„Wir wissen, dass die Seele etwas Feinstoffliches, Besonderes, Transzendentes ist und sich nicht mit den Gesetzen der Physik erfassen lässt.“
(Aus: 365 Tao – Meditationen für jeden Tag des Jahres, Tag 308)
Für mich ist die Seele eines Menschen das, was ihn oder sie einzigartig macht. Sie ist die leise Kraft, die uns berührt, wenn Worte fehlen. Sie lebt weiter, wenn ein geliebter Mensch stirbt – in unseren Herzen. Und sie wird wieder „Körper“ – in Gottes Zeit.
Mein Freund P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB, Priester-Mönch im Stift Göttweig, hat vor einigen Jahren eine kleine WhatsApp-Gruppe gegründet. Sie heißt Vox Populi.
Dort können wir Laien Fragen zum Evangelium des kommenden Sonntags stellen. Johannes Paul antwortet entweder direkt in der Gruppe – oder greift unsere Fragen in seiner Predigt auf. Manchmal sind es auch einfach Fragen, die gar keine Antwort brauchen Am jeweiligen Sonntag schickt er dann seine Predigt als Audio-Datei in den Chat.
Für mich ist das zu einem liebgewordenen Ritual geworden: Am Sonntagnachmittag höre ich diese Predigt, oft mehrmals. Manchmal schreibe ich sie ab und veröffentliche sie auf meiner Seite, um sie mit anderen zu teilen, die nach dem Evangelium des Lebens fragen.
Der Gedanke des „heiligsten Adventkalenders“
Am Allerheiligentag 2025 sprach Johannes Paul in seiner Predigt vom „heiligsten Adventkalender“. Dieser Ausdruck blieb in mir – einfach, leuchtend, klar.
Ich schickte ihm den Link zur Transkription seiner Predigt. Er antwortete mit einer kurzen Nachricht, ohne Kommentar oder Zusatz – nur mit einem Text, der alles enthielt. So entstand der Adventkalender, den ich heuer leben möchte.
Der Originaltext von Johannes Paul
1. 4. / 7. / 10. / 13. / 16. / 19. / 22. Dezember
Mt 5,5
Μακάριοι οἱ πραεῖς.
Makárioi hoi pra e is.
Glückselig, die mild handeln.
Falls du heute mild denkst, schaust, sprichst oder handelst, dann wird dich heute Jesus für diesen Augenblick heilig sprechen.
2. 5. / 8. / 11. / 14. / 17. / 20. / 23. Dezember
Mt 5,7
Μακάριοι οἱ ἐλεήμονες.
Makárioi hoi ele emones.
Glückselig, die barmherzig handeln.
Falls du heute mit jemandem im Herzen Erbarmen hast und ihm hilfst, jemandem ein Vergehen verzeihst, jemandem Barmherzigkeit erweist, dann wird dich heute Jesus für diesen Augenblick heilig sprechen.
3. 6. / 9. / 12. / 15. / 18. / 21. / 24. Dezember
Mt 5,9
Μακάριοι οἱ εἰρηνοποιοί.
Makárioi hoi eirenopoioi.
Glückselig, die Frieden stiften.
Falls du heute trotz einer brenzligen Situation Frieden im Herzen hast und bewahrst, friedlich reagierst, Frieden stiftest und dein Herzensfrieden durch Taten sichtbar wird, dann wird dich heute Jesus für diesen Augenblick heilig sprechen.
Warum ich diese Form der Advent-Vorbereitung gewählt habe
Ich wollte heuer keinen Advent voller Aufgaben, sondern einen, der mich stiller macht. Ich habe für mich beschlossen, diesen Text in den Rhythmus des Angelusläutens einzubetten.
Die Kirche gegenüber – St. Benedikt am Leberberg – läutet um 6:00, 12:00 und 18:00 Uhr. Zu diesen Stunden will ich mich erinnern lassen:
Morgens – Milde: Heute darf ich sanft sein – mit mir selbst und mit anderen.
Mittags – Barmherzigkeit: Heute will ich verzeihen und helfen, wo mein Herz gerührt ist.
