Autor: admin

  • Sehen, Wissen und Glauben

    Vor der heutigen Messe am Fest des Apostels Thomas am 3. Juli 2026 im Stephansdom habe ich mit KI dieses Bild generiert. Es fasst die erste Lesung und das Evangelium in meiner Interpretation zusammen. Anschließend habe ich die Predigt von Prof. Dr. Thomas Möllenbeck zusammengefasst, wie ich sie verstanden habe.

    Im Evangelium steht NICHT, dass Thomas niederkniete und dort steht auch NICHT, dass er die Wundmale Jesu tatsächlich berührt hat. Kirchenlehrer und viele Künstler interpretieren zwar, dass es diese Berührung gab – wohl auch um zu zeigen dass Jesus kein Geist ist. Ich glaube aber, dass Thomas der Blick in die Augen des Herrn genügt hat, um zu erkennen, dass der auferstandene Christus vor ihm steht, der sein Herr und sein Gott ist.

    Der Schlußstein mit dem Nimbus ist eine Referenz an die 1. Lesung und die Risse in der Mauer hinter Jesus sind eine Andeutung, dass er in den Raum kam, obwohl die Türen verschlossen waren.

    Lesung und Evangelium vom Fest des Hl. Thomas interpretiert und generiert von HRP mit KI.

    Predigt von Prof. Dr. Thomas Möllenbeck

    Zusammenfassung und Transkript mit Plaud AI.

    Die Geschichte des Apostels Thomas wird oft als Gegensatz zwischen Sehen und Glauben verstanden. Thomas gilt als der Zweifler, der erst glauben will, wenn er Jesus sieht und seine Wunden berührt. Doch diese Deutung greift zu kurz.

    Denn was Thomas sieht, muss er nicht mehr glauben. Er sieht den auferstandenen Jesus vor sich. Er kann sich davon überzeugen, dass Jesus kein Geist und keine bloße Erscheinung ist. Derselbe Jesus, der gestorben ist, steht leibhaftig und doch verwandelt vor ihm. Thomas erkennt: Jesus ist wirklich auferstanden.

    Aber dann sagt Thomas:

    „Mein Herr und mein Gott!“

    Und genau hier beginnt der Glaube. Denn dass Jesus Gott ist, kann Thomas nicht sehen. Gott ist Geist. Thomas sieht mit den Augen seines Leibes den auferstandenen Jesus – und erkennt mit den Augen des Glaubens in ihm seinen Herrn und seinen Gott.

    Deshalb gehört auch Thomas zu jenen, von denen Jesus sagt:

    „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“

    Auch die Apostel mussten glauben, was sie nicht sehen konnten. Sie sahen den auferstandenen Christus. Aber sie konnten nicht sehen, dass auch wir alle auferstehen werden. Sie mussten Jesus auf sein Wort vertrauen: dass der Tod nicht das Ende ist, dass Leib und Seele zur ganzen Person gehören und dass Gott den Menschen zu einer neuen Daseinsform verwandeln wird.

    So gilt für Thomas, für die Apostel und für uns dieselbe Definition des Glaubens aus dem Hebräerbrief:

    „Glaube ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht.“
    (Hebr 11,1)

    Wir hoffen auf die Auferstehung des Fleisches, auf die Gemeinschaft der Heiligen und darauf, Gott eines Tages zu schauen. Wie dieses neue Leben sein wird, wissen wir nicht. Aber wir vertrauen auf die Verheißung, dass wir verwandelt werden und Gott schauen werden, wie er ist.

    Am Ende führt die Predigt mitten in die Eucharistie. Auch hier unterscheiden sich Sehen und Glauben:

    Unsere leiblichen Augen sehen Brot und Wein.
    Die Augen des Glaubens erkennen die Gegenwart Christi.

    So verbindet sich das Fest des Apostels Thomas unmittelbar mit jeder Eucharistiefeier:

    Thomas sieht den Auferstandenen und glaubt: „Mein Herr und mein Gott.“
    Wir sehen die eucharistischen Gestalten und glauben: Christus ist gegenwärtig.

    Der Glaube beginnt nicht dort, wo der Mensch nichts weiß. Er beginnt dort, wo das Sichtbare allein nicht ausreicht – und der Mensch sich auf Gottes Verheißung stellt.

    Glauben heißt: feststehen in dem, was man erhofft.

