Die Texte dieses Sonntags sprechen überraschend deutlich in unsere Gegenwart. Sie treffen eine Welt, die zwischen Selbstoptimierung und Resignation schwankt: zwischen dem Druck, immer besser werden zu müssen, und der Versuchung, innerlich aufzugeben.
Die Bibel setzt dem kein Programm und keine Moral entgegen, sondern ein Versprechen: Heil ist möglich.
Heil meint mehr als Fehlerlosigkeit oder religiöse Korrektheit. Es ist das Gegenbild zu Schuld und innerer Absonderung. Schuld zieht nach unten, lässt Menschen glauben, sie müssten sich fernhalten – von Gott, von anderen, von sich selbst.
Heil dagegen sagt: Du darfst kommen. Du bist gemeint. Du musst dich nicht verstecken.
Darum weitet Gott im Buch Jesaja den Blick: Es ist ihm „zu wenig“, dass sein Heil nur einem Volk gilt. Es soll Licht für alle sein, bis an die Enden der Erde. Und Paulus greift diesen Gedanken auf: Zugehörigkeit zu Christus entsteht nicht durch Herkunft oder Leistung, sondern durch Beziehung und Vertrauen.
Im Evangelium verdichtet sich alles im Ruf Johannes des Täufers: „Seht, das Lamm Gottes.“
Jesus wird nicht als Sieger oder Machthaber gezeigt, sondern als der, der Schuld trägt, und ohne Gewalt antwortet. Das Lamm steht für eine Liebe, die sich nicht durchsetzt, sondern hingibt. Eine Liebe, die das Böse nicht überbietet, sondern aushält – und gerade so verwandelt.
Für heute heißt das: Heil geschieht nicht durch Leistung, sondern durch Vertrauen. Nicht durch Abgrenzung, sondern durch Öffnung. Nicht durch Macht, sondern durch Liebe.
„Seht, das Lamm Gottes“ – dieser Ruf gilt auch heute. Er lädt ein, hinzusehen. Und bereit zu sein.
zur Predigt von P. Johannes Paul Abrahamwicz OSB am Fest der Heiligen Familie 2025 in der Pfarrkirche St. Veit im Gölsental
ein Kommentar von Harald R. Preyer
Diese Predigt löst das Fest der Heiligen Familie aus dem engen Rahmen eines Ideals. Die biblische Familie ist keine heile Welt, sondern eine gefährdete: Flucht, Unsicherheit, Improvisation. Gerade darin liegt ihre Wahrheit.
Was früher verschwiegen wurde, wird heute tröstlich: dass Familien unvollkommen sein dürfen – und Kirche ebenso. Der Pfarrverband als Patchwork-Kirche ist kein Mangel, sondern eine ehrliche Gestalt von Gegenwart. Heiligkeit zeigt sich nicht im Perfekten, sondern im Annehmen dessen, was uns zufällt. Die Metapher vom Kochtopf ist pastoral klug: Konflikte brauchen Sprache, bevor sie eskalieren. Annahme braucht Kommunikation. Und Vertrauen findet seine Form im Gebet – nicht als Ersatz fürs Handeln, sondern als geteilte Verantwortung.
Entspricht nicht von jeher das Bild von Kirche eher dem, was wir heute als Patchwork-Familie kennen denn der idyllischen Trias von Vater – Mutter – Kind?
Südaltar mit großem spätgotisches Kruzifix um 1510/1520 Pfarrkirche St. Veith an der Gölsen
Nach seinem Tod hinterlässt Jesus in unserer Welt: eine Mutter Maria in großer Trauer, einen vermutlich traurigen Stiefvater Josef, viele enttäuschte Freunde, die an ihn geglaubt haben und ein trügerisches Gerücht: er sei von den Toten auferstanden…
Dann kommt Ostern. Dann kommt Auferstehung. Dann kommt Heiliger Geist. Und so entsteht Kirche – als eine stetig wachsende Gruppe von Menschen, die an die Liebe glauben, diesen Glauben teilen und erlebbar machen. Bis heute.
Kurzfassung zur Predigt von P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB
Gaudete lädt nicht zu oberflächlicher Freude ein, sondern zu einer nüchternen, tragfähigen Hoffnung. Johannes der Täufer fragt aus dem Gefängnis heraus: Bist du der, der kommen soll? Jesus antwortet sachlich: mit dem, was man sehen und hören kann.
