Schlagwort: Gott

  • Die Liebe bleibt

    In jedem Herzen lebt ein reines Kind – unzerstörbar, voller Licht.
    Christus hat am Kreuz den Tod überwunden und uns gezeigt:
    Dieses Kind in uns bleibt lebendig.

    Darum gilt:
    Die Liebe stirbt nicht.
    Sie lebt.
    Sie siegt.

    Ist dieses Kind die Seele?
    Ist Gott diese Liebe?

    Zu diesen Gedanken hat mich der Impuls zur Herz-Meditation im heutigen Kapitel 242 von „365 Tao“ inspiriert. Wir lesen dieses Buch heuer in unserer Männerrunde.

    Stell dir dein Herz als eine sich öffnende Lotusblüte vor. Aus ihrer Mitte entsteigt ein purpurnes Kind, Rein, unberührt und unschuldig. Eine Meditation gibt diese Anweisung: Stell dir vor, dein Herz öffnet sich in einer roten Lotusblüte. Aus ihrer Mitte entsteigt ein purpurnes Kind. Bringe dieses Kind aus deinem Körper und stell dir vor, wie es über dir schwebt. Du, als Kind, hältst in jeder Hand eine Sonne, während deine Füße auf zwei Monden stehen. Halte dieses Bild so lange wie möglich. Es ist schwer, dieses Kind zum Vorschein zu bringen. Bei dem Versuch erkennt man, wie viele Mauern man um sich errichtet hat. Man erkennt auch, wie die Erfahrungen der Jugend und des Erwachsenenalters ihre Spuren hinterlassen haben. Manchmal bezweifelt man vielleicht, ob man überhaupt ein reines und unschuldiges Selbst hat, das man noch zum Vorschein bringen könnte. Aber es ist in jedem von uns. Jeder von uns muss dieses purpurne Kind finden und hervorholen. Weil dieses Kind eine Zeit verkörpert, in der unsere Energie heil war und unser Herz die Doppelzüngigkeit nicht kannte, die die Welt und uns trübt.

    Deng, Ming-Dao. 365 Tao: Meditationen für jeden Tag des Jahres (Tag 242).

  • ihn sehen, wie er ist

    Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es. Liebe Brüder, jetzt sind wir Kinder Gottes. Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.

    1 Joh 3, 1a.2

    Wir alle sind Kinder der Liebe. Und Gott ist die Liebe. Also sind wir Kinder Gottes. Es ist dabei gar nicht so wesentlich, ob wir an Gott glauben. Wir brauchen nur aus Liebe zu handeln, dann sind wir erlöste Kinder Gottes.

  • Trauerrede für Xariel

    Liebe Trauergemeinde,

    wir nehmen heute Abschied von einem ganz besonderen Wesen. Sein Name war Xariel – ein Reisender zwischen den Sternen, ein Gast aus weiter Ferne, ein Bruder in Gottes Schöpfung.

    Xariel war vieles, aber sicher nicht gewöhnlich. Er stammte aus einer fernen Galaxie, von einem Planeten, den er „Lira-7“ nannte. Dort, so erzählte er, gab es Himmel mit drei Sonnen, Meere, die im Dunkeln leuchteten, und Pflanzen, die miteinander sangen, wenn der Wind durch ihre Blätter strich. Schon als junger Xariel liebte er es, durch diese Klangwälder zu streifen. Seine Freunde lachten oft über ihn, weil er den Sternen Lieder vorsummte – so, als wären sie seine älteren Geschwister.

    Er war neugierig, voller Fragen, voller Sehnsucht nach dem Unbekannten. Auf Lira-7 galt er als Träumer, einer, der nicht nur wissen wollte, wie etwas funktioniert, sondern auch, warum es schön ist. Vielleicht war es diese Mischung aus Neugier und Sehnsucht, die ihn irgendwann auf den Weg schickte, hinaus ins All.

