Kategorie: Gedanken

  • Magnificat

    Zwei Frauen. Zwei Kinder. Eine Begegnung, die die Welt verändert.

    Es gibt Bilder, die laut sind. Dieses gehört nicht dazu. Es erzählt seine Geschichte leise. Je länger man hinsieht, desto mehr beginnt es zu sprechen.

    Heimsuchung, Meister M.S.,1506, Ungarische Nationalgalerie, Budapest, © akg-images / Album / Prisma

    Maria kommt aus Nazaret. Sie trägt das größte Geheimnis der Welt unter ihrem Herzen. Elisabeth empfängt sie nicht mit vielen Worten, sondern mit einer Geste tiefer Ehrfurcht. Ihr Blick ruht auf dem Leib der jungen Frau. Ihre rechte Hand führt die Hand Mariens an ihre Lippen, als wollte sie sagen: Nicht ich bin wichtig. Gesegnet ist die, die den Herrn trägt.

    Maria wirkt jünger, einfacher gekleidet und zugleich erstaunlich gelassen. Ihre rechte Hand ist geöffnet. Sie greift nach nichts. Sie hält nichts fest. Sie scheint den Himmel sagen zu lassen, was geschehen soll. Diese offene Hand erinnert an ihr Ja bei der Verkündigung: „Mir geschehe nach deinem Wort.“

    Beide Frauen sind schwanger. Eigentlich begegnen sich sogar vier Menschen. Johannes der Täufer erkennt den Messias noch vor seiner Geburt. Das Evangelium berichtet, dass das Kind vor Freude im Leib Elisabeths hüpfte. Schon vor der Geburt beginnt die Geschichte des Glaubens als eine Geschichte der Begegnung.

    Der Maler stellt diese Begegnung mitten in eine frühlingshafte Landschaft. Alles scheint zu wachsen. Zwischen den beiden Frauen stehen jedoch auch Zeichen dafür, dass neues Leben nicht ohne Leid entsteht. Ein abgestorbener Baum ragt dunkel in das frische Grün hinein. Er erinnert daran, dass das Kind, das Maria trägt, nicht nur geboren wird, sondern auch leiden und sterben wird. Leben und Tod stehen bereits in diesem Bild nebeneinander.

    Besonders schön finde ich den Gegensatz zwischen dem abgestorbenen Baum und den beiden werdenden Müttern. Der tote Ast erzählt vom Ende. Die beiden Frauen erzählen vom Anfang. Ostern beginnt gewissermaßen schon hier.

    Im Vordergrund blüht eine blaue Schwertlilie. Seit Jahrhunderten gilt sie als Marienblume und erinnert an Reinheit, Treue und zugleich an das Schwert des Schmerzes, das Maria später treffen wird. Rechts wachsen rote Blüten, vielleicht Pfingstrosen, die an Liebe und Hingabe erinnern.

    Einen Hinweis verdanke ich Heinz Detlef Stäps: Zwischen den Pflanzen wächst unscheinbar ein Erdbeerstrauch. Man übersieht ihn leicht. In der mittelalterlichen Symbolik besitzt er jedoch eine erstaunliche Tiefe. Gleichzeitig trägt er Blüten, unreife und reife Früchte. So verbindet er Jungfräulichkeit, Schwangerschaft und Fruchtbarkeit. Seine niedrige Wuchsform steht zugleich für Demut – eine Eigenschaft, die Maria selbst im Magnificat besingt: „Er hat auf die Niedrigkeit seiner Magd geschaut.“

    Der Hintergrund öffnet den Blick weit über Berge, Wasser und eine Burg. Die Landschaft wirkt friedlich und geordnet. Sie erinnert daran, dass Gottes Geschichte niemals nur den einzelnen Menschen betrifft. Von dieser stillen Begegnung zweier Frauen wird die ganze Welt berührt.

    Je länger ich das Bild betrachte, desto mehr rückt für mich nicht Maria allein in den Mittelpunkt, sondern die Begegnung selbst. Gott kommt nicht mit Macht. Er kommt von Mensch zu Mensch. Er begegnet Elisabeth in Maria. Johannes begegnet Jesus. Und vielleicht geschieht seitdem jede echte christliche Begegnung so: Gott begegnet in mir dem Gott, der bereits im anderen lebt.

