Die folgende Geschichte wird häufig dem großen tibetischen Yogi Milarepa (1040–1123) zugeschrieben. In den veröffentlichten Schriften Milarepas findet sich dafür allerdings kein eindeutiger Beleg. Unabhängig von ihrer Herkunft gehört sie für mich zu den schönsten Lehrgeschichten des Buddhismus.
Milarepa begegnete auf seiner Suche nach Erleuchtung einem alten Mann, der mit einem schweren Sack auf den Schultern einen Berg hinabstieg. Er sprach ihn an und fragte: „Ehrwürdiger Alter, sag mir: Was ist Erleuchtung?“
Der Alte lächelte, nahm den Sack von seinen Schultern und richtete sich auf.
Milarepa nickte. „Ich verstehe“, sagte er. „Doch eine Frage habe ich noch: Was kommt nach der Erleuchtung?“
Wieder lächelte der Alte. Er hob den Sack auf seine Schultern und ging weiter.
Mich berührt diese Geschichte sehr.
Als Christ lese ich sie allerdings anders: Glaube befreit uns nicht von den Lasten des Lebens. Krankheit, Verantwortung, Trauer und Abschied bleiben Teil unseres Weges. Aber sie müssen nicht mehr in derselben Weise getragen werden.
Jesus verspricht kein Leben ohne Kreuz. Er verspricht seine Gegenwart. „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch Ruhe verschaffen.“ (Mt 11,28)
Vielleicht liegt genau darin der Unterschied: Der alte Mann trägt seinen Sack weiter. Auch ich trage meinen. Aber ich glaube, dass Christus ihn mitträgt. Und manchmal macht gerade das den entscheidenden Unterschied.
… und als Milarepa 43 Jahre alt war, wurde Stift Göttweig über der Wachau gegründet.

Bild erstellt mit ChatGPT.