Doch all diese Zeichen sind vergänglich. Geheilte sterben. Auferweckte sterben wieder. Sachlich betrachtet endet alles.
Darum fügt Jesus den entscheidenden Satz hinzu: „Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt.“
Der eigentliche Anstoß ist seine Botschaft: Dass das Leben über den Tod hinausgeht. Dass Liebe stärker ist als alles – sogar stärker als der Tod.
Für viele klingt das wie Unsinn. Paulus nennt es offen Torheit – und zugleich die Weisheit Gottes.
Diese Weisheit feiern wir: Eine Liebe, die sich hingibt. Eine Liebe, von der wir leben. Eine Liebe, die nicht aufhört.
Freut euch.
Hans Urs von Balthasar meint zu den Texten von heute:
„Bist du es?“ Es gehört zum kommenden Blutzeugnis des Täufers, dass er im Kerker diese ihm von Gott auferlegte Dunkelheit durchmachen muss. Einen Gewaltigen, der mit Geist und Feuer tauft, hatte er erwartet. Und nun kommt im Evangelium dieser Sanfte, der „den glimmenden Docht nicht löscht“.
Jesus beruhigt seine Unruhe, indem er ihm zeigt, dass die Prophezeiung sich in ihm erfüllt: in leisen Wundern, die gleichzeitig den vertrauenden Glauben fördern: „Selig, wer an mir keinen Anstoß nimmt.“
Vielleicht ist gerade dieses dem Zeugen auferlegte Dunkel der Grund, warum ihn Jesus vor der Volksmenge rühmt: er ist wirklich der, als den er sich verstanden hat: der vor Jesus her geschickte Bote, der den Weg bereitet hat. Er hat sich als bloße Stimme in der Wüste bezeichnet, die dem Wunder des kommenden Neuen vorausklingt, und wirklich: der Kleinste im kommenden Reich ist größer als er, der sich zum Alten gehörig eingeschätzt hat, und der doch als „Freund des Bräutigams“ gerade durch seine platzmachende Demut vom Licht der neuen Gnade überstrahlt wird.
Er steht auf den Ikonen mit Maria der Mutter, die auch vom Alten Bund herkommt und in den Neuen übergeht, rechts und links vom Weltenrichter.
Gedanken zum Hochfest der „Ohne Erbsünde empfangene Jungfrau und Gottesmutter Maria“
Montag, 8. Dezember 2025
Was bedeutet „ohne Erbsünde empfangen“ wirklich? Zwei Predigten – in Göttweig und im Stephansdom – zeigen uns heute, dass es nicht um Biologie geht, sondern um das größte Geschenk Gottes: Freiheit in Freundschaft mit ihm.
Beide Predigten habe ich so gut ich konnte sinngemäß übertragen.
Du wirst nicht zweifeln
Evangelium und Predigt von P. Johannes Paul Abrahmowicz OSB gehalten in der Krypta der Siftskirche von Göttweig.
Weil heute so viele Kinder da sind, möchte ich meine Gedanken ein bisschen umdrehen. Schaut euch die Kinder an: Sehen sie ihren Eltern nicht ein bisschen ähnlich?
Das ist ganz normal – und genau so hat Gott gedacht.
Wenn Gott seinen Sohn auf die Erde schickt, geboren von einer Frau – ganz Mensch und zugleich Gottes Sohn – dann wird dieses Kind seiner Mutter ähnlich sein. Von Jesus sagen wir, dass er Maria wirklich ähnlich gesehen hat. Aber es geht nicht nur um das Äußere.
Wir alle werden geprägt von den Menschen, die uns erziehen – meistens von unseren Eltern. Und so hat Gott gesagt:
„Ich will, dass die Mutter meines Sohnes nie an mir zweifelt. Ich will, dass Jesus – als Mensch – nie an meiner Güte zweifelt.“
Darum hat Gott Maria, im Augenblick ihrer Empfängnis, eine besondere Gnade geschenkt: dass sie nie an Gott zweifelt. Denn: Der Zweifel an Gott, an seiner Liebe, ist der Ursprung jeder Sünde. Also hat sie die „Ursünde“ nie gehabt.
