Dieser Artikel mit seinen beeindruckenden Fotos hat bei mir Gedanken ausgelöst, wovon beeinflusst ist, was wir wahrnehmen.
Wetten, dass manche im ersten Moment dachten: Eine Drohnen-Armada ? Ein Großbrand? Armageddon? So schnell füllen wir ein ungewohntes Bild mit unseren Deutungen, Ängsten oder Hoffnungen.
Dabei zeigt das Polarlicht etwas Schlichtes und zugleich Tiefes: Nicht alles, was hell aufleuchtet, ist von Menschen gemacht. Nicht alles, was mächtig wirkt, ist Bedrohung.
Was wir sehen, hängt nicht nur vom Himmel ab, sondern auch von unserem Inneren. Staunen oder Misstrauen, Dankbarkeit oder Alarm – beides liegt oft näher beieinander, als uns lieb ist.
Vielleicht ist dieses Licht weniger Warnsignal als Einladung: für einen Moment still zu werden, kleiner zu werden – und sich erinnern zu lassen, dass es eine Ordnung gibt, die größer ist als unsere Pläne.
Und wer weiß: Vielleicht ist es am Ende auch ein Hauch von Gnade, die entscheidet, ob wir im Leuchten Angst sehen – oder Geschenk.
Christus Jesus, Schöpferwort des ursprunglosen Gottes, wir bitten dich: A: Vollende das Werk der Erlösung. – Führe die Menschen, die in Schuld verstrickt sind, zur Umkehr. – Begeistere Menschen durch die Faszination deiner Gerechtigkeit und Liebe. – Richte gerade, was in Jahrtausenden Menschheitsgeschichte an Unheil geschehen ist. – Belebe die Leiber neu, die im Schoß der Erde auf unvergängliches Leben warten. A: Vollende das Werk der Erlösung.
Vaterunser
Oration
Allmächtiger Gott, gieße deine Gnade in unsere Herzen ein. Durch die Botschaft des Engels haben wir die Menschwerdung Christi, deines Sohnes, erkannt. Führe uns durch sein Leiden und Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung. Darum bitten wir durch ihn, Jesus Christus. Die Gnade Jesu Christi, des Herrn, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Vgl. 2 Kor 13, 13
Quelle: Aus dem Abendgebet vom 21.12.2025 in Magnificat – das Stundenbuch.
„Der Leidende ist der Lehrende.“ (Viktor E. Frankl)
Glaubwürdigkeit entsteht nicht dort, wo ein Mensch unversehrt bleibt, sondern dort, wo er gefallen ist – und wieder aufsteht.
Mein eigener Weg war alles andere als geradlinig. Ein Studium, das ich nicht zu Ende geführt habe. Jahrzehnte der Abhängigkeit. Fehler, die Beziehungen zerstört haben. Verantwortung, der ich ausgewichen bin. Eine strafrechtliche Verurteilung. Eine Notoperation in Kiew, die mir das Leben rettete – und zugleich den letzten Abgrund zeigte. In dieser Nacht am 8. Dezember 2019 zwischen Leben und Tod habe ich etwas erfahren, das ich mir nicht selbst geben konnte: Gnade.
Das war der Wendepunkt. Seitdem hat sich mein Leben vereinfacht und es hat einen Sinn bekommen, der trägt. Heute stehe ich als Lektor im Stephansdom am Ambo, spreche Gottes Wort, und ich stehe an den Gräbern anderer Menschen und begleite ihre Familien als christlicher Trauerredner.
Ich könnte diesen Dienst nicht tun, wäre mein eigenes Leben nicht auch durch Leid geformt worden. Frankl hat recht: Der Leidende wird zum Lehrenden – nicht, weil er „besser“ wäre, sondern weil er die Dunkelheit kennt und deshalb ein anderes Licht sehen kann.
