Kategorie: Gedanken

  • Das Dilemma des Heinz – und die Frage nach dem Leben

    Von Harald R. Preyer

    Eine Frau liegt im Sterben. Ein Mann will sie retten. Ein Apotheker verlangt den Preis des Lebens. Und die Moral? Sie steht ratlos daneben. Und wenn es im Heinz-Dilemma gar nicht um Ethik ginge?


    Der Psychologe Lawrence Kohlberg entwarf in den fünfziger Jahren eine Versuchsanordnung, die bis heute in Ethikseminaren zitiert wird: das Heinz-Dilemma.
    Eine Frau leidet an einer tödlichen Krankheit. Es gibt ein Medikament, das helfen könnte, doch der Apotheker verlangt das Zehnfache seiner Kosten. Der Ehemann Heinz bittet, verhandelt, fleht – vergeblich. Schließlich überlegt er, ob er einbrechen und das Mittel stehlen soll.

    Soll er?

    Kohlberg wollte mit dieser Frage nicht Moral lehren, sondern Moral messen. Entscheidend war nicht, was jemand antwortet, sondern warum.
    Wer sagt: „Er darf nicht stehlen, sonst kommt er ins Gefängnis“, denkt anders als jemand, der meint: „Ein Menschenleben zählt mehr als Eigentum.“ Moral, so Kohlberg, entwickelt sich in Stufen – von der Furcht vor Strafe bis zur Einsicht in universelle Werte.


    Wenn das Medikament nicht heilt

    Doch in dieser berühmten Versuchsanordnung fehlt eine entscheidende Unbekannte:
    Was, wenn das Medikament gar nicht hilft?
    Wenn es nur das Leiden verlängert – oder das Sterben?

    Dann verschiebt sich der moralische Brennpunkt.
    Dann geht es nicht mehr darum, ob Heinz das Richtige tut, sondern was „richtig“ überhaupt heißt.

    Ist Leben immer der höchste Wert? Oder wird es erst durch Sinn und Liebe heilig?

    In solchen Momenten reicht die Vernunft nicht mehr.
    Sie macht Platz für das Ringen des Herzens, das nicht loslassen kann – selbst wenn Loslassen der letzte Liebesdienst wäre.


    Zwischen Gesetz und Gnade

    Vielleicht liegt Heinz’ wahres Dilemma gar nicht im Gesetz, sondern im Glauben.
    Nicht, ob er einbrechen darf, sondern ob er glaubt, das Leben seiner Frau liege in seinen Händen.
    Und vielleicht liegt das Unrecht nicht beim Apotheker, sondern in der Logik, mit der wir Leben bemessen – als wäre es handelbar, verlängerbar, verfügbar.

    Was ist der Wert eines Menschenlebens, wenn es zugleich unbezahlbar und unhaltbar ist?


    In Gottes Zeit

    Am Ende werden wir alle vorausgehen.
    Für manche von uns leben unsere Seelen weiter.
    Und wir werden uns wieder umarmen – in Gottes Zeit.

    Dieses Vertrauen ist Gnade und verwandelt das Dilemma.
    Nicht zu einer Lösung, sondern zu einem Trost.
    Denn wenn Heilung nicht mehr im Diesseits liegt, wird das Stehlen sinnlos – und die Liebe heilig.

    Heinz bleibt Mensch – zwischen Hoffnung und Hingabe.
    Und Gott bleibt Gott – jenseits aller Rechnungen.


    Über den Autor:
    Harald R. Preyer ist Coach, geistlicher Begleiter und Trauerredner in Wien. Er begleitet Menschen an Lebenswenden .

  • Ist unser Schicksal vorherbestimmt?

    Impuls von P. Johannes Paul Abrahamowicz, OSB bei den 2. Wiener Ganserlessen-Dialoge am 6. November 2024.

    Wir sind alle berufen – zur Liebe, zum Fest des Lebens

    Das Thema vom letzten Mal war – und es ist gut angekommen – Himmel, Fegefeuer, Hölle. Fast hätten wir es heute wieder nehmen können, weil so viele andere da sind. Heute aber geht es um die Frage: Wie ist das überhaupt mit dem Schicksal, mit der Vorherbestimmung? Gibt es so etwas?

