Schlagwort: Seligkeit

  • Lied des Einsiedels

    Wie seltsam hat sich dies gewendet,
    dass aller Wege wirrer Sinn
    vor dieser schmalen Tür geendet
    und ich dabei so selig bin!

    Der stummen Sterne reine Nähe
    weht mich mit ihrem Zauber an
    und hat der Erde Lust und Wehe
    von meinen Stunden abgetan.

    Der süße Atem meiner Geige
    füllt nun mit Gnade mein Gemach,
    und so ich mich dem Abend neige,
    wird Gottes Stimme in mir wach.

    Wie seltsam hat sich dies gewendet,
    dass aller Wege wirrer Sinn
    vor dieser schmalen Tür geendet
    und ich dabei so selig bin,

    und von der Welt nur dies begehre,
    die weißen Wolken anzusehn,
    die lächelnd, über Schmerz und Schwere,
    von Gott hin zu den Menschen gehn.

    Stefan Zweig (1881–1942)

  • Liebe, dir ergeb ich mich

    Liebe, die du mich zum Bilde
    deiner Gottheit hast gemacht,
    Liebe, die du mich so milde
    nach dem Fall hast wiederbracht:
    Liebe, dir ergeb ich mich,
    dein zu bleiben ewiglich.

    Liebe, die du mich erkoren,
    eh ich noch geschaffen war,
    Liebe, die du Mensch geboren
    und mir gleich wardst ganz und gar:
    Liebe, dir ergeb ich mich,
    dein zu bleiben ewiglich.

    Liebe, die für mich gelitten
    und gestorben in der Zeit,
    Liebe, die mir hat erstritten
    ewge Lust und Seligkeit:
    Liebe, dir ergeb ich mich,
    dein zu bleiben ewiglich.

    Liebe, die mich hat gebunden
    an ihr Joch mit Leib und Sinn;
    Liebe, die mich überwunden
    und mein Herz hat ganz dahin:
    Liebe, dir ergeb ich mich,
    dein zu bleiben ewiglich.

    Liebe, die mich ewig liebet
    und für meine Seele bitt’,
    Liebe, die das Lösgeld gibet
    und mich kräftiglich vertritt:
    Liebe, dir ergeb ich mich,
    dein zu bleiben ewiglich.

    Liebe, die mich wird erwecken
    aus dem Grab der Sterblichkeit,
    Liebe, die mich wird umstecken
    mit dem Laub der Herrlichkeit:
    Liebe, dir ergeb ich mich,
    dein zu bleiben ewiglich.

    Angelus Silesius 1657 – GL 787 (Anhang Köln)