    Texte zum Fest des Apostels Thomas.

  • didymus – zwilling

    wenn du es bist
    tritt durch die stahltür
    die von angst gehärtete
    in mein zitterndes innen

    wenn du es bist
    leg deinen finger
    auf die fieberstirn
    meiner zweifel

    wenn du es bist
    führ deine hand
    an die herzschwäche
    meiner liebe

    wenn du es bist
    du weißt was weh mir tut
    inwendig kennst du mich
    als wärst du mein

    zwillingsbruder

    Andreas Knapp, aus: ders., Heller als Licht.
    Biblische Gedichte, 74, © Echter Verlag,
    Würzburg, 6. Auflage 2024

  • Magnificat

    Zwei Frauen. Zwei Kinder. Eine Begegnung, die die Welt verändert.

    Es gibt Bilder, die laut sind. Dieses gehört nicht dazu. Es erzählt seine Geschichte leise. Je länger man hinsieht, desto mehr beginnt es zu sprechen.

    Heimsuchung, Meister M.S.,1506, Ungarische Nationalgalerie, Budapest, © akg-images / Album / Prisma

    Maria kommt aus Nazaret. Sie trägt das größte Geheimnis der Welt unter ihrem Herzen. Elisabeth empfängt sie nicht mit vielen Worten, sondern mit einer Geste tiefer Ehrfurcht. Ihr Blick ruht auf dem Leib der jungen Frau. Ihre rechte Hand führt die Hand Mariens an ihre Lippen, als wollte sie sagen: Nicht ich bin wichtig. Gesegnet ist die, die den Herrn trägt.

    Maria wirkt jünger, einfacher gekleidet und zugleich erstaunlich gelassen. Ihre rechte Hand ist geöffnet. Sie greift nach nichts. Sie hält nichts fest. Sie scheint den Himmel sagen zu lassen, was geschehen soll. Diese offene Hand erinnert an ihr Ja bei der Verkündigung: „Mir geschehe nach deinem Wort.“

    Beide Frauen sind schwanger. Eigentlich begegnen sich sogar vier Menschen. Johannes der Täufer erkennt den Messias noch vor seiner Geburt. Das Evangelium berichtet, dass das Kind vor Freude im Leib Elisabeths hüpfte. Schon vor der Geburt beginnt die Geschichte des Glaubens als eine Geschichte der Begegnung.

    Der Maler stellt diese Begegnung mitten in eine frühlingshafte Landschaft. Alles scheint zu wachsen. Zwischen den beiden Frauen stehen jedoch auch Zeichen dafür, dass neues Leben nicht ohne Leid entsteht. Ein abgestorbener Baum ragt dunkel in das frische Grün hinein. Er erinnert daran, dass das Kind, das Maria trägt, nicht nur geboren wird, sondern auch leiden und sterben wird. Leben und Tod stehen bereits in diesem Bild nebeneinander.

    Besonders schön finde ich den Gegensatz zwischen dem abgestorbenen Baum und den beiden werdenden Müttern. Der tote Ast erzählt vom Ende. Die beiden Frauen erzählen vom Anfang. Ostern beginnt gewissermaßen schon hier.

    Im Vordergrund blüht eine blaue Schwertlilie. Seit Jahrhunderten gilt sie als Marienblume und erinnert an Reinheit, Treue und zugleich an das Schwert des Schmerzes, das Maria später treffen wird. Rechts wachsen rote Blüten, vielleicht Pfingstrosen, die an Liebe und Hingabe erinnern.

    Einen Hinweis verdanke ich Heinz Detlef Stäps: Zwischen den Pflanzen wächst unscheinbar ein Erdbeerstrauch. Man übersieht ihn leicht. In der mittelalterlichen Symbolik besitzt er jedoch eine erstaunliche Tiefe. Gleichzeitig trägt er Blüten, unreife und reife Früchte. So verbindet er Jungfräulichkeit, Schwangerschaft und Fruchtbarkeit. Seine niedrige Wuchsform steht zugleich für Demut – eine Eigenschaft, die Maria selbst im Magnificat besingt: „Er hat auf die Niedrigkeit seiner Magd geschaut.“

    Der Hintergrund öffnet den Blick weit über Berge, Wasser und eine Burg. Die Landschaft wirkt friedlich und geordnet. Sie erinnert daran, dass Gottes Geschichte niemals nur den einzelnen Menschen betrifft. Von dieser stillen Begegnung zweier Frauen wird die ganze Welt berührt.