    Dann wird selbst ein gewöhnlicher Weg durch das Bergland Judäas zu heiligem Boden.


    Der Geburtsort des Magnificat

    Die Begegnung zwischen Maria und Elisabeth gehört zu den schönsten Szenen des Lukasevangeliums. Hier erklingt zum ersten Mal das Magnificat, der große Lobgesang Mariens, den die Kirche bis heute jeden Abend in der Vesper betet.

    Das Wort Magnificat ist das erste Wort des lateinischen Lobgesangs Mariens. Grammatikalisch ist es ein Verb und bedeutet wörtlich „(sie) preist“ oder „(sie) macht groß“. Erst die folgenden Worte nennen das Subjekt: anima mea„meine Seele“. Der vollständige Satz lautet deshalb: „Magnificat anima mea Dominum“ – „Meine Seele preist die Größe des Herrn.“

    Natürlich kann Maria Gott nicht größer machen, als er ist. Sie macht seine Größe sichtbar. Sie lenkt den Blick auf ihn. Genau das geschieht auch auf diesem Bild.

    Elisabeth begegnet Maria mit einer Ehrfurcht, die weit über eine gewöhnliche Begrüßung hinausgeht. Sie erkennt in ihr die Mutter des Messias. Maria nimmt diese Wertschätzung dankbar an, behält sie aber nicht für sich. Sie lenkt den Blick sofort weiter auf Gott. Nicht sie selbst soll groß werden, sondern der, der Großes an ihr getan hat.

    Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Größe Mariens. Sie stellt sich nicht in den Mittelpunkt. Sie wird durchsichtig für Gott. Wer Maria begegnet, soll nicht bei ihr stehen bleiben, sondern durch sie hindurch auf Gott schauen.

    Der Lobgesang Mariens gehört zu den eindrucksvollsten Texten der Bibel. Er verbindet Dankbarkeit mit Hoffnung, Demut mit Freude und persönliches Erleben mit der Geschichte Gottes mit seinem Volk.

    Magnificat – Lobgesang Mariens

    Meine Seele preist die Größe des Herrn,
    und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.

    Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut.
    Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.

    Denn der Mächtige hat Großes an mir getan,
    und sein Name ist heilig.

    Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht
    über alle, die ihn fürchten.

    Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten:
    Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind;

    er stürzt die Mächtigen vom Thron
    und erhöht die Niedrigen.

    Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben
    und lässt die Reichen leer ausgehn.

    Er nimmt sich seines Knechtes Israel an
    und denkt an sein Erbarmen,

    das er unsern Vätern verheißen hat,
    Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.

    Mich berührt an diesem Lobgesang immer wieder, dass Maria fast ausschließlich von Gott spricht. Nur zweimal verwendet sie das Wort „ich“ – und beide Male nicht, um sich selbst groß zu machen, sondern um zu erzählen, was Gott an ihr getan hat. Das Magnificat ist deshalb weniger ein Lied über Maria als ein Lied über einen Gott, der den Menschen sieht, ihn aufrichtet und ihm Zukunft schenkt. Genau diese Haltung strahlt für mich auch das Bild der Heimsuchung aus.

  • Leben und Last

    Die folgende Geschichte wird häufig dem großen tibetischen Yogi Milarepa (1040–1123) zugeschrieben. In den veröffentlichten Schriften Milarepas findet sich dafür allerdings kein eindeutiger Beleg. Unabhängig von ihrer Herkunft gehört sie für mich zu den schönsten Lehrgeschichten des Buddhismus.

    Milarepa begegnete auf seiner Suche nach Erleuchtung einem alten Mann, der mit einem schweren Sack auf den Schultern einen Berg hinabstieg. Er sprach ihn an und fragte: „Ehrwürdiger Alter, sag mir: Was ist Erleuchtung?“

    Der Alte lächelte, nahm den Sack von seinen Schultern und richtete sich auf.

    Milarepa nickte. „Ich verstehe“, sagte er. „Doch eine Frage habe ich noch: Was kommt nach der Erleuchtung?“

    Wieder lächelte der Alte. Er hob den Sack auf seine Schultern und ging weiter.

    Mich berührt diese Geschichte sehr.

