Schlagwort: Auferstehung

  • Wer hat den Stein weg gewälzt?

    Nur Matthäus sagt es uns: Ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab und wälzte den Stein weg. Markus, Lukas und Johannes finden ihn einfach fort – ohne Erklärung, ohne Zeugen.

    Vielleicht ist das kein Widerspruch. Vielleicht ist es eine Einladung: Der Auferstandene braucht keinen offenen Eingang. Er erscheint später durch verschlossene Türen. Der Stein wurde nicht für ihn weggerollt – sondern für uns. Damit wir hineinsehen, begreifen, glauben können.

    „Gott braucht keinen Engel. Aber wir brauchen ein Zeichen.“

    Am 8. Dezember 2019, dem Fest Mariä Empfängnis, lag ich in einem Krankenhaus in Kiew auf der Intensivstation. Ein Chirurg trat an mein Bett – mitten in der Nacht, ein einfaches silbernes Franziskuskreuz um den Hals. Er sagte zu mir: „Operation now or tomorrow dead.“ Ich sah das kleine Kreuz. Und ich sagte: „Operation now.“

    Am Morgen um sieben Uhr lächelte er mich an und sagte: „You are not in heaven. Operation was successful.“

    Ich weiß seitdem: Steine werden weggerollt. Nicht immer spektakulär. Manchmal durch Vertrauen in das Herz eines Chirurgen in der Nacht. Manchmal durch einen Satz, der Leben rettet. Manchmal schweigend, unsichtbar – und wir finden sie einfach fort, wie Maria von Magdala am ersten Tag der Woche.

    Das Grab war leer. Das Leben war stärker. Das gilt heute noch.

    Seit zwei Jahren begleite ich als freier Einsegner Menschen und Familien auf ihrem letzten gemeinsamen Weg. Viele von ihnen haben der Kirche den Rücken gekehrt – aber nicht dem Leben, nicht der Hoffnung, nicht Gott. Sie glauben. Nur anders. Auch darin höre ich Ostern. Und manchen konnte ich helfen, den Stein aus ihrem Leben wegzurollen. Dafür bin ich sehr dankbar.

    Frohe Ostern. Möge auch in Ihrem Leben ein Stein weggerollt sein – einer, von dem Sie vielleicht noch gar nicht wussten, dass er da lag.

    Ihr

    Harald R. Preyer
    freier Einsegner

  • Gottes Liebe ist mächtiger

    Kann ich gemeinsam mit Gott meine Feinde lieben?

    Predigt von P. Johannes Paul Abrahamowicz in der Osternacht 2026

    Predigt P. Johannes Paul Abrahamowicz

    Freuen wir uns nicht nur, dass Jesus auferweckt wurde, sondern freuen wir uns auch darüber, warum er auferweckt wurde und darüber, was das mit uns macht.

    Er wurde nämlich aus Liebe auferweckt und das macht uns dazu fähig, dass auch wir gemeinsam mit ihm lieben können. Es war nämlich lieblos von Judas, dass er Jesus den Hohepriestern ausgeliefert hat, und es war lieblos von den Hohepriestern, dass sie Jesus dem Pontius Pilatus ausgeliefert haben. Es war auch lieblos von ihnen, dass sie dann die Menge aufgewiegelt haben.

    Es war aber auch lieblos von Pontius Pilatus, dass er sich aus Feigheit überreden ließ, Jesus zu kreuzigen. Es war lieblos und gehässig von den römischen Soldaten, dass sie mit Jesus alles gemacht haben, was sie wollten, bis er tot war.

    Aber größer als alle diese Lieblosigkeiten ist die Liebe des Vaters. Wir nennen das die Vergebung. Nicht aus Hokuspokus hat er Jesus auferweckt, sondern aus Liebe, trotz aller Lieblosigkeiten. Er hat dem Judas verziehen, den Hohepriestern, dem Pontius Pilatus und den römischen Soldaten hat er vergeben durch die Auferweckung seines Sohnes.

    Wenn wir aber diese Liebe, diese Vergebung nur verstehen, ist das zwar schön. Aber dann bleibt Ostern bloß ein gesellschaftliches Freudenfest innerhalb der Kirchenmauern.