    Je länger ich das Bild betrachte, desto mehr rückt für mich nicht Maria allein in den Mittelpunkt, sondern die Begegnung selbst. Gott kommt nicht mit Macht. Er kommt von Mensch zu Mensch. Er begegnet Elisabeth in Maria. Johannes begegnet Jesus. Und vielleicht geschieht seitdem jede echte christliche Begegnung so: Gott begegnet in mir dem Gott, der bereits im anderen lebt.

    Dann wird selbst ein gewöhnlicher Weg durch das Bergland Judäas zu heiligem Boden.


    Der Geburtsort des Magnificat

    Die Begegnung zwischen Maria und Elisabeth gehört zu den schönsten Szenen des Lukasevangeliums. Hier erklingt zum ersten Mal das Magnificat, der große Lobgesang Mariens, den die Kirche bis heute jeden Abend in der Vesper betet.

    Das Wort Magnificat ist das erste Wort des lateinischen Lobgesangs Mariens. Grammatikalisch ist es ein Verb und bedeutet wörtlich „(sie) preist“ oder „(sie) macht groß“. Erst die folgenden Worte nennen das Subjekt: anima mea„meine Seele“. Der vollständige Satz lautet deshalb: „Magnificat anima mea Dominum“ – „Meine Seele preist die Größe des Herrn.“

    Natürlich kann Maria Gott nicht größer machen, als er ist. Sie macht seine Größe sichtbar. Sie lenkt den Blick auf ihn. Genau das geschieht auch auf diesem Bild.

    Elisabeth begegnet Maria mit einer Ehrfurcht, die weit über eine gewöhnliche Begrüßung hinausgeht. Sie erkennt in ihr die Mutter des Messias. Maria nimmt diese Wertschätzung dankbar an, behält sie aber nicht für sich. Sie lenkt den Blick sofort weiter auf Gott. Nicht sie selbst soll groß werden, sondern der, der Großes an ihr getan hat.

    Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Größe Mariens. Sie stellt sich nicht in den Mittelpunkt. Sie wird durchsichtig für Gott. Wer Maria begegnet, soll nicht bei ihr stehen bleiben, sondern durch sie hindurch auf Gott schauen.

    Der Lobgesang Mariens gehört zu den eindrucksvollsten Texten der Bibel. Er verbindet Dankbarkeit mit Hoffnung, Demut mit Freude und persönliches Erleben mit der Geschichte Gottes mit seinem Volk.

    Magnificat – Lobgesang Mariens

    Meine Seele preist die Größe des Herrn,
    und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.

    Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut.
    Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.

    Denn der Mächtige hat Großes an mir getan,
    und sein Name ist heilig.

    Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht
    über alle, die ihn fürchten.

    Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten:
    Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind;

    er stürzt die Mächtigen vom Thron
    und erhöht die Niedrigen.

    Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben
    und lässt die Reichen leer ausgehn.

    Er nimmt sich seines Knechtes Israel an
    und denkt an sein Erbarmen,

    das er unsern Vätern verheißen hat,
    Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.

    Mich berührt an diesem Lobgesang immer wieder, dass Maria fast ausschließlich von Gott spricht. Nur zweimal verwendet sie das Wort „ich“ – und beide Male nicht, um sich selbst groß zu machen, sondern um zu erzählen, was Gott an ihr getan hat. Das Magnificat ist deshalb weniger ein Lied über Maria als ein Lied über einen Gott, der den Menschen sieht, ihn aufrichtet und ihm Zukunft schenkt. Genau diese Haltung strahlt für mich auch das Bild der Heimsuchung aus.

  • das neue leben

    das neue leben
    macht sich auf den weg
    zum alten
    maria zu elisabeth
    und was sie trägt
    in ihres kleides falten
    als knospe bald
    in blüte steht

    und wie sie sich
    in einem geist
    begegnen
    beginnt die wolke
    über ihnen
    abzuregnen

    das neue leben
    regt sich hüpfend
    schon im schoß
    maria preist den
    herrn und singt
    er macht die kleinen groß

    das neue leben
    macht sich auf
    den weg zum alten
    maria kommt in
    unsre zeit
    und uns bewegt
    des geistes walten
    wir sind für eine
    neue zeit bereit

    das haus
    in dem wir weilen
    macht sich weit
    kapelle wird
    zum großen dom
    der reine quell
    ent-sprungen
    in der zeit
    wird bach wird fluß
    ein strom

    Wilhelm Willms, „wagnis und liebe. der gefährliche weg des josef kentenich“,
    S. 51 f., © 1986 Butzon & Bercker GmbH, Kevelaer

  • Rector potens, verax Deus

    O Gott, du lenkst mit starker Hand
    den wechselvollen Lauf der Welt,
    machst, dass den Morgen mildes Licht,
    den Mittag voller Glanz erhellt.

