Schlagwort: Vergänglichkeit

  • Der Mond ist aufgegangen

    Der Mond ist aufgegangen,
    die goldnen Sternlein prangen
    am Himmel hell und klar;
    der Wald steht schwarz und schweiget
    und aus den Wiesen steiget
    der weiße Nebel wunderbar.

    Wie ist die Welt so stille
    und in der Dämmrung Hülle
    so traulich und so hold!
    Als eine stille Kammer,
    wo ihr des Tages Jammer
    verschlafen und vergessen sollt.

    Seht ihr den Mond dort stehen?
    Er ist nur halb zu sehen
    und ist doch rund und schön.
    So sind wohl manche Sachen,
    die wir getrost belachen,
    weil unsre Augen sie nicht sehn.

    Wir stolzen Menschenkinder
    sind eitel arme Sünder
    und wissen gar nicht viel.
    Wir spinnen Luftgespinste
    und suchen viele Künste
    und kommen weiter von dem Ziel.

    Gott, lass dein Heil uns schauen,
    auf nichts Vergänglichs trauen,
    nicht Eitelkeit uns freun;
    lass uns einfältig werden
    und vor dir hier auf Erden
    wie Kinder fromm und fröhlich sein.

    Wollst endlich sonder Grämen
    aus dieser Welt uns nehmen
    durch einen sanften Tod;
    und wenn du uns genommen,
    lass uns in’ Himmel kommen,
    du unser Herr und unser Gott.

    So legt euch denn, ihr Brüder,
    in Gottes Namen nieder;
    kalt ist der Abendhauch.
    Verschon uns, Gott, mit Strafen
    und lass uns ruhig schlafen
    und unsern kranken Nachbarn auch.

    Matthias Claudius, Der Mond ist aufgegangen (1779)


    Quelle:
    Evangelisches Gesangbuch EG 482, Gotteslob GL 93


    Zum Autor

    Matthias Claudius (1740–1815) gehört zu jenen Dichtern der Aufklärung, die Einfachheit nicht als Naivität verstanden, sondern als geistige Reife.
    Seine Sprache ist bewusst schlicht, seine Bilder elementar – Nacht, Mond, Stille, Kindsein. Gerade darin liegt ihre Tiefe.

    Das Gedicht ist kein romantisches Naturbild, sondern ein Abendgebet:
    eine stille Kritik am menschlichen Hochmut, eine Erinnerung an Begrenztheit –
    und ein sanftes Vertrauen darauf, dass Geborgenheit nicht aus Wissen, sondern aus Hingabe wächst.

  • Stille des Herbstes

    Es gibt eine Stille des Herbstes bis in die Farben hinein.
    — Hugo von Hofmannsthal (österreichischer Schriftsteller, 1874–1929)

    Der Herbst hat eine besondere Art, still zu werden.
    Nicht abrupt – sondern sanft, fast zärtlich.
    Die Geräusche werden leiser, die Farben gedämpfter, das Licht milder.

    Und manchmal spüren wir, dass diese Stille nicht leer ist,
    sondern erfüllt – von Erinnerungen, von Dankbarkeit,
    von dem Wissen, dass alles seine Zeit hat.

    • Habe ich heute oder in den letzten Tagen diese Stille des Herbstes gespürt?
    • Wie wirkt dieses Bild auf mich – beruhigend, beängstigend, traurig?

    Vielleicht ist es gerade diese Stille,
    in der wir Gott am nächsten sind.

  • Gott liebt auch die Namenlosen

    Denn bei IHM ist niemand verloren. Jeder Mensch ist ein Gedanke Gottes, jede Seele verzeichnet im Himmel – selbst wenn kein Grabstein den Namen trägt.

    Am Rande des Wiener Hafens, versteckt hinter Bäumen und Bahngleisen, liegt ein Ort, der leise vom Leben erzählt: der Friedhof der Namenlosen.

    Hier ruhen Menschen, die einst von der Donau an Land gespült wurden – ohne Namen, ohne Angehörige, ohne Abschied. Und doch nicht vergessen.

    Es ist berührend, dass die Stadt Wien diesen Ort bewahrt und ihn bewusst wild belässt. Das Gras darf wachsen, die Blumen blühen, die Natur darf erzählen.

    Denn dieser Ort erinnert:
    an die Vergänglichkeit des Lebens,
    an die stille Macht des Wassers,
    und an die Hoffnung, dass am Ende die Liebe bleibt.

    Der ursprüngliche Friedhof der Namenlosen wurde längst vom Auwald zurückgenommen. Auch das ist eine Wahrheit:
    Die Natur holt sich alles zurück – nur nicht die Liebe.