Schlagwort: Krypta Göttweig

  • Wie ich zum Einsegner wurde

    Die Berufung begann mit dem Tod meines Vaters

    Gestern war Vatertag. Meine Kinder haben mir herzlich gratuliert und ich habe mich darüber sehr gefreut. Gleichzeitig dachte ich während der 12:00 Uhr Messe im Stephansdom immer wieder an meinen Vater. Gestern war auch sein siebter Todestag.

    Wenn ich heute Familien beim Abschied von einem geliebten Menschen begleite, dann führt mich mein Weg gedanklich oft zurück in das Jahr 2019.

    Damals starb mein Vater in einem familiären Seniorenheim in Kematen bei Innsbruck. Ich war noch bis wenige Stunden vor seinem Tod bei ihm. Auf dem Rückweg nach Wien bekam ich den Anruf, dass er seine Augen geschlossen hat. Ich verbrachte diese Nacht bei meinen Freunden in Stift Göttweig und fuhr am nächsten Tag weiter nach Wien.

    Die organisatorischen Schritte wurden rasch eingeleitet. Wenige Tage später haben wir Vatti im Familiengrab am Innsbrucker Westfriedhof beigesetzt.

    Es war ein stiller und würdevoller Abschied – ganz so, wie sich mein Vater das gewünscht hat.

    Im August desselben Jahres feierten wir mit meinem lieben Freund P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB in der Krypta des Stiftes Göttweig ein Requiem für meinen Vater. Familie, Freunde und Wegbegleiter waren gekommen.

    Foto: Gerhard Peyrer, 2019

    Am Beginn dieser Feier hielt ich selbst die Trauerrede.

    Ich erzählte von seinem Leben, seinen Stärken, seinen Eigenheiten, seinen Erfolgen und von manchen Begebenheiten, über die wir gemeinsam lachen konnten. Vor allem aber sprach ich über die Hoffnung auf ein Wiedersehen.

    Foto: Gerhard Peyrer, 2019

    Damals wusste ich noch nicht, dass dieser Tag mein weiteres Leben verändern würde.

    Aus einer Bitte wurde eine Berufung

    Nach dem Requiem fragten mich Freunde und Bekannte, ob ich auch bei ihrem eigenen Begräbnis und dem ihrer Lieben einige Worte sprechen könnte.

    Ich sagte gerne Ja. Das war für mich eine Ehre und ein Liebesdienst.

    Mit jeder Trauerrede wurde mir deutlicher, dass es dabei um weit mehr ging als um das Schreiben und Vortragen eines Textes. Menschen brauchten jemanden, der zuhört. Jemanden, der die richtigen Fragen stellt. Jemanden, der Erinnerungen ordnet und daraus eine würdevolle Geschichte entstehen lässt.

    Vor allem aber brauchten sie jemanden, der ihnen Hoffnung schenkt.

    Langsam begann ich zu verstehen, dass dies meine eigentliche Berufung sein könnte.

    Was mich darauf vorbereitet hat

    Viele Menschen glauben, ich sei direkt vom Unternehmensberater zum Trauerredner geworden.

    Das stimmt nur teilweise.

    Bereits vor mehr als zwanzig Jahren hatte ich Ausbildungen zum systemischen Coach bei Dr. Rainer Buchner in Salzburg, zum Berufungscoach bei Prof. Dr. Alexander Kaiser in Wien und zum geistlichen Begleiter bei Dr. August Höglinger im Prämonstratertenser-Stift Schlägl abgeschlossen. In meiner Tätigkeit als Unternehmer und Berater durfte ich über Jahrzehnte Menschen in Veränderungsprozessen begleiten.

    Heute erkenne ich, wie sehr mich diese Erfahrungen auf die Begleitung von Trauernden vorbereitet haben.

    Denn Trauer ist letztlich ebenfalls ein tiefgreifender Veränderungsprozess.

    Menschen müssen lernen, ein Leben weiterzuführen, obwohl ein geliebter Mensch nicht mehr sichtbar an ihrer Seite ist.

    Die andere Seite kennenlernen

    Um mich professionell auf diese Aufgabe vorzubereiten, arbeitete ich ein halbes Jahr lang bei einem großen privaten Bestattungsunternehmen als Berater der Geschäftsleitung mit.

    Dort lernte ich die Arbeit der Bestatter, die Abläufe auf Friedhöfen und die vielen organisatorischen Herausforderungen rund um einen Todesfall kennen.

    Diese Erfahrung ist sehr hilfreich

    Warum Vorsorge ein Akt der Liebe ist

    In den vergangenen Jahren habe ich viele Familien begleitet.

    Dabei ist mir eines besonders deutlich geworden:

    Es hilft sehr, wenn Menschen schon zu Lebzeiten darüber sprechen, was nach ihrem Tod geschehen soll.

    Neben den praktischen Fragen wie Erd- oder Feuerbestattung, Familiengrab oder Naturbestattung geht es vor allem um die persönliche Glaubensüberzeugung des lieben verstorbenen Menschen und der Hinterbliebenen.

    Wollen sie eine kirchliche Feier, eine persönliche Einsegnung oder eine stille Verabschiedung im kleinen Kreis? Soll dort die Lieblingsmusik des voraus gegangenen Menschen gespielt werden oder wollen sie im stillen Gebet Abschied nehmen? Wer soll die Trauergemeinde an all die schönen gemeinsamen Erlebnisse erinnern und welches Bild von Hoffnung und Wiedersehen darf entstehen? Woran glauben die Trauernden nach dem Tod?

    Das sind sehr persönliche Fragen. Sie rechtzeitig zu besprechen entlastet spürbar.

    Über den Tod zu sprechen bedeutet nicht, das Leben aufzugeben. Das ist auch nicht pietätlos.

    Im Gegenteil.

    Wer über den Tod sprechen kann, lebt meistens bewusster das Leben.

    Was mich heute trägt

    Seit mehreren Jahren begleite ich Familien in Wien und Umgebung auf Empfehlung von Bestattern, Freunden und früheren Auftraggebern.

    Oft werde ich bereits kontaktiert, wenn ein geliebter Mensch noch lebt und das Ende des Lebensweges absehbar wird.

    Dann geht es nicht nur um eine Trauerrede.

    Dann geht es um Zuhören, um Trost, um Vorbereitung, um die richtigen Worte und manchmal auch um gemeinsames Schweigen.

    Viele Menschen fragen mich, warum ich diese Arbeit mache.

    Meine Antwort ist einfach:

    Weil ich selbst so viel Gnade erleben durfte, segne ich aus Liebe.

    Der Tod meines Vaters hat mich gelehrt, dass Abschied und Liebe einander nicht widersprechen.

    Die Liebe bleibt.

    Und genau deshalb glaube ich von ganzem Herzen:

    Amor vincit. Die Liebe siegt.

    Harald R. Preyer
    Christlicher Trauerredner und Einsegner