Abends – Frieden: Heute darf ich den Tag in Frieden loslassen.
Dreimal am Tag ein kurzer Moment, eine bewusste Pause – und jedes Mal dieselbe Zusage:
„Dann wird dich heute Jesus für diesen Augenblick heilig sprechen.“
Wie man diesen Adventkalender leben kann
Dieser Adventkalender will nicht geöffnet, sondern gelebt werden. Er besteht nicht aus Schokolade, sondern aus Erinnerung.
Es gibt verschiedene Weisen, ihn zu gestalten. Hier sind nur drei davon.
Die JP-Variante: Folge den Tagen, wie Johannes Paul sie angelegt hat – die drei Seligpreisungen wechseln sich alle drei Tage ab. So entsteht ein stiller Dreiklang aus Milde, Barmherzigkeit und Frieden.
Die HRP-Variante: Verbinde die drei Haltungen mit dem Läuten des Angelus – um sechs, um zwölf und um sechs. Wenn die Glocken erklingen, halte kurz inne, atme, erinnere dich.
Eine dritte Möglichkeit: Verbinde jedes Kreuzzeichen im Advent mit diesen drei Worten. Beim Segnen, beim Entzünden einer Kerze, beim Gebet, beim Abschiednehmen: „Milde.“ – „Barmherzigkeit.“ – „Frieden.“
So wird selbst die kleinste Geste zum Adventfenster, das sich nach innen öffnet.
Ein Advent der kleinen Heiligkeit
Vielleicht ist das der Sinn dieses heiligsten Adventkalenders: nicht mehr zu tun, sondern anders zu sein. Nicht auf Weihnachten zuzulaufen, sondern es einzuatmen.
Heiligkeit ist kein Zustand, sie geschieht für einen Augenblick – wenn wir mild, barmherzig oder friedlich sind.
„Dann wird dich heute Jesus für diesen Augenblick heilig sprechen.“
1. Wiener Ganserlessen-Dialoge am 8. November 2023 Impuls von P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB
„Der Himmel fängt auf der Erde an.“
Diesen Satz seines Vaters stellte P. Johannes Paul an den Beginn seines zwölfminütigen Impulses – und er zieht sich als roter Faden durch seine Gedanken zu Himmel, Hölle und Fegefeuer.
Wir alle wüssten, was Himmel ist: wo alles passt. Doch der Mensch hat – anders als das Tier – einen freien Willen. Darum kann er sich auch gegen etwas entscheiden, sogar gegen die Liebe selbst. Weil Gott die Liebe ist, hat der Mensch – philosophisch gesehen – das Recht, dass es die Hölle gibt.
Was aber ist die Hölle? Nicht ein Ort, an dem Gott nicht ist – denn Gott ist allgegenwärtig. Sondern: Die Gegenwart Gottes ist für jene, die ihn ablehnen, unerträglich. Darum ist das Feuer der Hölle in Wahrheit die Flamme der göttlichen Gegenwart – dieselbe Flamme, die in der Schrift als brennender Dornbusch, als Feuersäule in der Nacht oder als Licht der Osterkerze erscheint.
Das Fegefeuer wiederum ist kein Strafort, sondern eine Läuterung aus Liebe. „Fegen“ heißt reinigen, und das Feuer steht wieder für Gottes liebende Nähe. So wie Gold im Feuer geläutert wird, so wird auch der Mensch gereinigt – nicht vernichtet, sondern veredelt.
Ein Beispiel: Wer plötzlich mit dem Rauchen aufhört, spürt Schmerzen des Abgewöhnens. Ähnlich ist es, wenn man begreift, wie sehr Gott liebt – und erkennt, wo man selbst lieblos war. Diese Reue ist schmerzhaft, aber heilend. Das ist das Fegefeuer – die reinigende Liebe Gottes, die schon auf Erden beginnen kann.
