Schlagwort: P. Johannes Paul Abrahamowicz

  • Gottes Liebe ist mächtiger

    Kann ich gemeinsam mit Gott meine Feinde lieben?

    Predigt von P. Johannes Paul Abrahamowicz in der Osternacht 2026

    Predigt P. Johannes Paul Abrahamowicz

    Freuen wir uns nicht nur, dass Jesus auferweckt wurde, sondern freuen wir uns auch darüber, warum er auferweckt wurde und darüber, was das mit uns macht.

    Er wurde nämlich aus Liebe auferweckt und das macht uns dazu fähig, dass auch wir gemeinsam mit ihm lieben können. Es war nämlich lieblos von Judas, dass er Jesus den Hohepriestern ausgeliefert hat, und es war lieblos von den Hohepriestern, dass sie Jesus dem Pontius Pilatus ausgeliefert haben. Es war auch lieblos von ihnen, dass sie dann die Menge aufgewiegelt haben.

    Es war aber auch lieblos von Pontius Pilatus, dass er sich aus Feigheit überreden ließ, Jesus zu kreuzigen. Es war lieblos und gehässig von den römischen Soldaten, dass sie mit Jesus alles gemacht haben, was sie wollten, bis er tot war.

    Aber größer als alle diese Lieblosigkeiten ist die Liebe des Vaters. Wir nennen das die Vergebung. Nicht aus Hokuspokus hat er Jesus auferweckt, sondern aus Liebe, trotz aller Lieblosigkeiten. Er hat dem Judas verziehen, den Hohepriestern, dem Pontius Pilatus und den römischen Soldaten hat er vergeben durch die Auferweckung seines Sohnes.

    Wenn wir aber diese Liebe, diese Vergebung nur verstehen, ist das zwar schön. Aber dann bleibt Ostern bloß ein gesellschaftliches Freudenfest innerhalb der Kirchenmauern.

    Und während wir und alle Christen auf der Welt feiern, dass die allmächtige Liebe Gottes über das gehässige Töten gesiegt hat, verzweifeln wir trotzdem über die Nachrichten von Toten durch Kriege. Während wir Halleluja singen, weil Gott seinen Sohn wirklich auferweckt hat, sind wir weiterhin ratlos über das Bombardieren und Töten zwischen Russland und Ukraine und zwischen Israel und Iran.

    Außerdem gibt es auf der Erde noch 25 weitere Kriege, die es gar nicht in die Nachrichten schaffen. Sie schaffen es zumindest in die höchste Stufe der Reisewarnungen auf der Internetseite unseres Außenministeriums. Und ein Christ, der heute mit uns feiert, der versteht, dass die Liebe Gottes mächtiger als der Tod ist, der das immerhin versteht, aber leider nur versteht, es nur mit dem Verstand erfasst, der fragt sich mit Recht, wer hier der Sieger ist. Gott mit seiner allmächtigen Liebe, der vor 2000 Jahren den toten Jesus erweckt hat. Oder die Menschen, die heute weiterhin Krieg führen und über Leichen gehen?

    Wenn wir verstehen, dass Gottes Liebe zu Judas und zu den Hohepriestern und zu Pontius Pilatus und zu den römischen Soldaten größer ist als deren Lieblosigkeiten, dann ist das schon sehr schön.

    Wenn aber auch wir mit Gott gemeinsam diesen zwielichtigen Judas lieben wollen, diese heuchlerischen Hohepriester, diesen feigen Pontus Pilatus und diese brutalen römischen Soldaten mit Gott gemeinsam zumindest lieben wollen, dann ist Ostern in uns.

    Dann brennt das Osterfeuer in uns. Dann brennt die Osterkerze in uns. Das heißt, dann kommt Vergebung aus uns heraus.

    Nicht nur im Freundeskreis der Kirchen hier, sondern auch in den Kleinkriegen in unserer Umgebung.

    Und bevor ich ratlos bin über die militärischen Konflikte in der Welt, weiß ich jetzt, dass ich die persönliche Chance habe, mit den Militanten in meinem Umfeld umzugehen. Denn einen Judas hat auch jeder von uns in seiner näheren Umgebung. Und auch frömmelnde Scheinheilige, wie die Hohepriester, hat auch jeder von uns zu Hause oder in der Schule oder am Arbeitsplatz.

    Und Feiglinge, die Unheil zulassen wie Pontus Pilatus und ständig unzufriedene Menschen wie die römischen Soldaten, all diese Tücken samt all deren Lieblosigkeiten hat jeder von uns in seinem Umfeld.

    Und jedes Mal, wenn ich einen von diesen Typen trotz all seiner Lieblosigkeiten gemeinsam mit Gott lieben kann, erlebe ich, dass Gottes Liebe mächtiger ist als die Menschen, die Krieg führen.

    Und ich erlebe es persönlich in meiner Umgebung.

    Ich freue mich also nicht nur darüber, dass vor 2000 Jahren Jesus aus Liebe auferweckt wurde, sondern auch darüber, dass die Liebe Gottes heute in mir Ostern erneuert.

    Amen.

    Kern-Synopse

    Die Auferstehung Christi ist nicht nur ein historisches Ereignis, das es intellektuell zu verstehen gilt, sondern ein aktives Prinzip der Vergebung, das in der Gegenwart umgesetzt werden muss. Der zentrale Punkt der Predigt ist, dass die Liebe Gottes, die sich in der Auferstehung manifestiert, mächtiger ist als jede menschliche Lieblosigkeit – von Judas‘ Verrat bis hin zu den heutigen Kriegen. Wenn dieses Prinzip jedoch nur als theologisches Konzept verstanden wird, bleibt es wirkungslos und führt zu einer Ratlosigkeit angesichts des weltweiten Leids. Die wahre Bedeutung von Ostern entfaltet sich erst, wenn wir die Vergebung aktiv praktizieren und lernen, die „Feinde“ in unserem persönlichen Umfeld – die Verräter, die Heuchler, die Feiglinge – bewusst mit Gott gemeinsam lieben zu wollen. Dadurch wird die Auferstehung zu einer persönlichen Erfahrung, die es uns ermöglicht, die Macht der göttlichen Liebe über die Logik des Konflikts im eigenen Leben zu erleben, anstatt nur über die Kriege in der Welt zu verzweifeln.

    Die Logik der Auferstehung: Vom Verstehen zum Handeln

    1. Die göttliche Antwort auf menschliche Lieblosigkeit

    Die Auferstehung Jesu wird nicht als isoliertes Wunder dargestellt, sondern als direkte Antwort auf eine Kette von lieblosen Taten:

    • Der Verrat durch Judas.
    • Die Auslieferung durch die Hohepriester an Pilatus.
    • Die Aufwiegelung der Menge.
    • Die feige Zustimmung des Pontius Pilatus.
    • Die brutale Misshandlung und Tötung durch die römischen Soldaten.

    Die Auferstehung ist demnach kein Akt der Machtdemonstration, sondern ein Akt der Liebe und Vergebung gegenüber all diesen Akteuren. Gott hat nicht aus Vergeltung gehandelt, sondern trotz all dieser Lieblosigkeiten aus Liebe vergeben.

    2. Die Kluft zwischen Glaubensfest und Realität

    Es wird eine scharfe Dissonanz zwischen dem österlichen Jubel der Christen und der ungelösten Gewalt in der Welt aufgezeigt.

    • Der intellektuelle Glaube: Christen feiern, dass Gottes Liebe den Tod besiegt hat, bleiben aber dennoch ratlos und verzweifelt angesichts von Kriegen in der Ukraine, zwischen Israel und Iran sowie 25 weiteren, medial kaum beachteten Konflikten.
    • Die Kernfrage: Wer ist der wahre Sieger? Gott, der vor 2000 Jahren einen Toten erweckte, oder die Menschen, die heute weiterhin Krieg führen und töten? Diese Frage bleibt unbeantwortet, solange die Auferstehung nur ein verstandenes Konzept bleibt.

    3. Die Aktivierung von Ostern: Vom Globalen ins Persönliche

    Die Lösung dieser Dissonanz liegt in der Verlagerung des Fokus vom abstrakten globalen Leid auf das konkrete persönliche Umfeld. Wir sind aufgefordert, die Prinzipien der Vergebung und Liebe dort anzuwenden, wo wir unmittelbaren Einfluss haben.

    • Die Archetypen im Alltag: Jeder von uns hat in seinem Umfeld einen „Judas“ (Verräter), „Hohepriester“ (scheinheilige Frömmler), einen „Pontius Pilatus“ (Feiglinge, die Unrecht zulassen) und „römische Soldaten“ (ständig unzufriedene, destruktive Menschen).
    • Der persönliche Sieg: Die wahre Erfahrung der österlichen Kraft geschieht, wenn es gelingt, diesen konkreten Menschen trotz ihrer Lieblosigkeiten mit Gott gemeinsam Liebe entgegenzubringen. In diesem Akt wird die abstrakte Wahrheit – „Gottes Liebe ist mächtiger als Krieg“ – zu einer persönlichen, gelebten Realität. So wird Ostern von einem jährlichen Fest zu einem inneren, sich ständig erneuernden Zustand.
  • Ist unser Schicksal vorherbestimmt?