    Seine Reise dauerte Jahrtausende. Aber für Xariel war Zeit nie das Entscheidende. Er sagte einmal: „Wenn ich die Sterne sehe, vergesse ich, wie lange ich unterwegs bin. Ich weiß nur: Jeder Stern ist ein Gruß meines Schöpfers.“

    Hier auf der Erde war er ein Fremder, ja – aber nie ein Feind. Die, die ihm begegneten, spürten: Er hatte Humor. Er konnte herzlich lachen, wenn er unsere Eigenheiten beobachtete. Wie wir Menschen uns wichtig nehmen, wie wir über Staus schimpfen, wie wir Kaffee brauchen, um morgens wach zu werden – das amüsierte ihn köstlich. Und doch war in seinem Lachen nie Spott, sondern eine zärtliche Verwunderung.

    Xariel lebte still und aufmerksam. Er liebte es, am Wasser zu sitzen und die Spiegelung des Himmels zu betrachten. Er war kein Kämpfer, kein Eroberer, sondern ein Sammler von Eindrücken. Er wollte verstehen. Und vielleicht – ja, das glaube ich – wollte er auch uns Menschen verstehen.

    Heute verabschieden wir ihn. Wir tun es mit einem Lächeln und mit einem Kloß im Hals. Denn dieser Besucher aus den Sternen hat uns gezeigt: Leben ist größer als wir ahnen.


    1. Gottes Universum ist größer als unser Denken

    Die Bibel beginnt schlicht: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ (Gen 1,1).
    Für die Menschen damals war das alles, was es gab. Für uns heute bedeutet es: Milliarden Galaxien, Sterne ohne Zahl – und Wesen wie Xariel.

    Oder wie es im Psalm heißt: „Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, vom Werk seiner Hände kündet das Firmament.“ (Ps 19,2).

    Vielleicht hätte man damals ergänzt: „Und auch ein Alien mit großen Augen und feinem Sinn für Humor.“


    2. Braucht ein Alien Erlösung?

    Eine theologische Frage mit Augenzwinkern: Musste Christus auch für Xariel Mensch werden?
    Ich glaube: Nein. Vielleicht war Xariel eines jener Geschöpfe, die nie die Nähe zu ihrem Schöpfer verloren haben. Während wir Menschen uns oft verlaufen – zwischen Ego, Krieg und Stau auf der Tangente – blieb er vielleicht immer in Freundschaft mit Gott.

    Und vielleicht war es genau sein Auftrag, uns daran zu erinnern, dass wir Kinder Gottes sind.


    3. Die Liebe hört niemals auf

    Der Apostel Paulus schreibt: „Die Liebe hört niemals auf“ (1 Kor 13,8).
    Das gilt über Planeten, über Galaxien, über die Grenzen unserer Fantasie hinaus.

    Wenn Gott uns liebt – mit all unseren Macken –, dann liebt er auch ein Alien. Und wenn wir uns vorstellen, dass Xariel jetzt mit den Engeln Sternenkarten spielt, dürfen wir ruhig schmunzeln. Gott hat Humor, da bin ich sicher.

    So dürfen wir vertrauen: Xariel ist heimgekehrt – nicht nur zu den Sternen, sondern in die Arme des Schöpfers, der uns alle verbindet.


    Liebe Trauergemeinde, wenn wir heute Abend in den Himmel schauen und einen Stern heller funkeln sehen als die anderen – vielleicht ist es Xariel, der uns zulächelt.
    Und vielleicht summt er uns noch immer sein Lied der Sterne.


    Über den Autor

    Was wäre, wenn ein Alien stirbt? Harald Preyer – Trauerredner in Wien – zeigt in einer ungewöhnlichen Trauerrede, dass Gottes Liebe das ganze Universum umfasst. Eine berührende, humorvolle und theologische Annäherung.

  • Aus Liebe nass geworden?

