Kategorie: Bibel

  • Gott hat ein Gesicht

    „Götter haben viele Gesichter, aber wahre Göttlichkeit hat kein Gesicht“, heißt es in einer taoistischen Meditation. Der Satz will trösten, will Vielfalt ehren – doch er lässt uns am Ende im Ungefähren zurück.

    Jesus Christus sagt etwas anderes.

    „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“ (Joh 14,9)

    Gott bleibt nicht im Nebel. Er tritt hervor – mit einem Gesicht, mit Augen, die weinen können, mit Händen, die berühren. Mit einem Herzen, das liebt bis ans Kreuz.

    Die Weltreligionen kennen viele Bilder von Gott. Die Bibel aber kennt nicht nur Bilder, sondern Begegnung. Nicht nur ein Ahnen, sondern ein Antworten.

    Jesus nennt Gott nicht „das Absolute“ oder „das Formlose“. Er nennt ihn Vater – und lädt auch uns ein, ihn so zu nennen:

    „Abba!“ – Papa. (Mk 14,36)

    Wer trauert, sucht keine Philosophie. Wer leidet, will kein Prinzip.

    Er oder sie sehnt sich nach Nähe. Nach einem Blick, einer Stimme, einer Umarmung.

    „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ (Joh 14,6)

    Jesus zeigt uns den Weg – und er ist der Weg und die Liebe.

    Nicht anonym. Nicht verschwommen. Sondern ganz Mensch. Ganz Gott.

    Mit einem Gesicht.

  • Segen. Bitten.

    Gesegnet der Mann, der sich auf den Herrn verlässt und dessen Hoffnung der Herr ist. Er ist wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist und am Bach seine Wurzeln ausstreckt: Er hat nichts zu fürchten, wenn die Hitze kommt; seine Blätter bleiben grün; auch in einem trockenen Jahr ist er ohne Sorge, unablässig bringt er seine Früchte.

    Jer 17, 7–8

    Friedenstaube Friede

    Wir beten zu Christus, der uns heute nahe sein will:

    A: Erhöre uns, Christus.
    – Lass uns ein Segen sein für alle, denen wir heute begegnen.
    – Mache unser Leben zu einem Loblied deiner Gegenwart.
    – Lenke unsere Schritte auf dem Weg des Friedens.
    A: Erhöre uns, Christus.

    Quelle: Magnificat – das Stundenbuch vom 23.6.2025

  • Ich bin nicht tot

    „Beklagt mich nicht wie einen Toten,
    wenn ich vor Gottes Angesicht lebe.“

    – Redaktion Magnificat nach Aloisius von Gonzaga

    Wer liebt, trauert.
    Wer glaubt, hofft.

    Wenn wir Abschied nehmen,
    sehen wir nur das Äußere:
    den leeren Platz, die Stille, die Leere.

    Aber der Glaube sieht mehr:
    eine Seele, die angekommen ist.

    Ein Herz, das jetzt schlägt im Rhythmus der Liebe Gottes.
    Ein Leben, das vollendet wurde – nicht beendet.

    „Denn wir wissen:
    Wenn unser irdisches Zelt abgebrochen wird,
    dann haben wir von Gott ein ewiges Haus im Himmel.“

    (2 Korinther 5,1)

    Ich bin nicht tot – Ich bin bei Gott

  • Gebt Ihr ihnen zu essen

    Gedanken zu Fronleichnam

    Dieses Bild begleitet mich an Fronleichnam – ebenso wie die Worte von Kardinal Christoph Schönborn:

    „Der ganze Aufwand, aller Schmuck an Blumen, alle die Festlichkeit haben nur diesen einen Sinn: Dass hier Jesus selber gegenwärtig ist.“

    Gezeigt ist die Speisung der Fünftausend: Ein Wunder, das in allen vier Evangelien überliefert ist. Aus nur fünf Broten und zwei Fischen werden Tausende satt – weil ein Kind teilt, weil Jesus segnet, weil die Jünger weitergeben. Das scheinbar Unmögliche wird möglich. Und: Es bleibt noch übrig.