    Damit ist nicht gemeint, dass eine schwarze Katze von rechts oder Scherben Glück bringen. Nein – gemeint ist der große Lebensweg. Und da taucht immer wieder die Frage auf: Gibt es eine Vorherbestimmung oder nicht?
    Ich möchte ganz klar sagen: Ja, es gibt sie. Und zwar eine sehr positive.

    Jesus erzählt ein wunderbares Gleichnis – das Gleichnis vom Hochzeitsmahl.
    Ein Mann lädt zur Hochzeit ein, lässt alles vorbereiten und schickt dann seine Diener zu den Eingeladenen: „Kommt, es ist alles bereit!“ Aber sie kommen nicht. Manche behandeln die Boten sogar schlecht.
    Da lässt der Hausherr schließlich alle einladen, die er irgendwo findet – auf den Straßenecken, einfach alle. Und der Hochzeitssaal füllt sich – von Guten und Bösen, Reichen und Armen.

    Dann kommt der Hausherr herein, schaut sich alle Gäste an – und plötzlich sieht er einen, der kein Hochzeitsgewand trägt.
    Er fragt ihn: „Freund, wie konntest du so erscheinen?“
    Der Mann ist sprachlos – und wird hinausgeworfen in die äußerste Finsternis.
    Dann sagt Jesus den bekannten Satz:

    „Viele sind berufen, aber nur wenige sind auserwählt.“

    Ich habe diesen Satz lange nicht verstanden. Warum wird der arme Kerl hinausgeworfen? Vielleicht war er ja wirklich arm und hatte kein Gewand?
    Erst viel später habe ich die Erklärung gefunden – auch dank der Begegnung mit Menschen aus anderen Kulturen.
    Denn in arabischen und orientalischen Ländern ist es bis heute üblich, dass man mit der Einladung zur Hochzeit auch das Hochzeitsgewand bekommt – entweder bezahlt oder symbolisch zur Verfügung gestellt.

    Wenn also jemand ohne dieses Gewand erscheint, heißt das: Er hat die Einladung nicht wirklich angenommen.
    Er wollte das Fest – aber nicht die Beziehung.

    Und das ist der Kern des Gleichnisses.
    Alle sind eingeladen. Alle sind vorherbestimmt – zu einem glücklichen, festlichen Mahl.
    Aber ob wir die Einladung annehmen, liegt an uns.

    Unsere große Vorherbestimmung ist das ewige Glück, das Fest der Liebe, das Reich Gottes. Nicht das kleine Aberglauben-Schicksal – Spinnen, Scherben, Glücksbringer – sondern das große Ziel: die Liebe.

    Das Hochzeitsgewand steht für die Bereitschaft, Liebe zu empfangen.
    Und wer glaubt denn nicht an die Liebe – als höchste Instanz im Leben?
    In dieser Liebe, die keine Bedingungen stellt, sind wir alle berufen.
    Das ist unsere Vorherbestimmung.

    Ich bin fest davon überzeugt: Wir alle sind bestimmt zum Glück, zum Leben in der Liebe Gottes – und das dürfen wir schon jetzt, in jeder Eucharistiefeier, vorauskosten.

    Und solange sich das Ganserl heute seinem Schicksal hingibt, dürfen wir dankbar sein, dass unser Schicksal ein anderes ist – ein gutes, liebevolles Schicksal.

    Guten Appetit – und später bei der Nachspeise können wir gern noch Fragen stellen.

    Kurz-Summary

    P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB deutet das Gleichnis vom Hochzeitsmahl als Bild unserer positiven Vorherbestimmung: Jeder Mensch ist eingeladen zum Fest der Liebe Gottes. Das „Hochzeitsgewand“ steht für die innere Bereitschaft, diese Liebe anzunehmen. Nicht Zufall oder Aberglaube bestimmen unser Leben, sondern Gottes Einladung zum Glück – die wir nur annehmen müssen.

  • Die Musik berührt meine Seele

    „Wir wissen, dass die Seele etwas Feinstoffliches, Besonderes, Transzendentes ist und sich nicht mit den Gesetzen der Physik erfassen lässt.“

    (Aus: 365 Tao – Meditationen für jeden Tag des Jahres, Tag 308)

    Für mich ist die Seele eines Menschen das, was ihn oder sie einzigartig macht.
    Sie ist die leise Kraft, die uns berührt, wenn Worte fehlen.
    Sie lebt weiter, wenn ein geliebter Mensch stirbt – in unseren Herzen.
    Und sie wird wieder „Körper“ – in Gottes Zeit.

  • Der heiligste Adventkalender

    Wie alles begann

    Mein Freund P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB, Priester-Mönch im Stift Göttweig, hat vor einigen Jahren eine kleine WhatsApp-Gruppe gegründet. Sie heißt Vox Populi.

    Dort können wir Laien Fragen zum Evangelium des kommenden Sonntags stellen.
    Johannes Paul antwortet entweder direkt in der Gruppe – oder greift unsere Fragen in seiner Predigt auf. Manchmal sind es auch einfach Fragen, die gar keine Antwort brauchen
    Am jeweiligen Sonntag schickt er dann seine Predigt als Audio-Datei in den Chat.

    Für mich ist das zu einem liebgewordenen Ritual geworden:
    Am Sonntagnachmittag höre ich diese Predigt, oft mehrmals.
    Manchmal schreibe ich sie ab und veröffentliche sie auf meiner Seite, um sie mit anderen zu teilen, die nach dem Evangelium des Lebens fragen.


    Der Gedanke des „heiligsten Adventkalenders“

    Am Allerheiligentag 2025 sprach Johannes Paul in seiner Predigt vom „heiligsten Adventkalender“.
    Dieser Ausdruck blieb in mir – einfach, leuchtend, klar.

    Ich schickte ihm den Link zur Transkription seiner Predigt.
    Er antwortete mit einer kurzen Nachricht, ohne Kommentar oder Zusatz – nur mit einem Text, der alles enthielt.
    So entstand der Adventkalender, den ich heuer leben möchte.


    Der Originaltext von Johannes Paul

    1. 4. / 7. / 10. / 13. / 16. / 19. / 22. Dezember

    Mt 5,5

    Μακάριοι οἱ πραεῖς.

    Makárioi hoi pra e is.

    Glückselig, die mild handeln.

    Falls du heute mild denkst, schaust, sprichst oder handelst,
    dann wird dich heute Jesus für diesen Augenblick heilig sprechen.

    2. 5. / 8. / 11. / 14. / 17. / 20. / 23. Dezember

    Mt 5,7

    Μακάριοι οἱ ἐλεήμονες.

    Makárioi hoi ele emones.

    Glückselig, die barmherzig handeln.

    Falls du heute mit jemandem im Herzen Erbarmen hast und ihm hilfst,
    jemandem ein Vergehen verzeihst,
    jemandem Barmherzigkeit erweist,
    dann wird dich heute Jesus für diesen Augenblick heilig sprechen.

    3. 6. / 9. / 12. / 15. / 18. / 21. / 24. Dezember

    Mt 5,9

    Μακάριοι οἱ εἰρηνοποιοί.

    Makárioi hoi eirenopoioi.

    Glückselig, die Frieden stiften.

    Falls du heute trotz einer brenzligen Situation Frieden im Herzen hast und bewahrst,
    friedlich reagierst, Frieden stiftest
    und dein Herzensfrieden durch Taten sichtbar wird,
    dann wird dich heute Jesus für diesen Augenblick heilig sprechen.


    Warum ich diese Form der Advent-Vorbereitung gewählt habe

    Ich wollte heuer keinen Advent voller Aufgaben, sondern einen, der mich stiller macht.
    Ich habe für mich beschlossen, diesen Text in den Rhythmus des Angelusläutens einzubetten.

