Ein Schweigen, in das Gott sein Licht spricht.

Predigt von Militärerzdekan Dr. Harald Tripp zum 2. Sonntag der Fastenzeit, 1. März 2026, Stephansdom Wien

„Ich bin ein großes Schweigen und weiß nicht, wer mich hört.“

Dieser Satz stammt aus einem Brief der großen Kärntner Schriftstellerin Christine Lavant. Er bringt eine Erfahrung zum Ausdruck, die viele Menschen kennen: mit ihren Fragen, Hoffnungen und Zweifeln im Raum des Lebens zu stehen – und nicht zu wissen, ob sie gehört werden.

Das Werk Lavants ist geprägt vom Schweigen, vom Leiden, aber auch von der Hoffnung und der Suche nach Sinn – gezeichnet durch Krankheit, Armut und Verunsicherung.

Wenn wir den Bogen zu den heutigen Lesungen spannen, begegnen wir in der ersten Lesung aus dem Buch Genesis einem Menschen, der genau in eine solche Unsicherheit hinein von Gott angesprochen wird. Der Herr spricht zu Abraham: Zieh weg aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in ein Land, das ich dir zeigen werde.

Abraham erhält keine detaillierte Wegbeschreibung. Keine Garantie. Keine Absicherung für ein leichtes Leben. Nur eine Verheißung des Segens.

Und doch heißt es schlicht:
„Abraham ging, wie der Herr es ihm gesagt hatte.“

In diesem Gehen liegt bereits eine Verwandlung. Abraham bleibt nicht der, der er war. Sein Leben wird nicht mehr von Herkunft oder Sicherheiten bestimmt, sondern von einer Verheißung – von Gottes Zusage.

Auch der Apostel Paulus greift diesen Gedanken auf, wenn er an Timotheus schreibt:
„Gott hat uns gerufen mit einem heiligen Ruf, nicht aufgrund unserer Werke, sondern aus eigenem Entschluss und aus Gnade.“

Der Anfang unseres Glaubens liegt nicht in moralischer Leistung oder religiöser Anstrengung, sondern im liebenden Ja Gottes zu uns.

Gerade in der Fastenzeit kann der Eindruck entstehen, wir müssten uns Gottes Nähe verdienen – durch Verzicht, Disziplin oder besondere geistliche Anstrengung. Doch jede echte Verwandlung wächst aus Gottes Gnade, nicht aus Selbstoptimierung.

Im Evangelium hören wir von der Verklärung Jesu auf dem Berg. Vor den Augen der Jünger wird er verwandelt – im Griechischen heißt es: metamorphosis. Das bedeutet nicht, dass etwas völlig Neues entsteht, sondern dass das innere Wesen sichtbar wird.

Die Verklärung zeigt, wer Jesus in Wahrheit ist: der geliebte Sohn, vom göttlichen Licht durchdrungen.

Früh dargestellt ist diese Szene im berühmten Mosaik des 6. Jahrhunderts im Katharinenkloster am Sinai. Dort steht Christus im Zentrum einer leuchtenden Mandorla. Das Licht geht von ihm selbst aus. Die Jünger sind überwältigt, geblendet, fast zu Boden geworfen.

Das Licht war immer da – für einen Augenblick dürfen sie es sehen.

Doch diese Szene steht im Zusammenhang mit der Leidensankündigung. Der heilige Augustinus von Hippo sagt: Christus zeigte ihnen seine Herrlichkeit, damit sie das Ärgernis des Kreuzes ertragen könnten.

Das Licht ist nicht zur Flucht aus der Wirklichkeit gegeben, sondern als Kraftquelle für den Weg durch das Dunkel.

Am Ende tritt Jesus zu den erschrockenen Jüngern, berührt sie und sagt:
„Steht auf, fürchtet euch nicht.“

Gott nimmt uns die Herausforderungen nicht ab. Manche Kreuze sind schwer. Aber er lässt uns nicht allein.

Fastenzeit führt nicht am Kreuz vorbei. Sie führt durch Fragen, durch Verzicht, durch innere Kämpfe – aber sie geht auf Ostern zu.

Fastenzeit ist eine Metamorphose: Gott will sichtbar machen, was er längst in uns hineingelegt hat – sein Licht, seine Hoffnung, seine Liebe.

Vielleicht fühlen wir uns dennoch manchmal wie ein großes Schweigen.

Doch die Stimme vom Berg sagt:
„Auf ihn sollt ihr hören.“

Und Jesus sagt:
„Fürchtet euch nicht.“

Vielleicht verwandelt sich unser Schweigen langsam in Vertrauen. Nicht laut, nicht spektakulär – aber getragen vom Licht Christi.

„Ich bin ein großes Schweigen“ – ja vielleicht.
Aber ein Schweigen, das gehört wird.
Ein Schweigen, in das Gott sein Licht spricht.

Amen.