Authentizität entsteht nicht aus Perfektion, sondern aus Erlösung. Und wer selbst erfahren hat, was Gnade bedeutet, kann anderen Hoffnung zusprechen, ohne zu belehren. Ich lebe heute aus Dankbarkeit – und aus dem Wissen, dass Gott jeden Menschen dort abholt, wo niemand sonst mehr hinreicht.
Harald R. Preyer, geboren am 3. Mai 1963 in Innsbruck, war ab 1990 weltweit Unternehmensberater für Mitarbeiter- und Kundenzufriedenheit. Seit seinem 60. Lebensjahr arbeitet er aus innerer Berufung als christlicher Trauerredner. Jeden Sonntag um 12:00 Uhr tut er im Wiener Stephansdom Dienst als Lektor und Kommunionspender in der Orgelmesse. Anschließend führt er regelmäßig kleine Gruppen im Rahmen seiner Sonderführung „Der Stephansdom – eine Liebesgeschichte“ zu Orten im Dom, die sonst verborgen bleiben. Harald ist mit Yuliya verheiratet, Vater von drei erwachsenen Kindern – und wird oft begleitet von seinem besten Freund „Teddy“, einem asiatischen Chow-Chow.“
20 Das Gesetz aber ist dazwischen hineingekommen, damit die Übertretung mächtiger werde; wo jedoch die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden,
21 damit, wie die Sünde durch den Tod herrschte, so auch die Gnade herrsche durch Gerechtigkeit zum ewigen Leben, durch Jesus Christus, unseren Herrn.
Du allwissendes Wort des himmlischen Vaters, du König des Weltalls, der durch sein Bild das sterbliche Volk ehrte, gib uns Gnade und schenke uns segenspendenden Beistand! Auf dich schauen alle Augen voller Hoffnung.
vergleiche dazu den Beginn des Evangeliums nach Johannes („Johannes-Prolog“)
DER EINTRITT DES GÖTTLICHEN WORTES IN DIE WELT: 1,1 – 4,54
DER PROLOG: 1,1–18 1 1
Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. 2 Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist. 4 In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.
6 Ein Mensch trat auf, von Gott gesandt; sein Name war Johannes. 7 Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen. 8 Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht. 9 Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. 10 Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. 11 Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. 12 Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, 13 die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.
14 Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. 15 Johannes legt Zeugnis für ihn ab und ruft: Dieser war es, über den ich gesagt habe: Er, der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war. 16 Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade. 17 Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus. 18 Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.
Eine Frau liegt im Sterben. Ein Mann will sie retten. Ein Apotheker verlangt den Preis des Lebens. Und die Moral? Sie steht ratlos daneben. Und wenn es im Heinz-Dilemma gar nicht um Ethik ginge?
Der Psychologe Lawrence Kohlberg entwarf in den fünfziger Jahren eine Versuchsanordnung, die bis heute in Ethikseminaren zitiert wird: das Heinz-Dilemma. Eine Frau leidet an einer tödlichen Krankheit. Es gibt ein Medikament, das helfen könnte, doch der Apotheker verlangt das Zehnfache seiner Kosten. Der Ehemann Heinz bittet, verhandelt, fleht – vergeblich. Schließlich überlegt er, ob er einbrechen und das Mittel stehlen soll.
Soll er?
Kohlberg wollte mit dieser Frage nicht Moral lehren, sondern Moral messen. Entscheidend war nicht, was jemand antwortet, sondern warum. Wer sagt: „Er darf nicht stehlen, sonst kommt er ins Gefängnis“, denkt anders als jemand, der meint: „Ein Menschenleben zählt mehr als Eigentum.“ Moral, so Kohlberg, entwickelt sich in Stufen – von der Furcht vor Strafe bis zur Einsicht in universelle Werte.
Wenn das Medikament nicht heilt
Doch in dieser berühmten Versuchsanordnung fehlt eine entscheidende Unbekannte: Was, wenn das Medikament gar nicht hilft? Wenn es nur das Leiden verlängert – oder das Sterben?
