Schlagwort: Literatur

  • I. B. zu ihrem 100. Geburtstag


    Dieses Gedicht schrieb Ingeborg Bachmann im Frühjahr 1957. Sie war damals 31 Jahre alt und lebte in Rom. Geboren wurde sie am 25. Juni 1926 in Klagenfurt. Nach dem Studium der Philosophie, Psychologie und Germanistik promovierte sie über Martin Heidegger. Bereits mit ihrem ersten Gedichtband Die gestundete Zeit wurde sie zu einer der bedeutendsten Stimmen der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur.

    Europa stand noch immer im Schatten des Zweiten Weltkriegs, der Kalte Krieg bestimmte die Gegenwart, und viele fragten sich, ob nach so viel Leid überhaupt noch Hoffnung möglich sei. Bachmann stellte diese Fragen mit einer sprachlichen Klarheit, die bis heute beeindruckt. Ihr berühmter Satz lautet: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“

    Gerade deshalb hat dieses Gedicht bis heute nichts von seiner Kraft verloren. Bachmann schreibt nicht über die Sintflut selbst, sondern über das, was danach bleibt. Die Taube mit dem Ölzweig aus der biblischen Noah-Erzählung wird zum Sinnbild der Hoffnung.

    „… möchte ich die Taube
    und nichts als die Taube
    noch einmal gerettet sehn.“

    Sie bittet nicht um eine neue Arche, keinen Helden und keinen großen Neuanfang. Es genügt ihr, dass die Hoffnung selbst gerettet wird.

    Ingeborg Bachmann starb am 17. Oktober 1973 im Alter von nur 47 Jahren in Rom an den Folgen eines Wohnungsbrandes. Ihr literarisches Werk jedoch gehört bis heute zu den bedeutendsten Zeugnissen der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts.

    Vielleicht liegt darin die eigentliche Botschaft dieses Gedichts: Nach jeder persönlichen oder gesellschaftlichen Sintflut braucht der Mensch vor allem eines – die Gewissheit, dass die Taube wieder zurückkehrt.

    Vielleicht beginnt jede Hoffnung damit, dass wir der Taube zutrauen, noch einmal zu uns zurückzufliegen.

  • Auferstehung bei -40°

    Friedhofsspaziergänge haben auch etwas Philosophisches

    Tatjana Kuschtewskaja ist eine russische Schriftstellerin, die in Deutschland lebt.
    Sie wurde international bekannt durch ihr Buch „Hier liegt Freund Puschkin. Spaziergänge auf russischen Friedhöfen“.

    Darin beschreibt sie unter anderem die russische Trauer- und Friedhofskultur – auch aus philosophischer Perspektive.

    „Jetzt kann er ganz gewiss auferstehen“

    Die russisch-religiöse Philosophie des 19. Jahrhunderts um Vladimir Solovjov (1853–1900) formulierte den Anspruch, dass Tote überall so begraben werden sollten, dass sie jederzeit – in Analogie zu Jesus – wiederauferstehen können.

    Ein Mann konnte im hohen Norden bei minus 40 Grad lediglich eine Grabstelle von einem Meter Tiefe ausheben. Deshalb schlug ein Freund des Verstorbenen vor, Sprengstoff zu Hilfe zu nehmen, und so wurde Dynamit zur Explosion gebracht. Dann glättete man den Boden im Grab und bestattete den Leichnam.

    Als die Grube bereits zugeschüttet war, fiel einem Anwesenden ein, dass sie vergessen hatten, die Füße des Verstorbenen loszubinden. „Wie soll er da auferstehen?“, beklagten sich einige Trauergäste. „Die Bänder werden ihn im ewigen Eis festhalten.“

    Auf dem Friedhof war es so bitterkalt, dass selbst das Atmen schmerzte. Trotzdem wurde das Grab wieder geöffnet. Man löste die Bänder des Verstorbenen – und schloss das Grab erneut.

    Trotz der Kälte bekreuzigten sich alle Anwesenden erleichtert und murmelten:
    „Jetzt kann er ganz gewiss auferstehen.“