    Als Christ lese ich sie allerdings anders: Glaube befreit uns nicht von den Lasten des Lebens. Krankheit, Verantwortung, Trauer und Abschied bleiben Teil unseres Weges. Aber sie müssen nicht mehr in derselben Weise getragen werden.

    Jesus verspricht kein Leben ohne Kreuz. Er verspricht seine Gegenwart. „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch Ruhe verschaffen.“ (Mt 11,28)

    Vielleicht liegt genau darin der Unterschied: Der alte Mann trägt seinen Sack weiter. Auch ich trage meinen. Aber ich glaube, dass Christus ihn mitträgt. Und manchmal macht gerade das den entscheidenden Unterschied.

    … und als Milarepa 43 Jahre alt war, wurde Stift Göttweig über der Wachau gegründet.

    Bild erstellt mit ChatGPT.

  • Wie ich zum Einsegner wurde

    Die Berufung begann mit dem Tod meines Vaters

    Gestern war Vatertag. Meine Kinder haben mir herzlich gratuliert und ich habe mich darüber sehr gefreut. Gleichzeitig dachte ich während der 12:00 Uhr Messe im Stephansdom immer wieder an meinen Vater. Gestern war auch sein siebter Todestag.

    Wenn ich heute Familien beim Abschied von einem geliebten Menschen begleite, dann führt mich mein Weg gedanklich oft zurück in das Jahr 2019.

    Damals starb mein Vater in einem familiären Seniorenheim in Kematen bei Innsbruck. Ich war noch bis wenige Stunden vor seinem Tod bei ihm. Auf dem Rückweg nach Wien bekam ich den Anruf, dass er seine Augen geschlossen hat. Ich verbrachte diese Nacht bei meinen Freunden in Stift Göttweig und fuhr am nächsten Tag weiter nach Wien.

    Die organisatorischen Schritte wurden rasch eingeleitet. Wenige Tage später haben wir Vatti im Familiengrab am Innsbrucker Westfriedhof beigesetzt.

    Es war ein stiller und würdevoller Abschied – ganz so, wie sich mein Vater das gewünscht hat.

    Im August desselben Jahres feierten wir mit meinem lieben Freund P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB in der Krypta des Stiftes Göttweig ein Requiem für meinen Vater. Familie, Freunde und Wegbegleiter waren gekommen.

    Foto: Gerhard Peyrer, 2019

    Am Beginn dieser Feier hielt ich selbst die Trauerrede.

    Ich erzählte von seinem Leben, seinen Stärken, seinen Eigenheiten, seinen Erfolgen und von manchen Begebenheiten, über die wir gemeinsam lachen konnten. Vor allem aber sprach ich über die Hoffnung auf ein Wiedersehen.

    Foto: Gerhard Peyrer, 2019

    Damals wusste ich noch nicht, dass dieser Tag mein weiteres Leben verändern würde.

    Aus einer Bitte wurde eine Berufung

    Nach dem Requiem fragten mich Freunde und Bekannte, ob ich auch bei ihrem eigenen Begräbnis und dem ihrer Lieben einige Worte sprechen könnte.

    Ich sagte gerne Ja. Das war für mich eine Ehre und ein Liebesdienst.

    Mit jeder Trauerrede wurde mir deutlicher, dass es dabei um weit mehr ging als um das Schreiben und Vortragen eines Textes. Menschen brauchten jemanden, der zuhört. Jemanden, der die richtigen Fragen stellt. Jemanden, der Erinnerungen ordnet und daraus eine würdevolle Geschichte entstehen lässt.

    Vor allem aber brauchten sie jemanden, der ihnen Hoffnung schenkt.

    Langsam begann ich zu verstehen, dass dies meine eigentliche Berufung sein könnte.

    Was mich darauf vorbereitet hat

    Viele Menschen glauben, ich sei direkt vom Unternehmensberater zum Trauerredner geworden.

    Das stimmt nur teilweise.

    Bereits vor mehr als zwanzig Jahren hatte ich Ausbildungen zum systemischen Coach bei Dr. Rainer Buchner in Salzburg, zum Berufungscoach bei Prof. Dr. Alexander Kaiser in Wien und zum geistlichen Begleiter bei Dr. August Höglinger im Prämonstratertenser-Stift Schlägl abgeschlossen. In meiner Tätigkeit als Unternehmer und Berater durfte ich über Jahrzehnte Menschen in Veränderungsprozessen begleiten.