    Heute um 07:30 Uhr war die Sonne noch nicht so stark wie an den Tagen vorher. Ich saß in Yuliyas weißem Cabrio, das sie mir für diesen Tag geliehen hatte. Das Stoffdach war geöffnet, die Luft frisch, mein Herz voller Erwartung und auch ein wenig voller Sorge: Werde ich rechtzeitig ankommen? Habe ich alles mit, um die Trauerfeier für Andreas pünktlich um 09:00 Uhr am Friedhof Aspern zu halten?

    Auf der Bundesstraße, kurz vor der Autobahn, kam mir ein großes, orangenes Reinigungsfahrzeug der MA48 entgegen. Es spritzte mit viel Kraft Wasser über die gesamte Fahrbahn. Keine Chance zum Entkommen. Direkt vor mir stand die Wand aus Wasser. Ich dachte: Jetzt ist es soweit. Gleich bin ich waschelnass. War keine gute Idee, offen zu fahren. Im schwarzen Anzug. Und bald soll ich vor den Trauergästen stehen.

    Das Herz schlug schneller. Ich dachte mir in dem Moment nur: „Dein Wille  geschehe“.

    Diese Geschichte habe ich dann den Trauergästen bei der Einsegnungsfeier am Friedhof Aspern erzählt. Sie waren berührt – auch, weil Andreas selbst einige Jahre bei der MA48 als Straßenkehrer gearbeitet hatte. Das Bild passte so gut: Manchmal wäscht das Leben den Schmutz einfach weg. Und im rechten Moment trifft man dann die große Liebe. Die beiden waren 30 Jahre ein glückliches Paar. 

    Ich begrüßte die kleine Trauergemeinschaft – mit einem bewussten Händedruck, einem liebevollen Blick in die Augen und einem herzlichen „Grüß Gott!“ – besonders die Witwe, die Tochter und die Enkelin, deren Namen ich ja schon vom Vorgespräch kannte. Viele der Anwesenden wirkten nicht wie regelmäßige Kirchgänger. Umso schöner war es, dass die Enkelin sich die christliche Einsegnung gewünscht hatte. Ich hatte noch nasse Hände.

    Ich erzählte von Andreas’ Liebe zu den Tieren – und wie sehr auch die Tiere ihn geliebt hatten. Die Geschichte von dem Tascherl für den Urenkel, für das er quer durch die ganze Stadt gefahren ist. Ich berichtete von seiner Arbeit im Schottenstift als Reinigungskraft. Der Wirtschaftsdirektor hatte mir in einem Mail liebevoll von Andreas erzählt. Besonders rührend war die Anekdote, dass Andreas am liebsten mit der großen Reinigungsmaschine durch die Gänge gefahren sei – und dabei lachend sagte: „Heute führe ich den Porsche wieder aus.“ Solche Bilder öffneten die Herzen. Ich spürte: Ich war einer von ihnen. Meine Hände waren inzwischen trocken. Ich hatte sie mir gewaschen, weil ich vom Einlegen der Kohle in den Weihrauchkessel schwarz geworden war.

    Dann deutete ich die Namen der engsten Familien-Mitglieder:

    • Andreas – der erste Jünger, den Jesus gefunden hat. Andreas ist dann zu Petrus gegangen und hat ihm berichtet: „Ich habe den Herrn gesehen!“
    • Christl – erinnert uns an Christus, der die Liebe ist.
    • Daniela – Dan = Richter, Dani = Mein Richter, Daniel = Gott ist mein Richter
    • Michelle – kommt von Michael, dem Engel, der uns beschützt.

    Ich las die bekannte Stelle aus dem Johannesevangelium vor: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen … ich gehe, euch eine Wohnung zu bereiten.“ Genau das tun wir heute: Wir segnen ein neues Grab für Andreas. Und wir freuen uns, irgendwann und irgendwo Andreas in seiner neuen Wohnung wiederzusehen. Ob wir ihn gleich erkennen werden? Ob er uns alle gleich mit unseren Namen ansprechen wird, wenn wir einander in verklärten Körpern gegenüberstehen werden?