Dann verschiebt sich der moralische Brennpunkt. Dann geht es nicht mehr darum, ob Heinz das Richtige tut, sondern was „richtig“ überhaupt heißt.
Ist Leben immer der höchste Wert? Oder wird es erst durch Sinn und Liebe heilig?
In solchen Momenten reicht die Vernunft nicht mehr. Sie macht Platz für das Ringen des Herzens, das nicht loslassen kann – selbst wenn Loslassen der letzte Liebesdienst wäre.
Zwischen Gesetz und Gnade
Vielleicht liegt Heinz’ wahres Dilemma gar nicht im Gesetz, sondern im Glauben. Nicht, ob er einbrechen darf, sondern ob er glaubt, das Leben seiner Frau liege in seinen Händen. Und vielleicht liegt das Unrecht nicht beim Apotheker, sondern in der Logik, mit der wir Leben bemessen – als wäre es handelbar, verlängerbar, verfügbar.
Was ist der Wert eines Menschenlebens, wenn es zugleich unbezahlbar und unhaltbar ist?
In Gottes Zeit
Am Ende werden wir alle vorausgehen. Für manche von uns leben unsere Seelen weiter. Und wir werden uns wieder umarmen – in Gottes Zeit.
Dieses Vertrauen ist Gnade und verwandelt das Dilemma. Nicht zu einer Lösung, sondern zu einem Trost. Denn wenn Heilung nicht mehr im Diesseits liegt, wird das Stehlen sinnlos – und die Liebe heilig.
Heinz bleibt Mensch – zwischen Hoffnung und Hingabe. Und Gott bleibt Gott – jenseits aller Rechnungen.
Über den Autor: Harald R. Preyer ist Coach, geistlicher Begleiter und Trauerredner in Wien. Er begleitet Menschen an Lebenswenden .
Warum ich seit 2022 keinen Alkohol mehr trinke Eine ehrliche späte Entschuldigung an Menschen, die ich liebe von Harald R. Preyer – ehemaliger Alkoholiker
1) Selbstkundgabe
Ich kann mich nicht erinnern, seit meinem 16. Lebensjahr eine Woche ohne Alkohol gelebt zu haben. Ich habe selten selbst gedacht, dass ich betrunken bin. Die Polizei, meine Familie und wirklich gute Freunde waren anderer Meinung. Mehr als 40 Jahre habe ich meiner Familie, meinen Kollegen im eigenen Unternehmen und mir selbst eine schlechte Kopie meiner Persönlichkeit zugemutet.
Eine Notoperation (überraschender Darmkrebs, dessen Anzeichen ich ignoriert habe) in Kiew am 8. Dezember 2019 hat noch immer nicht gereicht, endlich aufzuhören. Erst ein epileptischer Anfall im Sommer 2022 und in Folge ein einwöchiger Krankenhausaufenthalt haben mich bereit für die Botschaft gemacht, die mir gute Freunde seit Jahren gesendet haben: „Hör’ auf, Harald! Es ist schade um Dich!“
Mein langjähriger Freund, der Neurologe Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Lalouschek, sagte zu mir: „Harald! Du saufst Dir noch Dein Hirn weg!“
Und meine geliebte Ehefrau Yuliya meinte: „Harald, als ich Dich da auf der Bahre der Rettung liegen gesehen habe, wurde mir klar: Ich als zierliche Frau kann Dir mit Deinen über 100 Kilo nicht mehr helfen, wenn so etwas noch einmal passiert. Ich liebe Dich – und ich bin ratlos. Bitte hilf Dir und mir!“
Seit 17. Oktober 2022 trinke ich keinen Alkohol mehr. Es ist kein Kreuz, sondern Befreiung.
Die Gesellschaft, meine Familie und vor allem Yuliya haben mir viel geschenkt – Geschenke, die ich erst seit drei Jahren wirklich als solche erkenne. Ich habe viel wieder gut zu machen. Heute bin ich dankbar für mein Leben, lebe bescheiden, froh, glücklich und frei von jedem Druck.