    Die Kirche gegenüber – St. Benedikt am Leberberg – läutet um 6:00, 12:00 und 18:00 Uhr.
    Zu diesen Stunden will ich mich erinnern lassen:

    • Morgens – Milde:
      Heute darf ich sanft sein – mit mir selbst und mit anderen.
    • Mittags – Barmherzigkeit:
      Heute will ich verzeihen und helfen, wo mein Herz gerührt ist.
    • Abends – Frieden:
      Heute darf ich den Tag in Frieden loslassen.

    Dreimal am Tag ein kurzer Moment, eine bewusste Pause –
    und jedes Mal dieselbe Zusage:

    „Dann wird dich heute Jesus für diesen Augenblick heilig sprechen.“


    Wie man diesen Adventkalender leben kann

    Dieser Adventkalender will nicht geöffnet, sondern gelebt werden.
    Er besteht nicht aus Schokolade, sondern aus Erinnerung.

    Es gibt verschiedene Weisen, ihn zu gestalten. Hier sind nur drei davon.

    • Die JP-Variante:
      Folge den Tagen, wie Johannes Paul sie angelegt hat –
      die drei Seligpreisungen wechseln sich alle drei Tage ab.
      So entsteht ein stiller Dreiklang aus Milde, Barmherzigkeit und Frieden.
    • Die HRP-Variante:
      Verbinde die drei Haltungen mit dem Läuten des Angelus
      um sechs, um zwölf und um sechs.
      Wenn die Glocken erklingen, halte kurz inne, atme, erinnere dich.
    • Eine dritte Möglichkeit:
      Verbinde jedes Kreuzzeichen im Advent mit diesen drei Worten.
      Beim Segnen, beim Entzünden einer Kerze, beim Gebet,
      beim Abschiednehmen:
      „Milde.“ – „Barmherzigkeit.“ – „Frieden.“

    So wird selbst die kleinste Geste zum Adventfenster, das sich nach innen öffnet.


    Ein Advent der kleinen Heiligkeit

    Vielleicht ist das der Sinn dieses heiligsten Adventkalenders:
    nicht mehr zu tun, sondern anders zu sein.
    Nicht auf Weihnachten zuzulaufen, sondern es einzuatmen.

    Heiligkeit ist kein Zustand,
    sie geschieht für einen Augenblick –
    wenn wir mild, barmherzig oder friedlich sind.

    „Dann wird dich heute Jesus für diesen Augenblick heilig sprechen.“

  • Himmel und Hölle

    1. Wiener Ganserlessen-Dialoge am 8. November 2023
    Impuls von P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB

    „Der Himmel fängt auf der Erde an.“

    Diesen Satz seines Vaters stellte P. Johannes Paul an den Beginn seines zwölfminütigen Impulses – und er zieht sich als roter Faden durch seine Gedanken zu Himmel, Hölle und Fegefeuer.

    Wir alle wüssten, was Himmel ist: wo alles passt.
    Doch der Mensch hat – anders als das Tier – einen freien Willen.
    Darum kann er sich auch gegen etwas entscheiden, sogar gegen die Liebe selbst.
    Weil Gott die Liebe ist, hat der Mensch – philosophisch gesehen – das Recht, dass es die Hölle gibt.

    Was aber ist die Hölle?
    Nicht ein Ort, an dem Gott nicht ist – denn Gott ist allgegenwärtig.
    Sondern: Die Gegenwart Gottes ist für jene, die ihn ablehnen, unerträglich.
    Darum ist das Feuer der Hölle in Wahrheit die Flamme der göttlichen Gegenwart – dieselbe Flamme, die in der Schrift als brennender Dornbusch, als Feuersäule in der Nacht oder als Licht der Osterkerze erscheint.

    Das Fegefeuer wiederum ist kein Strafort, sondern eine Läuterung aus Liebe.
    „Fegen“ heißt reinigen, und das Feuer steht wieder für Gottes liebende Nähe.
    So wie Gold im Feuer geläutert wird, so wird auch der Mensch gereinigt – nicht vernichtet, sondern veredelt.

    Ein Beispiel:
    Wer plötzlich mit dem Rauchen aufhört, spürt Schmerzen des Abgewöhnens.
    Ähnlich ist es, wenn man begreift, wie sehr Gott liebt – und erkennt, wo man selbst lieblos war.
    Diese Reue ist schmerzhaft, aber heilend.
    Das ist das Fegefeuer – die reinigende Liebe Gottes, die schon auf Erden beginnen kann.

    Am Ende seines Impulses schloss P. Johannes Paul mit einem Lächeln:
    „Die Gans hat fertig gebrutzelt – aber schon als Tote. Nachher reden wir weiter beim Essen.“


    🕊️ Zusammenfassung

    Der Mensch ist frei – nicht vorherbestimmt.
    Diese Freiheit macht ihn fähig, sich für oder gegen die Liebe zu entscheiden.
    Himmel, Hölle und Fegefeuer sind keine geografischen Orte, sondern Ausdruck dieser Beziehung zur göttlichen Liebe.
    Himmel: gelebte Einheit mit Gott.
    Hölle: dieselbe Gegenwart Gottes – aber unerträglich für jene, die sie ablehnen.
    Fegefeuer: Läuterung durch Liebe.

  • Der Ehering

    Heute im Stephansdom erzählte Dr. Richard Tatzreiter, Regens des Wiener Priesterseminars, eine Geschichte, die mich nicht loslässt:

    Eine Ordensschwester durfte anlässlich ihrer ewigen Profess einen Ring wählen – entweder einen alten aus dem Kloster oder einen neuen.
    Sie entschied sich für einen neuen und ging – in Zivil – zu einem Juwelier in der Wiener Innenstadt.

    „Was darf es sein?“, fragte der.
    „Ein Ehering“, sagte sie.
    Er blickte überrascht. „Sie wollen einen Ehering?“
    „Ja.“
    „Mit Gravur?“
    „Ja. Bitte: Resurrectio mortuorum.“

    Der Juwelier, offenbar des Lateinischen mächtig, runzelte die Stirn:
    „Ihr Bräutigam ist also von den Toten auferstanden?“
    Sie lächelte: „Ja.“

  • 🌈 Allerseelen – der Himmel auf Erden

    Ja – Gott liebt mich.
    Ich erkenne es in dem, was andere „Zufall“ nennen.

    Im späten Kennenlernen von Yuliya –
    auf einem Flug nach Venedig,
    als ich innerlich schon auf dem Weg ins Jenseits war.
    In den Jahren ohne Beschwerden nach einer 
    Notoperation wegen Darmkrebs in Kiew.
    Oder im einfachen Geschenk eines freien Parkplatzes,
    wo sonst nie einer zu finden ist.

    Ich weiß:
    Nichts davon ist selbstverständlich.
    Alles ist Zuwendung.
    Ein stilles Zeichen der Gegenwart Gottes –
    wie ein leiser Gruß aus dem Himmel, mitten im Alltag.

    🌈
    Der Regenbogen erinnert mich daran:
    Gott hat seinen Bund mit uns nicht aufgehoben.
    Er spannt ihn immer wieder neu – über Leid und Freude,
    über Tod und Leben,
    über das, was war, und das, was kommt.

    An Allerseelen spüre ich diese Nähe besonders.
    Wir denken an jene, die uns vorausgegangen sind,
    und zugleich ahnen wir:
    Der Himmel ist nicht fern.
    Er berührt uns in allem, was von Liebe durchdrungen ist –
    im Gedenken, im Gebet, im stillen Dank.

    Gott liebt mich.
    Und diese Liebe ist der Grund, warum ich glauben kann.
    Aber sie will mehr als nur geglaubt werden.
    Sie will Antwort –
    nicht aus Angst oder Pflicht,
    sondern aus Dankbarkeit.

    Wer diese Liebe wirklich annimmt,
    wird verwandelt.
    Er wird sanft, barmherzig, friedensstiftend –
    nicht aus eigener Anstrengung,
    sondern weil Gott in ihm lebt.

    So geschieht Himmel auf Erden:
    in einem freundlichen Wort,
    in einem Moment der Vergebung,
    in einem stillen Frieden,
    den niemand erklären kann.

