lass uns in’ Himmel kommen,
    du unser Herr und unser Gott.

    So legt euch denn, ihr Brüder,
    in Gottes Namen nieder;
    kalt ist der Abendhauch.
    Verschon uns, Gott, mit Strafen
    und lass uns ruhig schlafen
    und unsern kranken Nachbarn auch.

    Matthias Claudius, Der Mond ist aufgegangen (1779)


    Quelle:
    Evangelisches Gesangbuch EG 482, Gotteslob GL 93


    Zum Autor

    Matthias Claudius (1740–1815) gehört zu jenen Dichtern der Aufklärung, die Einfachheit nicht als Naivität verstanden, sondern als geistige Reife.
    Seine Sprache ist bewusst schlicht, seine Bilder elementar – Nacht, Mond, Stille, Kindsein. Gerade darin liegt ihre Tiefe.

    Das Gedicht ist kein romantisches Naturbild, sondern ein Abendgebet:
    eine stille Kritik am menschlichen Hochmut, eine Erinnerung an Begrenztheit –
    und ein sanftes Vertrauen darauf, dass Geborgenheit nicht aus Wissen, sondern aus Hingabe wächst.

  • Heil heute – bereit sein

    Die Texte dieses Sonntags sprechen überraschend deutlich in unsere Gegenwart. Sie treffen eine Welt, die zwischen Selbstoptimierung und Resignation schwankt: zwischen dem Druck, immer besser werden zu müssen, und der Versuchung, innerlich aufzugeben.

    Die Bibel setzt dem kein Programm und keine Moral entgegen, sondern ein Versprechen: Heil ist möglich.

    Heil meint mehr als Fehlerlosigkeit oder religiöse Korrektheit. Es ist das Gegenbild zu Schuld und innerer Absonderung. Schuld zieht nach unten, lässt Menschen glauben, sie müssten sich fernhalten – von Gott, von anderen, von sich selbst.

    Heil dagegen sagt: Du darfst kommen. Du bist gemeint. Du musst dich nicht verstecken.

    Darum weitet Gott im Buch Jesaja den Blick: Es ist ihm „zu wenig“, dass sein Heil nur einem Volk gilt. Es soll Licht für alle sein, bis an die Enden der Erde. Und Paulus greift diesen Gedanken auf: Zugehörigkeit zu Christus entsteht nicht durch Herkunft oder Leistung, sondern durch Beziehung und Vertrauen.

    Im Evangelium verdichtet sich alles im Ruf Johannes des Täufers:
    „Seht, das Lamm Gottes.“

    Jesus wird nicht als Sieger oder Machthaber gezeigt, sondern als der, der Schuld trägt, und ohne Gewalt antwortet. Das Lamm steht für eine Liebe, die sich nicht durchsetzt, sondern hingibt. Eine Liebe, die das Böse nicht überbietet, sondern aushält – und gerade so verwandelt.

    Für heute heißt das:
    Heil geschieht nicht durch Leistung, sondern durch Vertrauen.
    Nicht durch Abgrenzung, sondern durch Öffnung.
    Nicht durch Macht, sondern durch Liebe.

    „Seht, das Lamm Gottes“ – dieser Ruf gilt auch heute.
    Er lädt ein, hinzusehen.
    Und bereit zu sein.

  • Der Kochtopf und die Patchwork-Familie

    Gedanken zur Zukunft von Familie und Kirche

    zur Predigt von P. Johannes Paul Abrahamwicz OSB
    am Fest der Heiligen Familie 2025
    in der Pfarrkirche St. Veit im Gölsental

    ein Kommentar von Harald R. Preyer

    Diese Predigt löst das Fest der Heiligen Familie aus dem engen Rahmen eines Ideals. Die biblische Familie ist keine heile Welt, sondern eine gefährdete: Flucht, Unsicherheit, Improvisation. Gerade darin liegt ihre Wahrheit.