Es ist eine weit verbreitete und falsche Behauptung, dass ein Alkoholiker immer ein Alkoholiker bleiben wird. Richtig ist aber, dass ich sofort wieder zum Alkoholiker werden würde, wenn ich ein Glas Alkohol trinken würde.
Wenn Du diesen Weg auch gehen willst, ruf mich an. Ich kann Dir vielleicht helfen, endlich wirklich aufzuhören. Jedenfalls werde ich es versuchen – so gut ich kann. Nicht für Geld, sondern als Dank für das Geschenk der völligen Alkohol-Abstinenz, das ich selbst seit drei Jahren jeden Tag erlebe.
2) Was die Forschung heute sagt
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat 2024 ihre Empfehlung grundlegend geändert: Es gibt keine risikofreie Menge Alkohol. Schon ein einziges Glas erhöht das Risiko für Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Leberschäden. Frühere Studien, die kleinen Mengen Wein oder Bier einen gesundheitlichen Nutzen zugeschrieben haben, gelten heute als wissenschaftlich widerlegt.
Das Robert Koch-Institut (RKI) hat in einer großen Befragung gezeigt: Fast ein Drittel der Erwachsenen in Deutschland trinkt Alkohol in gesundheitlich riskanten Mengen. Männer sind deutlich stärker betroffen als Frauen. Auffällig ist auch, dass gerade höher gebildete Menschen häufiger trinken – oft, weil Alkohol dort als Teil des „guten Lebens“ gilt.
Die Einteilung in Stufen verdeutlicht:
Kein Risiko: nur Abstinenz
Geringes Risiko: bis 2 Standardgetränke pro Woche
Moderates Risiko: 3–6 Standardgetränke pro Woche
Hohes Risiko: mehr als 6
Ein Standardgetränk entspricht 330 ml Bier, 125 ml Wein oder 40 ml Schnaps. Entscheidend ist: Das Risiko steigt mit jedem weiteren Drink.
3) Kritik und Konsequenzen
Suchtforscher warnen davor, dass die Stufen Sicherheit vortäuschen. Manche Menschen bleiben auf einer Stufe stehen und fühlen sich „im grünen Bereich“, obwohl jede Menge Alkohol Schaden anrichten kann. Darum betonen Fachleute: Wirklich sicher ist nur Verzicht.
Auch politisch ist das Thema brisant. Alkohol ist in Österreich und Deutschland leicht und billig verfügbar. Ein Nachtverkaufsverbot in Baden-Württemberg führte nachweislich zu weniger Gewalttaten und Krankenhausfällen – wurde aber wieder abgeschafft. Experten fordern strengere Regeln und höhere Steuern, ähnlich wie bei Tabak.
4) Mein Weg in die Freiheit
Für mich war das Aufhören kein einmaliger Akt, sondern ein Prozess. Ich habe im Abstand von 12 Jahren dreimal versucht, mich vom Alkohol zu verabschieden. In den Jahren 2013 und 2021, weil ich meinen Lieben damit eine Freude machen wollte. Den Abend meines 50. Geburtstags am 3. Mai 2013 habe ich im Anton Proksch Institut im Hof mit einer Zigarette, einer heißen Schokolade aus dem Automaten und mir selbst gefeiert. Zurecht verlassen von meiner damaligen Ehefrau und bemitleidet von meinen drei Kindern. Ich habe damals bereits am ersten Wochenende noch während der Therapie wieder lächelnd ein Glas Weißwein getrunken und bin dann nüchtern wieder am Sonntag Abend im Institut erschienen. Das hat fünf Wochen ganz gut funktioniert und ich habe mir eingeredet, dass ich alles im Griff habe.
Erst im Oktober 2022 war es dann erstmals mein eigener Wunsch wirklich mit Alkohol aufzuhören. Ich habe den Schalter im Kopf umgelegt und gebetet:
Vater! Jetzt will und muss ich wirklich mit diesem Unsinn aufhören. Verzeih mir, dass ich meinen Körper – Deinen Tempel – so lange beleidigt habe. Bitte vergib mir und hilf mir, dass ich es auch für den Rest meines Lebens schaffe, trocken zu bleiben.