    Und während wir und alle Christen auf der Welt feiern, dass die allmächtige Liebe Gottes über das gehässige Töten gesiegt hat, verzweifeln wir trotzdem über die Nachrichten von Toten durch Kriege. Während wir Halleluja singen, weil Gott seinen Sohn wirklich auferweckt hat, sind wir weiterhin ratlos über das Bombardieren und Töten zwischen Russland und Ukraine und zwischen Israel und Iran.

    Außerdem gibt es auf der Erde noch 25 weitere Kriege, die es gar nicht in die Nachrichten schaffen. Sie schaffen es zumindest in die höchste Stufe der Reisewarnungen auf der Internetseite unseres Außenministeriums. Und ein Christ, der heute mit uns feiert, der versteht, dass die Liebe Gottes mächtiger als der Tod ist, der das immerhin versteht, aber leider nur versteht, es nur mit dem Verstand erfasst, der fragt sich mit Recht, wer hier der Sieger ist. Gott mit seiner allmächtigen Liebe, der vor 2000 Jahren den toten Jesus erweckt hat. Oder die Menschen, die heute weiterhin Krieg führen und über Leichen gehen?

    Wenn wir verstehen, dass Gottes Liebe zu Judas und zu den Hohepriestern und zu Pontius Pilatus und zu den römischen Soldaten größer ist als deren Lieblosigkeiten, dann ist das schon sehr schön.

    Wenn aber auch wir mit Gott gemeinsam diesen zwielichtigen Judas lieben wollen, diese heuchlerischen Hohepriester, diesen feigen Pontus Pilatus und diese brutalen römischen Soldaten mit Gott gemeinsam zumindest lieben wollen, dann ist Ostern in uns.

    Dann brennt das Osterfeuer in uns. Dann brennt die Osterkerze in uns. Das heißt, dann kommt Vergebung aus uns heraus.

    Nicht nur im Freundeskreis der Kirchen hier, sondern auch in den Kleinkriegen in unserer Umgebung.

    Und bevor ich ratlos bin über die militärischen Konflikte in der Welt, weiß ich jetzt, dass ich die persönliche Chance habe, mit den Militanten in meinem Umfeld umzugehen. Denn einen Judas hat auch jeder von uns in seiner näheren Umgebung. Und auch frömmelnde Scheinheilige, wie die Hohepriester, hat auch jeder von uns zu Hause oder in der Schule oder am Arbeitsplatz.

    Und Feiglinge, die Unheil zulassen wie Pontus Pilatus und ständig unzufriedene Menschen wie die römischen Soldaten, all diese Tücken samt all deren Lieblosigkeiten hat jeder von uns in seinem Umfeld.

    Und jedes Mal, wenn ich einen von diesen Typen trotz all seiner Lieblosigkeiten gemeinsam mit Gott lieben kann, erlebe ich, dass Gottes Liebe mächtiger ist als die Menschen, die Krieg führen.

    Und ich erlebe es persönlich in meiner Umgebung.

    Ich freue mich also nicht nur darüber, dass vor 2000 Jahren Jesus aus Liebe auferweckt wurde, sondern auch darüber, dass die Liebe Gottes heute in mir Ostern erneuert.

    Amen.

    Kern-Synopse

    Die Auferstehung Christi ist nicht nur ein historisches Ereignis, das es intellektuell zu verstehen gilt, sondern ein aktives Prinzip der Vergebung, das in der Gegenwart umgesetzt werden muss. Der zentrale Punkt der Predigt ist, dass die Liebe Gottes, die sich in der Auferstehung manifestiert, mächtiger ist als jede menschliche Lieblosigkeit – von Judas‘ Verrat bis hin zu den heutigen Kriegen. Wenn dieses Prinzip jedoch nur als theologisches Konzept verstanden wird, bleibt es wirkungslos und führt zu einer Ratlosigkeit angesichts des weltweiten Leids. Die wahre Bedeutung von Ostern entfaltet sich erst, wenn wir die Vergebung aktiv praktizieren und lernen, die „Feinde“ in unserem persönlichen Umfeld – die Verräter, die Heuchler, die Feiglinge – bewusst mit Gott gemeinsam lieben zu wollen. Dadurch wird die Auferstehung zu einer persönlichen Erfahrung, die es uns ermöglicht, die Macht der göttlichen Liebe über die Logik des Konflikts im eigenen Leben zu erleben, anstatt nur über die Kriege in der Welt zu verzweifeln.