    Ikonendarstellung der Speisung der Fünftausend. In der Mitte steht Christus, zweimal dargestellt – beim Entgegennehmen und Austeilen der Brote. Links kniet ein Junge mit fünf Broten und zwei Fischen. Rechts empfangen die Menschen das Wunder des Überflusses.

    Das Spruchband in rumänischer Sprache über der Szene lautet:

    „Hristos binecuvântând pâinile“ – „Christus segnet die Brote“.

    Fronleichnam ist das Hochfest des „Leibes und Blutes Christi“ – ein Fest der Gegenwart Jesu in der Eucharistie. Das alte Wort „Fronleichnam“ stammt aus dem Mittelhochdeutschen: vron = „des Herrn“ und lichnam = „lebendiger Leib“. Was wir am Gründonnerstag im Gedenken an das Letzte Abendmahl feiern, wird an Fronleichnam öffentlich bezeugt: Jesus Christus ist mitten unter uns – lebendig und gegenwärtig im gewandelten Brot.

    So ist auch das Evangelium dieses Tages mehr als eine Erinnerung. Es ist ein Auftrag:

    „Gebt ihr ihnen zu essen!“ (Lk 9,13)

    Für mich bedeutet das: Ich teile, was ich habe. Worte, Zeit, Trost. In der Hoffnung, dass Christus selbst gegenwärtig ist, wenn wir in seinem Namen handeln.

  • Amor vincit

    Wenn wir einen geliebten Menschen verlieren, scheint es oft, als sei alles zu Ende. Doch dieser Text aus dem 2. Korintherbrief erinnert uns an eine große Hoffnung: Christus ist nicht nur gestorben – er ist auch auferweckt worden. Nicht, um uns zu verlassen, sondern um bei uns zu bleiben – in Liebe, in Fürsprache, in Verbundenheit.

    Wer liebt, lebt nicht mehr für sich allein. Wer geliebt hat – lebt weiter in der Liebe.

    In der Trauer können wir uns von der Liebe Christi getragen wissen. Sie „drängt“ uns, nicht zu verzweifeln, sondern zu vertrauen: auf ein Wiedersehen, auf Sinn trotz des Schmerzes, auf einen Weg, der weiterführt – mit Christus, der beim Vater für uns eintritt, für Dich und für die, die Du liebst.

    Und vielleicht geschieht gerade in der Stunde des Abschieds etwas Neues: Wir lernen, nicht mehr nur für uns selbst zu leben, sondern – wie Christus – in Liebe für andere. Amor vincit. Die Liebe siegt. Auch über den Tod.

  • Wie geht glauben?

    Manche finden ihren Glauben früh. Andere erst spät. Und viele suchen ihr Leben lang.

    Ich glaube: Es ist nie zu spät, sich berühren zu lassen. Nie zu spät, still zu werden. Nie zu spät, sich anvertrauen zu dürfen.

    Es ist vielleicht gerade Zeit, eine Minute einfach still zu werden und dankbar zu sein.

    Vielleicht beginnt Glauben genau da, wo wir nicht mehr alles verstehen müssen, und einfach bereit sind, Danke zu sagen. Im ruhigen Atmen und ganz im Augenblick.

    Einfach so. Jetzt.

    „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“
    (Johannes 20,29)

  • von den Toten auferweckt

    Das Wort ist dir nahe, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen.

    Gemeint ist das Wort des Glaubens, das wir verkündigen; denn wenn du mit deinem Mund bekennst: „Jesus ist der Herr“, und in deinem Herzen glaubst: „Gott hat ihn von den Toten auferweckt“, so wirst du gerettet werden.

    Wer mit dem Herzen glaubt und mit dem Mund bekennt, wird Gerechtigkeit und Heil erlangen.