    Dann war der von mir sehr geschätzte Organist und Kollege als Trauerredner Tobias Cambensy so lieb und hat spontan gemeinsam mit mir „Ubi caritas“ (Wo Liebe ist und Güte,
    da wohnt Gott) angestimmt – nach der einfachen und bekannten Melodie aus Taizé. Wir haben über Liebe gesprochen: über die Liebe zwischen Menschen, zur Gemeinschaft und über Gottes Liebe zu uns, auf die wir uns immer verlassen können.

    Sehr bewegend waren die Fürbitten, die die Enkel- und Urenkel geschrieben hatten. Ich habe kurz erklärt, dass wir in Fürbitten Gott für jemanden um etwas bitten und wo zwei oder mehr in seinem Namen versammelt sind, da ist er mitten unter uns und erhört unsere Bitten. Er weiß zwar eh ganz genau, was wir brauchen. Aber er will es von uns hören. Er will, dass wir uns zu ihm und zu einander in Liebe bekennen. Deshalb sagen wir von ganzem Herzen zu Gott: „Vater, wir bitten dich, erhöre uns.“ Wir haben das einmal gemeinsam geübt. Alle haben zuerst zögerlich, dann voller Freude mitgemacht. 

    Am offenen Grab beteten wir gemeinsam das Vaterunser – das Gebet, das uns Jesus selbst geschenkt hat, und in dem wir Gott „Vater“ nennen dürfen. Zum Abschluss gaben wir uns alle den Friedensgruß: „Der Friede sei mit dir.“  Ich habe den Sarg und die Trauernden mit Weihwasser besprengt und gesegnet – nur in meiner weißen Albe – dem Kleid des getauften Christen. Die Menschen umarmten einander, Tränen und Lächeln mischten sich. 

    Nach der Einsegnung, zurück am Parkplatz, begegnete ich der Familie noch einmal. Sie waren gelöst, dankbar, voller Herzlichkeit und Wärme. Sie bedankten sich von Herzen und sagten: „Wir freuen uns schon auf Deine besondere Liebes-Führung durch den Stephansdom.“

    Ich verabschiedete mich noch herzlich von Michael, dem weisen Arrangeur, der mir schon im Frühjahr erlaubt hat, sein Bild auf meiner Homepage zu posten und ihn zu zitieren:
    „Schön, wenn Du zu uns kommst, Harald. Bei Dir ist es ganz anders. In den 40 Jahren, die ich da bin, habe ich selten so persönliche herzliche Feiern erlebt wie mit Dir.“

    Im Stephansdom, diesem wunderbaren Bauwerk, in das so viele Generationen ihre ganze Liebe zur Verherrlichung Gottes gelegt haben, werden wir uns wiedersehen. Wir werden hinauf gehen zur Orgelempore und Gott bitten, dass er uns hilft, einander noch aufmerksamer und liebevoller zu begegnen. Und vielleicht wird uns im Gebet Andreas begegnen – im Blick auf den Hochaltar oder in einem der vielen Säulenheiligen oder einfach in der Tiefe unserer Herzen.

    Es war vielleicht die Seele von Andreas oder ein guter Engel – vielleicht einer den die Enkelin Michelle geschickt hat: jedenfalls hat der aufmerksame Fahrer der MA48 unmittelbar, bevor ich nass geworden wäre, das Wasser seiner Reinigungsmaschine auf meiner Straßen-Seite abgeschaltet und mir lachend zugewinkt.

    Danke, lieber MA48-Mitmensch für Deine Achtsamkeit!