    Was früher verschwiegen wurde, wird heute tröstlich: dass Familien unvollkommen sein dürfen – und Kirche ebenso. Der Pfarrverband als Patchwork-Kirche ist kein Mangel, sondern eine ehrliche Gestalt von Gegenwart. Heiligkeit zeigt sich nicht im Perfekten, sondern im Annehmen dessen, was uns zufällt.
    Die Metapher vom Kochtopf ist pastoral klug: Konflikte brauchen Sprache, bevor sie eskalieren. Annahme braucht Kommunikation. Und Vertrauen findet seine Form im Gebet – nicht als Ersatz fürs Handeln, sondern als geteilte Verantwortung.

    Entspricht nicht von jeher das Bild von Kirche eher dem, was wir heute als Patchwork-Familie kennen denn der idyllischen Trias von Vater – Mutter – Kind?

    Südaltar mit großem spätgotisches Kruzifix um 1510/1520
    Pfarrkirche St. Veith an der Gölsen

    Nach seinem Tod hinterlässt Jesus in unserer Welt: eine Mutter Maria in großer Trauer, einen vermutlich traurigen Stiefvater Josef, viele enttäuschte Freunde, die an ihn geglaubt haben und ein trügerisches Gerücht: er sei von den Toten auferstanden…

    Dann kommt Ostern. Dann kommt Auferstehung. Dann kommt Heiliger Geist. Und so entsteht Kirche – als eine stetig wachsende Gruppe von Menschen, die an die Liebe glauben, diesen Glauben teilen und erlebbar machen. Bis heute.

  • In guten Händen

    Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die ich sehr schätze, obwohl sie eigentlich auch Mitbewerber sein könnten.

    Hannes Benedetto Pircher ist für mich ein solcher Mensch.

    Wir kommen beide aus Tirol und begegnen einander an den Rändern des Unaussprechlichen – dort, wo Worte verletzen können, aber manchmal auch heilen. Hannes ist ein Meister der behutsamen Sprache und ein feiner Zuhörer. Viele Familien, die auch ich begleite, kennen ihn als jemanden, der Trost schenken kann, ohne je zu vereinfachen.

    Ich empfehle Hannes von Herzen weiter – und wüßte meine eigenen Familien bei ihm in guten Händen, wenn ich verhindert bin und Menschen in ihren schwersten Stunden einen verlässlichen Begleiter brauchen.


    Trost ist kein Produkt unserer Sprache, sondern unserer Haltung.
    Bevor ein einziges Wort gesprochen wird, spüren Trauernde, ob jemand erreichbar ist. Der erste Anruf, die erste Stimme nach einem Verlust, kann ein ganzes inneres System beruhigen. Trost beginnt dort, wo jemand den Mut hat, zuzuhören, ohne zu erklären oder zu korrigieren.

    Das Interview mit meinem Tiroler Kollegen Hannes Benedetto Pircher erinnert daran, dass Trost auf drei Pfeilern ruht:
    Präsenz. Vertrauen. Wahrhaftigkeit.

    Wir sprechen nicht, um Stille zu füllen, sondern um einen Raum zu öffnen, in dem Tränen, Dankbarkeit, Liebe und Fragen ihren Platz finden dürfen. Worte kommen erst später – und dann nur jene, die die Angehörigen selbst tragen können.

    Trost geschieht im Ankommen.
    Die Trauerrede ist erst die sichtbare Form eines viel früheren, viel stilleren Dienstes.

    Rituale geben Kraft.

  • Fürbitten im Advent

    Jesus, du Urgrund unseres Glaubens, wir bitten dich:

    A: Erfülle uns mit deiner Liebe.
    – Dass alle, die deinen Namen tragen, glaubhafte Zeugen deiner Güte sind
    – Dass die Suchenden den Weg zum Sinn ihres Daseins finden.
    – Dass die Armen und Unterdrückten Helfer und Fürsprecher finden.
    – Dass die Glaubenden aller Kulturen gemeinsam dem Frieden dienen.
    – Dass unsere Verstorbenen unvergängliche Freude genießen.
    A: Erfülle uns mit deiner Liebe.

    Gott des Erbarmens, du hast allen Völkern der Erde das Heil zugesagt. Lass uns voll Freude das Fest der Geburt Christi erwarten und das große Geheimnis seiner Menschwerdung feiern, der in der Einheit des Heiligen Geistes mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.

    Quelle: Magnificat – das Stundenbuch, Abendgebet vom 9.12.2025