    Lösch aus die Glut der Leidenschaft
    und tilge allen Hass und Streit;
    erhalte Geist und Leib gesund,
    schenk Frieden uns und Einigkeit.

    Du Gott des Lichts, auf dessen Reich
    der helle Schein der Sonne weist,
    dich loben wir aus Herzensgrund,
    Gott Vater, Sohn und Heil’ger Geist. Amen.

    Nach: Rector potens, verax Deus; Ambrosius (?), † 397 –
    Melodie: GL 539 · GL 1975 605 · KG 781 · EG 142

    Quelle: Magnificat – das Stundenbuch
    Morgengebet vom 1.7.2026

  • Leben und Last

    Die folgende Geschichte wird häufig dem großen tibetischen Yogi Milarepa (1040–1123) zugeschrieben. In den veröffentlichten Schriften Milarepas findet sich dafür allerdings kein eindeutiger Beleg. Unabhängig von ihrer Herkunft gehört sie für mich zu den schönsten Lehrgeschichten des Buddhismus.

    Milarepa begegnete auf seiner Suche nach Erleuchtung einem alten Mann, der mit einem schweren Sack auf den Schultern einen Berg hinabstieg. Er sprach ihn an und fragte: „Ehrwürdiger Alter, sag mir: Was ist Erleuchtung?“

    Der Alte lächelte, nahm den Sack von seinen Schultern und richtete sich auf.

    Milarepa nickte. „Ich verstehe“, sagte er. „Doch eine Frage habe ich noch: Was kommt nach der Erleuchtung?“

    Wieder lächelte der Alte. Er hob den Sack auf seine Schultern und ging weiter.

    Mich berührt diese Geschichte sehr.

    Als Christ lese ich sie allerdings anders: Glaube befreit uns nicht von den Lasten des Lebens. Krankheit, Verantwortung, Trauer und Abschied bleiben Teil unseres Weges. Aber sie müssen nicht mehr in derselben Weise getragen werden.

    Jesus verspricht kein Leben ohne Kreuz. Er verspricht seine Gegenwart. „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch Ruhe verschaffen.“ (Mt 11,28)

    Vielleicht liegt genau darin der Unterschied: Der alte Mann trägt seinen Sack weiter. Auch ich trage meinen. Aber ich glaube, dass Christus ihn mitträgt. Und manchmal macht gerade das den entscheidenden Unterschied.

    … und als Milarepa 43 Jahre alt war, wurde Stift Göttweig über der Wachau gegründet.

    Bild erstellt mit ChatGPT.

  • In Tiefen, die kein Trost erreicht

    In Tiefen, die kein Trost erreicht,
    lass doch deine Treue mich erreichen.
    In den Nächten, wo der Glaube weicht,
    lass nicht deine Gnade von mir weichen.

    Auf dem Weg, den keiner mit mir geht,
    wenn zum Beten die Gedanken schwinden,
    wenn mich kalt die Finsternis umweht,
    wollest du in meiner Not mich finden.

    Wenn die Seele wie ein irres Licht
    flackert zwischen Werden und Vergehen,
    wenn es mir an Trost und Rat gebricht,
    wollest du an meiner Seite stehen.

    Wenn ich deine Hand nicht fassen kann,
    nimm die meine du in deine Hände,
    nimm dich meiner Seele gnädig an,
    führe mich zu einem guten Ende.

    Justus Delbrück (1902–1945),
    aus einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager

  • I. B. zu ihrem 100. Geburtstag


    Dieses Gedicht schrieb Ingeborg Bachmann im Frühjahr 1957. Sie war damals 31 Jahre alt und lebte in Rom. Geboren wurde sie am 25. Juni 1926 in Klagenfurt. Nach dem Studium der Philosophie, Psychologie und Germanistik promovierte sie über Martin Heidegger. Bereits mit ihrem ersten Gedichtband Die gestundete Zeit wurde sie zu einer der bedeutendsten Stimmen der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur.