    Röm 10, 8b–10

  • dann

    Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es.

    Liebe Brüder, jetzt sind wir Kinder Gottes. Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.

    1 Joh 3, 1a.2

  • Ich bin bei Euch

    Darum gilt den Jüngern damals und auch uns heute, nicht weiter zum Himmel zu schauen, sondern im Namen Jesu zu wirken, unsere Welt zu gestalten. Wir dürfen uns dabei der Zusage Jesu gewiss sein: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28, 20)

    Quelle: Magnificat – das Stundenbuch

  • Einem unbekannten Gott

    22 Da stellte sich Paulus in die Mitte des Areopags und sagte: Männer von Athen, nach allem, was ich sehe, seid ihr sehr fromm. 23 Denn als ich umherging und mir eure Heiligtümer ansah, fand ich auch einen Altar mit der Aufschrift: EINEM UNBEKANNTEN GOTT. Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch. 

    24 Der Gott, der die Welt erschaffen hat und alles in ihr, er, der Herr über Himmel und Erde, wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhand gemacht sind. 25 Er lässt sich auch nicht von Menschenhänden dienen, als ob er etwas brauche, er, der allen das Leben, den Atem und alles gibt. 26 Er hat aus einem einzigen Menschen das ganze Menschengeschlecht erschaffen, damit es die ganze Erde bewohne. Er hat für sie bestimmte Zeiten und die Grenzen ihrer Wohnsitze festgesetzt. 27 Sie sollten Gott suchen, ob sie ihn ertasten und finden könnten; denn keinem von uns ist er fern. 28 Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir; wie auch einige von euren Dichtern gesagt haben: Wir sind von seinem Geschlecht.[1] 29 Da wir also von Gottes Geschlecht sind, dürfen wir nicht meinen, das Göttliche sei wie ein goldenes oder silbernes oder steinernes Gebilde menschlicher Kunst und Erfindung. 30 Gott, der über die Zeiten der Unwissenheit hinweggesehen hat, gebietet jetzt den Menschen, dass überall alle umkehren sollen. 31 Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis in Gerechtigkeit richten wird, durch einen Mann, den er dazu bestimmt und vor allen Menschen dadurch ausgewiesen hat, dass er ihn von den Toten auferweckte. 

    32 Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, spotteten die einen, andere aber sagten: Darüber wollen wir dich ein andermal hören. 33 So ging Paulus aus ihrer Mitte weg. 34 Einige Männer aber schlossen sich ihm an und wurden gläubig, unter ihnen auch Dionysius, der Areopagit, außerdem eine Frau namens Damaris und noch andere mit ihnen. 

    Apostelgeschichte 17, 22-34

    Impuls zur Lesung

    Der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844–1900) ist mit dem Christentum nicht zimperlich umgegangen. Doch so leicht lässt sich dieser Philosoph nicht in eine Schublade stecken. Eines seiner Gedichte überschrieb er: „Dem unbekannten Gott“. Wo stehen die Altäre des unbekannten Gottes? Weder in den glänzenden Tempeln der Heiden noch in den Gotteshäusern des Christentums, sondern „in tiefster Herzenstiefe“. Von und vor dem „unbekannten Gott“ bekennt das Ich dieses Gedichts:

    „Sein bin ich, ob ich in der Frevler Rotte / auch bis zur Stunde bin geblieben.“ Ein leidenschaftlicher Ausbruch steht am Ende: „Ich will dich kennen, Unbekannter, / du tief in meine Seele Greifender, / mein Leben wie ein Sturm Durchschweifender, / du Unfaßbarer, mir Verwandter!“

    Nietzsche spielt auf die Rede des Paulus auf dem Areopag an, er spielt nicht nur mit ihr. Ist der notorische Spötter, der vermeintliche Frevler, hier nicht tief biblisch inspiriert?

    Quelle: Magnificat – das Stundenbuch vom 28.5.2025