    Die Logik der Auferstehung: Vom Verstehen zum Handeln

    1. Die göttliche Antwort auf menschliche Lieblosigkeit

    Die Auferstehung Jesu wird nicht als isoliertes Wunder dargestellt, sondern als direkte Antwort auf eine Kette von lieblosen Taten:

    • Der Verrat durch Judas.
    • Die Auslieferung durch die Hohepriester an Pilatus.
    • Die Aufwiegelung der Menge.
    • Die feige Zustimmung des Pontius Pilatus.
    • Die brutale Misshandlung und Tötung durch die römischen Soldaten.

    Die Auferstehung ist demnach kein Akt der Machtdemonstration, sondern ein Akt der Liebe und Vergebung gegenüber all diesen Akteuren. Gott hat nicht aus Vergeltung gehandelt, sondern trotz all dieser Lieblosigkeiten aus Liebe vergeben.

    2. Die Kluft zwischen Glaubensfest und Realität

    Es wird eine scharfe Dissonanz zwischen dem österlichen Jubel der Christen und der ungelösten Gewalt in der Welt aufgezeigt.

    • Der intellektuelle Glaube: Christen feiern, dass Gottes Liebe den Tod besiegt hat, bleiben aber dennoch ratlos und verzweifelt angesichts von Kriegen in der Ukraine, zwischen Israel und Iran sowie 25 weiteren, medial kaum beachteten Konflikten.
    • Die Kernfrage: Wer ist der wahre Sieger? Gott, der vor 2000 Jahren einen Toten erweckte, oder die Menschen, die heute weiterhin Krieg führen und töten? Diese Frage bleibt unbeantwortet, solange die Auferstehung nur ein verstandenes Konzept bleibt.

    3. Die Aktivierung von Ostern: Vom Globalen ins Persönliche

    Die Lösung dieser Dissonanz liegt in der Verlagerung des Fokus vom abstrakten globalen Leid auf das konkrete persönliche Umfeld. Wir sind aufgefordert, die Prinzipien der Vergebung und Liebe dort anzuwenden, wo wir unmittelbaren Einfluss haben.

    • Die Archetypen im Alltag: Jeder von uns hat in seinem Umfeld einen „Judas“ (Verräter), „Hohepriester“ (scheinheilige Frömmler), einen „Pontius Pilatus“ (Feiglinge, die Unrecht zulassen) und „römische Soldaten“ (ständig unzufriedene, destruktive Menschen).
    • Der persönliche Sieg: Die wahre Erfahrung der österlichen Kraft geschieht, wenn es gelingt, diesen konkreten Menschen trotz ihrer Lieblosigkeiten mit Gott gemeinsam Liebe entgegenzubringen. In diesem Akt wird die abstrakte Wahrheit – „Gottes Liebe ist mächtiger als Krieg“ – zu einer persönlichen, gelebten Realität. So wird Ostern von einem jährlichen Fest zu einem inneren, sich ständig erneuernden Zustand.
  • Der Kochtopf und die Patchwork-Familie

    Gedanken zur Zukunft von Familie und Kirche

    zur Predigt von P. Johannes Paul Abrahamwicz OSB
    am Fest der Heiligen Familie 2025
    in der Pfarrkirche St. Veit im Gölsental

    ein Kommentar von Harald R. Preyer

    Diese Predigt löst das Fest der Heiligen Familie aus dem engen Rahmen eines Ideals. Die biblische Familie ist keine heile Welt, sondern eine gefährdete: Flucht, Unsicherheit, Improvisation. Gerade darin liegt ihre Wahrheit.

    Was früher verschwiegen wurde, wird heute tröstlich: dass Familien unvollkommen sein dürfen – und Kirche ebenso. Der Pfarrverband als Patchwork-Kirche ist kein Mangel, sondern eine ehrliche Gestalt von Gegenwart. Heiligkeit zeigt sich nicht im Perfekten, sondern im Annehmen dessen, was uns zufällt.
    Die Metapher vom Kochtopf ist pastoral klug: Konflikte brauchen Sprache, bevor sie eskalieren. Annahme braucht Kommunikation. Und Vertrauen findet seine Form im Gebet – nicht als Ersatz fürs Handeln, sondern als geteilte Verantwortung.