Darum sagen wir: Maria war ohne Erbsünde empfangen. Nicht, weil sie „mehr“ wäre als wir – sondern weil Gott wollte, dass die Mutter seines Sohnes ein Herz hat, das völlig offen ist für ihn.
Vielleicht können wir das so verstehen: Stellt euch vor, eure Mütter oder Väter würden nie an Gott zweifeln. Zu Hause wäre ein Wunder nach dem anderen. Aber wir sind Menschen – und Gott sei Dank sind unsere Zweifel meist klein. Darum sind auch unsere Lieblosigkeiten klein, und man kann sich oft mit einem Blick oder ein paar Worten wieder versöhnen.
Heute schließen wir alle ein, die größere Lieblosigkeiten tun – oft, weil sie an der Liebe Gottes zweifeln.
Wir sind – wie Maria – von diesem Zweifel befreit, aber bei uns geschieht das durch die Taufe. Bei Maria geschah es schon am Anfang, bevor Jesus überhaupt durch seinen Tod und seine Auferstehung das Geschenk der Taufe gestiftet hat.
Lasst uns also weiterleben in diesem Vertrauen: Dass wir möglichst wenig – es wird nie hundertprozentig gelingen – aber doch möglichst wenig zweifeln, dass Gott uns wirklich liebt, dass seine Allmacht Liebe ist, dass seine Liebe stärker ist als der Tod, und dass wir uns letztlich vor nichts fürchten müssen.
Denn sobald wir uns fürchten, zweifeln wir schon wieder ein bisschen an seiner Liebe. Er verzeiht uns – weil es uns liebt.
Amen.
Freiheit, für die wir geschaffen sind
Für Univ.-Prof. Dr. Thomas Möllenbeck, Domkurat in St. Stephan war das Hauptthema heute die „Freiheit“. Er meinte in der Orgelmesse um 12:00 Uhr sinngemäß:
Ich habe in Münster bei einem bekannten Professor für Kirchengeschichte studiert, der in Prüfungen sehr heftig werden konnte. Die wichtigste Warnung an die Studierenden lautete deshalb: „Verwechsele niemals die Immaculata Conceptio!“ Denn viele Erstsemester dachten, es gehe dabei um die jungfräuliche Empfängnis Jesu. Doch die unbefleckte Empfängnis meint etwas anderes: nicht ein naturwissenschaftliches Wunder, sondern ein Wunder der Freiheit.
Maria erhielt von Gott im ersten Augenblick ihres Daseins eine besondere Gnade: Sie konnte ihre Freiheit immer in Freundschaft mit Gott gebrauchen. Sie ist die einzige Frau der Menschheitsgeschichte, die das dauerhaft konnte. Das Tagesgebet sagt: Gott hat sie „im Vorhinein erlöst“ durch das, was in Jesus Christus geschehen ist – durch seine Geburt, sein Leben, seine Predigt, sein Leiden und seinen Tod, seine Auferstehung und die Sendung des Heiligen Geistes. Weil Gott über der Zeit steht, konnte diese Erlösung an Maria wirken, bevor Jesus überhaupt geboren war.
Die erste Lesung zeigt das Gegenteil dieser Freiheit: Adam und Eva, die Gottes Gebot missachten, sich schämen, Ausreden suchen und die Schuld abschieben. Das beschreibt eine Freiheit, die sich gegen Gott stellt und die Nähe des Freundes verliert. Die Vertreibung aus dem Paradies zeigt genau diesen Zustand der Menschen, die nicht mehr unmittelbar in Gottes Gegenwart leben.
Auch wir werden in eine Welt hineingeboren, in der Gott nicht unmittelbar erfahrbar ist, und deshalb missbrauchen wir unsere Freiheit immer wieder, trotz aller Bemühungen. Doch die „frohe Botschaft“ bleibt: Der Epheserbrief sagt, dass wir in Christus „auserwählt sind, heilig und makellos zu leben“.
Paulus schreibt: „Der Herr ist der Geist; und wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“ Erst wenn wir vom Geist Gottes bestimmt sind, wird unsere Freiheit wirklich frei. Dieser Geist verwandelt uns „von Herrlichkeit zu Herrlichkeit“ in die Gestalt Christi.