Am Ende seines Impulses schloss P. Johannes Paul mit einem Lächeln: „Die Gans hat fertig gebrutzelt – aber schon als Tote. Nachher reden wir weiter beim Essen.“
🕊️ Zusammenfassung
Der Mensch ist frei – nicht vorherbestimmt. Diese Freiheit macht ihn fähig, sich für oder gegen die Liebe zu entscheiden. Himmel, Hölle und Fegefeuer sind keine geografischen Orte, sondern Ausdruck dieser Beziehung zur göttlichen Liebe. Himmel: gelebte Einheit mit Gott. Hölle: dieselbe Gegenwart Gottes – aber unerträglich für jene, die sie ablehnen. Fegefeuer: Läuterung durch Liebe.
Heute im Stephansdom erzählte Dr. Richard Tatzreiter, Regens des Wiener Priesterseminars, eine Geschichte, die mich nicht loslässt:
Eine Ordensschwester durfte anlässlich ihrer ewigen Profess einen Ring wählen – entweder einen alten aus dem Kloster oder einen neuen. Sie entschied sich für einen neuen und ging – in Zivil – zu einem Juwelier in der Wiener Innenstadt.
„Was darf es sein?“, fragte der. „Ein Ehering“, sagte sie. Er blickte überrascht. „Sie wollen einen Ehering?“ „Ja.“ „Mit Gravur?“ „Ja. Bitte: Resurrectio mortuorum.“
Der Juwelier, offenbar des Lateinischen mächtig, runzelte die Stirn: „Ihr Bräutigam ist also von den Toten auferstanden?“ Sie lächelte: „Ja.“
Ja – Gott liebt mich. Ich erkenne es in dem, was andere „Zufall“ nennen.
Im späten Kennenlernen von Yuliya – auf einem Flug nach Venedig, als ich innerlich schon auf dem Weg ins Jenseits war. In den Jahren ohne Beschwerden nach einer Notoperation wegen Darmkrebs in Kiew. Oder im einfachen Geschenk eines freien Parkplatzes, wo sonst nie einer zu finden ist.
Ich weiß: Nichts davon ist selbstverständlich. Alles ist Zuwendung. Ein stilles Zeichen der Gegenwart Gottes – wie ein leiser Gruß aus dem Himmel, mitten im Alltag.
🌈 Der Regenbogen erinnert mich daran: Gott hat seinen Bund mit uns nicht aufgehoben. Er spannt ihn immer wieder neu – über Leid und Freude, über Tod und Leben, über das, was war, und das, was kommt.
An Allerseelen spüre ich diese Nähe besonders. Wir denken an jene, die uns vorausgegangen sind, und zugleich ahnen wir: Der Himmel ist nicht fern. Er berührt uns in allem, was von Liebe durchdrungen ist – im Gedenken, im Gebet, im stillen Dank.
Gott liebt mich. Und diese Liebe ist der Grund, warum ich glauben kann. Aber sie will mehr als nur geglaubt werden. Sie will Antwort – nicht aus Angst oder Pflicht, sondern aus Dankbarkeit.
Wer diese Liebe wirklich annimmt, wird verwandelt. Er wird sanft, barmherzig, friedensstiftend – nicht aus eigener Anstrengung, sondern weil Gott in ihm lebt.
So geschieht Himmel auf Erden: in einem freundlichen Wort, in einem Moment der Vergebung, in einem stillen Frieden, den niemand erklären kann.
Darum genügt der Glaube – wenn er lebendig bleibt. Ein Glaube ohne Liebe bleibt leer, ein Glaube mit Liebe trägt den Himmel schon in sich.
🌈 Wie ein Regenbogen nach dem Regen: Er spannt sich über alles Vergängliche hinweg und lässt ahnen, dass Gottes Liebe das letzte Wort hat.
Heute – zu Allerheiligen – wurden wir von einem lieben Geschwisterpaar zum Dank für die feierliche Einsegnung ihrer Mutter eingeladen. Der Sohn hat mich als „Drei Hauben Trauerredner“ bezeichnet.