Diese vier Schritte haben mir wirklich gut getan:
Wahrheit zulassen. Nicht mehr beschönigen, nicht mehr verdrängen.
Vertraute Menschen einbeziehen. Zwei, drei Freunde, die offen sagen dürfen: „Pass auf dich auf.“
Rituale verändern. Statt den Gläsern Wein am Abend: aufgeschnittene frische Äpfel, Wasser, Tee, Spaziergang, Gebet, Liebe.
Spiritualität stärken. Die Texte der Bibel wirklich bewusst lesen und darüber nachdenken, was sie für mich heute bedeuten.
In den Texten des Magnificat (ein monatlich erscheinendes Stundenbuch für Laien, das ich seit 30 Jahren abonniert habe), im stillen Gebet, in der Eucharistie habe ich eine neue Nüchternheit entdeckt, die Freude schenkt.
Die Bibel drückt es klar aus: „Alles ist erlaubt, aber nicht alles nützt“ (1 Kor 6,12). „Berauscht euch nicht mit Wein; das macht zügellos, sondern lasst euch vom Geist erfüllen“ (Eph 5,18). Und Jesus sagt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10).
Für mich heißt das: Nüchternheit ist nicht Mangel, sondern Freiheit zur Liebe.
5) Einladung
Vielleicht erkennst du dich wieder in meinen Zeilen. Vielleicht spürst du, dass Alkohol dir mehr nimmt als er gibt. Wenn das so ist, dann ruf mich an. Ich urteile nicht, ich rechne nicht ab. Ich höre zu, begleite und teile, was mir selbst geholfen hat.
Nicht als Geschäft, sondern als Dank. Denn seit drei Jahren darf ich jeden Tag die Erfahrung machen: Die Abstinenz ist kein Verlust, sondern ein Geschenk.
6) Nachklang
Ich hatte mir den 17. Oktober 2025 als Tag markiert, um diesen Artikel zu schreiben.
Ein berührendes Begräbnis, das ich heute gemeinsam mit meinem Freund P. Johannes Paul Abrahamowicz, Priester und Mönch im Stift Göttweig, am Wiener Zentralfriedhof gestalten durfte, hat dazu geführt, dass ich diesen Text schon heute veröffentliche.
P. Johannes Paul hat mir im Auto am Parkplatz vor dem Zentralfriedhof seine neueste Komposition vorgespielt. Ein Lied, das er selbst mit erkälteter Stimme gestern aufgenommen hat:
„Ist mein Leben vorherbestimmt? “ (op. 253)
Als ich diesen Artikel fast fertig geschrieben hatte, kam der wöchentliche Newsletter der ZEIT. Und dort habe ich einen wirklich gut recherchierte Bericht in ZEIT Online vom 30. September 2025 gefunden.
Ich habe mit Hilfe von KI die rund 400 Kommentare der ZEIT-Leserinnen und -Leser analysiert und betroffen festgestellt: Je höher die Bildung, umso höher der Alkoholkonsum. Und: Rund ein Drittel aller Alkoholiker leugnet ihre Sucht, ein Drittel redet sie schön – und ein Drittel gibt sie zu und will aufhören, Alkohol zu trinken.
Ich selbst habe 40 Jahre lang meine Sucht geleugnet und erst im Anton Proksch Institut in Kalksburg erkannt, wer ein Alkoholiker ist:
„Jemand, der Alkohol wegen seiner Wirkung trinkt – und nicht, weil er gut schmeckt.“
Heute weiß ich: Wahrheit befreit. Und Klarheit heilt. Beides ist Gnade.
