Schlagwort: Demut

  • Gott, Deine Güte

    Gott, deine Güte reicht so weit,
    so weit die Wolken gehen;
    du krönst uns mit Barmherzigkeit,
    und eilst, uns beizustehen.
    Herr, meine Burg, mein Fels, mein Hort,
    vernimm mein Flehn, merk auf mein Wort;
    denn ich will vor dir beten!

    Ich bitte nicht um Überfluss
    und Schätze dieser Erden.
    Lass mir, so viel ich haben muss,
    nach deiner Gnade werden.
    Gib mir nur Weisheit und Verstand,
    dich, Gott, und den, den du gesandt,
    und mich selbst zu erkennen.

    Ich bitte nicht um Ehr und Ruhm,
    so sehr sie Menschen rühren;
    des guten Namens Eigentum
    lass mich nur nicht verlieren.
    Mein wahrer Ruhm sei meine Pflicht,
    der Ruhm vor deinem Angesicht,
    und frommer Freunde Liebe.

    So bitt ich dich, Herr Zebaoth,
    auch nicht um langes Leben.
    Im Glücke Demut, Mut in Not,
    das wolltest du mir geben.
    In deiner Hand steht meine Zeit;
    lass du mich nur Barmherzigkeit
    vor dir im Tode finden.

    Christian Fürchtegott Gellert (1715–1769),
    Vertonung: Ludwig van Beethoven (1770–1827),
    in: Sechs Lieder von Gellert op. 48, 1

  • Demut

    Lasst uns Gott bitten um die Gabe der Demut:

    A: Kyrie, eleison.

    – Dass uns bewusst bleibt, wie viel wir deiner Güte verdanken.
    – Dass wir uns nicht über andere erheben.
    – Dass wir voll Freude tun, was heute unsere Aufgabe ist, auch wenn es uns klein und unbedeutend vorkommt.

    A: Kyrie, eleison.

  • O Deus aeterne

    Ewiger, gütiger Gott,
    du Schöpfer und Herr aller Dinge:
    Innig umfaßt dich mein Geist
    und die ganze Kraft meiner Seele,
    du meine Liebe, mein Lob,
    du Zierde und Licht meines Herzens.

    Du hast den Leib mir erbaut,
    schufst mir Augen zum Schauen der Schöpfung,
    schenkst mir zum Hören das Ohr,
    zum Werken die wendigen Hände.

    Was die Erde auch birgt,
    was Meer und Himmel umschließen,
    und was immer sich regt,
    was atmet, begehrt und empfindet,
    all dies schuf deine Hand
    und trägt und erhält es im Dasein,
    gibt ihm Leben und Kraft
    und lenkt es mit Allmacht und Weisheit.

    Lass mich, gütiger Herr,
    mit ganzem Herzen dir dienen,
    dich verkünden im Wort,
    dich tiefer erfassen im Glauben
    und in freudigem Dank
    zu dir die Hände erheben.

    Du bist mein Weg, meine Kraft,
    der sprudelnde Quell meines Lebens,
    du meiner Mühsal Lohn,
    mein Schöpfer und gütiger Lehrer.

    Sieh meine Armut und Not
    und verzeih mir Torheit und Sünde;
    gib, dass ich Gutes nur will
    und mit deiner Kraft es vollbringe.
    Dann lass mich, deinen Knecht,
    beseligt dein Angesicht schauen
    und, von Wonne durchströmt,
    an dir mich ewig erfreuen.

    Quelle:
    Nach: O Deus aeterne (Ad Deum Oratio), Hrabanus Maurus († 856)


    Ein frühmittelalterlicher Hymnus von Hrabanus Maurus verbindet Schöpfung, Dank und menschliche Verantwortung zu einem zeitlosen Morgengebet. Ein Text, der Arbeit, Glaube und Leben als Einheit denkt.

  • Der Mond ist aufgegangen

    Der Mond ist aufgegangen,
    die goldnen Sternlein prangen
    am Himmel hell und klar;
    der Wald steht schwarz und schweiget
    und aus den Wiesen steiget
    der weiße Nebel wunderbar.

    Wie ist die Welt so stille
    und in der Dämmrung Hülle
    so traulich und so hold!
    Als eine stille Kammer,
    wo ihr des Tages Jammer
    verschlafen und vergessen sollt.

    Seht ihr den Mond dort stehen?
    Er ist nur halb zu sehen
    und ist doch rund und schön.
    So sind wohl manche Sachen,
    die wir getrost belachen,
    weil unsre Augen sie nicht sehn.

    Wir stolzen Menschenkinder
    sind eitel arme Sünder
    und wissen gar nicht viel.
    Wir spinnen Luftgespinste
    und suchen viele Künste
    und kommen weiter von dem Ziel.

    Gott, lass dein Heil uns schauen,
    auf nichts Vergänglichs trauen,
    nicht Eitelkeit uns freun;
    lass uns einfältig werden
    und vor dir hier auf Erden
    wie Kinder fromm und fröhlich sein.