Die rüstige Dame ist mit 97 Jahren verstorben. Zwei Jahre zuvor hatte sie mir noch persönlich erzählt, wie sie sich ihr Begräbnis wünscht – mit Weihwasser, Liedern, Bibeltexten, Fürbitten, Weihrauch und einer liebevollen Trauerrede. Dazu hat sie mir einen handgeschriebenen Lebenslauf, voll kleiner Episoden aus ihrem reichen Leben übergeben. Wir haben dann mehrere Stunden miteinander gesprochen. Es war ein großes Vergnügen, ihr zuzuhören.
Ich habe die Einsegnung dann genau wie Sie sich das gewünscht hat in der weißen Albe des getauften Christen mit Kreuzträger, Ministranten, Weihrauch und wunderbarer Musik gestaltet. Angehörige und Gäste waren berührt, dankbar und hoffnungsfroh.
Schon Jahre vorher – zu ihrem 90. Geburtstag – hatte sie uns ein Filet Wellington servieren lassen. Damals ahnte ich nicht, dass sie selbst die Köchin war.
Auch heute gab es dieses besondere Gericht – diesmal als Rehfilet, meisterhaft zubereitet vom wunderbaren Peter Zinter.
Nach dem Essen setzte sich Christian Werner, der sympathische Wirt des Stern, kurz zu uns.
Er erzählte:
„Ich habe 18 Jahre lang als Küchenchef dieses Haus aufgebaut. Die zwei Hauben kommen von mir. Vor zwei Jahren habe ich mir Peter als Spitzenkoch geholt – und kümmere mich seither noch intensiver um die Gäste. Dieses Jahr hat uns das die dritte Haube und die Auszeichnung als bestes Beisl von Simmering gebracht.“
Seine Freude und Leidenschaft haben mich berührt.
Und irgendwie hat mich dieser Tag bestärkt – auf meinem eigenen Weg als „Drei Hauben Trauerredner“.
Am Beginn des dunklen Monats November leuchtet Allerheiligen wie ein Versprechen auf. Wir feiern alle, die vollendet sind in Gottes Licht – die bekannten Heiligen ebenso wie die unzähligen stillen Menschen, die durch Güte, Hingabe und Liebe Zeugnis ihres Glaubens gegeben haben. Allerheiligen erinnert uns daran, dass Heiligkeit kein exklusiver Titel ist, sondern eine Richtung: hin auf Gott. Wer liebt, heilt. Wer vergibt, heiligt. Wer in dunklen Zeiten das Gute sucht, leuchtet schon jetzt im Glanz der Ewigkeit.
Das Hochfest Allerheiligen hat seine Wurzeln in der frühen Kirche, als man der Märtyrer gedachte. Heute gilt der Tag allen, die uns im Glauben vorangegangen sind. Ihr Leben ist nicht vergangen, sondern verwandelt – in eine Gegenwart bei Gott.
Die Kunst der Malerin Hilde Reiser (1929–2019) gibt diesem Geheimnis eine Form: Ihr Bild „Licht“ zeigt Menschen, die sich aus der Dunkelheit in einen leuchtenden Strudel des Lebens ziehen lassen. Der Sog der Farben erinnert daran, dass wir alle auf dieses Licht hin unterwegs sind. Allerheiligen feiert diese Bewegung – das Aufstehen, das Ankommen, das Heimkehren.
So ist dieser Tag kein Tag der Trauer, sondern der Hoffnung. Wir sind verbunden mit denen, die das Ziel schon erreicht haben – und zugleich gerufen, in unserem Alltag Spuren dieses Lichts zu hinterlassen.
Wenn der Herbst sich neigt, rückt eine besondere Zeit des Jahres heran: Tage zwischen Nebel und Licht, zwischen Erinnerung und Hoffnung. Vier Feste liegen nun eng beieinander – und sie erzählen, jedes auf seine Weise, vom Leben, vom Tod und von der Liebe, die beides verbindet.
Wien, am 31.10.2025, Harald R. Preyer
Halloween – der Abend der offenen Grenze
Am 31. Oktober feiern viele Menschen Halloween, den „All Hallows’ Eve“, also den Abend vor Allerheiligen. Ursprünglich war dies das keltische Samhain-Fest, das den Übergang in die dunkle Jahreszeit markierte. Man glaubte, in dieser Nacht könnten die Seelen der Verstorbenen zur Erde zurückkehren. Um ihnen wohlgesinnt zu sein, stellte man Speisen vor die Türen – Zeichen der Achtung und des Gebets.