    Entspricht nicht von jeher das Bild von Kirche eher dem, was wir heute als Patchwork-Familie kennen denn der idyllischen Trias von Vater – Mutter – Kind?

    Südaltar mit großem spätgotisches Kruzifix um 1510/1520
    Pfarrkirche St. Veith an der Gölsen

    Nach seinem Tod hinterlässt Jesus in unserer Welt: eine Mutter Maria in großer Trauer, einen vermutlich traurigen Stiefvater Josef, viele enttäuschte Freunde, die an ihn geglaubt haben und ein trügerisches Gerücht: er sei von den Toten auferstanden…

    Dann kommt Ostern. Dann kommt Auferstehung. Dann kommt Heiliger Geist. Und so entsteht Kirche – als eine stetig wachsende Gruppe von Menschen, die an die Liebe glauben, diesen Glauben teilen und erlebbar machen. Bis heute.

  • Credo

    Wir sehn uns wieder,
    irgendwann,
    getragen still
    von Gottes Plan.

    Dann wird, was war,
    zu Nähe weit:
    Wir sind einander
    Leib und Zeit.

    Ich glaube.



    HRP, Stift Göttweig am Fest der Heiligen Familie 2025

  • Der Tod ist kein Fehler im System

    Die Worte des Papstes über Transhumanismus berühren einen wunden Punkt unserer Zeit: den Versuch, den Tod technisch zu überlisten. Die transhumanistische Sehnsucht nach einer verlängerten oder gar unendlichen Biografie entspringt weniger Mut als Angst — der Angst, dass unser Leben ohne Fortsetzung seinen Sinn verlieren könnte.

    Doch Leo XIV. erinnert an eine Wahrheit, die älter ist als jede Technologie: Der Mensch ist nicht dazu geschaffen, sich selbst zu konservieren, sondern sich zu vollenden. Nicht die technische Verlängerung, sondern die geistige Weitung des Lebens macht uns menschlich.

    Der Tod ist kein Fehler im System, den man reparieren muss, sondern ein Übergang, der unser Leben erst perspektiviert. Wer den Tod abschafft, schafft auch den Sinn ab: Denn Sinn entsteht dort, wo Endlichkeit Verantwortung, Tiefe und Liebe hervorruft.

    Ewigkeit ist kein Produkt der Technik, sondern eine Gabe Gottes. Und humanistisch gesprochen: Ein Leben, das vor dem Tod nicht reift, würde auch nach dem Tod nicht blühen.

    Der Papst hat dazu klare Worte gefunden.


    Papst Leo XIV. kritisiert Transhumanismus

    Leo XIV. hat bei seiner Generalaudienz Vorstellungen des Transhumanismus kritisiert. Vor allem nahm er an diesem Mittwoch Gedankenspiele reicher Amerikaner aufs Korn, sich mithilfe der Technik ein ewiges Leben zu sichern.

    Stefan von Kempis – Vatikanstadt

    Ein „authentisches Leben“ werde in dem Bewusstsein geführt, „dass unser irdisches Leben uns auf die Ewigkeit vorbereitet“, so der amerikanische Papst auf dem Petersplatz in Rom.

    „Dennoch versprechen viele aktuelle anthropologische Vorstellungen immanente Unsterblichkeit und theoretisieren die Verlängerung des irdischen Lebens durch Technologie. Es ist das Szenario des Transhumanen, das sich am Horizont der Herausforderungen unserer Zeit abzeichnet. Kann der Tod wirklich durch die Wissenschaft besiegt werden? Aber könnte uns dieselbe Wissenschaft dann auch garantieren, dass ein Leben ohne Tod auch ein glückliches Leben ist?“

    Was uns von den Tieren unterscheidet
    Leos Ansprache vor Tausenden von Menschen kreiste um das „Geheimnis des Todes“ und den Wunsch nach Leben und Ewigkeit. Heutzutage gelte der Tod oft als „Tabu, ein Ereignis, das man fernhalten muss“. Das liege wohl daran, dass wir Menschen (anders als die Tiere) um die Unausweichlichkeit unseres Todes wissen – und zugleich machtlos dagegen sind.

