Beim Tor 9 des Zentralfriedhofs gibt es ein kleines Blumengeschäft, bei dem ich meistens eine weiße Rose kaufe, wenn ich in der Halle 3 Verstorbene einsegne.
Die weiße Rose ist ein schönes Symbol für das Vorausgehen der reinen Seele zu Gott nach dem Kyrie. Ein Ritual, das religiös und weltlich gut anschlußfähig ist und auf das mich immer wieder die Trauer-Gäste ansprechen.
Heute habe ich die weiße Rose auf den vereisten Boden unter dem Baum zur Urne gelegt. Sie wird dort zum Symbol für Ruhe in Frieden.
Liebe, die du mich zum Bilde deiner Gottheit hast gemacht, Liebe, die du mich so milde nach dem Fall hast wiederbracht: Liebe, dir ergeb ich mich, dein zu bleiben ewiglich.
Liebe, die du mich erkoren, eh ich noch geschaffen war, Liebe, die du Mensch geboren und mir gleich wardst ganz und gar: Liebe, dir ergeb ich mich, dein zu bleiben ewiglich.
Liebe, die für mich gelitten und gestorben in der Zeit, Liebe, die mir hat erstritten ewge Lust und Seligkeit: Liebe, dir ergeb ich mich, dein zu bleiben ewiglich.
Liebe, die mich hat gebunden an ihr Joch mit Leib und Sinn; Liebe, die mich überwunden und mein Herz hat ganz dahin: Liebe, dir ergeb ich mich, dein zu bleiben ewiglich.
Liebe, die mich ewig liebet und für meine Seele bitt’, Liebe, die das Lösgeld gibet und mich kräftiglich vertritt: Liebe, dir ergeb ich mich, dein zu bleiben ewiglich.
Liebe, die mich wird erwecken aus dem Grab der Sterblichkeit, Liebe, die mich wird umstecken mit dem Laub der Herrlichkeit: Liebe, dir ergeb ich mich, dein zu bleiben ewiglich.
Manchmal begegnet mir ein Text, der einfach bleibt. So ist es oft bei Edith Stein. Ihre Mystik spricht leise – und trifft trotzdem tief. Mehr kann ich gar nicht erklären. Ich staune einfach.
Es bleibt das Band
Du senkst voll Liebe deinen Blick in meinen und neigst dein Ohr zu meinen leisen Worten und füllst mit Frieden tief das Herz. Doch deine Liebe findet kein Genügen in diesem Austausch, der noch Trennung lässt: Das Herz verlangt nach mehr.
Du kommst als Frühmahl zu mir jeden Morgen, dein Fleisch und Blut wird mir zu Trank und Speise und Wunderbares wird gewirkt. Dein Leib durchdringt geheimnisvoll den meinen, und deine Seele eint sich mit der meinen: Ich bin nicht mehr, was einst ich war.
Du kommst und gehst, doch bleibt zurück die Saat, die du gesät zu künft’ger Herrlichkeit, verborgen in dem Leib von Staub. Es bleibt ein Glanz des Himmels in der Seele, es bleibt ein tiefes Leuchten in den Augen, ein Schweben in der Stimme Klang.
Es bleibt das Band, das Herz mit Herz verbindet, der Lebensstrom, der aus dem deinen quillt und jedes Glied belebt.
Edith Stein (1891–1942)
Edith Stein war jüdische Philosophin, konvertierte Christin und Karmelitin. Sie gehört zu den bedeutenden geistlichen Stimmen des 20. Jahrhunderts. Dieser Hymnus stammt aus ihrer frühen Zeit im Karmel und wurde in das Gotteslob – GL 980 (Anhang Hamburg, Hildesheim, Osnabrück) aufgenommen.
„Wir wissen, dass die Seele etwas Feinstoffliches, Besonderes, Transzendentes ist und sich nicht mit den Gesetzen der Physik erfassen lässt.“
(Aus: 365 Tao – Meditationen für jeden Tag des Jahres, Tag 308)
Für mich ist die Seele eines Menschen das, was ihn oder sie einzigartig macht. Sie ist die leise Kraft, die uns berührt, wenn Worte fehlen. Sie lebt weiter, wenn ein geliebter Mensch stirbt – in unseren Herzen. Und sie wird wieder „Körper“ – in Gottes Zeit.
In jedem Herzen lebt ein reines Kind – unzerstörbar, voller Licht. Christus hat am Kreuz den Tod überwunden und uns gezeigt: Dieses Kind in uns bleibt lebendig.
Darum gilt: Die Liebe stirbt nicht. Sie lebt. Sie siegt.
Ist dieses Kind die Seele? Ist Gott diese Liebe?
Zu diesen Gedanken hat mich der Impuls zur Herz-Meditation im heutigen Kapitel 242 von „365 Tao“ inspiriert. Wir lesen dieses Buch heuer in unserer Männerrunde.
