Schlagwort: Buddhismus

  • Leben und Last

    Die folgende Geschichte wird häufig dem großen tibetischen Yogi Milarepa (1040–1123) zugeschrieben. In den veröffentlichten Schriften Milarepas findet sich dafür allerdings kein eindeutiger Beleg. Unabhängig von ihrer Herkunft gehört sie für mich zu den schönsten Lehrgeschichten des Buddhismus.

    Milarepa begegnete auf seiner Suche nach Erleuchtung einem alten Mann, der mit einem schweren Sack auf den Schultern einen Berg hinabstieg. Er sprach ihn an und fragte: „Ehrwürdiger Alter, sag mir: Was ist Erleuchtung?“

    Der Alte lächelte, nahm den Sack von seinen Schultern und richtete sich auf.

    Milarepa nickte. „Ich verstehe“, sagte er. „Doch eine Frage habe ich noch: Was kommt nach der Erleuchtung?“

    Wieder lächelte der Alte. Er hob den Sack auf seine Schultern und ging weiter.

    Mich berührt diese Geschichte sehr.

    Als Christ lese ich sie allerdings anders: Glaube befreit uns nicht von den Lasten des Lebens. Krankheit, Verantwortung, Trauer und Abschied bleiben Teil unseres Weges. Aber sie müssen nicht mehr in derselben Weise getragen werden.

    Jesus verspricht kein Leben ohne Kreuz. Er verspricht seine Gegenwart. „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch Ruhe verschaffen.“ (Mt 11,28)

    Vielleicht liegt genau darin der Unterschied: Der alte Mann trägt seinen Sack weiter. Auch ich trage meinen. Aber ich glaube, dass Christus ihn mitträgt. Und manchmal macht gerade das den entscheidenden Unterschied.

    … und als Milarepa 43 Jahre alt war, wurde Stift Göttweig über der Wachau gegründet.

    Bild erstellt mit ChatGPT.

  • Achtsamkeit

    Achtsamkeit wird heute oft dem Buddhismus zugeschrieben. Dort wurde sie sorgfältig beschrieben, geübt und benannt – aber sie ist älter als jede einzelne Tradition. Achtsamkeit gehört zum Menschsein selbst. Sie beginnt dort, wo wir nicht nur funktionieren, sondern wahrnehmen.

    Für mich ist Achtsamkeit die Schwester der Dankbarkeit. Wer wirklich achtsam ist, bleibt nicht neutral. Aus dem genauen Hinsehen wächst leise ein Staunen – und daraus Dank. Dank für das, was da ist. Für einen Augenblick, der sich nicht wiederholen lässt. Für einen Menschen, der uns berührt. Für ein Leben, das sich im Kleinen zeigt.

    In der Trauer wird das besonders spürbar. Achtsamkeit heißt dann nicht, den Schmerz wegzuatmen. Sie heißt, ihm Raum zu geben, ohne sich von ihm verschlingen zu lassen. Und gerade darin entsteht Dankbarkeit: nicht für den Verlust, sondern für die gemeinsam gelebte Zeit, die sich jetzt verdichtet und trägt.

    Achtsamkeit ist kein Technikprogramm. Sie ist eine Haltung. Eine stille Entscheidung, im Augenblick zu verweilen – und ihn nicht zu übergehen. Wer so lebt, merkt: Dankbarkeit ist keine Zugabe am Ende. Sie wächst mitten im Leben.

  • Tara – die Befreierin

    Essenz allen Mitgefühls

    Im Buddhismus wird erzählt, dass die Bodhisattva Tara aus einer Träne geboren wurde. Ihr „Vater“ sozusagen, der große Bodhisattva des Mitgefühls Avalokiteshvara, blickte auf das Leiden aller Wesen. Überwältigt von der Not und dem Schmerz der Welt vergoss er eine Träne – und aus dieser Träne entstand Tara, die Befreierin, die Trösterin, die Beschützerin.

    Tara erinnert uns daran: Tränen sind nicht Schwäche, sondern Quelle von Heilung. Wer weint, der lässt das Leid nicht nur zu – Tränen waschen auch die Seele rein. Sie schenken inneren Frieden und öffnen den Raum, in dem Mitgefühl wachsen kann.

    In Tibet wird Tara verehrt als weibliche Verkörperung des Mitgefühls. Ihre Gestalt erscheint in vielen Farben, jede für eine besondere Kraft der Liebe: Schutz vor Stolz, Neid, Habgier, Zweifel, Unwissenheit, falschen Meinungen, Hass und Anhaftung. Tara befreit von den Gefahren des Alltags, die uns innerlich und äußerlich bedrängen.

    Gerade in der Trauer kann ihr Bild Kraft schenken:
    Wenn wir Tränen vergießen, öffnen wir uns für die Liebe. Wir erkennen, dass wir mit unserem Schmerz nicht allein sind. Und wir spüren, dass Mitgefühl – für uns selbst und füreinander – die größte Befreiung ist.

    So wie Tara aus einer Träne geboren wurde, so kann auch aus unseren Tränen Neues entstehen: Hoffnung, Zuwendung, ein zarter Stern am Himmel der Liebe.