    Darum genügt der Glaube –
    wenn er lebendig bleibt.
    Ein Glaube ohne Liebe bleibt leer,
    ein Glaube mit Liebe trägt den Himmel schon in sich.

    🌈
    Wie ein Regenbogen nach dem Regen:
    Er spannt sich über alles Vergängliche hinweg
    und lässt ahnen,
    dass Gottes Liebe das letzte Wort hat.

    Oder, wie Augustinus sagt:

    „Liebe – und tu, was du willst.“

  • Filet Wellington

    Heute – zu Allerheiligen – wurden wir von einem lieben Geschwisterpaar zum Dank für die feierliche Einsegnung ihrer Mutter eingeladen. Der Sohn hat mich als „Drei Hauben Trauerredner“ bezeichnet.

    Die rüstige Dame ist mit 97 Jahren verstorben. Zwei Jahre zuvor hatte sie mir noch persönlich erzählt, wie sie sich ihr Begräbnis wünscht – mit Weihwasser, Liedern, Bibeltexten, Fürbitten, Weihrauch und einer liebevollen Trauerrede. Dazu hat sie mir einen handgeschriebenen Lebenslauf, voll kleiner Episoden aus ihrem reichen Leben übergeben. Wir haben dann mehrere Stunden miteinander gesprochen. Es war ein großes Vergnügen, ihr zuzuhören.

    Ich habe die Einsegnung dann genau wie Sie sich das gewünscht hat in der weißen Albe des getauften Christen mit Kreuzträger, Ministranten, Weihrauch und wunderbarer Musik gestaltet. Angehörige und Gäste waren berührt, dankbar und hoffnungsfroh.

    Schon Jahre vorher – zu ihrem 90. Geburtstag – hatte sie uns ein Filet Wellington servieren lassen. Damals ahnte ich nicht, dass sie selbst die Köchin war.

    Auch heute gab es dieses besondere Gericht – diesmal als Rehfilet, meisterhaft zubereitet vom wunderbaren Peter Zinter.

    Nach dem Essen setzte sich Christian Werner, der sympathische Wirt des Stern, kurz zu uns.

    Er erzählte:

    „Ich habe 18 Jahre lang als Küchenchef dieses Haus aufgebaut. Die zwei Hauben kommen von mir. Vor zwei Jahren habe ich mir Peter als Spitzenkoch geholt – und kümmere mich seither noch intensiver um die Gäste. Dieses Jahr hat uns das die dritte Haube und die Auszeichnung als bestes Beisl von Simmering gebracht.“

    Seine Freude und Leidenschaft haben mich berührt.

    Und irgendwie hat mich dieser Tag bestärkt – auf meinem eigenen Weg als „Drei Hauben Trauerredner“.

  • Allerheiligen – Ankommen im Licht

    Am Beginn des dunklen Monats November leuchtet Allerheiligen wie ein Versprechen auf. Wir feiern alle, die vollendet sind in Gottes Licht – die bekannten Heiligen ebenso wie die unzähligen stillen Menschen, die durch Güte, Hingabe und Liebe Zeugnis ihres Glaubens gegeben haben.
    Allerheiligen erinnert uns daran, dass Heiligkeit kein exklusiver Titel ist, sondern eine Richtung: hin auf Gott. Wer liebt, heilt. Wer vergibt, heiligt. Wer in dunklen Zeiten das Gute sucht, leuchtet schon jetzt im Glanz der Ewigkeit.

    Das Hochfest Allerheiligen hat seine Wurzeln in der frühen Kirche, als man der Märtyrer gedachte. Heute gilt der Tag allen, die uns im Glauben vorangegangen sind. Ihr Leben ist nicht vergangen, sondern verwandelt – in eine Gegenwart bei Gott.

    Hilde Reiser, „Licht“, Acrylfarben auf Papier, 73 × 52 cm, 2012, Privatbesitz © Rechtenachfolge

    Die Kunst der Malerin Hilde Reiser (1929–2019) gibt diesem Geheimnis eine Form: Ihr Bild „Licht“ zeigt Menschen, die sich aus der Dunkelheit in einen leuchtenden Strudel des Lebens ziehen lassen. Der Sog der Farben erinnert daran, dass wir alle auf dieses Licht hin unterwegs sind. Allerheiligen feiert diese Bewegung – das Aufstehen, das Ankommen, das Heimkehren.