Das christliche Leben besteht also darin, Schritt für Schritt jene Freiheit zu erlernen, die Maria von Anfang an besaß. Gott kennt uns vor aller Zeit und weiß, wer sich auf seine Einladung einlässt. Wenn wir wie Maria sagen: „Mir geschehe nach deinem Wort“, wächst in uns die Freiheit, für die wir geschaffen sind.
Diese Predigt von P. Johannes Paul Abrahamowicz zum heutigen Christkönigssonntag hat mich tief berührt. Ich habe zusammengefasst, was ich verstanden habe.
Der letzte Satz ist eigentlich ein alter Gruß, den wir heute selten hören. In dieser Predigt ist er viel mehr. Und klingt mit tiefer Ehrfurcht nach.
Am Christkönigssonntag hören wir, warum Gott wirklich König ist: weil niemand so lieben kann wie er.
Jesus hängt am Kreuz – verspottet von religiösen Führern, Soldaten und einem der Verbrecher. Er antwortet nicht mit Macht, nicht mit Stärke, nicht mit Selbstrettung. Er antwortet mit Liebe, die schweigt.
Sein Schweigen ist keine Ohnmacht, sondern die größte Würde. Es ist das Schweigen eines Königs, der sich nicht beweisen muss, weil seine Liebe stärker ist als jede Gewalt.
Und zu dem Verbrecher, der seine eigene Schuld bereut, sagt er nur einen Satz: „Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein.“
Gott ist König, weil er liebt – und weil seine Liebe uns verwandelt, selbst im allerletzten Augenblick.
Impuls von P. Johannes Paul Abrahamowicz, OSB bei den 2. Wiener Ganserlessen-Dialoge am 6. November 2024.
Wir sind alle berufen – zur Liebe, zum Fest des Lebens
Das Thema vom letzten Mal war – und es ist gut angekommen – Himmel, Fegefeuer, Hölle. Fast hätten wir es heute wieder nehmen können, weil so viele andere da sind. Heute aber geht es um die Frage: Wie ist das überhaupt mit dem Schicksal, mit der Vorherbestimmung? Gibt es so etwas?
Damit ist nicht gemeint, dass eine schwarze Katze von rechts oder Scherben Glück bringen. Nein – gemeint ist der große Lebensweg. Und da taucht immer wieder die Frage auf: Gibt es eine Vorherbestimmung oder nicht? Ich möchte ganz klar sagen: Ja, es gibt sie. Und zwar eine sehr positive.
Jesus erzählt ein wunderbares Gleichnis – das Gleichnis vom Hochzeitsmahl. Ein Mann lädt zur Hochzeit ein, lässt alles vorbereiten und schickt dann seine Diener zu den Eingeladenen: „Kommt, es ist alles bereit!“ Aber sie kommen nicht. Manche behandeln die Boten sogar schlecht. Da lässt der Hausherr schließlich alle einladen, die er irgendwo findet – auf den Straßenecken, einfach alle. Und der Hochzeitssaal füllt sich – von Guten und Bösen, Reichen und Armen.
Dann kommt der Hausherr herein, schaut sich alle Gäste an – und plötzlich sieht er einen, der kein Hochzeitsgewand trägt. Er fragt ihn: „Freund, wie konntest du so erscheinen?“ Der Mann ist sprachlos – und wird hinausgeworfen in die äußerste Finsternis. Dann sagt Jesus den bekannten Satz:
„Viele sind berufen, aber nur wenige sind auserwählt.“
Ich habe diesen Satz lange nicht verstanden. Warum wird der arme Kerl hinausgeworfen? Vielleicht war er ja wirklich arm und hatte kein Gewand? Erst viel später habe ich die Erklärung gefunden – auch dank der Begegnung mit Menschen aus anderen Kulturen. Denn in arabischen und orientalischen Ländern ist es bis heute üblich, dass man mit der Einladung zur Hochzeit auch das Hochzeitsgewand bekommt – entweder bezahlt oder symbolisch zur Verfügung gestellt.
Wenn also jemand ohne dieses Gewand erscheint, heißt das: Er hat die Einladung nicht wirklich angenommen. Er wollte das Fest – aber nicht die Beziehung.