    „Der heilige Alfons Maria de‘ Liguori reflektiert in seinem berühmten Werk ‚Apparecchio alla morte‘ (Vorbereitung auf den Tod) über den pädagogischen Wert des Todes und betont, dass dieser ein großer Lehrer des Lebens ist. Das Wissen um seine Existenz und vor allem das Nachdenken darüber lehren uns, zu entscheiden, was wir wirklich mit unserem Leben anfangen wollen.“

    Der Tod steht nicht im Gegensatz zum Leben
    Das Ereignis der Auferstehung Christi offenbare, „dass der Tod nicht im Gegensatz zum Leben steht, sondern als Übergang zum ewigen Leben ein wesentlicher Bestandteil davon ist“. Nur die Auferstehung sei „in der Lage, das Geheimnis des Todes vollständig zu erhellen“.

    „Der Auferstandene ist uns in der großen Prüfung des Todes vorausgegangen und dank der Kraft der göttlichen Liebe siegreich daraus hervorgegangen. So hat er uns den Ort der ewigen Erquickung vorbereitet, die Heimat, in der wir erwartet werden; er hat uns die Fülle des Lebens geschenkt, in dem es keine Schatten und Widersprüche mehr gibt. Dank ihm, der aus Liebe gestorben und auferstanden ist, können wir zusammen mit dem heiligen Franziskus den Tod als ‚Schwester‘ bezeichnen. Ihn mit der sicheren Hoffnung auf die Auferstehung zu erwarten, bewahrt uns vor der Angst, für immer zu verschwinden…“

    Link zum Artikel von vatican news.

  • In der Liebe, die alles umfängt

    Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht
    und das Wort, das wir sprechen, als Lied erklingt,

    dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut,
    dann wohnt er schon in unserer Welt.
    Ja, dann schauen wir heut schon sein Angesicht
    in der Liebe, die alles umfängt.

    Wenn das Leid jedes Armen uns Christus zeigt,
    und die Not, die wir lindern, zur Freude wird,
    dann hat Gott unter uns …

    Wenn die Hand, die wir halten, uns selber hält,
    und das Kleid, das wir schenken, auch uns bedeckt,
    dann hat Gott unter uns …

    Wenn der Trost, den wir geben, uns weiterträgt,
    und der Schmerz, den wir teilen, zur Hoffnung wird,
    dann hat Gott unter uns …

    Wenn das Leid, das wir tragen, den Weg uns weist,
    und der Tod, den wir sterben, vom Leben singt,
    dann hat Gott unter uns …

    Claus Peter März (1947 – 1921), © Rechtenachfolge – GL 470


    Screenshot von Magnificat – das Stundenbuch
    Ausgabe November 2025
    Verlag Butzon & Bercker, Kevelaer

  • Weitergehen

    Ich möchte gar nicht möglichst lange leben.
    Ich will mein Leben auskosten und genießen – bis die Zeit reif ist, weiterzugehen.

    Und ich glaube: Dieses Weitergehen ist kein Ende.
    Es ist ein Heimkommen.

    Ich bin gewiss, dass ich dort meine Lieben wiedersehen werde – in einer Wirklichkeit, die Liebe heißt.

    Vielleicht ist das auch die leise Botschaft meiner Trauerfeiern:
    Der Schmerz bleibt, ja. Aber er wird leichter, wenn wir spüren,
    dass Liebe stärker ist als der Tod.
    Sie trägt. Sie verbindet. Sie siegt.

    „Du bleibst in unseren Herzen“ – das ist gut gemeint.
    Aber ich glaube: Du lebst weiter – in Gott, in uns, in der Liebe.

    Wir werden uns wieder umarmen. In Gottes Zeit.