    Europa stand noch immer im Schatten des Zweiten Weltkriegs, der Kalte Krieg bestimmte die Gegenwart, und viele fragten sich, ob nach so viel Leid überhaupt noch Hoffnung möglich sei. Bachmann stellte diese Fragen mit einer sprachlichen Klarheit, die bis heute beeindruckt. Ihr berühmter Satz lautet: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“

    Gerade deshalb hat dieses Gedicht bis heute nichts von seiner Kraft verloren. Bachmann schreibt nicht über die Sintflut selbst, sondern über das, was danach bleibt. Die Taube mit dem Ölzweig aus der biblischen Noah-Erzählung wird zum Sinnbild der Hoffnung.

    „… möchte ich die Taube
    und nichts als die Taube
    noch einmal gerettet sehn.“

    Sie bittet nicht um eine neue Arche, keinen Helden und keinen großen Neuanfang. Es genügt ihr, dass die Hoffnung selbst gerettet wird.

    Ingeborg Bachmann starb am 17. Oktober 1973 im Alter von nur 47 Jahren in Rom an den Folgen eines Wohnungsbrandes. Ihr literarisches Werk jedoch gehört bis heute zu den bedeutendsten Zeugnissen der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts.

    Vielleicht liegt darin die eigentliche Botschaft dieses Gedichts: Nach jeder persönlichen oder gesellschaftlichen Sintflut braucht der Mensch vor allem eines – die Gewissheit, dass die Taube wieder zurückkehrt.

    Vielleicht beginnt jede Hoffnung damit, dass wir der Taube zutrauen, noch einmal zu uns zurückzufliegen.

  • Ankündigung der Geburt des Täufers

    Die Miniatur stammt aus dem berühmten Berthold-Sakramentar des Klosters Weingarten und entstand um das Jahr 1217. Sie zeigt die Szene aus dem Lukasevangelium, in der der Priester Zacharias während seines Tempeldienstes dem Engel Gabriel begegnet.

    Die Darstellung spielt in einem reich ausgestatteten Kirchenraum, der den Tempel von Jerusalem symbolisiert. Zacharias steht links vor dem Altar und hält das Weihrauchfass in der Hand. Ihm gegenüber erscheint der Erzengel Gabriel. Zwischen beiden Figuren entsteht eine besondere Spannung: Sie neigen sich einander zu, ihre Köpfe und Blicke kommen sich beinahe so nahe, dass sie sich berühren könnten.

    Der Künstler macht damit sichtbar, was das Evangelium erzählt: Gott tritt in das Leben eines Menschen ein und verändert dessen Zukunft. Zacharias erfährt, dass seine Frau Elisabet trotz ihres hohen Alters einen Sohn gebären wird. Dieser Sohn wird Johannes heißen und den Weg für Jesus Christus bereiten.

    Die leuchtenden Farben, der Goldgrund und die feinen architektonischen Formen verleihen der Szene eine überirdische Atmosphäre. Die Miniatur zeigt nicht nur ein historisches Ereignis, sondern die Begegnung zwischen menschlichem Zweifel und göttlicher Verheißung. Aus dieser Begegnung entsteht die Geschichte des Täufers, dessen Auftrag darin besteht, auf Christus hinzuweisen.

    Evangelium

    Lk 1, 57–66.80
    Für Elisabet erfüllte sich die Zeit, dass sie gebären sollte, und sie brachte einen Sohn zur Welt. Ihre Nachbarn und Verwandten hörten, welch großes Erbarmen der Herr ihr erwiesen hatte, und freuten sich mit ihr.
    Und es geschah: Am achten Tag kamen sie zur Beschneidung des Kindes und sie wollten ihm den Namen seines Vaters Zacharias geben.
    Seine Mutter aber widersprach und sagte: Nein, sondern er soll Johannes heißen. Sie antworteten ihr: Es gibt doch niemanden in deiner Verwandtschaft, der so heißt.
    Da fragten sie seinen Vater durch Zeichen, welchen Namen das Kind haben solle. Er verlangte ein Schreibtäfelchen und schrieb darauf: Johannes ist sein Name. Und alle staunten.
    Im gleichen Augenblick konnte er Mund und Zunge wieder gebrauchen und er redete und pries Gott. Und alle ihre Nachbarn gerieten in Furcht und man sprach von all diesen Dingen im ganzen Bergland von Judäa.
    Alle, die davon hörten, nahmen es sich zu Herzen und sagten: Was wird wohl aus diesem Kind werden? Denn die Hand des Herrn war mit ihm.
    Das Kind wuchs heran und wurde stark im Geist. Und es lebte in der Wüste bis zu dem Tag, an dem es seinen Auftrag für Israel erhielt.