    So ist dieser Tag kein Tag der Trauer, sondern der Hoffnung. Wir sind verbunden mit denen, die das Ziel schon erreicht haben – und zugleich gerufen, in unserem Alltag Spuren dieses Lichts zu hinterlassen.

  • Süßes oder Saures? – Jedenfalls siegt die Liebe

    Wenn der Herbst sich neigt, rückt eine besondere Zeit des Jahres heran: Tage zwischen Nebel und Licht, zwischen Erinnerung und Hoffnung. Vier Feste liegen nun eng beieinander – und sie erzählen, jedes auf seine Weise, vom Leben, vom Tod und von der Liebe, die beides verbindet.

    Wien, am 31.10.2025, Harald R. Preyer

    Halloween – der Abend der offenen Grenze

    Am 31. Oktober feiern viele Menschen Halloween, den „All Hallows’ Eve“, also den Abend vor Allerheiligen. Ursprünglich war dies das keltische Samhain-Fest, das den Übergang in die dunkle Jahreszeit markierte. Man glaubte, in dieser Nacht könnten die Seelen der Verstorbenen zur Erde zurückkehren. Um ihnen wohlgesinnt zu sein, stellte man Speisen vor die Türen – Zeichen der Achtung und des Gebets.

    Später entstand in Irland und England daraus das sogenannte „Souling“: Kinder und Arme zogen von Haus zu Haus, baten um kleine Gaben und versprachen, für die Verstorbenen der Familie zu beten. Das amerikanische „Trick or Treat“ – „Süßes oder Saures“ – ist die spielerische Fortsetzung dieses alten Brauchs. Was einst ein Akt des Teilens und der Fürbitte war, wurde zum fröhlichen Ritual des Schenkens und Lachens.

    Natürlich hat der Kommerz heute vieles überdeckt. Doch man darf das auch milde sehen: Wenn Kinder mit Freude und Mut durch die Dunkelheit ziehen, tragen sie – ohne es zu wissen – ein uraltes Symbol weiter. Licht besiegt Angst. Lachen vertreibt die Finsternis.

    Allerheiligen – die große Gemeinschaft der Liebe

    Am 1. November feiert die Kirche das Hochfest Allerheiligen. Eingeführt wurde es von Papst Gregor III. (731–741), der in Rom eine Kapelle allen Heiligen weihte, „deren Namen nur Gott kennt“. Dieser Tag ehrt alle Menschen, die in Güte und Liebe gelebt haben – nicht nur die großen Gestalten, sondern auch die stillen, unscheinbaren. Heiligkeit ist keine Ausnahme, sondern Berufung.

    Allerseelen – das Gebet, das verbindet

    Am 2. November betet die Kirche für die Verstorbenen, die – so der Glaube – noch auf dem Weg zur Vollendung sind. Kerzen auf den Gräbern erinnern daran: Unsere Liebe begleitet sie. Allerseelen ist kein Tag der Traurigkeit, sondern der Verbundenheit – ein stilles Fest der Hoffnung, dass niemand verloren geht.


    Der Heilige Martin – Licht, das sich teilt

    Am 11. November schließlich ziehen Kinder mit Laternen – nicht zu Halloween, sondern zum Fest des Heiligen Martin von Tours. Der römische Soldat, der seinen Mantel mit einem Bettler teilte, ist zum Sinnbild gelebter Nächstenliebe geworden. Sein Licht entsteht, wo wir teilen.

    So gesehen gehören diese vier Feste innerlich zusammen:
    Halloween öffnet den Blick für das Geheimnis von Leben und Tod, Allerheiligen feiert die Vollendung in Gott, Allerseelen hält die Liebe lebendig, und Sankt Martin zeigt, wie diese Liebe im Alltag Gestalt gewinnt.

    Und vielleicht gilt am Ende nur dies:
    Ob Süßes oder Saures – entscheidend ist die Liebe.