Schlagwort: Trauer

  • Im Jubel ernten

    Im Jubel ernten, die mit Tränen säen.
    Im Lichte stehen, die noch trauernd sind.

    Wie Träumende werden wir sein,
    als Menschen füreinander
    Wege suchen, Wege wagen
    ins neue Land.

    Wie Träumende werden wir sein,
    als Menschen zueinander
    Schritte finden, Schritte gehen
    ins neue Land.

    Wie Träumende werden wir sein,
    als Menschen miteinander
    Hoffnung schöpfen, Hoffnung schenken
    im neuen Land.

    Im Jubel ernten, die mit Tränen säen.
    Im Lichte stehen, die noch trauernd sind.

    Text: Thomas Laubach (nach Ps 126); Musik: Thomas Quast,
    aus: Das Schweigen bricht, 1987; alle Rechte im tvd-Verlag Düsseldorf

  • Bitten

    Kommt, lasst uns jubeln vor dem Herrn, und zujauchzen dem Fels unseres Heiles:

    A: Auf dich hoffen wir, du unser Gott.

    Dein Wort ist wahrhaftig und dein Tun verlässlich;
    – gib uns den Mut, deiner Verheißung zu trauen und das Unsere zu wagen.

    Du liebst Gerechtigkeit und Recht;
    – lass uns die Botschaft von deiner Güte und Huld zu unseren Mitmenschen tragen.

    Du bist die Freude unseres Herzens;
    – tröste uns, wenn wir trauern, und mach uns wieder froh mit deinem Heil.

    A: Auf dich hoffen wir, du unser Gott.

    Quelle: aus dem Morgengebet aus Magnficat – das Stundenbuch vom 29.5.2026

  • Frucht bringen und weiterleben


    Wir hören nicht auf, inständig für euch zu beten, dass ihr in aller Weisheit und Einsicht, die der Geist schenkt, den Willen des Herrn ganz erkennt. Denn ihr sollt ein Leben führen, das des Herrn würdig ist und in allem sein Gefallen findet. Ihr sollt Frucht bringen in jeder Art von guten Werken und wachsen in der Erkenntnis Gottes. Er gebe euch in der Macht seiner Herrlichkeit viel Kraft, damit ihr in allem Geduld und Ausdauer habt.

    Kol 1, 9b–11


    Kommentar
    Dieser Text spricht Trauernden nicht von schnellen Antworten, sondern von innerer Kraft. Er verheißt keine Abkürzung aus dem Schmerz, sondern Geduld und Ausdauer – Tugenden für einen Weg, der Zeit braucht. „Frucht bringen“ meint hier nicht Leistung, sondern das leise Weiterleben trotz Verlust: ein Atemzug nach dem anderen, ein Schritt nach dem anderen.

    In der Trauer wächst Erkenntnis oft nicht durch Erklärungen, sondern durch das Getragen-Sein. Der Segen liegt darin, dass Kraft geschenkt wird – gerade dann, wenn die eigenen Kräfte fehlen.

  • Reichtum und Trauer

    „Milliardärinnen mehren ihr Vermögen zum vierten Mal in Folge schneller als ihre männlichen Kollegen.“
    (UBS-Studie, zitiert nach Benjamin Cavalli)

    Finanzen, Geld, Vermögen – sie strukturieren unsere Welt, verschieben Machtachsen und eröffnen Möglichkeiten. Doch im Trauerfall verlieren diese Größen ihre vermeintliche Schwerkraft.

    Meine Erfahrung ist eine andere: Je größer das äußere Vermögen, desto sichtbarer wird oft die innere Leerstelle. Nähe zu Gott, Beziehung, Versöhnung, gelebte Liebe – all das lässt sich weder erben noch vermehren.

    Wenn Geld im Abschied überhaupt wirkt, dann oft umgekehrt proportional: Es kann ablenken, verzögern, betäuben. Trost aber entsteht nicht aus Zahlen, sondern aus Sinn.

    Umso aufmerksamer gilt es den Fokus der Gespräche und Zeremonien auf das Wesentliche zu lenken – auf das Begleiten mit der Zusage, dass nie alleine ist, wer auf Gott vertraut.

  • Das Dilemma des Heinz – und die Frage nach dem Leben

    Von Harald R. Preyer

    Eine Frau liegt im Sterben. Ein Mann will sie retten. Ein Apotheker verlangt den Preis des Lebens. Und die Moral? Sie steht ratlos daneben. Und wenn es im Heinz-Dilemma gar nicht um Ethik ginge?