Später entstand in Irland und England daraus das sogenannte „Souling“: Kinder und Arme zogen von Haus zu Haus, baten um kleine Gaben und versprachen, für die Verstorbenen der Familie zu beten. Das amerikanische „Trick or Treat“ – „Süßes oder Saures“ – ist die spielerische Fortsetzung dieses alten Brauchs. Was einst ein Akt des Teilens und der Fürbitte war, wurde zum fröhlichen Ritual des Schenkens und Lachens.
Natürlich hat der Kommerz heute vieles überdeckt. Doch man darf das auch milde sehen: Wenn Kinder mit Freude und Mut durch die Dunkelheit ziehen, tragen sie – ohne es zu wissen – ein uraltes Symbol weiter. Licht besiegt Angst. Lachen vertreibt die Finsternis.
Allerheiligen – die große Gemeinschaft der Liebe
Am 1. November feiert die Kirche das Hochfest Allerheiligen. Eingeführt wurde es von Papst Gregor III. (731–741), der in Rom eine Kapelle allen Heiligen weihte, „deren Namen nur Gott kennt“. Dieser Tag ehrt alle Menschen, die in Güte und Liebe gelebt haben – nicht nur die großen Gestalten, sondern auch die stillen, unscheinbaren. Heiligkeit ist keine Ausnahme, sondern Berufung.
Allerseelen – das Gebet, das verbindet
Am 2. November betet die Kirche für die Verstorbenen, die – so der Glaube – noch auf dem Weg zur Vollendung sind. Kerzen auf den Gräbern erinnern daran: Unsere Liebe begleitet sie.Allerseelen ist kein Tag der Traurigkeit, sondern der Verbundenheit – ein stilles Fest der Hoffnung, dass niemand verloren geht.
Der Heilige Martin – Licht, das sich teilt
Am 11. November schließlich ziehen Kinder mit Laternen – nicht zu Halloween, sondern zum Fest des Heiligen Martin von Tours. Der römische Soldat, der seinen Mantel mit einem Bettler teilte, ist zum Sinnbild gelebter Nächstenliebe geworden. Sein Licht entsteht, wo wir teilen.
So gesehen gehören diese vier Feste innerlich zusammen: Halloween öffnet den Blick für das Geheimnis von Leben und Tod, Allerheiligen feiert die Vollendung in Gott, Allerseelen hält die Liebe lebendig, und Sankt Martin zeigt, wie diese Liebe im Alltag Gestalt gewinnt.
Und vielleicht gilt am Ende nur dies: Ob Süßes oder Saures – entscheidend ist die Liebe.
Heute habe ich zwei Urnen-Beisetzungen begleitet. Zwei Friedhöfe, zwei sehr verschiedene Familien – und doch hatten sie etwas gemeinsam: In beiden Feiern war Gott „verboten“. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Enttäuschung, aus Schmerz – vielleicht Wut. Aus der Frage, die manchmal Menschen quält: Wie kann Gott so etwas zulassen?
Ich habe darauf keine Antwort. Aber ich habe gespürt, dass Dankbarkeit hilft. Dankbar zu sein für das, was war – für gemeinsame Stunden, für Liebe, für das, was bleibt.
In einer der Feiern durfte ich den Liebesbrief einer jungen Witwe lesen. So zart, so echt. Im Gesicht der Eltern sah ich für einen Moment wieder ein Leuchten.
Vielleicht war das der Augenblick, in dem Gott doch da war – ganz leise.
Manchmal glaube ich, unser Auftrag als Seelsorger, als Redner, als Menschen ist nicht, Antworten zu geben. Sondern Herzen zu berühren. Menschen daran zu erinnern, dass Liebe stärker ist als Tod. Und dass Dankbarkeit die Tür zur Hoffnung öffnet.
Ob Glaube glücklich macht? Vielleicht ja – wenn wir ihn nicht verteidigen, sondern leben. Still, herzlich, menschlich.