  • Weihetag der Lateranbasilika

    Predigt von P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB am 9.11.2025


    Kirchweihfest

    Am 9. November, ganz gleich, auf welchen Wochentag dieses Datum fällt, feiern wir das Kirchweihfest der Lateranbasilika.
    Diese Kirche in Rom ist der eigentliche Bischofssitz des Papstes. Viele glauben, der Petersdom sei die Hauptkirche des Papstes – aber das stimmt nicht. Der Petersdom ist sozusagen die Hauskapelle des Papstes, sein eigentlicher Sitz, seine Kathedra, befindet sich in der Lateranbasilika. Auf ihrer Fassade steht in großen Buchstaben:
    „Mater et Caput, Urbis et Orbis“ – Mutter und Haupt der Stadt und des Erdkreises.
    Darum feiern wir Christen auf der ganzen Welt jedes Jahr am 9. November das Weihefest dieser Kirche, die uns an die Einheit der Kirche erinnert.

    Wenn wir an Kirchweih denken, meinen wir natürlich nicht nur ein Gebäude aus Ziegeln. In der ersten Lesung haben wir vom Tempel gehört – einem Bau aus Steinen. Das Schöne an dieser Lesung ist das Bild, wie aus dem Tempel ein Strom von lebendigem Wasser fließt. An einer anderen Stelle im Alten Testament fließt ein solcher Strom nach Jerusalem hinein. Es gibt also beides – und beides sind schöne Bilder, die auf etwas Tieferes hinweisen.
    Das lebendige Wasser bedeutet Frieden und Leben.
    Wenn wir den Tempel als Bild für die Gemeinschaft der Glaubenden verstehen, heißt das: Aus jeder echten Gemeinschaft fließt Leben, fließt Frieden. So ähnlich haben wir das auch in der zweiten Lesung aus dem ersten Korintherbrief gehört.

    Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth, dass wir Tempel Gottes sind. Damit meint er nicht nur die Gemeinschaft insgesamt, sondern jeden Einzelnen. Gott wohnt in dir. Wir Katholiken kennen dieses Verständnis von der Gegenwart Gottes im Allerheiligsten Sakrament.
    Im Alten Testament war die Bundeslade Zeichen der Gegenwart Gottes, ebenso der Weihrauch, der an die Rauchsäule erinnert, die Israel durch die Wüste führte. Darum geht in unseren Prozessionen der Weihrauch vor dem Kreuz – als Symbol dieser Wolkensäule, die das Volk in das verheißene Land führte.

    Als Salomo den Tempel einweihte, wurde er vom Rauch erfüllt – so stark, dass man nichts mehr sehen konnte. Diese Erfüllung mit der Gegenwart Gottes ist bis heute ein starkes Bild, das wir in der Liturgie bewahren. Zum Beispiel bei einem Begräbnis: Wenn der Priester den Sarg mit Weihrauch beweihräuchert, spricht er:
    „Dein Leib war Gottes Tempel.“
    Das bedeutet: Dein Leib war erfüllt von der Gegenwart Gottes – so wie einst der Tempel. Und so kann man weiterbeten:
    „Der Herr erfülle dich jetzt mit seiner Gegenwart von ewiger Freude.“

    So zeigt sich: Es geht im Glauben nicht um das Äußere, sondern um das Innere. Wenn wir Tempel Gottes sind, beherbergen wir Christus selbst. Jeder Einzelne und wir alle gemeinsam sind eine Gemeinschaft, aus der Frieden und Leben fließen.
    Das geschieht durch die Liebe zu Gott und zum Nächsten.
    Klingt leicht – ist aber nicht leicht. Niemand verlangt, dass wir darin perfekt sind, aber wir spüren: Es tut uns gut, wenn es uns gelingt. Darum tragen wir die Sehnsucht in uns, es immer wieder zu versuchen.
    In diesen Tagen haben wir den heiligen Martin und die heilige Elisabeth als Vorbilder, Heilige der Nächstenliebe.

    Ein Wort noch zum Ausdruck „Mutterkirche“: Dieses Bild wird auch heute in der Präfation, also kurz vor dem „Heilig“, erwähnt. Die Kirche ist Mutter, aber zugleich auch Braut. Da denken wir an Maria.