    Der Psychologe Lawrence Kohlberg entwarf in den fünfziger Jahren eine Versuchsanordnung, die bis heute in Ethikseminaren zitiert wird: das Heinz-Dilemma.
    Eine Frau leidet an einer tödlichen Krankheit. Es gibt ein Medikament, das helfen könnte, doch der Apotheker verlangt das Zehnfache seiner Kosten. Der Ehemann Heinz bittet, verhandelt, fleht – vergeblich. Schließlich überlegt er, ob er einbrechen und das Mittel stehlen soll.

    Soll er?

    Kohlberg wollte mit dieser Frage nicht Moral lehren, sondern Moral messen. Entscheidend war nicht, was jemand antwortet, sondern warum.
    Wer sagt: „Er darf nicht stehlen, sonst kommt er ins Gefängnis“, denkt anders als jemand, der meint: „Ein Menschenleben zählt mehr als Eigentum.“ Moral, so Kohlberg, entwickelt sich in Stufen – von der Furcht vor Strafe bis zur Einsicht in universelle Werte.


    Wenn das Medikament nicht heilt

    Doch in dieser berühmten Versuchsanordnung fehlt eine entscheidende Unbekannte:
    Was, wenn das Medikament gar nicht hilft?
    Wenn es nur das Leiden verlängert – oder das Sterben?

    Dann verschiebt sich der moralische Brennpunkt.
    Dann geht es nicht mehr darum, ob Heinz das Richtige tut, sondern was „richtig“ überhaupt heißt.

    Ist Leben immer der höchste Wert? Oder wird es erst durch Sinn und Liebe heilig?

    In solchen Momenten reicht die Vernunft nicht mehr.
    Sie macht Platz für das Ringen des Herzens, das nicht loslassen kann – selbst wenn Loslassen der letzte Liebesdienst wäre.


    Zwischen Gesetz und Gnade

    Vielleicht liegt Heinz’ wahres Dilemma gar nicht im Gesetz, sondern im Glauben.
    Nicht, ob er einbrechen darf, sondern ob er glaubt, das Leben seiner Frau liege in seinen Händen.
    Und vielleicht liegt das Unrecht nicht beim Apotheker, sondern in der Logik, mit der wir Leben bemessen – als wäre es handelbar, verlängerbar, verfügbar.

    Was ist der Wert eines Menschenlebens, wenn es zugleich unbezahlbar und unhaltbar ist?


    In Gottes Zeit

    Am Ende werden wir alle vorausgehen.
    Für manche von uns leben unsere Seelen weiter.
    Und wir werden uns wieder umarmen – in Gottes Zeit.

    Dieses Vertrauen ist Gnade und verwandelt das Dilemma.
    Nicht zu einer Lösung, sondern zu einem Trost.
    Denn wenn Heilung nicht mehr im Diesseits liegt, wird das Stehlen sinnlos – und die Liebe heilig.

    Heinz bleibt Mensch – zwischen Hoffnung und Hingabe.
    Und Gott bleibt Gott – jenseits aller Rechnungen.


    Über den Autor:
    Harald R. Preyer ist Coach, geistlicher Begleiter und Trauerredner in Wien. Er begleitet Menschen an Lebenswenden .

  • 🌈 Allerseelen – der Himmel auf Erden

    Ja – Gott liebt mich.
    Ich erkenne es in dem, was andere „Zufall“ nennen.

    Im späten Kennenlernen von Yuliya –
    auf einem Flug nach Venedig,
    als ich innerlich schon auf dem Weg ins Jenseits war.
    In den Jahren ohne Beschwerden nach einer 
    Notoperation wegen Darmkrebs in Kiew.
    Oder im einfachen Geschenk eines freien Parkplatzes,
    wo sonst nie einer zu finden ist.

    Ich weiß:
    Nichts davon ist selbstverständlich.
    Alles ist Zuwendung.
    Ein stilles Zeichen der Gegenwart Gottes –
    wie ein leiser Gruß aus dem Himmel, mitten im Alltag.

    🌈
    Der Regenbogen erinnert mich daran:
    Gott hat seinen Bund mit uns nicht aufgehoben.
    Er spannt ihn immer wieder neu – über Leid und Freude,
    über Tod und Leben,
    über das, was war, und das, was kommt.

    An Allerseelen spüre ich diese Nähe besonders.
    Wir denken an jene, die uns vorausgegangen sind,
    und zugleich ahnen wir:
    Der Himmel ist nicht fern.
    Er berührt uns in allem, was von Liebe durchdrungen ist –
    im Gedenken, im Gebet, im stillen Dank.