    Heute erkenne ich, wie sehr mich diese Erfahrungen auf die Begleitung von Trauernden vorbereitet haben.

    Denn Trauer ist letztlich ebenfalls ein tiefgreifender Veränderungsprozess.

    Menschen müssen lernen, ein Leben weiterzuführen, obwohl ein geliebter Mensch nicht mehr sichtbar an ihrer Seite ist.

    Die andere Seite kennenlernen

    Um mich professionell auf diese Aufgabe vorzubereiten, arbeitete ich ein halbes Jahr lang bei einem großen privaten Bestattungsunternehmen als Berater der Geschäftsleitung mit.

    Dort lernte ich die Arbeit der Bestatter, die Abläufe auf Friedhöfen und die vielen organisatorischen Herausforderungen rund um einen Todesfall kennen.

    Diese Erfahrung ist sehr hilfreich

    Warum Vorsorge ein Akt der Liebe ist

    In den vergangenen Jahren habe ich viele Familien begleitet.

    Dabei ist mir eines besonders deutlich geworden:

    Es hilft sehr, wenn Menschen schon zu Lebzeiten darüber sprechen, was nach ihrem Tod geschehen soll.

    Neben den praktischen Fragen wie Erd- oder Feuerbestattung, Familiengrab oder Naturbestattung geht es vor allem um die persönliche Glaubensüberzeugung des lieben verstorbenen Menschen und der Hinterbliebenen.

    Wollen sie eine kirchliche Feier, eine persönliche Einsegnung oder eine stille Verabschiedung im kleinen Kreis? Soll dort die Lieblingsmusik des voraus gegangenen Menschen gespielt werden oder wollen sie im stillen Gebet Abschied nehmen? Wer soll die Trauergemeinde an all die schönen gemeinsamen Erlebnisse erinnern und welches Bild von Hoffnung und Wiedersehen darf entstehen? Woran glauben die Trauernden nach dem Tod?

    Das sind sehr persönliche Fragen. Sie rechtzeitig zu besprechen entlastet spürbar.

    Über den Tod zu sprechen bedeutet nicht, das Leben aufzugeben. Das ist auch nicht pietätlos.

    Im Gegenteil.

    Wer über den Tod sprechen kann, lebt meistens bewusster das Leben.

    Was mich heute trägt

    Seit mehreren Jahren begleite ich Familien in Wien und Umgebung auf Empfehlung von Bestattern, Freunden und früheren Auftraggebern.

    Oft werde ich bereits kontaktiert, wenn ein geliebter Mensch noch lebt und das Ende des Lebensweges absehbar wird.

    Dann geht es nicht nur um eine Trauerrede.

    Dann geht es um Zuhören, um Trost, um Vorbereitung, um die richtigen Worte und manchmal auch um gemeinsames Schweigen.

    Viele Menschen fragen mich, warum ich diese Arbeit mache.

    Meine Antwort ist einfach:

    Weil ich selbst so viel Gnade erleben durfte, segne ich aus Liebe.

    Der Tod meines Vaters hat mich gelehrt, dass Abschied und Liebe einander nicht widersprechen.

    Die Liebe bleibt.

    Und genau deshalb glaube ich von ganzem Herzen:

    Amor vincit. Die Liebe siegt.

    Harald R. Preyer
    Christlicher Trauerredner und Einsegner

  • Bitten

    Kommt, lasst uns jubeln vor dem Herrn, und zujauchzen dem Fels unseres Heiles:

    A: Auf dich hoffen wir, du unser Gott.

    Dein Wort ist wahrhaftig und dein Tun verlässlich;
    – gib uns den Mut, deiner Verheißung zu trauen und das Unsere zu wagen.

    Du liebst Gerechtigkeit und Recht;
    – lass uns die Botschaft von deiner Güte und Huld zu unseren Mitmenschen tragen.

    Du bist die Freude unseres Herzens;
    – tröste uns, wenn wir trauern, und mach uns wieder froh mit deinem Heil.

    A: Auf dich hoffen wir, du unser Gott.