Und das ist der Kern des Gleichnisses. Alle sind eingeladen. Alle sind vorherbestimmt – zu einem glücklichen, festlichen Mahl. Aber ob wir die Einladung annehmen, liegt an uns.
Unsere große Vorherbestimmung ist das ewige Glück, das Fest der Liebe, das Reich Gottes. Nicht das kleine Aberglauben-Schicksal – Spinnen, Scherben, Glücksbringer – sondern das große Ziel: die Liebe.
Das Hochzeitsgewand steht für die Bereitschaft, Liebe zu empfangen. Und wer glaubt denn nicht an die Liebe – als höchste Instanz im Leben? In dieser Liebe, die keine Bedingungen stellt, sind wir alle berufen. Das ist unsere Vorherbestimmung.
Ich bin fest davon überzeugt: Wir alle sind bestimmt zum Glück, zum Leben in der Liebe Gottes – und das dürfen wir schon jetzt, in jeder Eucharistiefeier, vorauskosten.
Und solange sich das Ganserl heute seinem Schicksal hingibt, dürfen wir dankbar sein, dass unser Schicksal ein anderes ist – ein gutes, liebevolles Schicksal.
Guten Appetit – und später bei der Nachspeise können wir gern noch Fragen stellen.
Kurz-Summary
P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB deutet das Gleichnis vom Hochzeitsmahl als Bild unserer positiven Vorherbestimmung: Jeder Mensch ist eingeladen zum Fest der Liebe Gottes. Das „Hochzeitsgewand“ steht für die innere Bereitschaft, diese Liebe anzunehmen. Nicht Zufall oder Aberglaube bestimmen unser Leben, sondern Gottes Einladung zum Glück – die wir nur annehmen müssen.
P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB lädt an Allerheiligen dazu ein, die eigene Heiligkeit im Alltag zu erkennen. Heiligsein bedeutet, in kleinen Taten sanftmütig, barmherzig und friedensstiftend zu handeln. Wer so lebt, ist schon jetzt Teil des Himmelreiches. Aus diesen Haltungen entsteht ein „heiligster Adventkalender“, ein Weg, Tag für Tag von der Liebe Gottes angesteckt zu leben.
Transkription der Predigt – Allerheiligen 2025
So viele sind heute zur Festmesse gekommen. Heute ist ein guter Anlass, auch wenn es jetzt gerade nicht Sonntag ist, darüber nachzudenken, warum wir eigentlich am Sonntag und eben auch an Festen in die Kirche gehen. Da gibt es einige, die werden sagen: Da muss man hingehen. Diese Leute sind arm, denn diese Menschen haken dann jeden Sonntag, wo sie da waren, ab: Heute war ich in der Kirche.
Was geschieht dann? Dann hast du dir selber gesagt, dass du okay bist. Und hast dir nicht von Gott sagen lassen, dass du heilig bist. Heute ist der Tag, an dem wir hören, dass wir Heilige sind.
Einige schauen ein bisschen so zweifelnd. Ich hätte gerne, dass Sie ein bisschen mehr lächeln. Stellen Sie sich vor, Sie machen gerade ein Selfie von sich. Ja, dann lächeln wir doch einmal alle. Oder wenn ich einen Spiegel vorhabe – da ist es schon viel besser.
Und zwar ist es so: Die erste von den Seligpreisungen und die letzte – das ist interessant – da geht es um das Himmelreich, und da ist es in der Gegenwart. Also: Selig, die arm sind vor Gott, denn ihrer ist das Himmelreich. Und zum Schluss: Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen, denn ihrer ist das Himmelreich. Das ist in der Gegenwart.
Alle anderen heißen: sie werden, sie werden, sie werden … – die Trauernden werden getröstet werden und so weiter. Aber auch diese dazwischen, in der Zukunft, haben eine eigene Einteilung. Und zwar ist jedes Zweite eine Tat: Selig, die mild oder sanftmütig sind, die sich also so benehmen.
Und da bin ich ganz sicher, dass jeder von uns mindestens einmal in seinem Leben sanftmütig war, mild. In dem Augenblick sagt dir Jesus heute – und wenn du nicht da wärst, würdest du es nicht hören – das Evangelium sagt dir: In dem Augenblick warst du Heilige, Heiliger, heilig.