    Gott liebt mich.
    Und diese Liebe ist der Grund, warum ich glauben kann.
    Aber sie will mehr als nur geglaubt werden.
    Sie will Antwort –
    nicht aus Angst oder Pflicht,
    sondern aus Dankbarkeit.

    Wer diese Liebe wirklich annimmt,
    wird verwandelt.
    Er wird sanft, barmherzig, friedensstiftend –
    nicht aus eigener Anstrengung,
    sondern weil Gott in ihm lebt.

    So geschieht Himmel auf Erden:
    in einem freundlichen Wort,
    in einem Moment der Vergebung,
    in einem stillen Frieden,
    den niemand erklären kann.

    Darum genügt der Glaube –
    wenn er lebendig bleibt.
    Ein Glaube ohne Liebe bleibt leer,
    ein Glaube mit Liebe trägt den Himmel schon in sich.

    🌈
    Wie ein Regenbogen nach dem Regen:
    Er spannt sich über alles Vergängliche hinweg
    und lässt ahnen,
    dass Gottes Liebe das letzte Wort hat.

    Oder, wie Augustinus sagt:

    „Liebe – und tu, was du willst.“

  • Macht Glaube glücklich?

    Zwei Urnenbestattungen im warmen Herbstlicht

    Heute habe ich zwei Urnen-Beisetzungen begleitet.
    Zwei Friedhöfe, zwei sehr verschiedene Familien – und doch hatten sie etwas gemeinsam:
    In beiden Feiern war Gott „verboten“.
    Nicht aus Überzeugung, sondern aus Enttäuschung, aus Schmerz – vielleicht Wut.
    Aus der Frage, die manchmal Menschen quält:
    Wie kann Gott so etwas zulassen?

    Ich habe darauf keine Antwort.
    Aber ich habe gespürt, dass Dankbarkeit hilft.
    Dankbar zu sein für das, was war – für gemeinsame Stunden, für Liebe, für das, was bleibt.

    In einer der Feiern durfte ich den Liebesbrief einer jungen Witwe lesen. So zart, so echt. Im Gesicht der Eltern sah ich für einen Moment wieder ein Leuchten.

    Vielleicht war das der Augenblick, in dem Gott doch da war – ganz leise.

    Manchmal glaube ich, unser Auftrag als Seelsorger, als Redner, als Menschen ist nicht, Antworten zu geben.
    Sondern Herzen zu berühren.
    Menschen daran zu erinnern, dass Liebe stärker ist als Tod.
    Und dass Dankbarkeit die Tür zur Hoffnung öffnet.

    Ob Glaube glücklich macht?
    Vielleicht ja – wenn wir ihn nicht verteidigen,
    sondern leben.
    Still, herzlich, menschlich.

  • Abba, Vater!

    „Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, sodass ihr immer noch Furcht haben müsstet, sondern ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater!“

    Röm 8,15

    Impuls

    In schwierigen Zeiten fällt es uns oft schwer zu glauben, dass wir getragen sind. Paulus erinnert uns daran, dass wir keine Sklaven der Angst sind, sondern Kinder Gottes – mit allem, was dazugehört: Vertrauen, Nähe, Geborgenheit.
    Wenn wir „Abba, Vater“ sagen, bekennen wir: Ich bin nicht allein. Ich gehöre zu jemandem, der mich liebt – ohne Bedingungen, ohne Angst.
    Diese Gewissheit kann in der Trauer Trost schenken: Wir bleiben Kinder Gottes, auch wenn wir Vater oder Mutter verlieren. Und unsere Verstorbenen sind nicht verschwunden, sondern heimgekehrt – voraus gegangen in die Liebe dessen, den Jesus „Abba“ nennt.

  • Die Segel anders setzen


    „Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.“

    Aristoteles zugeschrieben


    Trauer ist wie ein Wind, der unser Leben plötzlich in eine andere Richtung bläst. Wir können ihn nicht aufhalten. Aber wir können lernen, die Segel neu zu setzen – mit Dankbarkeit für das, was war, und Vertrauen auf das, was kommt. Gott nimmt uns den Sturm nicht, aber er schenkt uns die Kraft, weiterzufahren.

  • Tod – Motor des Lebens, Trauer – Tochter der Liebe

    Wenn wir vom Tod sprechen, sprechen wir immer auch vom Leben. Diese Einsicht zieht sich wie ein stiller Faden durch das Denken Viktor E. Frankls – und durch den Vortrag des Biochemikers und Logotherapeuten Edgar Falkner-Groier, den er unter dem Titel „Tod: Motor des Lebens – Trauer: Tochter der Liebe“  beim Viktor Frankl Zentrum Wien regelmäßig hält.