    Die Glaubenskongregation in Rom hat vor kurzem verkündet, dass man nicht mehr sagen soll, Maria sei „Miterlöserin“ – Co-Redemptrix. Das hat einige durcheinandergebracht. Im deutschen Sprachraum brauchen wir uns darüber keine Sorgen zu machen, denn bei uns bedeutet Miterlöserin nicht, dass Maria auf gleicher Ebene mit Christus steht.
    In den anderen Sprachen aber klingt das Wort „con“ – also con-Redemptrix – nach Gleichrangigkeit, und das musste klargestellt werden.

    Ein Beispiel: Ein Priester, der mit einem anderen konzelebriert, ist ein Konzelebrant – also gleichrangig. Das ist bei Maria nicht so. Sie ist nicht gleichrangig, sondern Miterlöserin, weil sie Mutter und Mitwissende ist.
    Sie wusste, was ihr Sohn erleiden würde, und sie hat zugestimmt.
    In diesem Sinn ist sie Miterlöserin durch Mittragen und Mitlieben.

    Darum: Keine Sorge über das vatikanische Dekret – in den anderen Sprachen ist es eine gute Klärung, dass Maria nicht identisch mit Jesus, sondern Teil seines Erlösungswerkes ist.

    Wir sind als Gemeinschaft Kirche – Mutterkirche.
    Die Mutter gebiert Kinder, deswegen gibt es Taufen.
    Und das ist alles, was wir heute feiern:
    Die Gemeinschaft der Gläubigen, aus der Friede ausströmt, weil sie Gott und den Nächsten lieben.

    Amen.


    2. Zusammenfassung

    P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB erklärt zum Weihetag der Lateranbasilika, dass diese Kirche der eigentliche Bischofssitz des Papstes ist und für alle Christen Symbol der Einheit der Kirche.
    Er deutet die biblischen Lesungen als Hinweis darauf, dass nicht Steine, sondern Menschen der wahre Tempel Gottes sind – aus deren Herzen wie aus dem Tempel Salomos das „lebendige Wasser“ des Friedens und der Liebe fließt.
    Der Weihrauch erinnert an die Gegenwart Gottes und an die Würde des menschlichen Leibes als Wohnort des Heiligen Geistes.
    Als Christen sind wir berufen, Träger dieses Friedens zu sein, indem wir Gott und den Nächsten lieben.
    Schließlich erläutert P. Johannes Paul die Entscheidung der Glaubenskongregation, Maria nicht mehr Co-Redemptrix zu nennen: Sie ist keine gleichrangige Erlöserin, sondern Miterlöserin durch Mittragen und Mitlieben.
    So wird die Kirche als „Mutter“ verstanden, aus der neues Leben strömt – sichtbar in der Taufe und in jeder Gemeinschaft, die aus Liebe lebt.

  • Die Musik berührt meine Seele

    „Wir wissen, dass die Seele etwas Feinstoffliches, Besonderes, Transzendentes ist und sich nicht mit den Gesetzen der Physik erfassen lässt.“

    (Aus: 365 Tao – Meditationen für jeden Tag des Jahres, Tag 308)

    Für mich ist die Seele eines Menschen das, was ihn oder sie einzigartig macht.
    Sie ist die leise Kraft, die uns berührt, wenn Worte fehlen.
    Sie lebt weiter, wenn ein geliebter Mensch stirbt – in unseren Herzen.
    Und sie wird wieder „Körper“ – in Gottes Zeit.

  • Der Ehering

    Heute im Stephansdom erzählte Dr. Richard Tatzreiter, Regens des Wiener Priesterseminars, eine Geschichte, die mich nicht loslässt:

    Eine Ordensschwester durfte anlässlich ihrer ewigen Profess einen Ring wählen – entweder einen alten aus dem Kloster oder einen neuen.
    Sie entschied sich für einen neuen und ging – in Zivil – zu einem Juwelier in der Wiener Innenstadt.

    „Was darf es sein?“, fragte der.
    „Ein Ehering“, sagte sie.
    Er blickte überrascht. „Sie wollen einen Ehering?“
    „Ja.“
    „Mit Gravur?“
    „Ja. Bitte: Resurrectio mortuorum.“

    Der Juwelier, offenbar des Lateinischen mächtig, runzelte die Stirn:
    „Ihr Bräutigam ist also von den Toten auferstanden?“
    Sie lächelte: „Ja.“