Und wenn du ein bisschen nachdenkst, findest du mehrere Male in deinem Leben, wo du so tätig mild warst, in der Tat sanftmütig. Lassen wir die nächste aus, nehmen wir die andere wieder: Selig, die Barmherzigen. Das sind die, die Barmherzigkeit erweisen, die barmherzig tun, handeln, die aus dem Herzen heraus Erbarmen haben – und es auch zeigen.
Ich bin sicher, dass jeder von uns mindestens einmal im Leben Erbarmen gehabt hat mit jemandem, die Schuld des anderen nachgesehen hat, barmherzig war. Jeder von uns.
Drum habe ich gesagt am Anfang: Wir werden die anderen Heiligen alle beim Namen nachzählen. Du kannst dich jetzt beim Namen nennen und sagen: Jesus sagt mir heute: In diesem Augenblick, wo ich barmherzig war und gehandelt habe, da war ich heilig.
Deswegen ist es so schön, in die Messe zu kommen.
Lassen wir die nächste aus, nehmen wir wieder die übernächste – und dann sind wir auch schon fertig: Selig, die Frieden stiften.
Wie oft haben wir Frieden gestiftet? Freilich, wir haben sicher auch oft Streit gestiftet. Aber es heißt in der Heiligen Schrift, sowohl im Alten als auch im Neuen Testament: Die Liebe deckt viele Sünden zu.
Selig, die Frieden stiften. Wann immer du Frieden gestiftet hast – das heißt nicht unbedingt, dass du Erfolg gehabt hast –, aber du hast Frieden gestiftet, da warst du heilig.
Das sagt dir Jesus im heutigen Evangelium. Das hörst du. Das hören die anderen nicht, die heute nicht da sind. Das ist das Schöne am gemeinsamen Feiern.
Selig bist du, in dem Augenblick, wo du Frieden gestiftet hast, da warst du heilig.
Und was machen wir damit? Es motiviert uns. Und am meisten motiviert uns, dass wir das alles machen, weil wir angesteckt sind von der Liebe Gottes, die sich am Altar bei jeder Messe wiederholt: Mein Leib, mein Blut – hingegeben für euch.
Und wenn wir jetzt nur diese drei nehmen – mild oder sanftmütig sein, barmherzig sein, Frieden stiften – stellen Sie sich vor, Sie nehmen sich für jeden Tag eines der drei vor, in den nächsten Tagen wieder eines der drei.
Dann haben Sie vier Tage, viermal drei ist zwölf. Nach zwölf Tagen haben Sie den Turnus schon viermal gemacht. Nehmen Sie das Ganze noch einmal, dann haben Sie 24 – und dann haben Sie schon den heiligsten Adventkalender.
Predigt von Univ.-Prof. Dr. Thomas Möllenbeck, im Wiener Stephansdom am Sonntag, 28. September 2025, 26. Sonntag im Jahreskreis (C), Orgelmesse um 12:00 Uhr sinngemäß zusammengefasst von Harald R. Preyer
Ein Freund erhielt zum Priesterjubiläum eine kleine Sonnenuhr mit der Inschrift „Carpe diem“ – Nutze den Tag als Geschenk. Was bedeutet das eigentlich – aus christlicher Sicht?
In der Antike hieß es: Genieße den Tag, solange du lebst. Denn mit dem Tod, so dachte man, sei alles vorbei. Ein solches Denken kann leicht in Egoismus führen. Aber: Wer erkennt, dass das eigene Wohl am Wohl der anderen hängt, lebt gerecht. So wird Carpe diem zur Einladung, bewusst, dankbar und solidarisch zu leben.
Der Prophet Amos mahnt die Selbstzufriedenen: Wer nur an sich denkt, verliert den Sinn des Lebens. Paulus ruft Timotheus zu: Strecke dich aus nach dem Himmel! Und im Evangelium vom reichen Mann und Lazarus macht Jesus klar:
„Sie haben Mose und die Propheten – wenn sie auf die nicht hören, werden sie sich auch nicht bekehren, wenn einer von den Toten aufersteht.“
Christus ist auferstanden – und lädt uns ein, den Himmel schon hier beginnen zu lassen.
Christlich verstanden heißt Carpe diem:
Nutze den Tag, nicht um zu nehmen, sondern um zu geben.