    Quelle: aus dem Morgengebet aus Magnficat – das Stundenbuch vom 29.5.2026

  • Miteinander reden und lachen

    Miteinander reden und lachen,
    sich gegenseitig Gefälligkeiten erweisen,
    zusammen schöne Bücher lesen,
    sich necken,
    dabei aber auch einander Achtung erweisen,
    mitunter sich auch streiten – ohne Hass –,
    manchmal auch in den Meinungen auseinandergehen
    und damit die Eintracht würzen,
    einander belehren und voneinander lernen,
    die Abwesenden schmerzlich vermissen
    und die Ankommenden freudig begrüßen –
    lauter Zeichen der Liebe und Gegenliebe,
    die aus dem Herzen kommen,
    sich äußern in Miene, Wort
    und tausend freundlichen Gesten
    und wie Zündstoff
    den Geist in Gemeinsamkeit entflammen,
    sodass aus Vielheit Einheit wird.

    Augustinus

    Quelle: sinngemäß aus den Confessiones des Augustinuns zitiert und auf der Homepage des Kloster Regina Martyrum der Schwestern unserer lieben Frau vom Berge Karmel e. V., Berlin gefunden.

    https://www.karmel-berlin.de/impulse/miteinander-reden-und-lachen.html

  • Seid stets bereit

    Der unterlegte Text ist der Leitsatz der Theologische Kurse. Das war der Inhalt der ersten Vorlesung im September vor zwei Jahren.

    Als ich den Text heute im Stephansdom von einem lieben Kollegen als 2. Lesung gehört habe, war ich dankbar und froh über meine Entscheidung, diesen Kurs zu besuchen. Neun Prüfungen habe ich bestanden, drei kommen noch vor dem Sommer und dann werde ich meine schriftliche Arbeit abschließen. Heuer im Herbst möchte ich ein Absolvent sein, der besser wissen wird, was hinter meinem Glauben steckt. Derzeit bin ich nur dankbar für die Gnade, an den Sieg der Liebe glauben zu dürfen und aus dieser Sicherheit zu leben.

    Der abgedruckte Kommentar ist dem „Magificat – mein Stundenbuch“ von heute entnommen.

  • Glück ist ein treuer Weg

    Das Missverständnis beginnt oft mit der Vorstellung, Glück sei ein Zustand: erreichbar, planbar, vielleicht sogar optimierbar. Doch diese Idee führt zwangsläufig in Unruhe – denn jeder erreichte Zustand bleibt fragil.

    Der Gedanke des Weges verschiebt den Fokus. Glück ist dann nicht mehr das Ergebnis äußerer Umstände, sondern die Qualität der inneren Haltung im Gehen selbst.

    Diese Haltung konkretisiert sich in Beziehung: im bewussten Sich-Zuwenden zum anderen, im Verzicht auf permanente Selbstzentrierung. Sie zeigt sich in der Entscheidung zur Liebe – gerade dort, wo sie nicht mehr selbstverständlich erscheint.

    Hinzu tritt die Fähigkeit zur Dankbarkeit. Nicht als sentimentale Geste, sondern als erkenntnisleitende Perspektive: Wer wahrnimmt, was bereits gegeben ist, verändert die Struktur seiner Wirklichkeit.

    Schließlich bleibt die Frage nach dem Getragen-Sein. Ein Leben, das sich nicht ausschließlich aus eigener Kontrolle speist, sondern sich einer größeren Wirklichkeit anvertraut, gewinnt an Tiefe und Gelassenheit.

    In dieser Verbindung aus Beziehung, Entscheidung, Dankbarkeit und Vertrauen entsteht eine Form von Glück, die nicht spektakulär ist – aber tragfähig.

  • Amor vincit

    Vor 41 Jahren verließ sie Wien und ging als Au pair nach Südfrankreich.
    Es sollte nur für ein halbes Jahr sein.

    Sie wollte Abstand gewinnen.
    Von ihrer Schwester.
    Von einer tiefen Verletzung.

    Erst viele Jahre später – beim Gebet am Grab der Mutter – löste sich die Verbitterung. 

    Und ihre Tränen wurden zu Tränen der Versöhnung.

    Amor vincit – die Liebe siegt.

  • Wer hat den Stein weg gewälzt?

    Nur Matthäus sagt es uns: Ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab und wälzte den Stein weg. Markus, Lukas und Johannes finden ihn einfach fort – ohne Erklärung, ohne Zeugen.