    Impuls von P. Johannes Paul Abrahamowicz, OSB bei den 2. Wiener Ganserlessen-Dialoge am 6. November 2024.

    Wir sind alle berufen – zur Liebe, zum Fest des Lebens

    Das Thema vom letzten Mal war – und es ist gut angekommen – Himmel, Fegefeuer, Hölle. Fast hätten wir es heute wieder nehmen können, weil so viele andere da sind. Heute aber geht es um die Frage: Wie ist das überhaupt mit dem Schicksal, mit der Vorherbestimmung? Gibt es so etwas?

    Damit ist nicht gemeint, dass eine schwarze Katze von rechts oder Scherben Glück bringen. Nein – gemeint ist der große Lebensweg. Und da taucht immer wieder die Frage auf: Gibt es eine Vorherbestimmung oder nicht?
    Ich möchte ganz klar sagen: Ja, es gibt sie. Und zwar eine sehr positive.

    Jesus erzählt ein wunderbares Gleichnis – das Gleichnis vom Hochzeitsmahl.
    Ein Mann lädt zur Hochzeit ein, lässt alles vorbereiten und schickt dann seine Diener zu den Eingeladenen: „Kommt, es ist alles bereit!“ Aber sie kommen nicht. Manche behandeln die Boten sogar schlecht.
    Da lässt der Hausherr schließlich alle einladen, die er irgendwo findet – auf den Straßenecken, einfach alle. Und der Hochzeitssaal füllt sich – von Guten und Bösen, Reichen und Armen.

    Dann kommt der Hausherr herein, schaut sich alle Gäste an – und plötzlich sieht er einen, der kein Hochzeitsgewand trägt.
    Er fragt ihn: „Freund, wie konntest du so erscheinen?“
    Der Mann ist sprachlos – und wird hinausgeworfen in die äußerste Finsternis.
    Dann sagt Jesus den bekannten Satz:

    „Viele sind berufen, aber nur wenige sind auserwählt.“

    Ich habe diesen Satz lange nicht verstanden. Warum wird der arme Kerl hinausgeworfen? Vielleicht war er ja wirklich arm und hatte kein Gewand?
    Erst viel später habe ich die Erklärung gefunden – auch dank der Begegnung mit Menschen aus anderen Kulturen.
    Denn in arabischen und orientalischen Ländern ist es bis heute üblich, dass man mit der Einladung zur Hochzeit auch das Hochzeitsgewand bekommt – entweder bezahlt oder symbolisch zur Verfügung gestellt.

    Wenn also jemand ohne dieses Gewand erscheint, heißt das: Er hat die Einladung nicht wirklich angenommen.
    Er wollte das Fest – aber nicht die Beziehung.

    Und das ist der Kern des Gleichnisses.
    Alle sind eingeladen. Alle sind vorherbestimmt – zu einem glücklichen, festlichen Mahl.
    Aber ob wir die Einladung annehmen, liegt an uns.

    Unsere große Vorherbestimmung ist das ewige Glück, das Fest der Liebe, das Reich Gottes. Nicht das kleine Aberglauben-Schicksal – Spinnen, Scherben, Glücksbringer – sondern das große Ziel: die Liebe.

    Das Hochzeitsgewand steht für die Bereitschaft, Liebe zu empfangen.
    Und wer glaubt denn nicht an die Liebe – als höchste Instanz im Leben?
    In dieser Liebe, die keine Bedingungen stellt, sind wir alle berufen.
    Das ist unsere Vorherbestimmung.

    Ich bin fest davon überzeugt: Wir alle sind bestimmt zum Glück, zum Leben in der Liebe Gottes – und das dürfen wir schon jetzt, in jeder Eucharistiefeier, vorauskosten.

    Und solange sich das Ganserl heute seinem Schicksal hingibt, dürfen wir dankbar sein, dass unser Schicksal ein anderes ist – ein gutes, liebevolles Schicksal.

    Guten Appetit – und später bei der Nachspeise können wir gern noch Fragen stellen.

    Kurz-Summary

    P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB deutet das Gleichnis vom Hochzeitsmahl als Bild unserer positiven Vorherbestimmung: Jeder Mensch ist eingeladen zum Fest der Liebe Gottes. Das „Hochzeitsgewand“ steht für die innere Bereitschaft, diese Liebe anzunehmen. Nicht Zufall oder Aberglaube bestimmen unser Leben, sondern Gottes Einladung zum Glück – die wir nur annehmen müssen.