Nicht um zu genießen, sondern um zu lieben.
Nicht um die Zeit zu füllen, sondern um sie zu heiligen.
Denn Jesus sagt:
„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ (Joh 14,6)
In jeder Eucharistie empfangen wir ihn – und werden verwandelt, damit wir Christus ähnlich werden. So wächst unser Leben hinein in das, was keine Grenze kennt: Wo Christus ist, da ist der Himmel.
Der Himmel fängt hier an.
Prof. Dr. Thomas Möllenbeck, geb. 1966, ist Domkurat am Stephansdom Wien, Professor für Dogmatik in Münster und Lehrender in Heiligenkreuz und Trumau.
Der ungerechte Verwalter – ein Mann, der das Vermögen seines Herrn verschleudert, Schuldscheine manipuliert und am Ende von Jesus gelobt wird. (Lk 16,1–13). Kaum ein Evangelium irritiert so sehr wie dieses. Ist Betrug plötzlich vorbildlich? Jahrelang habe ich das nicht verstanden. Heute ahne ich die Botschaft: Es geht nicht um Betrug, sondern um das Loslassen – und um die Freiheit, die daraus entsteht.
Beziehungen statt Besitz
Papst Franziskus hat dieses Evangelium als Einladung zur Klugheit gedeutet. Nicht die Unehrlichkeit sei das Vorbild, sondern der Mut, das Leben nüchtern zu sehen und entschlossen zu handeln. Geld, so Franziskus, ist „Mist des Teufels“. Doch es kann Werkzeug sein: „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon“. Besitz hat nur dann Sinn, wenn er verwandelt wird – in Beziehungen.
Gabe statt Sicherheit
Papst Leo XIV griff das Thema heute in Rom auf. Er erinnerte daran, dass wir Rechenschaft ablegen müssen: wie wir mit uns selbst, mit unseren Gütern und den Ressourcen der Erde umgehen. Besitz sei kein Garant für Sicherheit, sondern Geschenk – anvertraut, um Netzwerke von Solidarität zu schaffen. Das Evangelium zwingt zur Entscheidung: Gott oder Mammon, Hingabe oder Egoismus.
Gott und das liebe Geld
Kardinal Schönborn schreibt in seinen Gedanken zum Evangelium: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Geld sei nicht neutral. Es verspreche Sicherheit, aber es schenke keine Freundschaft. „Zum Geld können wir keine Beziehung haben, zu Gott schon.“ Loslassen bedeutet: das Geld nicht zum Herrn werden zu lassen, sondern es als Mittel einzusetzen – zuverlässig, ehrlich, auch in den kleinen Dingen.
Verantwortung statt Fixierung
Markus Beranek, Pastoralamtsleiter der Erzdiözese Wien, hob heute hervor: Besitz und Fähigkeiten sind Mittel, um Gemeinschaft zu gestalten. Entscheidend sei eine Kultur des Miteinanders, nicht das ängstliche Klammern an Status und Ansehen. Loslassen heißt: Verantwortung übernehmen, Fähigkeiten teilen, das Reich Gottes wachsen lassen – mitten in dieser Welt.
Ars moriendi
Domkurat Johannes J. Kreier schließlich sprach im Stephansdom von der ars moriendi, der Kunst zu sterben. Das Leben nicht bis zum Letzten auspressen, sondern rechtzeitig gute Investitionen tun: in Freundschaft, in Liebe, in Hingabe. Die Frage lautet: Will ich Kind der Welt sein, das festhält – oder Kind des Lichts, das loslässt?
Mein Gedanke
Loslassen scheint mir umso leichter, je mehr ich spüre, dass die Liebe Gottes mich trägt. Wer dankbar auf sein Leben zurückblickt, erkennt: Ich musste nicht alles festhalten. Vieles wurde mir geschenkt. Und was bleibt, ist nicht das, was ich angehäuft habe, sondern das, was ich weitergegeben habe – die Liebe, die Freundschaften, die Spuren, die in Ewigkeit tragen.