    Der Mensch, so Falkner-Groier, ist sich seiner eigenen Endlichkeit bewusst – und genau darin liegt seine Würde. Seit der „Vertreibung aus dem Paradies“, diesem großen biblischen Bild für die Erkenntnis von Gut und Böse, weiß der Mensch, dass sein Leben endlich ist. Doch gerade diese Erkenntnis treibt ihn dazu an, Sinn zu verwirklichen. Der Tod wird damit – paradoxerweise – zum Motor des Lebens.

    Frankl nannte die Vergangenheit den „Raum des Unvergänglichen“. Denn alles, was wir getan, geliebt, erlitten oder geschenkt haben, bleibt dort aufgehoben – „unverlierbar“, wie er sagte. Unsere Lebensgeschichte ist keine Linie, die in den Tod läuft, sondern eine Scheune voller gelebter Bedeutung. In dieser Sichtweise verliert der Tod seinen Stachel. Er zwingt uns, verantwortlich zu leben – und das Leben zu lieben, gerade weil es vergeht.

    Trauer als verwandte Form der Liebe

    Im zweiten Teil seines Vortrags spricht Falkner-Groier von der Trauer – und nennt sie „Tochter der Liebe“. Denn nur wer liebt, kann trauern. Und jede echte Trauer enthält die Möglichkeit, zur Liebe zurückzufinden.

    Frühere psychologische Ansätze verstanden Trauerarbeit als ein „Loslassen“ – als Abschluss, nach dem das „normale Leben“ weitergehen sollte. Heute wissen wir: Wer loslässt, darf zugleich halten. Der geliebte Mensch verschwindet nicht aus der Beziehung, er verändert nur die Art, in der er da ist. Frankl formulierte es so: „Bei-Sein ist nicht auf Da-Sein angewiesen.“

    Trauer wird so zur Bewegung zwischen Loslassen und Halten, zwischen Schmerz und Liebe. Mit der Zeit wandelt sich die verzweifelte Trauer zur „liebenden Trauer“ – einer neuen Form der Beziehung, die den Verstorbenen ehrt und im Herzen bewahrt.

    Und wer glaubt, darf diesen Wandel noch weiter deuten: In einem „Akt des gläubigen Urvertrauens“, sagt Falkner-Groier, können wir auch das Unbegreifliche einem größeren Sinn übergeben – einem „Über-Sinn“, wie Viktor Frankl ihn nannte. Die Liebe, die bleibt, überwindet den Tod.

    Der Liedermacher Hubert von Goisern fasst es schlicht: „Liebe kennt nicht den Tod.“

    Ein persönlicher Nachklang

    In vielen Begegnungen mit Trauernden erlebe ich genau das: Wie Liebe und Verlust keine Gegensätze sind, sondern zwei Seiten derselben Erfahrung. Wenn ein Vater seiner verstorbenen Tochter schreibt, er werde sie im Himmel wiedersehen; wenn eine Witwe beim Kerzenlicht sagt, sie spüre ihren Mann noch immer an ihrer Seite – dann geschieht das, was Falkner-Groier beschreibt: Die Trauer verwandelt sich in Liebe.

    Es ist die Liebe, die den Tod überdauert, und der Tod, der uns lehrt, zu lieben.


    Quelle:
    DI Dr. Edgar Falkner-Groier, Tod: Motor des Lebens – Trauer: Tochter der Liebe, Vortrag im Viktor Frankl Zentrum Wien, 2025.
    Verwendete Literatur: Viktor E. Frankl, Logotherapie und Existenzanalyse (Beltz, 2002); R. Kachler, Meine Trauer wird dich finden (Herder, 2017); E. Lukas, In der Trauer lebt die Liebe weiter (Butzon & Bercker, 2019).

    Autor
    Harald R. Preyer ist ehrenamtlich Lektor im Wiener Stephansdom, christlicher Begräbnisleiter und Trauerredner. Auf Basis seiner Erfahrung als systemischer Coach und geistlicher Begleiter gestaltet er Begräbnisse und Urnenfeiern als Perlen von Glaube, Hoffnung und Liebe. Seine Auftraggeber sind oft der Kirche fernstehende und ausgetretene Personen, die dennoch Gläubige sind. Persönliche Begegnungen mit Viktor Frankl ab 1983 haben sein Leben mit geprägt.