    Einige Tage nach dieser Trauerrede habe ich von der Enkelin von Andreas folgende WhatsApp Nachricht bekommen:

    Die Trauer rede war wirklich toll. Die Familie hat sie als sehr aufbauen empfunden und als anders als bei den anderen Beerdigungen. Im positiven Sinne. Danke dafür 🤗

    Lg
    Michelle

  • Hoffnung bleibt

    „Hoffentlich“ – ein Wort, das wir oft sagen. Vor einer Operation, vor einem Gespräch, in Zeiten der Unsicherheit.
    Manchmal mischt sich Angst hinein, manchmal die Erinnerung an Enttäuschungen.

    Und doch gibt es eine Hoffnung, die weiter trägt.
    Eine Hoffnung, die größer ist als Sorgen und stärker als der Tod.
    Sie sagt: Alles, was an Liebe, Güte und Menschlichkeit gelebt wurde, bleibt.
    Es geht nicht verloren.

    „Auferstehung“ bedeutet: Der letzte Satz unserer Geschichte heißt nicht „Ende“, sondern „Weiter“.
    Diese Hoffnung ist ein Geschenk. Sie schenkt Geborgenheit, Sinn und Perspektive – schon heute.

    Darum dürfen wir sagen:
    Unsere Verbindung bleibt.
    Die Liebe bleibt.
    Und das Wiedersehen kommt – in einer Wirklichkeit, in der wir einander wieder in die Arme schließen.


    2. Lesung am Hochfest Mariä Aufnahme in den Himmel

    Schwestern und Brüder! Christus ist von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen.

    Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist, kommt durch einen Menschen auch die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.

    Es gibt aber eine bestimmte Reihenfolge: Erster ist Christus; dann folgen, wenn Christus kommt, alle, die zu ihm gehören. Danach kommt das Ende, wenn er jede Macht, Gewalt und Kraft entmachtet hat und seine Herrschaft Gott, dem Vater, übergibt.

    Denn er muss herrschen, bis Gott ihm alle Feinde unter seine Füße gelegt hat. Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod. Denn: Alles hat er seinen Füßen unterworfen.

    1 Kor 15, 20–27a

  • Der Abend kommt

    Der Abend kommt, die Nacht zieht Kreise,
    und immer schwächer wird das Licht.
    Der Tag ist müde, legt sich schlafen,
    und Morgen ist noch nicht in Sicht.
    Doch fängt das Dunkel uns auch ein,
    Gott wird ganz sicher bei uns sein.

    Wenn wir in höchsten Nöten leben,
    in tiefster Nacht das Ende sehn,
    wenn nichts und niemand mehr uns tröstet,
    wird Gott uns doch zur Seite stehn.
    In jeder Finsternis, die droht,
    ist Gott bei uns, teilt unsre Not.

    In allen Ängsten, jeder Leere,
    ist Gott bei uns und hüllt uns ein.
    Wenn Dunkelheit auch lange dauert,
    wird Gott noch länger bei uns sein,
    und jeder Nacht, die auch anbricht,
    schreibt Gott die Hoffnung ins Gesicht.

    Gott nimmt uns zärtlich in die Arme,
    in jedem Menschen, der uns liebt,
    in jedem Wort, das uns begleitet,
    in jedem Blick, der Aussicht gibt.
    Denn allen Sorgen dämmert Gott
    und weckt uns auf im Morgenrot.

    Text: Thomas Laubach, Musik: Karl-Bernhard Hüttis, aus: Ruhama-Chorbuch, erweiterte Auflage, 2009, alle Rechte im tvd-Verlag Düsseldorf – GL 704 (Anhang Hamburg, Hildesheim, Osnabrück)

  • Gott liebt auch die Namenlosen

    Denn bei IHM ist niemand verloren. Jeder Mensch ist ein Gedanke Gottes, jede Seele verzeichnet im Himmel – selbst wenn kein Grabstein den Namen trägt.

    Am Rande des Wiener Hafens, versteckt hinter Bäumen und Bahngleisen, liegt ein Ort, der leise vom Leben erzählt: der Friedhof der Namenlosen.