    Vielleicht ist das kein Widerspruch. Vielleicht ist es eine Einladung: Der Auferstandene braucht keinen offenen Eingang. Er erscheint später durch verschlossene Türen. Der Stein wurde nicht für ihn weggerollt – sondern für uns. Damit wir hineinsehen, begreifen, glauben können.

    „Gott braucht keinen Engel. Aber wir brauchen ein Zeichen.“

    Am 8. Dezember 2019, dem Fest Mariä Empfängnis, lag ich in einem Krankenhaus in Kiew auf der Intensivstation. Ein Chirurg trat an mein Bett – mitten in der Nacht, ein einfaches silbernes Franziskuskreuz um den Hals. Er sagte zu mir: „Operation now or tomorrow dead.“ Ich sah das kleine Kreuz. Und ich sagte: „Operation now.“

    Am Morgen um sieben Uhr lächelte er mich an und sagte: „You are not in heaven. Operation was successful.“

    Ich weiß seitdem: Steine werden weggerollt. Nicht immer spektakulär. Manchmal durch Vertrauen in das Herz eines Chirurgen in der Nacht. Manchmal durch einen Satz, der Leben rettet. Manchmal schweigend, unsichtbar – und wir finden sie einfach fort, wie Maria von Magdala am ersten Tag der Woche.

    Das Grab war leer. Das Leben war stärker. Das gilt heute noch.

    Seit zwei Jahren begleite ich als freier Einsegner Menschen und Familien auf ihrem letzten gemeinsamen Weg. Viele von ihnen haben der Kirche den Rücken gekehrt – aber nicht dem Leben, nicht der Hoffnung, nicht Gott. Sie glauben. Nur anders. Auch darin höre ich Ostern. Und manchen konnte ich helfen, den Stein aus ihrem Leben wegzurollen. Dafür bin ich sehr dankbar.

    Frohe Ostern. Möge auch in Ihrem Leben ein Stein weggerollt sein – einer, von dem Sie vielleicht noch gar nicht wussten, dass er da lag.

    Ihr

    Harald R. Preyer
    freier Einsegner

  • Begegnung mit zwei Engeln aus Graz im Dom

    Heute haben mich nach der Orgelmesse zwei gut gelaunte Frauen beim Verlassen des Stephansdoms angesprochen: „Sind Sie nicht der Diakon von der Messe heute? Sie haben so eine gute Ausstrahlung. Sie sind uns aufgefallen…“

    Natürlich freut mich die Rückmeldung. Beim Austeilen der Kommunion heute habe ich eine Stimme ganz leise gespürt, die meinem Körper gesagt hat: „Richte Dich auf. Schau‘ voller Liebe den Menschen in die Augen. Du teilst hier nicht eine kleine runde Oblate aus, sondern einen Teil der Mensch gewordenen Liebe Gottes.“

    Ich sagte daher zu den beiden Damen: „Freut mich, dass Sie meine Freude gespürt haben. Ich bin kein Diakon. Ich teile hier nur mit Freude die Kommunion aus und der schönste Dank ist für mich, wenn Menschen durch mich als Werkzeug die Liebe Gottes spüren können.“

    Nach einem kurzen Gespräch voller Aufmerksamkeit, Interesse und Freude habe ich die beiden aus Graz angereisten Besucherinnen gefragt: „Waren Sie schon einmal oben auf der Orgelempore und haben die Stimmung dort gespürt?“ Erwartungsvoll, hoffnungsfroh, neugierig meinte die Lehrkrankenschwester: „Nein! Das muss großartig sein.“ Und die leitende Oberärztin sagte: „Warum fragen Sie?“

    „Kommen Sie mit. Ich zeige Ihnen etwas Schönes!“

    Ich führte die Beiden durch die schwarzen Eisentüren die 24 Stufen hinauf zur Orgelempore und spürte, wie beeindruckt sie diesen Raum und seine Energie erlebten. Dort ließ ich sie für ein paar Minuten allein und zu meinem Erstaunen machten sie nicht viele Fotos wie andere Besucher, sondern sie wurden still, dankbar und strahlten wie zwei Engel vor Freude.

    Wir sprachen gemeinsames ein offenes Gebet, dankten dem Herrn für diese wunderbare Begegnung und segneten einander. Die Freude des gemeinsamen Einziehens in Jerusalem wird noch lange in unseren Herzen sein.