Den aktuellen Artikel in der Zeit inklusive einer einfachen Selbsteinschätzung und überzeugender Grafiken habe ich hier mit einem Geschenk-Link geteilt. Es kann sein, dass Du Dich kostenlos einmal anmelden musst, wenn Du ihn lesen willst. Der Verlag wird dann vermutlich versuchen, Dich als Abonnent zu gewinnen. Das habe ich auch bei anderen Produkten aus dem ZEIT Verlag erlebt. Es wird aber sofort respektiert, wenn Du einmal auf „Abmelden“ klickst.
Manchmal sind Familiengeschichten von so viel Schmerz überschattet, dass selbst die Erinnerung schwer erträglich bleibt. Vor allem, wenn es um sexuellen Missbrauch innerhalb der eigenen Familie geht. Und doch: im Angesicht des Todes, mitten in der Trauer, kann ein Raum entstehen, in dem Worte der Vergebung heilsam wirken.
Das Begräbnis
Vor einem Monat habe ich am Wiener Zentralfriedhof die Beisetzung eines erfolgreichen Immobilienmaklers geleitet. Hinter dem äußeren Glanz dieses Lebens verbarg sich viel Dunkelheit. Seine Tochter erzählte mir von dem, was die Öffentlichkeit nie erfahren sollte: dass er mehrfach versucht hatte, sie und später auch seine Enkelin zu missbrauchen. Aus Angst um den „guten Ruf“ wurde all das in der Familie totgeschwiegen.
Das Schweigen aber hatte seinen Preis: Tochter und Enkelin litten jahrzehntelang – seit 25 Jahren waren sie in psychiatrischer Behandlung. Nach außen schien die Familie intakt, doch innen war das Vertrauen zerbrochen. Die Tochter wollte späte Rache. Ich sollte alle Verfehlungen des Verstorbenen in der Trauerrede aussprechen. Gleichsam eine Anklage einem Toten gegenüber.
Die Ehefrau hatte das Ganze für sich längst gelöst. Sie war seit dem versuchten Missbrauch die heimliche Geliebte ihres Yoga-Lehrers und mit ihm auf der ganzen Welt unterwegs.
Das Kyrie – eine unerwartete Wendung
Wie spricht man in einer Trauerrede über einen Menschen, der so sehr verletzt hat? Gar nicht! Weil das der falsche Ort und die falsche Zeit sind. Darum habe ich in der Feier gleich nach der Eröffnung dem Kyrie – dem Herr erbarme Dich Raum gegeben.
Es steht uns frei, das Erbarmen Gottes auf den Verstorbenen herab zu bitten. Herr, erbarme Dich!
Wir haben hier die Gelegenheit, für ihn und für uns um Vergebung zu bitten. Christus, erbarme Dich!
Niemand von uns ist ohne Schuld. Doch indem wir Schuld vergeben, machen wir uns Christus ähnlich. Herr, erbarme Dich!
Beim ersten Satz habe ich der Tochter fest und liebevoll in die Augen geschaut – und innerlich hörte ich eine Stimme: „Lass gut sein. Ich mach’ das schon…“ Was ich dann wirklich gesagt habe, weiß ich nicht mehr. Aber ich habe gehört, dass alle laut „Herr, erbarme Dich! Christus erbarme Dich.Herr, erbarme Dich!“ , wiederholt haben – und ich habe gesehen, wie sich Gesichter veränderten: überrascht, dann sanft, liebevoll. Plötzlich war im Raum ein Wohlwollen und eine Herzlichkeit, wie ich sie sonst nur in der Messe beim Friedensgruß erlebe.
Nach der Beerdigung haben mir Mutter und Tochter lange die Hand gedrückt und leise gesagt: „Danke!“
Seit diesem Tag weiß ich: Ich kann mich vollkommen auf den Herrn verlassen. Das nimmt mir nicht die Aufgabe, mich gut vorzubereiten – aber ich darf im entscheidenden Moment ganz darauf vertrauen, dass Er wirkt.
