Magnificat

Zwei Frauen. Zwei Kinder. Eine Begegnung, die die Welt verändert.

Es gibt Bilder, die laut sind. Dieses gehört nicht dazu. Es erzählt seine Geschichte leise. Je länger man hinsieht, desto mehr beginnt es zu sprechen.

Heimsuchung, Meister M.S.,1506, Ungarische Nationalgalerie, Budapest, © akg-images / Album / Prisma

Maria kommt aus Nazaret. Sie trägt das größte Geheimnis der Welt unter ihrem Herzen. Elisabeth empfängt sie nicht mit vielen Worten, sondern mit einer Geste tiefer Ehrfurcht. Ihr Blick ruht auf dem Leib der jungen Frau. Ihre rechte Hand führt die Hand Mariens an ihre Lippen, als wollte sie sagen: Nicht ich bin wichtig. Gesegnet ist die, die den Herrn trägt.

Maria wirkt jünger, einfacher gekleidet und zugleich erstaunlich gelassen. Ihre rechte Hand ist geöffnet. Sie greift nach nichts. Sie hält nichts fest. Sie scheint den Himmel sagen zu lassen, was geschehen soll. Diese offene Hand erinnert an ihr Ja bei der Verkündigung: „Mir geschehe nach deinem Wort.“

Beide Frauen sind schwanger. Eigentlich begegnen sich sogar vier Menschen. Johannes der Täufer erkennt den Messias noch vor seiner Geburt. Das Evangelium berichtet, dass das Kind vor Freude im Leib Elisabeths hüpfte. Schon vor der Geburt beginnt die Geschichte des Glaubens als eine Geschichte der Begegnung.

Der Maler stellt diese Begegnung mitten in eine frühlingshafte Landschaft. Alles scheint zu wachsen. Zwischen den beiden Frauen stehen jedoch auch Zeichen dafür, dass neues Leben nicht ohne Leid entsteht. Ein abgestorbener Baum ragt dunkel in das frische Grün hinein. Er erinnert daran, dass das Kind, das Maria trägt, nicht nur geboren wird, sondern auch leiden und sterben wird. Leben und Tod stehen bereits in diesem Bild nebeneinander.

Besonders schön finde ich den Gegensatz zwischen dem abgestorbenen Baum und den beiden werdenden Müttern. Der tote Ast erzählt vom Ende. Die beiden Frauen erzählen vom Anfang. Ostern beginnt gewissermaßen schon hier.

Im Vordergrund blüht eine blaue Schwertlilie. Seit Jahrhunderten gilt sie als Marienblume und erinnert an Reinheit, Treue und zugleich an das Schwert des Schmerzes, das Maria später treffen wird. Rechts wachsen rote Blüten, vielleicht Pfingstrosen, die an Liebe und Hingabe erinnern.

Einen Hinweis verdanke ich Heinz Detlef Stäps: Zwischen den Pflanzen wächst unscheinbar ein Erdbeerstrauch. Man übersieht ihn leicht. In der mittelalterlichen Symbolik besitzt er jedoch eine erstaunliche Tiefe. Gleichzeitig trägt er Blüten, unreife und reife Früchte. So verbindet er Jungfräulichkeit, Schwangerschaft und Fruchtbarkeit. Seine niedrige Wuchsform steht zugleich für Demut – eine Eigenschaft, die Maria selbst im Magnificat besingt: „Er hat auf die Niedrigkeit seiner Magd geschaut.“

Der Hintergrund öffnet den Blick weit über Berge, Wasser und eine Burg. Die Landschaft wirkt friedlich und geordnet. Sie erinnert daran, dass Gottes Geschichte niemals nur den einzelnen Menschen betrifft. Von dieser stillen Begegnung zweier Frauen wird die ganze Welt berührt.

Je länger ich das Bild betrachte, desto mehr rückt für mich nicht Maria allein in den Mittelpunkt, sondern die Begegnung selbst. Gott kommt nicht mit Macht. Er kommt von Mensch zu Mensch. Er begegnet Elisabeth in Maria. Johannes begegnet Jesus. Und vielleicht geschieht seitdem jede echte christliche Begegnung so: Gott begegnet in mir dem Gott, der bereits im anderen lebt.

Dann wird selbst ein gewöhnlicher Weg durch das Bergland Judäas zu heiligem Boden.


Der Geburtsort des Magnificat

Die Begegnung zwischen Maria und Elisabeth gehört zu den schönsten Szenen des Lukasevangeliums. Hier erklingt zum ersten Mal das Magnificat, der große Lobgesang Mariens, den die Kirche bis heute jeden Abend in der Vesper betet.

Das Wort Magnificat ist das erste Wort des lateinischen Lobgesangs Mariens. Grammatikalisch ist es ein Verb und bedeutet wörtlich „(sie) preist“ oder „(sie) macht groß“. Erst die folgenden Worte nennen das Subjekt: anima mea„meine Seele“. Der vollständige Satz lautet deshalb: „Magnificat anima mea Dominum“ – „Meine Seele preist die Größe des Herrn.“

Natürlich kann Maria Gott nicht größer machen, als er ist. Sie macht seine Größe sichtbar. Sie lenkt den Blick auf ihn. Genau das geschieht auch auf diesem Bild.

Elisabeth begegnet Maria mit einer Ehrfurcht, die weit über eine gewöhnliche Begrüßung hinausgeht. Sie erkennt in ihr die Mutter des Messias. Maria nimmt diese Wertschätzung dankbar an, behält sie aber nicht für sich. Sie lenkt den Blick sofort weiter auf Gott. Nicht sie selbst soll groß werden, sondern der, der Großes an ihr getan hat.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Größe Mariens. Sie stellt sich nicht in den Mittelpunkt. Sie wird durchsichtig für Gott. Wer Maria begegnet, soll nicht bei ihr stehen bleiben, sondern durch sie hindurch auf Gott schauen.

Der Lobgesang Mariens gehört zu den eindrucksvollsten Texten der Bibel. Er verbindet Dankbarkeit mit Hoffnung, Demut mit Freude und persönliches Erleben mit der Geschichte Gottes mit seinem Volk.

Magnificat – Lobgesang Mariens

Meine Seele preist die Größe des Herrn,
und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.

Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut.
Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.

Denn der Mächtige hat Großes an mir getan,
und sein Name ist heilig.

Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht
über alle, die ihn fürchten.

Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten:
Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind;

er stürzt die Mächtigen vom Thron
und erhöht die Niedrigen.

Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben
und lässt die Reichen leer ausgehn.

Er nimmt sich seines Knechtes Israel an
und denkt an sein Erbarmen,

das er unsern Vätern verheißen hat,
Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.

Mich berührt an diesem Lobgesang immer wieder, dass Maria fast ausschließlich von Gott spricht. Nur zweimal verwendet sie das Wort „ich“ – und beide Male nicht, um sich selbst groß zu machen, sondern um zu erzählen, was Gott an ihr getan hat. Das Magnificat ist deshalb weniger ein Lied über Maria als ein Lied über einen Gott, der den Menschen sieht, ihn aufrichtet und ihm Zukunft schenkt. Genau diese Haltung strahlt für mich auch das Bild der Heimsuchung aus.