    Hochfest
    Geburt des Heiligen Johannes des Täufers

    Das Lukasevangelium stellt die Ankündigung der Geburt und die Geburt Johannes des Täufers parallel zur Verkündigung der Geburt Jesu und seiner Geburt dar. Entsprechend wird der Geburtstag des Johannes ein halbes Jahr vor dem Geburtstag Jesu gefeiert. Die besonderen Umstände seiner Geburt schildert Lukas im ersten Kapitel seines Evangeliums: die Unfruchtbarkeit Elisabets, die im Alter doch noch Mutter wird; der Unglaube des Vaters Zacharias und sein Verstummen, das sich schließlich in der Nennung des Namens Johannes löst und in den Lobpreis Gottes mündet. Der Name Johannes bedeutet „Gott ist gnädig“. Die Nähe zu Jesus, der sich von Johannes im Jordan taufen lässt, prägt das Leben des Täufers, von dem Jesus einmal sagte: „Unter allen Menschen hat es keinen größeren gegeben als Johannes den Täufer.“ (Mt 11, 11) Johannes aber, der vor seinem öffentlichen Auftreten als Bußprediger eine Zeit lang in der Wüste lebte, sah seine Rolle im Blick auf Jesus so: „Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden.“ (Joh 3, 30) Zu Beginn der öffentlichen Wirksamkeit Jesu schickte Johannes seine Jünger zu Jesus mit dem Hinweis: „Seht, das Lamm Gottes!“ (Joh 1, 36) Durch König Herodes Antipas, der den lästigen Mahner leid ist, weil er offen dessen zweite Heirat angeprangert hatte, wird Johannes ins Gefängnis geworfen. Einer Laune des Herrschers zufolge wird der Täufer für sein kompromissloses Eintreten im Dienste Gottes schließlich enthauptet. Das Gedächtnis seines Todes begeht die Kirche am 29. August.

    Quellen

    Miniatur:
    Berthold-Sakramentar, Weingarten, um 1217.
    Kommentar und kunsthistorische Erläuterungen nach Detlef Stäps.

    Evangelium:
    Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, 2016.

    Liturgische Bedeutung:
    Magnificat – Das Stundenbuch.


    Empfehlung

    Heinz Detlef Stäps

    Codex Biblicus – Die Evangelien

    2 Bände: Evangelien und Begleitband

    Diese Bibel-Teilausgabe enthält die vier Evangelien in der Einheitsübersetzung. Eingefügt in den Text sind durchgehend prächtige Abbildungen aus Handschriften des 9. bis 13. Jahrhunderts, die in namhaften Bibliotheken weltweit aufbewahrt werden. Diese einzigartigen Miniaturen spannen einen Bogen von der karolingischen Buchmalerei bis zur frühen Gotik.

    Der separate Begleitband ermöglicht es, den Text neben das Bild in der Bibel zu legen. Die Grundlage für die Abbildungen ist der Bibeltext, der auch den Buchmalern im Mittelalter vorlag. Heinz Detlef Stäps macht deutlich, dass die Miniaturen mehr als Illustrationen sind. Sie bringen den Bibeltext auf ihre eigene Weise zum Sprechen.

    384 S. | 21 x 28 cm | geb. | Hardcover | Verlag Kath. Bibelwerk 2024

  • Taufe im Jordan

    wie tief
    muss ich untergetaucht werden
    bis ich dem leben
    auf den grund komme

    wie rein
    muss ich gebadet werden
    bis meine haut
    durchatmet wird von licht

    wie zart
    muss mir gesagt werden dass ich geliebt bin
    bis ich es wirklich
    glauben kann

    Andreas Knapp, aus: Ders., Weiter als der Horizont.
    Gedichte über alles hinaus, S. 38, © Verlag Echter, Würzburg, 10. Auflage 2024