Schlagwort: Ende

  • Winter

    Tag 355

    Ein Obdachloser stirbt in der Gosse. Ein Baum bricht in der Kälte: Ein entsetzlicher Klang. An der Wintersonnenwende ist der Tag am kürzesten und die Nacht am längsten. Es kann auch eine Zeit bitterer Kälte sein.

    Der Wind ist eiskalt und zerschneidet alles, was sich ihm in den Weg stellt. Schnee und Eis sind tödlich. Obdachlose sterben an Erfrierungen.

    Selbst die mächtigsten Bäume können durch den Temperaturabfall brechen. Ein Baum, der bricht, klingt wie eine schallende Ohrfeige. Die Schrecken, die Tragödien, die dieser Tiefpunkt mit sich bringt!

    Der Winter quält die Welt mit seinen eisigen Peitschenhieben und wer schwach ist, wird unter seinen eisigen Absätzen zermalmt.

    Manchmal wagen wir es nicht einmal, jene zu betrauern, die im Winter sterben, aus Angst, dass unsere Tränen im Gesicht gefrieren. Aber wir sehen und hören. Wir rücken näher ans Feuer und geloben zu überleben.

    Ganz gleich, wie sehr wir von Unglück betroffen sind, wir müssen uns vor Augen führen, dass dies der tiefste Punkt ist, den das Rad erreicht. Die Dinge können nicht endlos abwärts gehen. Alles hat Grenzen – selbst die Kälte und die Dunkelheit und der Wind und das Sterben. Sie nennen diesen Tag Winteranfang, doch in Wirklichkeit ist er der Anfang des Wintertodes. Von nun an können wir der wärmeren und helleren Jahreszeit entgegensehen.

    Quelle: Deng, Ming-Dao. 365 Tao: Meditationen für jeden Tag des Jahres

  • Der Abend kommt

    Der Abend kommt, die Nacht zieht Kreise,
    und immer schwächer wird das Licht.
    Der Tag ist müde, legt sich schlafen,
    und Morgen ist noch nicht in Sicht.
    Doch fängt das Dunkel uns auch ein,
    Gott wird ganz sicher bei uns sein.

    Wenn wir in höchsten Nöten leben,
    in tiefster Nacht das Ende sehn,
    wenn nichts und niemand mehr uns tröstet,
    wird Gott uns doch zur Seite stehn.
    In jeder Finsternis, die droht,
    ist Gott bei uns, teilt unsre Not.

    In allen Ängsten, jeder Leere,
    ist Gott bei uns und hüllt uns ein.
    Wenn Dunkelheit auch lange dauert,
    wird Gott noch länger bei uns sein,
    und jeder Nacht, die auch anbricht,
    schreibt Gott die Hoffnung ins Gesicht.

    Gott nimmt uns zärtlich in die Arme,
    in jedem Menschen, der uns liebt,
    in jedem Wort, das uns begleitet,
    in jedem Blick, der Aussicht gibt.
    Denn allen Sorgen dämmert Gott
    und weckt uns auf im Morgenrot.

    Text: Thomas Laubach, Musik: Karl-Bernhard Hüttis, aus: Ruhama-Chorbuch, erweiterte Auflage, 2009, alle Rechte im tvd-Verlag Düsseldorf – GL 704 (Anhang Hamburg, Hildesheim, Osnabrück)

  • Führe mich zu einem guten Ende

    In Tiefen, die kein Trost erreicht,
    lass doch deine Treue mich erreichen.
    In den Nächten, wo der Glaube weicht,
    lass nicht deine Gnade von mir weichen.

    Auf dem Weg, den keiner mit mir geht,
    wenn zum Beten die Gedanken schwinden,
    wenn mich kalt die Finsternis umweht,
    wollest du in meiner Not mich finden.

    Wenn die Seele wie ein irres Licht
    flackert zwischen Werden und Vergehen,
    wenn es mir an Trost und Rat gebricht,
    wollest du an meiner Seite stehen.

    Wenn ich deine Hand nicht fassen kann,
    nimm die meine du in deine Hände,
    nimm dich meiner Seele gnädig an,
    führe mich zu einem guten Ende.

    Justus Delbrück (1902–1945)
    aus einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager