Schlagwort: Beziehung

  • Logos

    Was das Universum zusammenhält.

    Seit mehr als 2500 Jahren fragen Menschen nach dem Urprinzip der Welt.
    Die frühen griechischen Philosophen nannten es Logos: Vernunft, Sinn, ordnendes Wort hinter allem Geschehen.

    Gegen Ende des 1. Jahrhunderts greift Johannes diesen Gedanken auf – und radikalisiert ihn.
    Er beginnt sein Evangelium:

    „Im Anfang war das Wort,
    und das Wort war bei Gott,
    und das Wort war Gott.“

    Der Logos ist nicht nur Prinzip.
    Er ist Beziehung.
    Und er spricht.

  • In guten Händen

    Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die ich sehr schätze, obwohl sie eigentlich auch Mitbewerber sein könnten.

    Hannes Benedetto Pircher ist für mich ein solcher Mensch.

    Wir kommen beide aus Tirol und begegnen einander an den Rändern des Unaussprechlichen – dort, wo Worte verletzen können, aber manchmal auch heilen. Hannes ist ein Meister der behutsamen Sprache und ein feiner Zuhörer. Viele Familien, die auch ich begleite, kennen ihn als jemanden, der Trost schenken kann, ohne je zu vereinfachen.

    Ich empfehle Hannes von Herzen weiter – und wüßte meine eigenen Familien bei ihm in guten Händen, wenn ich verhindert bin und Menschen in ihren schwersten Stunden einen verlässlichen Begleiter brauchen.


    Trost ist kein Produkt unserer Sprache, sondern unserer Haltung.
    Bevor ein einziges Wort gesprochen wird, spüren Trauernde, ob jemand erreichbar ist. Der erste Anruf, die erste Stimme nach einem Verlust, kann ein ganzes inneres System beruhigen. Trost beginnt dort, wo jemand den Mut hat, zuzuhören, ohne zu erklären oder zu korrigieren.

    Das Interview mit meinem Tiroler Kollegen Hannes Benedetto Pircher erinnert daran, dass Trost auf drei Pfeilern ruht:
    Präsenz. Vertrauen. Wahrhaftigkeit.

    Wir sprechen nicht, um Stille zu füllen, sondern um einen Raum zu öffnen, in dem Tränen, Dankbarkeit, Liebe und Fragen ihren Platz finden dürfen. Worte kommen erst später – und dann nur jene, die die Angehörigen selbst tragen können.

    Trost geschieht im Ankommen.
    Die Trauerrede ist erst die sichtbare Form eines viel früheren, viel stilleren Dienstes.

    Rituale geben Kraft.

  • Im Paradies

    Wenn der Mensch der Zukunft eines können muss, dann dies:
    zärtlich denken, klar fühlen, wahr handeln und weite Beziehungen leben.
    Das ist die „Kompetenz des Paradieses“.

    Und zu dieser Kompetenz gehört eine Fähigkeit, die älter ist als jede Religion und tiefer als jedes Wissen: Dankbarkeit.


    Dankbarkeit ist ein Bewusstseinsakt, kein Gefühl

    Sie entsteht in dem Moment, in dem der Mensch erkennt:
    „Ich habe nicht alles verdient. Vieles wurde mir geschenkt.“
    Es ist die Sanftheit der Demut.
    Eine KI kann berechnen, aber sie kann nicht danken.
    Denn Dankbarkeit braucht ein „Ich“ und ein „Du“.

    Dankbarkeit macht Beziehungen weit

    Ein dankbarer Mensch wird weicher, offener, wärmer.
    Dankbarkeit löst die Enge in uns, die Anspruch und Erwartung erzeugt.
    Sie schützt vor Verbitterung und Überforderung.
    Dankbare Menschen atmen tiefer — und lassen andere tiefer atmen.

    Dankbarkeit heilt das Herz

    Psychologisch gilt:
    Dankbare Menschen sind widerstandsfähiger, friedvoller, stabiler.
    Dankbarkeit ist die Innenseite von Frieden.
    Sie macht uns nicht blind für das Schwere,
    aber fähig, es zu tragen.

    Dankbarkeit ist ein spiritueller Sinnakt

    In der Dankbarkeit erkennt der Mensch:
    „Ich bin getragen.“
    Nicht allein, nicht zufällig, nicht verloren.
    Es ist das stille Vertrauen, dass Leben nicht nur Last ist,
    sondern auch Geschenk.

    Dankbarkeit ist die Basis jeder Liebe

    Ohne Dankbarkeit entstehen Besitz, Anspruch, Kontrolle.
    Mit Dankbarkeit werden sie zu Nähe, Freiheit, Beziehung.
    Dankbarkeit öffnet das Herz, bevor Liebe einziehen kann.
    Sie ist die Wärme im Hintergrund jeder echten Begegnung.

    Nur der Mensch kann danken.
    Deshalb bleibt er — bei aller KI, bei aller Technik, bei allem Fortschritt —
    ein Wesen von unvergleichlicher Tiefe.

    Und vielleicht ist das die schönste Wahrheit:
    Das Paradies beginnt dort,
    wo ein Mensch dankbar wird.

  • Loslassen lernen

    Ein schräges Evangelium

    Der ungerechte Verwalter – ein Mann, der das Vermögen seines Herrn verschleudert, Schuldscheine manipuliert und am Ende von Jesus gelobt wird. (Lk 16,1–13). Kaum ein Evangelium irritiert so sehr wie dieses. Ist Betrug plötzlich vorbildlich? Jahrelang habe ich das nicht verstanden. Heute ahne ich die Botschaft: Es geht nicht um Betrug, sondern um das Loslassen – und um die Freiheit, die daraus entsteht.


    Beziehungen statt Besitz

    Papst Franziskus hat dieses Evangelium als Einladung zur Klugheit gedeutet. Nicht die Unehrlichkeit sei das Vorbild, sondern der Mut, das Leben nüchtern zu sehen und entschlossen zu handeln. Geld, so Franziskus, ist „Mist des Teufels“. Doch es kann Werkzeug sein: „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon“. Besitz hat nur dann Sinn, wenn er verwandelt wird – in Beziehungen.


    Gabe statt Sicherheit

    Papst Leo XIV griff das Thema heute in Rom auf. Er erinnerte daran, dass wir Rechenschaft ablegen müssen: wie wir mit uns selbst, mit unseren Gütern und den Ressourcen der Erde umgehen. Besitz sei kein Garant für Sicherheit, sondern Geschenk – anvertraut, um Netzwerke von Solidarität zu schaffen. Das Evangelium zwingt zur Entscheidung: Gott oder Mammon, Hingabe oder Egoismus.


    Gott und das liebe Geld

    Kardinal Schönborn schreibt in seinen Gedanken zum Evangelium: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Geld sei nicht neutral. Es verspreche Sicherheit, aber es schenke keine Freundschaft. „Zum Geld können wir keine Beziehung haben, zu Gott schon.“ Loslassen bedeutet: das Geld nicht zum Herrn werden zu lassen, sondern es als Mittel einzusetzen – zuverlässig, ehrlich, auch in den kleinen Dingen.


    Verantwortung statt Fixierung

    Markus Beranek, Pastoralamtsleiter der Erzdiözese Wien, hob heute hervor: Besitz und Fähigkeiten sind Mittel, um Gemeinschaft zu gestalten. Entscheidend sei eine Kultur des Miteinanders, nicht das ängstliche Klammern an Status und Ansehen. Loslassen heißt: Verantwortung übernehmen, Fähigkeiten teilen, das Reich Gottes wachsen lassen – mitten in dieser Welt.


    Ars moriendi

    Domkurat Johannes J. Kreier schließlich sprach im Stephansdom von der ars moriendi, der Kunst zu sterben. Das Leben nicht bis zum Letzten auspressen, sondern rechtzeitig gute Investitionen tun: in Freundschaft, in Liebe, in Hingabe. Die Frage lautet: Will ich Kind der Welt sein, das festhält – oder Kind des Lichts, das loslässt?


    Mein Gedanke

    Loslassen scheint mir umso leichter, je mehr ich spüre, dass die Liebe Gottes mich trägt. Wer dankbar auf sein Leben zurückblickt, erkennt: Ich musste nicht alles festhalten. Vieles wurde mir geschenkt. Und was bleibt, ist nicht das, was ich angehäuft habe, sondern das, was ich weitergegeben habe – die Liebe, die Freundschaften, die Spuren, die in Ewigkeit tragen.


    Quellen

    1. Papst Franziskus: Angelus, 22. September 2019, Vatikan. Link
    2. Papst Leo XIV: Predigt, Sant’Anna, 21. September 2025. Link
    3. Kardinal Christoph Schönborn: Gott und das liebe Geld, Gedanken zum Evangelium, 21. September 2025. Link
    4. Markus Beranek: Predigtgedanken (Facebook-Posting), 21. September 2025.
    5. Johannes J. Kreier: Predigt im Stephansdom, 21. September 2025, 12:00 Uhr (mündliche Quelle, Text liegt bei Harald Preyer vor).