Stimmen der Gemeinschaft
Nach dem Kyrie sprachen Mitarbeiter über gemeinsame Erlebnisse, kurz, ehrlich, mit Respekt. Auch ein Studienfreund erzählte eine Episode aus der Jugend. Kleine, helle Erinnerungen – nicht um das Dunkel zu übertönen, sondern um das Ganze zu tragen.
Das Wunder danach
Heute – einen Monat später – schrieb mir die Tochter eine Nachricht:
„Danke, lieber Harald. Mona und ich waren heute zum letzten Mal beim Psychiater. Wir sind seit dem Begräbnis geheilt. Wir konnten endlich Opa loslassen und segnen.“
In diesen Worten liegt das ganze Wunder: Was über Jahrzehnte unerträglich war, konnte in einem Moment des gemeinsamen Gebets verwandelt werden.
Erklärung zum Bild
Das Bild, das diesen Artikel begleitet, zeigt eine Farbharmonie:
innen Rot und Orange – Schmerz, Wunde, Wahrheit
in der Mitte Gelb und Türkis – Entscheidung, Loslassen
außen Blau und Violett – Gnade, Weisheit, Frieden
im Zentrum ein weißgoldenes Leuchten – Symbol für die Liebe Gottes, die alles umfängt
So wird das Bild selbst zum Gebet: aus Dunkel wird Licht, aus Schmerz wird Frieden.
Schlussgedanke
Vergebung bedeutet nicht, das Geschehene kleinzureden. Vergebung bedeutet, den Schmerz beim Namen zu nennen – und ihn Gott hinzulegen. So kann Heilung geschehen.
Dieses Begräbnis wurde zu einem Fest der Vergebung. Nicht, weil der Verstorbene ein gerechter Mensch gewesen wäre, sondern weil Gnade stärker ist als Schuld.
Gottes Barmherzigkeit ist größer als unser Versagen.
Im dritten Jahrhundert stand die junge Kirche vor einer schmerzhaften Frage: Soll man Christen, die in Zeiten der Verfolgung aus Angst ihren Glauben verleugnet hatten, wieder aufnehmen?
Papst Kornelius (200 – 253) sagte Ja.
Er vertraute auf Gottes unendliche Gnade und setzte sich dafür ein, dass gefallene Brüder und Schwestern nach Reue und Buße wieder Teil der Gemeinschaft werden durften. Sein Gegenspieler Novatian meinte Nein – er wollte eine Kirche der Starken und Reinen. Doch Kornelius setzte sich durch. Zusammen mit dem Bischof Cyprian von Karthago (200 – 258) verteidigte er die Haltung: Die Kirche ist kein exklusiver Club der Perfekten, sondern eine Heimat auch für die Gebrochenen.
Und heute?
Die Antwort der Kirche ist dieselbe geblieben. Wer gesündigt hat, darf heimkehren. Der Weg zurück führt über Reue, über das ehrliche Eingeständnis der eigenen Schuld – und über das Sakrament der Versöhnung. In jedem Beichtstuhl liegt dieselbe Verheißung wie damals: Gottes Barmherzigkeit ist größer als unser Versagen.
Papst Franziskus sagte dazu: „Die Kirche ist kein Museum für Heilige, sondern ein Feldlazarett für Verwundete.“
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Manchmal fühlen wir uns, als hätten wir Gott enttäuscht oder uns selbst verloren. Dann hilft es, an Kornelius zu denken: Es gibt keinen Weg, der uns endgültig von Gott trennt. Wer umkehrt, darf sicher sein, dass die Tür offensteht.
So bleibt die Kirche, trotz aller Schwächen ihrer Glieder, ein Haus der Barmherzigkeit. Und wir dürfen darin wohnen – nicht weil wir vollkommen wären, sondern weil wir geliebt sind.
„Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war. Ich sage euch: Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren.“ (Lukas 15,6–7)
Yuliya Preyer mit einem Lamm in Betlehem, 3. März 2020
Heiliger Kornelius und heiliger Cyprian – 16. September