    Hier ruhen Menschen, die einst von der Donau an Land gespült wurden – ohne Namen, ohne Angehörige, ohne Abschied. Und doch nicht vergessen.

    Es ist berührend, dass die Stadt Wien diesen Ort bewahrt und ihn bewusst wild belässt. Das Gras darf wachsen, die Blumen blühen, die Natur darf erzählen.

    Denn dieser Ort erinnert:
    an die Vergänglichkeit des Lebens,
    an die stille Macht des Wassers,
    und an die Hoffnung, dass am Ende die Liebe bleibt.

    Der ursprüngliche Friedhof der Namenlosen wurde längst vom Auwald zurückgenommen. Auch das ist eine Wahrheit:
    Die Natur holt sich alles zurück – nur nicht die Liebe.

  • Warum glauben?

    Ein Dialog über das göttliche Wort, das aus dem Schweigen kommt – und über ein gelingendes Leben

    Am 12. Mai 2025 trafen in Wien zwei geistige Schwergewichte aufeinander: Bruder David Steindl-Rast, Benediktinermönch, Mystiker und Brückenbauer zwischen Ost und West, und Professor Matthias Beck, Arzt, Theologe und Gesundheitsphilosoph. Im Zentrum ihres Dialogs stand die Frage: Warum glauben? Und damit verbunden: Wie kann ein Mensch in dieser zerrissenen Welt sinnvoll, heilsam und glücklich leben?

    Der Glaube – kein Besitz, sondern Beziehung

    Für beide Gesprächspartner ist klar: Glaube ist kein Für-wahr-Halten von Dogmen, sondern ein Vertrauen, ein Sich-Einlassen auf das Geheimnis hinter allem Sichtbaren. Bruder David spricht lieber vom „großen Du“ als von „Gott“, weil das Wort zu oft missverstanden werde. Glaube bedeute, der Beziehung zu allem, was ist, zuzustimmen – ein Ja zum Leben selbst.

    Matthias Beck bringt die Dimension der Vernunft ein: Glaube sei rational verantwortbar, müsse aber immer in gelebter Erfahrung wurzeln. Er warnt vor einem Glauben, der sich in Moral erschöpft, ohne Transformation zu bewirken. Der Mensch sei zur Vergöttlichung bestimmt – ein Begriff aus der frühen Kirche, der heute wieder an Kraft gewinnt.

    Das göttliche Wort – aus dem Schweigen geboren

    Einer der berührendsten Momente des Gesprächs ist Bruder Davids Bezug auf eine Bibelstelle aus dem Buch der Weisheit:

    „Als tiefes Schweigen alles umfing und die Nacht bis zur Mitte gelangt war, da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel, vom königlichen Thron herab.“
    – Weisheit 18,14–15

    Dieses Bild – das göttliche Wort, geboren im tiefsten Schweigen der Nacht – steht für einen radikalen Perspektivwechsel: Das Entscheidende geschieht nicht im Lärm der Welt, sondern in der Stille. Es ist diese Tiefe, aus der authentisches Leben entsteht.

    Bruder David formuliert es so:

    „Nicht ein Wort, das das Schweigen bricht, sondern ein Wort, in dem das Schweigen zu Wort kommt.“

    Ein Satz, der sich einprägt – und zugleich erinnert an das „Wort, das Fleisch wurde“ (Joh 1,14). Mystik und Fleischlichkeit, Ewiges und Jetzt, berühren sich.

    Wer ist Jesus – und warum ist er heute noch entscheidend?

    Beck betont die Auferstehung als Dreh- und Angelpunkt des christlichen Glaubens: „Wenn Christus nicht auferstanden ist, dann ist euer Glaube nutzlos“ (vgl. 1 Kor 15). Für ihn ist Jesus die persongewordene Hoffnung – Gott, der in die Wunden der Welt hinabsteigt, um sie zu heilen.