Quellen
Papst Franziskus: Angelus, 22. September 2019, Vatikan. Link
Papst Leo XIV: Predigt, Sant’Anna, 21. September 2025. Link
Kardinal Christoph Schönborn: Gott und das liebe Geld, Gedanken zum Evangelium, 21. September 2025. Link
Markus Beranek: Predigtgedanken (Facebook-Posting), 21. September 2025.
Johannes J. Kreier: Predigt im Stephansdom, 21. September 2025, 12:00 Uhr (mündliche Quelle, Text liegt bei Harald Preyer vor).
Gestern habe ich als Vorbereitung für das heutige Fest der Kreuzerhöhung die beiden Lesungen und den Text des Evangeliums auf der Seite von Radio Vatikan studiert. Dort finden sich auch zu jedem Tag Aussagen der Päpste zu Bibelstellen des Tages.
„Brüder und Schwestern, das ist der Weg, der einzige Weg unserer Erlösung, unserer Wiedergeburt und Auferstehung: auf den gekreuzigten Jesus zu schauen. Von jener Höhe aus können wir unser Leben und die Geschichte unserer Völker auf eine neue Weise sehen. Denn vom Kreuz Christi lernen wir Liebe, nicht Hass; lernen wir Mitgefühl, nicht Gleichgültigkeit; lernen wir Vergebung, nicht Rache. Die ausgebreiteten Arme Jesu sind die zärtliche Umarmung, mit der Gott unser Leben annehmen will.“ (Papst Franziskus, Predigt in Nur-Sultan, 14. September 2022)
Heute habe ich am frühen Morgen die Predigt von Pastoralamtsleiter Markus Beranek nachgelesen. Er hat dann im Hochamt im Stephansdom unseren Blick auf das Lettnerkreuz im Mittelgang gerichtet und meinte: „Das Lettnerkreuz hier in der Mitte des Domes aktualisiert diesen Weg Jesu: aus den Trümmern des Dombrandes wurde das Haupt Christi geborgen, der Körper wurde nachgeschnitzt und das Kreuz hat wieder seinen erhöhten Platz an seiner ursprünglichen Stelle gefunden. Für mich ist das ein Ausdruck der Hoffnung, dass auch in unseren unruhigen Zeiten, wo wir jeden Tag von Krieg und Gewalt hören, menschliches Leid, Gewalt und Tod nicht das letzte Wort haben. Die weit ausgebreiteten Arme Jesu sind Ausdruck dafür, dass Jesus die Dynamik der Gewalt durchbrochen hat. Statt neuer Anfeindung und weiterer Kriegserklärungen zieht er alle an sich.“
Nach der Orgelmesse um 12:00 bin ich dann noch einmal in den Altarraum gegangen und habe das Kreuz neben dem Altar von hinten fotografiert. Es war heute besonders schön mit Rosen geschmückt. Und würden wir durch die Rosette dieses Kreuz hindurchsehen, dann würde unser Blick genau auf das Lettnerkreuz fallen.
Am Abend habe ich dann die Predigt von P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB nachgehört und transkribiert.
Er meinte sinngemäß: „Vor genau 1700 Jahren, im Jahr 325, ließ Kaiserin Helena der Tradition gemäß in Jerusalem den Ort der Kreuzigung Jesu auffinden. Ihr Sohn Konstantin baute darüber die Grabeskirche, deren Kirchweih am 13. September gefeiert wird. Am Tag darauf, dem 14. September, wurde das Kreuz erhoben – daher das Fest der Kreuzerhöhung.
Das Kreuz ist ein Zeichen des Heils. Schon in der Wüste heilte Gott die Israeliten durch den Blick auf die erhöhte Giftschlange. Heilung geschieht, wenn man demütig Hilfe und Erbarmen annimmt.
Wie Mose die Schlange erhöhte, so wird der Menschensohn erhöht: Das Kreuz, eigentlich ein Zeichen des Zornes, wird zum Zeichen des Heils.
So zeigt sich Gottes Bundestreue:
Liebe, wenn der Mensch treu bleibt.
Erbarmen/Gnade, wenn der Mensch gesündigt hat.
Das Kreuz ist für uns das sichtbare Zeichen dieser Liebe und dieses Erbarmens.“
Evangelium und Predigt von P. Johannes Paul im Originalton:
Bei dieser Predigt kam mir die Idee zum Titel „Heute schon auf die Giftschlange geschaut.“ Klar oder?