Stell dir dein Herz als eine sich öffnende Lotusblüte vor. Aus ihrer Mitte entsteigt ein purpurnes Kind, Rein, unberührt und unschuldig. Eine Meditation gibt diese Anweisung: Stell dir vor, dein Herz öffnet sich in einer roten Lotusblüte. Aus ihrer Mitte entsteigt ein purpurnes Kind. Bringe dieses Kind aus deinem Körper und stell dir vor, wie es über dir schwebt. Du, als Kind, hältst in jeder Hand eine Sonne, während deine Füße auf zwei Monden stehen. Halte dieses Bild so lange wie möglich. Es ist schwer, dieses Kind zum Vorschein zu bringen. Bei dem Versuch erkennt man, wie viele Mauern man um sich errichtet hat. Man erkennt auch, wie die Erfahrungen der Jugend und des Erwachsenenalters ihre Spuren hinterlassen haben. Manchmal bezweifelt man vielleicht, ob man überhaupt ein reines und unschuldiges Selbst hat, das man noch zum Vorschein bringen könnte. Aber es ist in jedem von uns. Jeder von uns muss dieses purpurne Kind finden und hervorholen. Weil dieses Kind eine Zeit verkörpert, in der unsere Energie heil war und unser Herz die Doppelzüngigkeit nicht kannte, die die Welt und uns trübt.
Deng, Ming-Dao. 365 Tao: Meditationen für jeden Tag des Jahres (Tag 242).
„Dieser zerbrechliche Körper ist Matrix für Geist und Seele.“
Wir können es uns nicht leisten, unseren Körper zu vernachlässigen – auch wenn er nicht unser wahres Selbst ist. Unser Leib ist das Gefäß, das uns trägt, solange wir hier auf Erden sind. Wenn wir ihn achten, gesund bleiben und frei von Schmerzen leben, finden wir leichter Zugang zu unserem inneren Selbst.
Gerade in der Trauer erfahren wir, wie zerbrechlich der Körper ist – und zugleich, wie unzerstörbar Seele und Geist bleiben. Der Leib darf weder abgelehnt noch verachtet werden. Er ist heilig, weil er für eine Zeitlang die Wohnung unseres Geistes war.
Als Christ finde ich in den Worten des Apostels Paulus Trost und Orientierung:
„Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt?“ (1 Kor 6,19)
Der Weise pflegt seinen Körper auch aus Ehrfurcht und Dankbarkeit gegenüber Gott, der nach dem Tod seine Seele bei sich aufnimmt.
Originaltext aus 365 Tao
Dieser zerbrechliche Körper Ist Matrix Für Geist und Seele.
Wir können es uns nicht leisten, unseren Körper zu vernachlässigen, auch wenn wir erkennen, dass wir uns nicht ausschließlich mit ihm identifizieren dürfen. Auf unserer Suche nach unserem wahren Selbst ist unsere körperliche Existenz der beste Ausgangspunkt. Wir können unser Leben durch die Art und Weise verändern, wie wir essen und uns bewegen und wir können unsere Suche beschleunigen, indem wir gesund bleiben. Wenn wir frei von körperlichen Blockaden und Schmerzen sind, können wir unser inneres Selbst viel besser identifizieren.
Auf der Suche nach dem Geist und der Seele ist es weise zu verstehen, dass der Körper zwar nicht das wahre Selbst ist, man ihn aber trotzdem pflegen sollte. Das Fleisch darf weder abgelehnt noch kasteit werden. Aber nur der Weise ist in der Lage, den Körper zu pflegen und gleichzeitig über ihn hinauszuschauen.
Quelle
Deng Ming-Dao: 365 Tao. Meditationen für jeden Tag des Jahres.
Übers. Kimiko Leibnitz. 1. Auflage, München 2023, FinanzBuch Verlag (Münchner Verlagsgruppe). ISBN 978-3-95972-658-0. Englische Originalausgabe: 365 Tao: Daily Meditations. Harper San Francisco (HarperCollins Publishers), New York 1992.
Im Buddhismus wird erzählt, dass die Bodhisattva Tara aus einer Träne geboren wurde. Ihr „Vater“ sozusagen, der große Bodhisattva des Mitgefühls Avalokiteshvara, blickte auf das Leiden aller Wesen. Überwältigt von der Not und dem Schmerz der Welt vergoss er eine Träne – und aus dieser Träne entstand Tara, die Befreierin, die Trösterin, die Beschützerin.
Tara erinnert uns daran: Tränen sind nicht Schwäche, sondern Quelle von Heilung. Wer weint, der lässt das Leid nicht nur zu – Tränen waschen auch die Seele rein. Sie schenken inneren Frieden und öffnen den Raum, in dem Mitgefühl wachsen kann.
In Tibet wird Tara verehrt als weibliche Verkörperung des Mitgefühls. Ihre Gestalt erscheint in vielen Farben, jede für eine besondere Kraft der Liebe: Schutz vor Stolz, Neid, Habgier, Zweifel, Unwissenheit, falschen Meinungen, Hass und Anhaftung. Tara befreit von den Gefahren des Alltags, die uns innerlich und äußerlich bedrängen.
Gerade in der Trauer kann ihr Bild Kraft schenken: Wenn wir Tränen vergießen, öffnen wir uns für die Liebe. Wir erkennen, dass wir mit unserem Schmerz nicht allein sind. Und wir spüren, dass Mitgefühl – für uns selbst und füreinander – die größte Befreiung ist.
So wie Tara aus einer Träne geboren wurde, so kann auch aus unseren Tränen Neues entstehen: Hoffnung, Zuwendung, ein zarter Stern am Himmel der Liebe.