    Wollst endlich sonder Grämen
    aus dieser Welt uns nehmen
    durch einen sanften Tod;
    und wenn du uns genommen,
    lass uns in’ Himmel kommen,
    du unser Herr und unser Gott.

    So legt euch denn, ihr Brüder,
    in Gottes Namen nieder;
    kalt ist der Abendhauch.
    Verschon uns, Gott, mit Strafen
    und lass uns ruhig schlafen
    und unsern kranken Nachbarn auch.

    Matthias Claudius, Der Mond ist aufgegangen (1779)


    Quelle:
    Evangelisches Gesangbuch EG 482, Gotteslob GL 93


    Zum Autor

    Matthias Claudius (1740–1815) gehört zu jenen Dichtern der Aufklärung, die Einfachheit nicht als Naivität verstanden, sondern als geistige Reife.
    Seine Sprache ist bewusst schlicht, seine Bilder elementar – Nacht, Mond, Stille, Kindsein. Gerade darin liegt ihre Tiefe.

    Das Gedicht ist kein romantisches Naturbild, sondern ein Abendgebet:
    eine stille Kritik am menschlichen Hochmut, eine Erinnerung an Begrenztheit –
    und ein sanftes Vertrauen darauf, dass Geborgenheit nicht aus Wissen, sondern aus Hingabe wächst.

  • Demut – der Mut zum Dienen

    Als ich die Matura in der Tasche hatte, sagte mein Vater zu mir: „Du bist jetzt reif. Nun lerne Demut.“
    Damals verstand ich ihn nicht. Ich war stolz, das Reifezeugnis zu haben. Was sollte Demut schon heißen? Sich kleinmachen? Sich nicht freuen dürfen? Erst heute beginne ich zu ahnen, was er gemeint hat: Demut ist der Mut zum Dienen.

    Dieser Satz ist schlicht, aber er trägt. Grammatikalisch ist er sauber, theologisch ist er fest im Evangelium verankert – und etymologisch geht er bis zum Ursprung zurück. Denn das deutsche Wort Demut stammt aus dem Althochdeutschen diomuoti: die Haltung des Dienens. Demut war ursprünglich nicht Unterwürfigkeit, sondern die Kraft, sich für andere einzusetzen.

    Jesus selbst hat das vorgelebt. Im Evangelium dieses Sonntags (Lk 14,1.7–14) beobachtet er, wie sich die Gäste die Ehrenplätze sichern. Er sagt: „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt; wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“
    Militärerzdekan Dr. Harald Tripp hat dazu das Bild von Leonard Bernstein aufgenommen: Die besten Orchester der Welt erkennt man daran, dass sie die besten zweiten Geiger haben.“ Nicht die, die glänzen, machen das Ganze stark, sondern jene, die bereit sind, den Dienstplatz einzunehmen.

    P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB erklärt: In der Bibel meint „Demut“ oft „erniedrigt sein“. Menschen erniedrigen einander – Gott aber erhebt. Demut ist nicht Taktik, sondern Offenheit. Wie eine leere Schale, die fähig ist, Gutes zu empfangen und weiterzugeben.

    Kardinal Christoph Schönborn betont: Rangordnungen sind an sich nichts Schlechtes. Doch sobald Eitelkeit regiert, wird es lächerlich. Echte Freundschaft entsteht, wenn wir einander als Menschen begegnen, nicht als Nutznießer.

    Und Papst Johannes Paul II. hat es vor fast vierzig Jahren in Anagni gesagt: Wer groß werden will, soll bei den kleinsten Dingen beginnen. Das Fundament unseres Lebensbaus ist die Demut.

    So spannt sich ein weiter Bogen:
    Mein Vater, der mich nach der Matura ermahnt hat.
    Bernstein, der die zweite Geige würdigt.
    Der Kardinal, der die Eitelkeit entlarvt.
    Der Benediktiner, der Demut als offene Schale deutet.
    Und der Papst, der sie zum Fundament erklärt.

    Demut ist kein Kleinmachen, sondern ein Freiwerden – für Gott, für den anderen, für das Ganze.
    Sie ist kein Verlust an Würde, sondern ein Gewinn an Menschlichkeit.
    Und vielleicht wirklich: der Mut zum Dienen.


    Quellen

    • Evangelium Lk 14,1.7–14
    • Predigtgedanken P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB
    • Gedanken Kardinal Christoph Schönborn
    • Papst Johannes Paul II., Predigt in Anagni, 31. August 1986
    • Einleitung Militärerzdekan Dr. Harald Tripp
  • Die zweite Geige

    Von der Bedeutung der Demut

    Predigt am 22. SONNTAG IM JAHRESKREIS von
    Militärerzdekan Dr. Harald Tripp im Wiener Stephansdom

