Schlagwort: Berufung

  • Visionen hören

    Gepriesen sei Gott, der heute wie jeden Tag zu uns sprechen will. Lasst uns bereit sein für ihn und rufen:

    V: Rede, Herr, A: dein Diener hört.

    In unserer Zeit sind deine Worte selten geworden;
    – gib, dass wir dein Wort annehmen und es weitersagen.
    Menschen mit Visionen braucht unsere Zeit mehr denn je;
    – gib uns Einsicht in das, was du mit uns vorhast.
    Dein Licht ist noch nicht erloschen;
    – öffne uns die Augen für deine Gegenwart auch dort, wo wir dich nicht vermuten.

    V: Rede, Herr, A: dein Diener hört.


    Diese Bitten sind kein lautes Fordern, sondern ein stilles Bereitsein. Sie gehen davon aus, dass Gott spricht – nicht nur gestern oder in außergewöhnlichen Momenten, sondern heute, im Gewöhnlichen. Die eigentliche Frage richtet sich nicht an Gott, sondern an uns: Sind wir hörfähig geworden?
    In einer Zeit, die von Meinungen übervoll ist, wird Hören zur geistigen Disziplin. Visionen entstehen nicht aus Lautstärke, sondern aus Aufmerksamkeit. Wer sich dem Licht anvertraut, lernt, Gegenwart auch dort zu erkennen, wo sie nicht erwartet wird. Glaube zeigt sich hier nicht im Besitz von Antworten, sondern im Mut, Zeuge zu sein – durch Haltung, Wahrhaftigkeit und ein Leben, das aus dem Licht kommt.

  • Erweck mich

    Hör. Doch ich kann nicht hören.
    Die Ohren zugestopft.
    Mein Atem abgeblockt.
    Mein leeres Herz wie Blei.

    Ich bin noch nicht geboren.
    Ich bin nicht ich. Nicht frei.
    Hör. Doch ich kann nicht hören.

    Würd ich dein Wort verstehn,
    dir nach müsste ich gehn,
    dir folgen hier und nun.

    Fürchte, noch ungeboren,
    das Leben auf dich zu.
    Hör, rufst du, und ich höre,
    da ist die Angst vorbei.

    O Ruf durch Mark und Bein,
    erweck mich aus dem Grab:
    dein Mensch aufs neu geboren –
    o Zukunft, lass nicht ab.

    Huub Oosterhuis, aus: Ders., Ich steh’ vor dir. Meditationen, Lieder und Gebete, 55, © 2004 Verlag Herder GmbH, Freiburg i. Br.

  • Unsere Berufung bleibt die Liebe

    In seiner Predigt am 23. Sonntag im Jahreskreis C betont P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB , dass das heutige Evangelium (Lk 14,25–33) nicht wörtlich verstanden werden darf. Jesus fordert nicht, Eltern, Kinder oder Ehepartner „gering zu achten“. Vielmehr spricht Lukas von der Situation, dass Jesus nach Jerusalem geht, um verurteilt und getötet zu werden.

    „Nachfolge“ in diesem Sinn heißt: Wer ihm bis dorthin folgen will, muss bereit sein, das Vergängliche loszulassen und sogar den Tod anzunehmen.

    Allgemeine Nachfolge meint Gott und alle seine Geschöpfe zu lieben. Radikale Nachfolge geht bis zum Martyrium.

    Die allgemeine christliche Berufung bleibt die Liebe – zum Vater, zur Schöpfung und zu den Mitmenschen. Nur im besonderen Fall von Verfolgung und Martyrium geht es um diese radikale Nachfolge.
    Die Botschaft: Alles Vergängliche ist dem Unvergänglichen nachgeordnet. Aber unsere erste Aufgabe bleibt die Liebe.

    Evangelium und Predigt im Originalton


    07.09.2025 · Kardinal Christoph Schönborn · Gedanken zum Evangelium

    „ERFOLGSREZEPT“ CHRISTENTUM

    Jesus verlangt nicht, dass wir unsere Familie verachten. Er fordert uns heraus, alles Vergängliche dem Unvergänglichen unterzuordnen. Nachfolge heißt: bereit sein, Besitz, Sicherheit und sogar das eigene Leben hintanzustellen, wenn es um Christus geht.

    Schon damals war das kein „Werbeprogramm“, sondern radikal. Und doch zog es Menschen an – weil es Befreiung von Zwängen bedeutete und Orientierung gab. Christenverfolgungen machten deutlich: Nachfolge kostet etwas, aber sie schenkt inneren Frieden und Hoffnung.

    Christsein bleibt anspruchsvoll – aber gerade darin liegt seine Kraft.

    zum Originaltext