Schlagwort: Ostern 2026

  • Vom Sehen zum Glauben

    Predigt von Militär-Erzdekan Dr. Harald Tripp, Stephansdom WIen, Ostersonntag, 5. April 2026, Orgelmesse um 12:00 Uhr

    00:00 Erste Lesung
    03:19 Zweite Lesung
    06:20 Hallelujah
    07:15 Evangelium
    09:35 Homilie / Predigt
    17:08 Glaubensbekenntnis
    18:10 Fürbitten

    Kernsynopse

    Die zentrale Botschaft dieses Ostergottesdienstes ist die Neudefinition des Todes durch die Auferstehung Christi. Während die menschliche Erfahrung – die Schwerkraft der Sorge, der Schuld und des Verfalls – diktiert, dass alles endet, stellt die Auferstehung diese Realität in Frage. Die Erzählung verfolgt den Übergang von einem rein physischen „Sehen“ (Maria Magdalena am leeren Grab) über ein nachdenkliches „Betrachten“ (Petrus, der die Grabtücher untersucht) bis hin zu einem transformativen „Glauben“ (der andere Jünger, der erkennt). Diese Entwicklung dient als Modell für die Gläubigen: Der Osterglaube ist kein plötzliches Ereignis, sondern ein innerer Weg vom Wahrnehmen über das Fragen zum Vertrauen. Die Auferstehung wird somit nicht als eine Wiederherstellung des alten Lebens dargestellt, sondern als ein Durchbruch in eine neue Wirklichkeit, in der die endgültige Macht des Todes gebrochen ist.

    Pietro Perugino (1445-1523) Die Auferstehung Christi,
    Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Alte Pinakothek

    Die Logik der Auferstehung: Vom Sehen zum Glauben

    1. Das Zeugnis der Schrift

    Die Lesungen begründen die theologische Grundlage für das Osterereignis. Die Apostelgeschichte legt das Fundament, indem sie Petrus‘ Zeugnis von Jesu Wirken, seiner Kreuzigung und der von Gott bewirkten Auferstehung wiedergibt. Der Kolosserbrief gibt diesem Ereignis eine spirituelle Anwendung, indem er die Gläubigen auffordert, ihren Sinn „auf das, was oben ist“ zu richten, da ihr altes Leben gestorben und mit Christus in Gott verborgen ist. Diese Texte positionieren die Auferstehung nicht als isoliertes historisches Ereignis, sondern als zentrale Achse des christlichen Glaubens und Lebens.

    2. Der Weg zum Glauben: Eine dreifache Seh-Erfahrung

    Das Evangelium nach Johannes schildert einen stufenweisen Prozess der Erkenntnis, der die innere Reise des Glaubens widerspiegelt:

    • Stufe 1: Das Wahrnehmen (Maria Magdalena): Sie sieht nur eine Tatsache – „dass der Stein vom Grab weggenommen war“. Dies ist ein rein physisches Sehen ohne Verständnis, das zu einer schnellen, aber falschen Schlussfolgerung führt („Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen“).
    • Stufe 2: Das Betrachten (Petrus): Er geht in das Grab hinein und untersucht die Details genauer – die liegenden Leinenbinden und das ordentlich zusammengelegte Schweißtuch. Dies ist ein suchendes, überlegendes Sehen, das Fragen aufwirft, aber noch keine endgültige Antwort findet.
    • Stufe 3: Das Erkennen (Der andere Jünger): Nachdem er die gleichen Beweise gesehen hat, kommt er zum Glauben. Sein Sehen transzendiert die physische Beobachtung und wird zu einer inneren Erkenntnis, einem Durchbruch zum Vertrauen in die Auferstehung.

    3. Die theologische Deutung: Der Tod des Todes

    Die Predigt synthetisiert diese biblischen Erzählungen zu einer zentralen These, die auf ein Zitat von Meliton von Sardes zurückgreift: „Er ist es, der den Tod getötet hat.“ Ostern wird als ein Ereignis interpretiert, das die „Schwerkraft“ der Existenz – die unaufhaltsame Tendenz zu Verfall und Tod – durchbricht. Christi Auferstehung ist keine Rückkehr ins alte Leben, sondern der Beginn einer neuen Wirklichkeit, in der die Gesetze von Tod und Endgültigkeit überwunden sind. Dieses Ereignis ist nicht nur historisch, sondern eine gegenwärtige Verheißung für die Gläubigen, die sie einlädt, über ihre eigenen Sorgen und Grenzen hinaus auf eine neue, von Gott geschaffene Realität zu vertrauen.


    Und vor der Hl. Messe haben wir andächtig staunend der Pummerin gelauscht.

  • Wer hat den Stein weg gewälzt?

    Nur Matthäus sagt es uns: Ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab und wälzte den Stein weg. Markus, Lukas und Johannes finden ihn einfach fort – ohne Erklärung, ohne Zeugen.

    Vielleicht ist das kein Widerspruch. Vielleicht ist es eine Einladung: Der Auferstandene braucht keinen offenen Eingang. Er erscheint später durch verschlossene Türen. Der Stein wurde nicht für ihn weggerollt – sondern für uns. Damit wir hineinsehen, begreifen, glauben können.

    „Gott braucht keinen Engel. Aber wir brauchen ein Zeichen.“

    Am 8. Dezember 2019, dem Fest Mariä Empfängnis, lag ich in einem Krankenhaus in Kiew auf der Intensivstation. Ein Chirurg trat an mein Bett – mitten in der Nacht, ein einfaches silbernes Franziskuskreuz um den Hals. Er sagte zu mir: „Operation now or tomorrow dead.“ Ich sah das kleine Kreuz. Und ich sagte: „Operation now.“

    Am Morgen um sieben Uhr lächelte er mich an und sagte: „You are not in heaven. Operation was successful.“

    Ich weiß seitdem: Steine werden weggerollt. Nicht immer spektakulär. Manchmal durch Vertrauen in das Herz eines Chirurgen in der Nacht. Manchmal durch einen Satz, der Leben rettet. Manchmal schweigend, unsichtbar – und wir finden sie einfach fort, wie Maria von Magdala am ersten Tag der Woche.

    Das Grab war leer. Das Leben war stärker. Das gilt heute noch.

    Seit zwei Jahren begleite ich als freier Einsegner Menschen und Familien auf ihrem letzten gemeinsamen Weg. Viele von ihnen haben der Kirche den Rücken gekehrt – aber nicht dem Leben, nicht der Hoffnung, nicht Gott. Sie glauben. Nur anders. Auch darin höre ich Ostern. Und manchen konnte ich helfen, den Stein aus ihrem Leben wegzurollen. Dafür bin ich sehr dankbar.

    Frohe Ostern. Möge auch in Ihrem Leben ein Stein weggerollt sein – einer, von dem Sie vielleicht noch gar nicht wussten, dass er da lag.

    Ihr

    Harald R. Preyer
    freier Einsegner