    Sir 3,17-18.20.28; Hebr 12,18-19.22-24a; Lk 14,1.7-14

    Von dem berühmten Komponisten und Orchesterdirigenten Leonardo Bernstein gibt es eine Interessante Aussage. Die Letzte Frage in einem Interview schien sehr naiv zu sein: „Welches Instrument wird im Symphonieorchester am wenigsten gerne gespielt?“ Verschwitzt lächelnd antwortet der Meister, ohne zu zögern: „Die zweite Geige. Jeder möchte furchtbar gerne die erste Geige spielen, und es gibt nur wenige, welche die gleiche Begeisterung und das gleiche Interesse für die zweite Geige aufbringen. Alle sterben nur nach der Stellung des ersten Geigers, und nur wenige verstehen, wie wichtig der zweite Geiger ist. Die berühmtesten Orchester der Welt sind die, welche die besten zweiten Geiger haben – denn alle Orchester haben ausgezeichnete erste Geiger. Ohne die zweite Geige aber gibt es keine Harmonie!“

    Die Herausforderung von erster zur zweiten Geige

    „Die zweite Geige zu spielen“ – das ist etwas, was eigentlich nicht „in“ ist. Es bedeutet, dass jemand anderes den Ton vorgibt; dass man sich nach einem anderen zu richten hat. In den Medien wird nur von den Stars und selten von den Zweiten oder Dritten berichtet. Es wird berichtet von Reichen und Schönen – aber auch davon, dass das Stehen im Rampenlicht nicht zugleich bedeutet, dass diese Menschen glücklicher sind. Auch das Spielen der ersten Geige hat so seine ganz eigene Herausforderung, der auch nicht jeder gleich gewachsen ist.

    Die Bedeutung der Bescheidenheit

    Von solchen Erfahrungen weiß auch das Buch Jesus Sirach zu berichten: Es ist ein Erziehungsbuch; eine Sammlung von Weisheiten für Lehrer und für Eltern. Der Rat, den wir in der heutigen Lesung gehört haben, lautet: „Bei all deinem Tun bleibe bescheiden, und du wirst geliebt werden. Je größer du bist, um so mehr bescheide dich, dann wirst du Gnade bei Gott.“ (Sir 3,17f) Und genau das hat auch Jesus verkündet und vorgelebt: Das Vermächtnis an seine Jünger war (nach dem Johannesevangelium) die Fußwaschung (Joh 13,1-20), der Dienst der Nächte. Jesus sagt: Den Kleinen gehört das Himmelreich; er spricht jene selig, die leiden, unterdrückt werden, trauern… Und er warnt alle, die Macht haben, dass diese Macht, dass ihr Reichtum sie hindern kann, ins Himmelreich zu kommen. Für bescheidene, einfache Menschen ist der Weg ins Himmelreich zu kommen. Für bescheidene, einfache Menschen ist der Weg ins Himmelreich anscheinend viel leichter als für Reiche und Mächtige.

    Die Tugend der Demut

    Die Tugend der Demut wird sehr leicht gering geschätzt – weil sie nicht laut ist; weil man ihr vorwerfen kann, dass sie sich nur anpasst; weil sie die Gefahr mit sich bringt, Unterdrückung zu fördern. Demut meint aber nicht Unterwürfigkeit – es geht vielmehr eine Gesinnung des Dienens, die sich ableitet vom Wissen, dass letztlich alles von Gott abhängt, dem Schöpfer und Erlöser. Im Lateinischen sieht man diesen Zusammenhang sehr schön: Demut heißt da „humilitas“ – und das hat dieselbe Wurzel wie „Humus“, Erde. Demut meint also eine Erdverbundenheit und wehrt jeglichem Abgehobensein. 

    Demut als Weg zur Harmonie

    Und diese Demut ist es, die Zusammenleben erst möglich macht. Wenn im Zusammenleben alle die erste Geige spielen wollten, dann gäbe es keine Familien und keine Gesellschaft – denn auch hier bedarf es der vielen, die zum Konzert beitragen, damit Harmonie im Zusammenleben entsteht. Und von dieser Demut sagt schon das Alte Testament im Buch der Sprüche: „Wo aber Demut ist, da ist auch Weisheit“ (Spr 11,2). Noch einmal: Es geht nicht darum, nur still zu sein und nicht aufzumucken – das wäre falsch verstanden Demut. Nicht Kadavergehorsam ist von uns Christen gefordert, sondern das Einstehen für unsere Überzeugungen – aber eben im Wissen, dass es nicht um die eigene Größe geht, sondern um die Größe Gottes. Und es braucht die Haltung, alle gleich zu achten, die ihren Beitrag zu diesem Orchester leisten – ob in erster, zweiter oder in letzter Reihe.

  • Werft alle eure Sorge auf ihn

    Begegnet einander in Demut. Denn Gott tritt den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er seine Gnade. Beugt euch also in Demut unter die mächtige Hand Gottes, damit er euch erhöht, wenn die Zeit gekommen ist. Werft alle eure Sorge auf ihn, denn er kümmert sich um euch.

    1 Petr 5, 5b–7

    Ich habe ganz selten bei Begräbnissen stolze Menschen gesehen.
    Die meisten kommen traurig und gehen getröstet wieder nach Hause, weil sie im Kreis lieber Menschen ihre Sorgen auf den Herrn werfen konnten.