Schlagwort: Lebensweg

  • Glück ist ein treuer Weg

    Das Missverständnis beginnt oft mit der Vorstellung, Glück sei ein Zustand: erreichbar, planbar, vielleicht sogar optimierbar. Doch diese Idee führt zwangsläufig in Unruhe – denn jeder erreichte Zustand bleibt fragil.

    Der Gedanke des Weges verschiebt den Fokus. Glück ist dann nicht mehr das Ergebnis äußerer Umstände, sondern die Qualität der inneren Haltung im Gehen selbst.

    Diese Haltung konkretisiert sich in Beziehung: im bewussten Sich-Zuwenden zum anderen, im Verzicht auf permanente Selbstzentrierung. Sie zeigt sich in der Entscheidung zur Liebe – gerade dort, wo sie nicht mehr selbstverständlich erscheint.

    Hinzu tritt die Fähigkeit zur Dankbarkeit. Nicht als sentimentale Geste, sondern als erkenntnisleitende Perspektive: Wer wahrnimmt, was bereits gegeben ist, verändert die Struktur seiner Wirklichkeit.

    Schließlich bleibt die Frage nach dem Getragen-Sein. Ein Leben, das sich nicht ausschließlich aus eigener Kontrolle speist, sondern sich einer größeren Wirklichkeit anvertraut, gewinnt an Tiefe und Gelassenheit.

    In dieser Verbindung aus Beziehung, Entscheidung, Dankbarkeit und Vertrauen entsteht eine Form von Glück, die nicht spektakulär ist – aber tragfähig.

  • Die Weisheit der Bewegung

    „Das Leben ist wie eine Sanduhr. Bewusstsein ist der Sand. Stellen wir uns eine Sanduhr vor. Ihre Form ähnelt dem Symbol für Unendlichkeit. Ihre Silhouette ähnelt der Doppelhelix der DNA. Ihre beiden Hälften repräsentieren Polarität: Das Materielle auf der einen Seite, dass Immaterielle auf der anderen. Das Männliche auf der einen Seite, das Weibliche auf der anderen. Heiß und kalt, positiv und negativ, oder jede andere Dualität. Der Sand rinnt in einem Strahl – es ist derselbe Strahl wie der Energiefluss, der die Wirbelsäule hinaufsteigt, derselbe Strahl, der unser Lebensweg ist. Die Bewegung des Sands ist das, was wir Tao nennen. Unser Bewusstsein wechselt zwischen den verschiedenen Zuständen ab, die durch die Sanduhr dargestellt werden. Es ist genauso schwierig zu fassen wie ein Sandstrahl. Deshalb ist es töricht, die Dinge bis ins kleinste Detail zu untersuchen. Es ist nicht weise, sich auf das Materielle zu konzentrieren. Weise ist es, die Bewegung zu verstehen.“
    — Deng Ming-Dao, 365 Tao


    Dieses Bild nimmt dem Leben die Härte des Festgeschriebenen. Nicht die Form entscheidet, sondern der Fluss. Trauer, Liebe, Angst, Hoffnung – sie sind keine Gegensätze, die sich ausschließen, sondern Zustände derselben Bewegung.

    Wer im Abschied Halt sucht, findet ihn nicht im Festhalten am Gewesenen, sondern im Verstehen des Übergangs. Weisheit zeigt sich dort, wo wir dem Wandel trauen und den eigenen Lebensstrom wahrnehmen, ohne ihn kontrollieren zu wollen.


    Faksimile aus Deng Ming-Dao, 365 Tao.

    Dieses Buch haben wir in unserer Männerrunde im Jahr 2025 gelesen. Tag für Tag haben wir über WhatsApp nur miteinander ausgetauscht, dass wir die Doppelseite gelesen haben. ✅

    Einmal im Monat haben wir einander dann in einer persönlichen Runde in einer Videokonferenz eine Stunde lang aufmerksam zugehört. Ohne zu kommentieren, ohne Ratschläge, ohne störende eigene Inputs.

    Seit fünf Jahren darf ich ein Teil unserer fünfköpfigen Runde sein und ich freue mich immer wieder auf unser Jahres-Treffen in der realen Welt. Mit Umarmungen, Spaziergängen, gutem Essen und so mancher brillanten Idee aus der Runde.