    Bruder David bleibt offener: Für ihn ist Jesus das Modell einer gottverbundenen Lebensweise, deren Kraft nicht durch historische Beweise, sondern durch gelebte Erfahrung spürbar wird. Das „Christusbewusstsein“, wie er es nennt, könne auch heute in jedem Menschen lebendig werden.

    Was empfehlen die beiden für ein glückliches Leben?

    1. Dankbarkeit üben
    Bruder David nennt sie den Königsweg zu Glück und Erfüllung:

    „Nicht die Glücklichen sind dankbar – die Dankbaren sind glücklich.“

    2. Die Stille suchen
    In einer Welt voller Lärm sei es heilsam, täglich still zu werden, um das „Wort im Schweigen“ zu hören.

    3. Beziehungen pflegen
    Gott ist Beziehung – und der Mensch wird nur heil in Beziehung: zu sich, zu anderen, zur Welt, zu Gott.

    4. Vertrauen wagen
    Beck nennt Vertrauen das „Fundament des Lebens“ – medizinisch, philosophisch, geistlich. Wer vertraut, lebt gesünder, tiefer, hoffnungsvoller.

    5. Der Liebe trauen
    Beide stimmen überein: Die Liebe ist kein Gefühl, sondern eine Entscheidung – das gelebte Ja zur Zugehörigkeit.


    Fazit

    Der Abend ist keine theologische Schulstunde, sondern ein spiritueller Kompass: Glaube bedeutet nicht das Akzeptieren fertiger Antworten, sondern das mutige Gehen eines Weges. Ein Weg, der leise beginnt – im Schweigen der Nacht, in der ein göttliches Wort aufbricht, um neu Mensch zu werden. In uns.

  • Nachruf auf Felix?

    Als christlicher Trauerredner hätte ich auch auf Felix Baumgartner einen Nachruf gesprochen, der den Hinterbliebenen Hoffnung und Trost spendet. Nach ausführlichen Gesprächen mit den Trauernden und einigen Stunden des aufmerksamen Zuhörens war das bisher immer möglich. Die aufrichtige Anteilnahme ist meinem Glauben und meiner Profession geschuldet. Gott verurteilt Taten, die der Liebe widersprechen aber er liebt alle Menschen – bedingungslos und aus reiner Gnade.

    Felix Baumgartner kam am 17. Juli ums Leben.imago/ZUMA Press Wire / Kyle Gustafson

    Persönlich interessiert mich die Frage: „Welche Werte haben wir als Gesellschaft geopfert? Warum schauen sich Menschen einen Sprung aus dem Weltall überhaupt an? Was fasziniert uns, wenn Grenzgänger gegen hohe Gagen den Tod herausfordern?“ Das ist für mich keine moralische Frage. Ich frage ganz utilitaristisch. Welche andere Befriedigung, welchen Genuß haben wir verlernt, wenn wir uns daran berauschen können?

    Eine romantische Operette von Emmerich Kálmán, ein gelungenes Risotto mit Shrimps, Liebe machen mit meiner Frau, ein Spaziergang beim Morgenaufgang oder eine gute Predigt in einer Messe im Stephansdom geben mir mehr als der Sprung eines Stuntman in Überschallgeschwindigkeit.

    Den letzten meiner zehn Geschenklinks für Juli teile ich gerne für diesen sprachlich und inhaltlich großartigen „Nachruf“ von Sebastian Stier in der ZEIT.

  • Es gibt Dich

    Dein Ort ist
    wo Augen dich ansehn.
    Wo sich die Augen treffen
    entstehst du.

    Von einem Ruf gehalten,
    immer die gleiche Stimme,
    es scheint nur eine zu geben
    mit der alle rufen.

    Du fielest,
    aber du fällst nicht.
    Augen fangen dich auf.

    Es gibt dich,
    weil Augen dich wollen,
    dich ansehn und sagen
    dass es dich gibt.

    Hilde Domin (1909–2006), aus: dies., Gesammelte Gedichte, © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1987, 208